
Reiseführer Shanghai - Hangzhou und Suzhou

Vision, Vorreiter und Hoffnungsträger ist die Stadt, aber auch ein hartes Pflaster für all jene, die es noch nicht geschafft haben, am neuen Reichtum teilzuhaben. Historisch hat Shanghai viele Aufs und Abs hinter sich: vom Sündenpfuhl zur Vorzeigestadt, und das in weniger als 200 Jahren.
Skyline und Tai Chi am Bund
Shanghai hat zahlreiche Facetten, besonders schön bekommt man sie, scheinbar alle auf einmal, morgens an der Uferpromenade Bund serviert. Vor der glitzernden Skyline des modernen Pudong am anderen Ufer tuckern die Schiffe, vom Schleppkahn bis zum modernen Kreuzfahrtschiff, über den Fluss. Auf der Promenade üben sich derweil die Menschen schweigend in Tai-Chi – oder legen mit einem tragbaren Lautsprecher unüberhörbar eine flotte Sohle aufs Parkett, pardon, die Straße. Im Hintergrund die perfekt restaurierten Kolonialbauten, die schon damals geschaffen wurden, um zu beeindrucken. Alt und Neu begegnen sich jeden Tag aufs Neue am Bund.
Vorreiter Shanghai
Die Marschrichtung freilich ist klar: Shanghai will das New York des 21.Jhs. werden – oder ist es vielleicht sogar schon? China, das mit 1,4 Mrd. Menschen zweitbevölkerungsreichste Land der Erde, erobert seinen Platz in der globalen Ökonomie und in der internationalen Politik. Das riesige Reich will an die Spitze und Shanghai spielt dabei die Vorreiterrolle. Vom Gigantismus berauscht, wetteifert man um Superlative. Die Stadt ist stolz auf zwei der höchsten Wolkenkratzer der Welt, auf die anspruchsvollste Formel-1-Rennstrecke – und auf den schnellsten Zug: Der Transrapid schwebt regelmäßig mit mehr als 400 km/h zum Flughafen Pudong und ein 600 km/h schneller Nachfolger wird bereits getestet.
Geschichte
960
Das Fischerdorf Shanghai wird erstmals urkundlich erwähnt
1554
Shanghai bekommt eine Stadtmauer von zehn Metern Höhe mit einem Umfang von fünf Kilometern
1842
China muss Shanghai nach dem Opiumkrieg für Ausländer öffnen
1851–64
Während des Taiping-Aufstands fliehen Tausende Chinesen nach Shanghai
1921
Die Kommunistische Partei Chinas wird in Shanghai gegründet
1937
Die Japaner erobern Shanghai, marschieren aber nicht in die Internationale Zone ein
1941
Japan besetzt auch die ausländischen Konzessionsgebiete
1990
Der Stadtteil Pudong wird zur Sonderwirtschaftszone erklärt, Shanghai öffnet sich wirtschaftlich
2010
Shanghai ist Gastgeber der Weltausstellung Expo
2025
Im Großraum Shanghai leben 29,2 Millionen Menschen
Leben in der Megacity
Dass man in China ist, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man sich unter die Menschen mischt. Die Stadt Shanghai hat 24,8 Mio. Einwohner, mit den Vorstädten sind es aber beinahe 30 Mio. – und es werden täglich mehr. Wirklich einsame Ecken gibt es in Shanghai nicht, die Menschen scheinen ständig in Bewegung: der Strom der Fußgänger in der Nanjing Lu, die Pulks der Pendler in den überfüllten Bussen und die Schwärme der Mopedfahrer. Die Shanghaier arbeiten unermüdlich, kaufen unentwegt ein und essen ständig und überall, so scheint es. Nur in den Gassen der Altstadt vollzieht sich das Leben in einem gemächlicheren Tempo. Wenn die Sonne scheint, wird Wäsche auf langen Stangen getrocknet, zwischen den Straßenbäumen schaukeln Unterhosen auf Drahtbügeln. Die Anwohner stellen Tische und Stühle in die Gassen und breiten ihre Schlafdecken zum Lüften darauf aus. Alte Frauen stricken, Verkäufer schlafen in ihren Liegestühlen, Männer beugen sich über Brettspiele.
