
Reiseführer Indien Süd
Südindien geht unter die Haut. Die Luft ist samtweich und voller Versprechungen. Wer sich darauf einlässt, wird auch von sich selbst viel erfahren. Eine Reise durch das Zauberland der Sinne ist wie ein Trip ins eigene Innere. Leicht lässt eine Tempelzeremonie das Gefühl für Raum und Zeit vergessen. Wenn die Fischer noch heute mit archaischen Katamaranen in die Arabische See stechen, vollzieht sich auch bei uns ein Zeitsprung. Bei ayurvedischen Ölmassagen gerät man scheinbar in den Zustand der Schwerelosigkeit, allerorts ersetzt ein trägerer Rhythmus Hektik und Stress. Und dann dieses Lächeln, das an den Augen nicht haltmacht. Das sich überträgt, bis man es schließlich selber nicht mehr ablegen kann.
Landet das Flugzeug in Chennai (Madras), in Panaji, in Bengaluru (Bangalore) oder Thiruvananthapuram (Trivandrum), werden die Ankömmlinge von der Fülle exotischer Impressionen fast erschlagen. Schwer liegt der Duft von Kokos über den Palmenhainen in Kerala, vermischt sich mit dem opiumsüßen Parfum weißer Frangipani-Blüten. Starke Nerven erfordert der dichte Stadtverkehr mit seinem ewigen Hupkonzert. Scheinbare Widersprüche sind für Einheimische eine Selbstverständlichkeit. Zwar sterben die Telefonläden allmählich aus. Dafür gibt es an jeder Ecke Internetcafés und fast jedes Hotel bietet kostenloses Wlan (WiFi). Und eine Lady im traditionellen Sari mit Handy am Ohr ist ein gewohnter Anblick in den Straßen. Wer mit dem Luxuszug Golden Chariot in Mysore einrollt, sieht sich mit den Ärmsten der Armen konfrontiert, die auf dem Bahnsteig kampieren. Nur wir als Touristen drehen uns betroffen nach ihnen um. Auf der anderen Seite ist die Anzahl dienstbarer Geister, die dem Gast jeden Wunsch von den Augen ablesen, für europäische Maßstäbe unfassbar. Südindien ist anstrengend, weil es auf ungewohnte Weise alle Sinne reizt. Die Erholung setzt erst dann ein, wenn man beginnt loszulassen und sich zu öffnen für einen Rausch, der für alle Zeiten nachwirkt.
Geschichte
268-233 v. Chr.
König Ashoka regiert das erste gesamtindische Reich
550-1190 n. Chr.
Beginn des Indischen Mittelalters mit dem Aufstieg Südindiens
1498
Seefahrer und Entdecker Vasco da Gama landet bei Calicut im heutigen Kerala und läutet damit die Kolonialzeit ein
1746
Franzosen erobern Madras
Ab 1756
Die British East India Company unterwirft von Kalkutta, Madras und Bombay aus weite Teile Indiens
1858
Übernahme Indiens durch die Englische Krone und Einsetzung eines Vizekönigs
1877
Die britische Königin Victoria wird zur Kaiserin von Indien
1885
Gründung des Nationalkongresses
1920
Mahatma Gandhi ruft zum gewaltlosen Umsturz der britischen Besatzungsmacht auf
1947
Indien erlangt die Unabhängigkeit. Jawaharlal Nehru wird erster Premierminister
1950
Verabschiedung der indischen Verfassung
1956
Die einstigen Fürstenstaaten Cochin, Malabar und Travancore schließen sich zum Bundesstaat Kerala zusammen
1961
Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft in Goa
1973
Zusammenlegung von Coorg und den Staaten Bombay, Madras und Hyderabad zum heutigen Karnataka
2004
Dr. Manmohan Singh ist Sikh und wird als erster Nicht-Hindu zum Premierminister gewählt
2010
Die ausufernde Korruption wird zum beherrschenden innenpolitischen Thema
2011
1,21 Mrd. Menschen leben in der weltgrößten Demokratie, 181 Mio. mehr als bei der Volkszählung 2001
2014
Narendra Modi wird 15.Premierminister, seine BJP gewinnt die Parlamentswahl mit absoluter Mehrheit. Er gilt als großer Hoffnungsträger - auch was die Annäherung Pakistans an Indien betrifft. Allerdings auch als erzkonservativer Hindu-Nationalist
Im Lauf der Jahrhunderte rissen sich die Eroberer aus dem alten Europa die besetzten Gebiete gegenseitig aus den Händen. Holländer, Portugiesen, Engländer … Kein Wunder, lieferten doch die fruchtbaren Bodenstriche genügend Früchte, Gewürze und Mineralien, um schwunghaften Handel damit zu betreiben. Alle großen Weltreligionen haben hier Fuß gefasst - Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Islam, Parsismus und in geringem Umfang auch das Judentum. Dank üppiger Ernten und fischreicher Gewässer herrscht im Süden Indiens wesentlich weniger Armut als im kargeren Norden. Der Bildungsstand ist höher, Kerala kennt praktisch keine Analphabeten. Spannend ist der Mix der Kulturen. Während Jungmanager in Bangalore ihre Software entwickeln, hält rund 250 km entfernt in den Niligiri Mountains der Toda-Stamm noch an seinen seit Jahrtausenden überlieferten Traditionen fest. Wie ein Magnet ziehen Sadhus, Gurus und Yogis Sinnsuchende aus aller Welt an. In vielen Aschrams folgen die Pilger den Lehren und Visionen ihrer Meister. Auroville bei Pondicherry wurde 1968 von "Mutter" Mira Alfassa, Gefährtin des Philosophen Sri Aurobindo, gegründet. Heute beherbergt die spirituelle Modellkommune rund 2400 Menschen aus über 40 Nationen.
