
Reiseführer Myanmar
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Still schwebt die Dämmerung über der staubigen Ebene. Schemenhafte Umrisse lösen sich aus den Nebelschleiern, unzählige Tempel kommen zum Vorschein: An einem Ort braun-grau, an anderem Ort golden glänzend oder verspielt glitzernd. In dunkelrotes Tuch gehüllte Mönche und in zartem Rosé gekleidete Nonnen beginnen ihren Tag mit dem Einsammeln von Essensgaben, indem sie mit ihren Bettelschalen von Haus zu Haus ziehen und die Menschen Gutes tun lassen. Fast 90 Prozent der 51 Mio. Birmanen sind Buddhisten. Myanmar ist vielleicht das buddhistischste Land der Welt: Die Mönche und Nonnen können sicher sein, mit reich gefüllten Schalen ins Kloster zurückzukehren.
Langsam, Schritt für Schritt, watet der Ochse durch den Schlamm, hinter ihm das Holzgestell, geführt von Bauer Win Win. Sie bestellen das Feld: Gerade einmal 10 x 10 m misst es, doch die Arbeit ist mühsam. Gleich wird die Sonne erbarmungslos auf ihre Köpfe und Rücken brennen, dann muss die Arbeit bis zum späten Nachmittag ruhen. Es wäre zu heiß. Win Win freut sich auf die Pause zu Hause, denn seine Tochter aus der Stadt ist zu Besuch. Sie ist die Einzige in der Familie, die studiert, sie spricht sogar fließend Englisch. Und wenn sie da ist und im Restaurant der Großmutter aushilft, dann kann Win Win mit den Reisenden aus der fremden Welt mehr austauschen als nur ein Lächeln.
Geschichte
5.–2.Jh. v. Chr.
Entstehung erster kultureller Zentren. Ausbreitung von Buddhismus und Hinduismus
1044–1283
Blütezeit von Bagan
1885
Nach drei Anglo-Birmanischen Kriegen ist ganz Myanmar britische Kolonie und der König im Exil. Yangon erlebt als Rangoon seine Blütezeit
1948
Unabhängigkeit; Gründung der „Union of Burma“
1962
General Ne Win übernimmt nach einem Putsch die Macht
1988
Massendemonstrationen gegen die schlechte wirtschaftliche Situation werden brutal unterdrückt
1989
Offizielle Umbenennung des Lands in „Republik der Union Myanmar“
1991
Die Menschenrechtlerin Aung San Suu Kyi erhält den Friedensnobelpreis
2006
Umzug der Regierung von Yangon nach Naypyidaw
2007
Neue Massenproteste (Safranrevolution) werden gewaltsam niedergeschlagen
2008
Der Zyklon Nargis verwüstet das Ayeyarwady-Delta: 138 000 Tote
2010
Erste Wahlen seit 20 Jahren. Es gewinnt die militärnahe USDP (Union Solidarity and Development Party). Beginn der Reformpolitik
2015
Erste freie Wahlen. Erdrutschsieg der NLD (National League for Democracy) mit knapp 80 Prozent
2016
US-Präsident Obama besucht Myanmar und kündigt eine mögliche Aufhebung der in den 1990er-Jahren eingeleiteten Sanktionen an
„Das ist Birma, und es ist anders als alle anderen Länder, die du kennst“, schrieb Rudyard Kipling 1898, und dieser Satz hat bis heute nichts von seiner Wahrheit verloren. Damals war das Land britische Kolonie und seine Hauptstadt Rangoon, das heutige Yangon, galt als einer der heißesten Plätze in ganz Südostasien – nicht nur klimatisch. Prachtvolle Gebäude und Alleen entstanden, Künstler und Schriftsteller gaben sich im berühmten Hotel The Strand die Klinke in die Hand. Schon zuvor blickte das Land auf eine lange, stolze Geschichte zurück. Zu seiner Blütezeit, als buddhistische Herrscher in Bagan regierten und dort Tempel von unvergleichlicher Schönheit bauen ließen, war es neben Angkor die größte Macht in Südostasien.
Große Zeiten, die längst Vergangenheit sind und deren Hinterlassenschaften jahrzehntelang sich selbst überlassen waren – ein Sinnbild für das ganze Land. Denn nach dem 2.Weltkrieg war zwar endlich die Kolonialherrschaft abgeschüttelt, aber es folgten unruhige Jahre, und seit den 1960er-Jahren mehr und mehr die Isolation. Der Schritt zurück in die Weltgemeinschaft erfolgte aus eigenem Antrieb, denn niemand sollte sich in die inneren Angelegenheiten einmischen, und ab den 1990er-Jahren auch zwangsläufig aufgrund der Folgen des westlichen Handelsembargos – ein Militärregime galt es nicht zu unterstützen. Kaum etwas drang durch den Bambusvorhang, und nur wenige Reisende fanden ihren Weg hierher.
