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Reiseführer
Ukraine

Ukraine - das klingt nach Babuschka und Borschtsch, nach heiratswilligen Schönheiten und Tschernobyl. Gefühlte Entfernung? Kurz vor Sibirien! Etwas Fremdes umgibt das Land, das sich beim Eurovision Song Contest bestens behauptete und die härtesten Boxer hervorbringt, gemeinsam mit seinem Nachbarland Polen 2012 die Fußballeuropameisterschaft austrug, aber erst allmählich als Reiseland in das Bewusstsein der Europäer rückt.

Das 46-Mio.-Einwohnerland grenzt im Westen an Polen, die Slowakei, Ungarn und die Republik Moldau. Im Norden liegt Weißrussland, die längste Grenze teilt die Ukraine mit ihrem östlichen Nachbarn Russland. Im Süden sticht die Halbinsel Krim ins Schwarze Meer. Die slawische Wurzel krai bedeutet "Gebiet, Land" sowie "Rand, Grenze". Mit der Vorsilbe u wird daraus ein Gebiet am Rand, ein Grenzland. Jeder, der die westliche Staatsgrenze überquert, erfährt, dass hier immer noch eine Trennlinie verläuft, "zwischen Europa und etwas anderem", meint Schriftsteller Jurij Andruchowytsch. Zwischen Vertrautem und Fremdem wartet ein faszinierendes Reiseziel auf Sie.

Geschichte

  • 9.Jh.

    Gründung der Kiewer Rus

  • 988

    Fürst Wolodymyr bringt das Christentum nach Kiew

  • 1237-40

    Mongolen greifen die Fürstentümer der Rus an

  • 14.-18.Jh.

    Polnisch-litauische Herrschaft

  • 1648

    Kosakenaufstand; vorübergehende staatliche Selbstständigkeit

  • 1667

    Teilung des Landes: Die Ukraine wird links des Dnjepr russisch, rechts des Flusses polnisch

  • 1772

    Galizien fällt an Österreich

  • 1783

    Russland annektiert die Krim

  • 1793

    Die rechtsufrige Ukraine wird russisch

  • 19.Jh.

    Ukrainische Nationalbewegung

  • 1918

    Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns wird die Ukraine Unabhängige Republik

  • 1919

    Eroberung durch Bolschewisten. Gründung der Sowjetukraine

  • 1919/1920

    Bürgerkrieg und polnisch-sowjetischer Krieg; Westukraine wird polnisch

  • 1932-1933

    Hungersnot, ca. 3,5 Mio. Menschen sterben (infolge der geplanten Kollektivierung der Landwirtschaft)

  • 1939

    Hitler-Stalin-Pakt, UdSSR annektiert die polnische Westukraine

  • 1954

    Chruschtschow schenkt der Sowjetukraine die Krim

  • 1986

    Tschernobyl-Katastrophe

  • 1991

    Unabhängigkeit

  • 2004

    Orangene Revolution der proeuropäischen Kräfte

  • 2006-10

    Häufige Regierungswechsel

  • 2010

    Prorussischer Präsident Viktor Janukowitsch wird gewählt

  • 2011

    Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko wird wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt

  • 2012

    Die Uefa Euro (Fußball) findet u. a. in der Ukraine statt

Ukrainniki nannten die Russen jene merkwürdigen Gesellen, die freiwillig an der unsicheren Grenze zu den offenen Steppen im Süden siedelten. Zum Beispiel die Kosaken, die auf der Flucht vor Leibeigenschaft dorthin zogen, um frei zu leben.

Der Preis war hoch: ein ständiger Kleinkrieg gegen die tatarischen Horden, die damals den Schwarzmeerraum beherrschten. Zu deren Nachfahren zählen die Krimtataren, die seit einigen Jahren aus Zentralasien auf die Halbinsel zurückkehren. In den Orten, aus denen ihre Eltern und Großeltern 1944 von Stalin brutal vertrieben wurden, beginnen sie ein neues Leben. Überall auf der Krim sehen Sie halbfertige Siedlungen mit unverputzten Rohbauten, Moscheen sowie Obst- und Gemüsegärten. Aber nicht nur kriegerische Mongolen haben sich die Ukraine unterworfen. Immer wieder wurde das weite, flache Land zur leichten Beute fremder Mächte. Im Lauf der Jahrhunderte standen Teile der Ukraine unter litauischer, polnischer, türkischer, österreichisch-ungarischer, tschechoslowakischer, russischer und sowjetischer Herrschaft. Das Spannende daran: Alle haben Spuren hinterlassen. Griechische Siedlungen und genuesische Festungen auf der Krim, polnische Friedhöfe und litauische Festungen im Westen und auch sowjetische Kombinate und Kolchosen zeugen von bewegter Geschichte. Eine einzigartige, anregende Mischung. Zugegeben, das Land macht es Reisenden nicht immer einfach: Selbst die größten Schätze sind manchmal so schlecht ausgeschildert, dass Sie Ihren ganzen Spürsinn brauchen, um sie zu finden. An einem Tag ärgern Sie sich über die muffige Empfangsdame im Hotel, am nächsten Tag staunen Sie über den Portier, der Ihnen in bestem Deutsch einen schönen Tag wünscht. Doch diese Widersprüche machen es spannend, in der Ukraine unterwegs zu sein. Ausgetretene Touristenpfade - Fehlanzeige! Obwohl Englisch und Deutsch vor allem bei den Jüngeren auf dem Vormarsch sind, können Sie sich leider nicht darauf verlassen, dass man Sie überall versteht. Bereiten Sie sich etwas vor: Prägen Sie sich das kyrillische Alphabet ein, so finden Sie Restaurants und Sehenswürdigkeiten schneller.

