
Reiseführer Islamische Republik Iran
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Stellen Sie sich vor: ein Feiertag im Frühling in einer iranischen Stadt, Teheran zum Beispiel, Isfahan oder Shiraz. Sie sind eben aus Europa angekommen, orientieren sich auf einem ersten Spaziergang in der neuen Umgebung. Ein Park. Auf dem Rasen sitzen Menschen dicht an dicht. Picknickdecken. Darauf vielköpfige Familien, drei, vier Generationen. Männer zapfen aus tragbaren Samowaren Tee, zupfen auf ihren Wasserpfeifen die glühende Tabakkohle zurecht. Der Wind trägt den Duft aus den vielen Schüsseln herüber. Ein Lächeln, eine Geste. „Welcome! Please, join us.“ Essen Sie doch mit! Ein paar Meter weiter die nächste Einladung, die nächste, die nächste ... Willkommen! Wenn es ein Wort gibt, das die Erfahrung einer Reise durch dieses wundersame Land zusammenfasst, dann ist das die Quintessenz, die für immer in Erinnerung bleibt. „Khosh amadid!“ „Welcome to Iran!“ X-beliebige Passanten auf der Straße rufen es, Kinder, Alte und Händler in den Basaren, während sie Ihnen zum Probieren eine Dattel, Nuss oder Halva entgegenstrecken. Die meisten fragen nach dem Woher und Wohin und ob man sich auch wohlfühlt in ihrem Land. Selfies gehören selbstverständlich dazu, Arme um die Schultern gelegt. Seien Sie gefasst auf die Bitte: „Sag deinen Freunden daheim, jeder ist bei uns gern gesehen. Wir sind keine Terroristen.“ Die Iraner wissen um ihr schlechtes Image. Ihre Herzlichkeit ist überwältigend, fast beschämend, straft sie doch Klischees von kollektiver Feindseligkeit Lügen.
Was für ausschließlich düstere Bilder sind bis vor wenigen Jahren noch über unsere Mattscheiben geflimmert! Heerscharen von Frauen in pechschwarzen Tschadors, grimmige Ayatollahs und deren Fußvolk – Fanatiker, die fäustereckend Parolen plärren und freiheitsliebende Studenten niederknüppeln; dazu die Stellvertreterkriege in Syrien und Irak, die Streitereien ums Erdöl und der lähmende Nuklearkonflikt. Immerhin: Zwischendurch kam die Sprache auch auf Teppiche und Pistazien, Rosen und Poeten. Doch unterm Strich war und ist der Blick aus dem Westen seit Khomeinis Revolutionscoup von 1979 arg verkürzt und sehr lückenhaft. Wobei es nichts zu beschönigen gilt: Ja, die Islamische Republik ist eine Theokratie, diktatorisch geführt, und die Menschenrechtslage ist schlimm. Und ja, es herrschen Willkür, Zensur, Doppelmoral und unter den Oligarchen aus Klerus und Militär, die alle Einkommensquellen des Staates kontrollieren, hemmungslose Korruption. Sie als Tourist werden von all dem nichts mitbekommen.
Geschichte
Ab 3000 v. Chr.
Entstehung des Staates Elam und erster Städte
9.Jh. v. Chr.
Einwanderung der Meder
559–529 v. Chr.
Regent Kyros II. begründet das altpersische Weltreich
um 330 v. Chr.
Alexander der Große erobert das Perserreich
224–651 n. Chr.
Neupersisches Reich der Sassaniden
636–640
Sieg der Araber; der Iran wird islamisch
680
Schlacht von Kerbela, Mord am Enkel des Propheten Mohammed. Schisma in Sunniten und Schiiten ist besiegelt
11.Jh./12.Jh.
Die seldschukischen Herrscher fördern die persische Sprache und Kultur
1501–1722
Dynastie der Safawiden; 12er-Schia als Staatsreligion
1794–1925
Qadscharen-Dynastie, großer Einfluss Russlands und Großbritanniens
1905/06
Konstitutionelle Revolution, Bildung eines Parlaments
1908
Erste Erdölfunde
1925
Reza Pahlevi wird Schah, radikale Modernisierung
1953
Mossadegh-Krise und die Ölverstaatlichung
1979
Revolution, Sturz des Schahs, Ayatollah Khomeini (Tod 1989) ruft die Islamische Republik aus
1980–88
Iran-Irak-Krieg
1997–2005
Liberale Ära unter Khatami
Juli 2015
Einigung im Atomstreit
2017
Wiederwahl von Präsident Hassan Rouhani
Der Iran ist in politischer Hinsicht, entgegen seinem Ruf, ein absolut sicheres Reiseland. Und auch für Einheimische sind die Freiräume im Alltag größer, als man vermuten würde. Offen sozialkritische Filme zum Beispiel wie etwa die des Oscar-Preisträgers Asghar Farhadi avancieren zu Blockbustern. Aber bei Sexszenen, Islam- und unverhüllter Systemkritik auf der Leinwand verstehen die Mullahs überhaupt keinen Spaß.