Sündenpfuhl und "Paris des Ostens"
Schon einmal in der Geschichte Shanghais gab es eine solch atemberaubende Dynamik wie heute: Im 19.Jh. erkannten die Briten die hervorragende wirtschaftsgeografische Lage der Manufaktur- und Hafenstadt. Nördlich der Stadt mündet der Huangpu in den Jangtse. Dieser gewaltige Strom erschließt das Innere des riesigen Landes und gewährte den Zugang zu seinen wichtigsten Gütern: Tee, Porzellan und Seide. Die Briten erzwangen mit dem Opiumkrieg 1842 die Öffnung des Hafens für den internationalen Handel. Zusammen mit Amerikanern und Franzosen errichteten sie ihre Handelshäuser am Huangpu und feuerten das urbane Kraftwerk an. Shanghai stieg zur Weltmetropole auf. Im „goldenen Zeitalter“ von 1900 bis 1941 entstanden die Kolonialbauten am Bund, die Kaufhäuser in der Nanjing Lu, die eleganten Clubhäuser, Art-déco-Hotels und die Wohnhäuser im Französischen Viertel. Eine Vorstellung von der Grandeur jener Ära bekommst du, wenn du durch die alten Platanenalleen wanderst, über Mauern spähst oder durch schmiedeeiserne Zäune lugst: In verwilderten Gärten stehen Villen mit Erkern, Türmen und Säulenportalen, Flügeltüren führen auf schattige Veranden. Shanghai wurde mit dem Beinamen „Paris des Ostens“ für seine Eleganz geadelt und kam als die verruchteste Stadt des Orients zu zweifelhaftem Ruhm. Ein Heer von Arbeitern schuftete unter elenden Bedingungen für die wirtschaftliche Blüte, viele Chinesinnen endeten in der Prostitution. Jeden Morgen wurden die Leichen der verhungerten Bettler eingesammelt. Unter den Studenten und Gebildeten wuchs der Unmut über die Zustände: 1921 wurde in der Französischen Konzession die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Mit dem „Shanghai-Massaker“ vom April 1927 ließ Chiang Kai-shek die Arbeiterbewegung zerschlagen, die Kommunisten flohen in die Berge. Es folgte ein weiteres Jahrzehnt ungehemmter wirtschaftlicher Entwicklung. Rund 60 000 Ausländer aus über 30 Nationen lebten hier, als 1937 die Japaner nach monatelangen Bombardements die 3,7 Mio. Einwohner zählende Stadt besetzten. Damit begann der Abstieg Shanghais.
Shanghai wird "clean"
Nach Jahren des Bürgerkriegs zogen 1949 die Kommunisten in Shanghai ein. Das Glücksspiel wurde verboten, Bordelle wurden geschlossen, Drogenabhängige und Prostituierte „umerzogen“, Slums beseitigt, die Kinderarbeit verschwand. Keiner hungerte mehr, es sei denn nach Freiheit: Die Regierung in Peking führte Shanghai hart am Gängelband – galt es doch, der Stadt das kapitalistische Denken, das bourgeoise Handeln, die westliche Dekadenz auszutreiben. Die Unterordnung noch aus Kolonialzeiten gewohnt, marschierten die Shanghaier zum Klang der Sirenen in die Fabriken und produzierten die landesweit besten Produkte, ohne deren Profit einzustreichen: Shanghai diente Peking als Melkkuh. Irgendwann war die stolze Stadt gefallen. Der Ruß aus den vielen Fabriken hatte die Häuser geschwärzt, die Indoktrination die Menschen in ihren grauen Plattenbauten verstummen lassen.