Und kommen besser voran in einem Land der gewaltigen Dimensionen und großen Entfernungen: Über 600000 km2 dehnt sich die Ukraine aus, zwischen den weißrussischen Sumpfgebieten im Norden und der gebirgigen Südküste der Krim. Eine Fläche doppelt so groß wie Polen. Zwischen den Karpaten im Westen und dem kohlereichen Donezbecken liegen wogende Getreidefelder und karge Steppen. Seit der Euro 2012 hat sich das Vorwärtskommen für Reisende erleichtert: In Charkiw, Donezk, Kiew und Lemberg wurden neue Flughafenterminals gebaut, Straßen neu asphaltiert, Hochleistungszüge gekauft, welche die langen Zugfahrten entscheidend verkürzen. Im Straßenbild kann man immer mehr englischsprachige Aufschriften entdecken. Die Ukrainer waren stolze Gastgeber des Großereignisses, das auch die Servicequalität und das Angebot für Touristen verbessert hat.

Wirtschaftlich haben die Ukrainer seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Höhen und Tiefen erlebt. Nach einer längeren Phase des Wachstums wurde das Land 2008 von der Weltfinanzkrise besonders hart getroffen. Obwohl sich die Schwerindustrie im Niedergang befindet, bilden Kohle und Stahl das Rückgrat. Trotzdem sind in der östlichen Landeshälfte nicht nur trostlose Landschaften zu finden: Die großen Städte vibrieren und beeindrucken mit fast unveränderter Sowjetarchitektur. Im Süden locken rund 1000 km Schwarzmeerküste mit Strand und Dauerparty, einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt sowie der schillernden Perle Odessa. Und auch Wander- und Sportsfreunde kommen auf der Krim auf ihre Kosten. Zahlreiche Naturreservate bieten einzigartige Flora und Fauna sowie beeindruckende Felsformationen. Karge Steingipfel neben subtropischen Palmen: Auf der Krim kann man Urlaub abseits des Massentourismus' erleben. Auch die Karpaten im Westen eignen sich für Wander- und Familientourismus.

Nicht zu vergessen der mächtige Dnjepr, der das Land auf seinem Weg zum Schwarzen Meer in ein linkes und rechtes Ufer teilt und unvorstellbare Wassermassen transportiert: Allein der Stausee bei Krementschuk ist fast viermal so groß wie der Bodensee. Fern der Großstädte scheint die Zeit stehen geblieben. Pferdegespanne rumpeln wie vor 100 Jahren über die Straßen, Kinder hüten Kühe und Gänse, Störche nisten auf den Dächern. Die Moderne hält Einzug, aber gleichzeitig halten die Menschen an Traditionen fest: Falls Sie in einem entlegenen Dorf plötzlich im Stau stehen, können Sie fast sicher sein, dass in Ihrer Nähe ein Beerdigungszug unterwegs ist. Den zu überholen hieße, das Schicksal herausfordern.

Aber nicht alles ist ein Idyll: Manches Gewässer ist verschmutzt, die eine oder andere wilde Müllkippe verschandelt die Aussicht, und selbst an den schönsten Küsten der Krim rosten hässliche Bauruinen vor sich hin, weil das Geld für den Abriss fehlt. Das ist die unschöne Seite von Postsowjetära und Turbokapitalismus. Umweltschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit werden für die wachsende Mittelschicht in den Städten erst allmählich zu einem Thema.

Doch der penetrant zur Schau gestellte Reichtum, die restlose Überzeugtheit von den Weihen des Konsums dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Ukrainer in schwierigen materiellen Verhältnissen leben. Viele Menschen sind arbeitslos, andere haben zwei oder drei Jobs, um ihre Familie durchzubringen. Gleichzeitig herrscht große Solidarität. Gerade weil es kaum funktionierende Sozialsysteme gibt, springen Ukrainer ganz selbstverständlich füreinander ein. Wenn Sie das Land auf eigene Faust erkunden, bringen Sie Neugier mit - und ein wenig Lust an der Improvisation. Und scheuen Sie sich nicht, auf Menschen zuzugehen. So werden Sie den größten weißen Fleck auf der europäischen Landkarte für sich mit Farbe füllen. Freuen Sie sich auf die Ukraine!

Aktuelles Wetter

6h/Tag (März)
77Sonnenstd. Jahr

Wissenswertes

Einwohner41.167.335
Fläche/km2603.550 km²
SpracheUkrainisch
AdaptertypC, F
Reisepass/Visum/Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt
Mehr Wissenswertes

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