Heute ist das anders: Nach und nach avanciert Myanmar zum Topreiseziel. Das Land hat sich geöffnet, im November 2015 fanden die ersten wirklich freien Wahlen statt. Die Demokratie ist also noch jung und empfindlich. Aber was für eine Erleichterung nach so vielen düsteren Jahren der Diktatur! Das Militär regiert noch mit, aber die Machthaber scheinen tatsächlich bereit zu sein, ihre Macht zu teilen. Die Menschen, jahrzehntelang unterjocht, atmen auf. Und treten dem Besucher voller Stolz gegenüber. Stolz, in einem Land zu leben, das so viele Touristen begeistert. Und voller Hoffnung schauen sie in die Zukunft und können es gar nicht abwarten, an all den (scheinbaren?) Segnungen teilzuhaben, die die Welt nun für sie bereithält: Internet, englischsprachige Musik, private Telefone, Coca-Cola ... Das alles gab es hier bis vor ein paar Jahren nicht. Doch schon haben die Männer ein System entwickelt, wie sie sich das Handy gekonnt in den Wickelrock stecken, und auch die Mönche wissen, wie sie das Phone smart in ihrem Gewand unterbringen können. Improvisation ist Lebensphilosophie.
Jedes Jahr kommen nun mehr Besucher, sie schwärmen von der Natur: von den endlosen Sandstränden, den rauschenden Wasserfällen, dem Grün der Reisfelder und des Dschungels. Von vergoldeten Tempeln und mystischen Pagoden aus alter Zeit, die noch heute Ziel von Tausenden Pilgern sind. Und als Reisender tauchen Sie ein ins wahre Leben, denn hier gibt es noch keine Urlaubs-Disneyworld wie an so vielen anderen Orten dieser Welt.
Nicht, dass Sie mit falschen Erwartungen losfahren: Myanmar ist auch laut, dreckig und anstrengend. Und auch nicht immer so friedlich, wie es auf den ersten Blick aussieht: Immer noch wird scharf geschossen. Ganze Regionen an der chinesischen Grenze und im Nordosten stehen unter der Kontrolle von Milizen und Rebellen, im Norden lehnen sich die Kachin auf, im Westen gibt es blutige Unruhen und Vertreibungen an der Grenze zu Bangladesch, im Süden liegen Karen-Rebellen seit Jahrzehnten im Clinch mit den Regierungstruppen. Halten Sie sich also unbedingt an die erlaubten Reisewege.
Myanmar – das ist Asien in all seinen Facetten und in verschiedenen Zeitaltern. In Yangon und Mandalay wachsen glitzernde Shoppingcenter in den Himmel, Werbetafeln blinken bunt und Handys spielen den neuesten Hit als Klingelton. Aber schon in den Provinzstädten beginnt die Zeitreise. Lokale mit abgewetzten Tischen, an denen sich seit Jahrzehnten abends die Männer zum Bier treffen. Traditionelle Handwerkerviertel mit gewachsenen Strukturen. Quirlige Märkte, auf denen jeder jeden kennt und sich die Nachricht über Ihre Anwesenheit wie ein Lauffeuer verbreitet. Wenn Sie dann noch weiter raus aufs Land fahren (oder wandern), können Sie quasi für jeden zurückgelegten Kilometer ein Jahrzehnt oder mehr abziehen – und landen am Ende in ursprünglichen Dörfern, in denen sich das Leben rein gar nicht von dem vor 500 oder 1000 Jahren unterscheidet. Bis die Moderne (und sei es nur in Form von Strom und fließend Wasser) in die letzten Winkel des Lands vordringen wird, ist noch viel zu tun. Und so lange können Reisende Zeugen sein vom Aufbruch in eine neue Zeit. Trauen Sie sich ruhig mal, einfach einen Block weiter zu gehen als die anderen: Die Menschen werden Sie nicht enttäuschen. Sie werden Sie an die Hand nehmen und Ihnen ihr Land zeigen.
Und es gibt hier viel zu sehen. Schauen Sie sich allein die Ausdehnung Myanmars an: Im Westen grenzt es an Indien, im Osten an Laos. Im Norden grüßen die schneebedeckten Gipfel des Himalaya, und im Süden wiegen sich die Kokospalmen an schneeweißen Sandstränden im Wind. Eine Nation, viele Welten! Ein Land für Entdecker und Abenteuerlustige, aber auch für Genießer: Probieren Sie die einheimische Küche am Straßenstand oder schlemmen Sie im Gourmettempel. Und die passende Unterkunft finden Sie bestimmt: In Erwartung stetig steigender Touristenzahlen entstehen an vielen Orten brandneue Hotels. Wenn Sie auf eine Sentimental Journey gehen wollen und reisen wie die ersten Traveller in den 1990er-Jahren: Die alten Unterkünfte gibt es noch, sie sehen sogar noch genauso aus. Auch hier zeigt sich wieder, was Myanmar so anders macht: Altes bleibt und Neues kommt, und beides koexistiert friedlich.
Also stürzen Sie sich hinein in ein faszinierendes Land im Aufbruch. Es könnte keinen besseren Moment geben als – jetzt.
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