Das Kopftuch, für viele emanzipierte Frauen verhasstes Symbol ihrer Unfreiheit, ist zum Modeaccessoire mutiert, dessen Farben, oft passend zum Lippenstift, nicht bunt genug sein können. In den Großstädten sind selbst zum Hauptgebet am Freitag viele Moscheen halb leer, die vielen todschicken Shoppingmalls proppevoll. In manchen Nobelbezirken Nord-Teherans mussten die Muezzine, heißt es, ihre Lautsprecher an den Minaretten nach Anrainerbeschwerden leiser drehen. Und auf den Avenuen flirten Mädchen und Jungs abends ganz offen, tauschen durch die offenen Autofenster Handynummern aus. Und bei den anschließenden Partys geht, aber wie!, die Post ab. One-Night-Stands stehen auf der Tagesordnung. Angst vor den immer noch existierenden Kommandos der Tugendwächter? Vor Peitschenhieben? Irrtum. Das Leben ist kurz und mit Geld lässt sich (fast) alles regeln.
Fakt ist: Die geballte Widersprüchlichkeit im Alltag hat Ventilfunktion. Denn was oft übersehen wird: Zehn, maximal 15 Prozent der Bevölkerung folgen der Regierung bedingungslos. Die große Mehrheit der ca. 80 Mio. Iranerinnen und Iraner ist pragmatisch, tolerant. Die Mittel- und Oberschicht huldigt mit Inbrunst dem American Way of Life. Es wird auf Teufel komm raus konsumiert. Die meisten aber, scheint es, haben sich bis auf Weiteres mit der schizophrenen Lage arrangiert und sich in Zonen der Privatheit zurückgezogen. Und in denen lebt es sich im heutigen Iran ganz komfortabel. Umso mehr, seit Hassan Rouhani den notorischen Unruhestifter Mahmud Ahmedinejad als Staatspräsident abgelöst und mit dem Westen den Atomdeal geschlossen hat und seit er dem Land zumindest nach außen hin wieder ein freundlicheres Gesicht verleiht.
Allein bei der Vielfalt an Landschaften ist der Iran, in den die Fläche Deutschlands etwa viereinhalb mal passen würde, ein Kontinent für sich. Der Horizont für Entdecker reicht von Kish, Qeshm und Hormuz, den felsigen Ferieninseln am Golf, bis zu den Sandstränden und subtropischen Wäldern, den Reisfeldern und Teeplantagen am Kaspischen Meer; von den Vier-, ja Fünftausender-Gipfeln des Elburs- und des Zagros-Gebirges bis zu den salzig-flachen Ufern des Urmia-Sees im Vierländereck mit der Türkei, Armenien und Aserbaidschan; und von der Tigris-Tiefebene im äußersten Südwesten über die zentralen Wüsten Dasht-e Lut und Kavir, die mehr als die Hälfte des Hochlandes bedecken, bis zu den Steppen im Osten an den Grenzen zu Pakistan und Afghanistan. Wandern, tauchen, radeln – die Möglichkeiten sind immens. Und die nötige Infrastruktur wie Eco-Lodges in den Dörfern, Spezialveranstalter oder Geräteverleiher entwickelt sich seit ein paar Jahren rapide.
Ein eigener Kosmos ist das Land auch in geistiger Hinsicht. Seit über 5000 Jahren eine Hochkultur! Archäologie und Architektur sind zwei seiner höchsten touristischen Trümpfe. Der Iran besitzt an die zwei Dutzend Unesco-Weltkulturerbestätten, darunter Ikonen wie die Ruinen von Persepolis, der Residenzstadt der Alten Perser, deren Nekropole Naqsh-e Rostam und in Pasargadae das Grab von Kyros, der ihr erstes Weltreich begründet hat. Und auch etliche klassische Gartenanlagen gehören dazu – wussten Sie, dass unser Begriff „Paradies“ aus dem Altpersischen kommt? Natürlich werden Sie auch in den Städten nur so staunen: vor den Fassaden und unter den Kuppeln der vielen mit grandiosen Fliesenteppichen ausgeschmückten Moscheen, allen voran in Isfahan; in den Palästen der Schahs in Teheran und den kaum weniger pompösen der steinreichen Händlerclans, etwa in Tabriz und Kashan, oder in dem unvergleichlichen Labyrinth aus Lehmmauern und Windturmwäldern von Yazd. Nicht zu vergessen all die Basare, diese bunten, duftenden Schatzkammern mehr als 1000-jährigen Kunsthandwerks.
Überall aber begegnet man dem kostbarsten aller Schätze des Iran, seinen Menschen: Herzbewegend, wenn man sie in ihrer so melancholisch-melodiösen Sprache, dem Farsi, singen oder Verse ihrer großen Dichter Hafis oder Rumi rezitieren hört. Ähnlich ergreifend ist die Begegnung mit ihrer uralten Spiritualität – in den Feuertempeln und Bestattungstürmen der Zoroastrier, den Synagogen oder den so glanz- wie geistvollen schiitischen Heiligtümern von Mashhad und Qom.
Über die Jahrtausende wurde dieses Land immer wieder erobert, seine Zivilisation von außen überlagert – sei es durch das Griechische in der Zeit Alexanders des Großen oder den arabisch geprägten Islam, sei es durch diverse Turkvölker, die Mongolen und im 19.und 20.Jh. durch Großbritannien, Russland und die USA. Jedes Mal gelang es ihm, die fremden Einflüsse auf Glaube, Kunst und Kultur in spezifisch iranische Varianten umzuformen. Auf diese Kraft, die sich aus tiefsten Wurzeln speist, sind die Iraner zu Recht stolz. Sie steckt hinter ihrem Gleichmut, hinter dem ausgeprägten Selbst- und Nationalbewusstsein und ganz sicher hinter jener angst- und vorurteilslosen Art, mit der sie jeden Fremden als Gast willkommen heißen.
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