Eine Stadt startet durch
Mit der Liberalisierung in den 1980er-Jahren begann die sozialistische Tristesse auch aus Shanghai zu weichen, doch erst ab 1992 durfte sich die Stadt frei entfalten – man munkelt bis heute, dass Deng Xiaoping, der Architekt der Öffnung, Shanghai nie verziehen hatte, Ursprungsort der Kulturrevolution zu sein. Quasi über Nacht wurden Milliardenbeträge in die Infrastruktur investiert, eine Sonderwirtschaftszone in Pudong lockte ausländische Investoren an. Ganze Viertel mussten Bürohochhäusern weichen. Fabriken, die unter Lärm und Gestank produziert hatten, wurden ausgelagert und machten Platz für Wohnquartiere und Parks. Am People’s Square entstand die Oper, Glanz und Vergnügen hielten wieder Einzug. Der futuristische Fernsehturm Oriental Pearl Tower wurde unübersehbares Zeichen der neuen Stadt. Unternehmerische Energie, jahrzehntelang unterdrückt, bricht sich nun wieder Bahn und der Glaube an den Fortschritt manifestiert sich in Beton, Stahl und Glas. Mehr als 3000 Hochhäuser von über 35 m Höhe sind in den letzten zehn Jahren auf dem weichen Untergrund von Shanghai entstanden.
Das Alte muss weg!
Pittoreske Altstadtviertel haben in der auferstandenen Metropole kaum noch Platz. Millionen von Bewohnern wurden in den letzten drei Jahrzehnten in die Vorstädte umgesiedelt. Viele davon leben heute in besseren Wohnverhältnissen, weil sie aus lichtlosen und übervölkerten Gemäuern in Apartments gezogen sind, die über Bad und Küche verfügen und jedem Bewohner 10 m2 Wohnfläche zugestehen. Dafür ist das Lebensgefühl der Altstadtviertel verloren gegangen, in denen jeder jeden kannte und viel miteinander geredet, geliebt und gestritten wurde. Im modernen Shanghai gibt es keinen Raum mehr für sentimentale Gefühle. Was im postkommunistischen China zählt, ist Geld. Wer clever ist, kann in Shanghai sein Glück machen. Die Goldgräberstimmung lockt Chinesen aus Amerika und Hongkong zurück ins Land ihrer Väter.
Neu-Reiche und Noch-Nicht-Reiche
Die Neureichen stellen ihren Besitz selbstbewusst zur Schau: Luxuskarossen sind der Renner. Während die Wohlhabenden in Nobelrestaurants dinieren, schuften auf den Baustellen die Arbeiter im grellen Scheinwerferlicht. Die harten, gefährlichen Jobs gehören den Wanderarbeitern. Das britische Magazin „The Economist“ hat sie als Sklaven bezeichnet, weil sie rechtlos sind und ausgebeutet werden; ca. 5 Mio. von ihnen leben in der Stadt. Wenn sie Arbeit haben, geht es ihnen hier aber besser als in den ländlichen Provinzen, aus denen sie herkommen. China ist noch ein Schwellenland, das vergisst man im glitzernden Shanghai leicht. Der bescheidene Wohlstand der einfachen Leute ist hart erarbeitet, ihre Hoffnungen auf die Zukunft sind groß: Kaum ein Shanghaier würde sich als „arm“ bezeichnen, sondern eher als „noch nicht reich“. Ihr unbändiger Gestaltungswille prägt die Stadt sichtbar: Fantasievolle Kunst und vibrierende Kultur, alles Neue Chinas wird hier ausprobiert: Das ist es, was Shanghai zu einer der aufregendsten Städte der Welt macht. Es sind die Menschen, deren unermüdliche Kraft die Metropole im Takt der Zukunft pulsieren lässt. Abends am Bund, wenn die wunderbare, funkelnde, elektrische Nacht anbricht und Shanghai zur Schönheit und zum Vorbild für ganz China wird, spürt man ihren fröhlichen Optimismus.
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Shanghai, Sozhou, Hangzhou
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Vom Sündenpfuhl zur Vorzeigestadt in weniger als 200 Jahren: Die Spuren von Shanghais wechselvoller Geschichte kannst du an allen Ecken der Stadt entdecken. Schlendere abseits der Touristenpfade durch die kleinen Gassen der Altstadt, bestaune die modernen Fassaden der Wolkenkratzer neben Kolonialbauten und sieh abends zu, wie sich die Lichter der Skyline in deinem Cocktail spiegeln. Egal wonach dir der Sinn steht, mit deinem MARCO POLO Reiseführer findest du die besten Spots in Shanghai – für einen Urlaub ganz nach deinem Geschmack!
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