Waren es früher meist nur reine Strandurlauber oder Studienreisende, die nach Südindien kamen, so vermischen sich jetzt die Interessen. Kaum jemand, der zum Baden nach Goa oder Kerala reist, wird zurückfliegen, ohne zumindest einen Gang durch das historische Alt-Goa gemacht oder den prächtigen Padmanabha-Swamy-Tempel in Keralas Hauptstadt Trivandrum gesehen zu haben. Wer an der lebendigen Geschichte und Architektur heiliger Stätten und Paläste interessiert ist, wird überwältigt sein von den Meerestempeln Mamallapurams, von der sagenhaften Tempelanlage von Hampi, dem Märchenpalast der Maharajas von Mysore oder dem prächtigen Meenakshi-Heiligtum von Madurai.
Zwischen Spannung und Entspannung haben die Götter ihre Wellnesstempel gesetzt. Fast jedes noch so kleine Hotel hat zumindest eine Massagebank oder ein paar Zaubertinkturen, um müde Füße und erschöpfte Geister zu beleben. Wirksamer auf lange Sicht sind Ayurveda-Kuren mit speziellen Diäten, die - hält man sich streng an die Vorschriften - wahre Wunder vollbringen. Eine wachsende Zahl von Aktivurlaubern und Ökotouristen findet in den großen Nationalparks auf der "Jagd" nach Elefanten und Leoparden bei Fotosafaris ihr Glück: in Wildreservaten wie Periyar in Kerala, Molem und Bhagvan Mahavir, das sich grenzübergreifend über Goa, Karnataka, Kerala und Tamil Nadu in den Western Ghats erstreckt, in Bandipur, Nagarhole und Kabini in Karnataka. Trekkingtouren erschließen die verwunschene Welt der Dschungel und Regenwälder. Einzigartig ist auch das dichte Netz aus fast 2000 km Wasserstraßen, Seen und Lagunen in Kerala. Über tausend Hausboote warten in Alappuzha auf Touristen, um sie durch die einstigen Hauptverkehrsadern zu steuern.
Und alle Besucher erliegen der großen Versuchung namens Shopping. Fast jeder Urlauber fliegt mit der doppelten Ladung an Gepäck zurück. Tee frisch aus der Fabrik, Gewürze von bunten Märkten, dekorative Götterstatuen aus Messing oder Sandelholz, Seidenblusen, exotisch bedruckte Baumwollstoffe, Paschmina-Schals, echter Gold- und Silberschmuck und glitzernder Talmi. Die Baumwoll- und Seidenstoffe aus Chennai (Madras) und dem nicht weit entfernten Kanchipuram gehören zu den schönsten und qualitativ besten Stoffen in ganz Indien. Chennai ist auch das Zentrum der Lederindustrie. Da die meisten Produkte in westliche Länder exportiert werden, ist in den Geschäften auch die neueste Mode zu finden, zu Preisen, die weit unter denen im Ausland liegen. Als Einkaufsparadies ist Indien einfach nicht zu toppen!
Wie und wo auch immer man seine eigenen Schwerpunkte setzen mag - facettenreich sind Goa und Karnataka, Kerala und Tamil Nadu auf jeden Fall, und das rund ums Jahr. Zwar gilt etwa in Goa als Hauptsaison der Beginn der Trockenzeit im Oktober, die bis Mai/Juni dauert. Doch wer den Kinohit "Monsoon Wedding" gesehen hat, weiß, wie romantisch ein warmer Tropenregen sein kann. Viele Strandhotels bieten spezielle Monsunpauschalen an. Ohnehin schüttet es fast nie den ganzen Tag, heftige Güsse wechseln sich mit Sonnenstunden ab. Wer Südindien mal fast ohne ausländische Touristen erleben, mehr von den Einheimischen erfahren will, wer die morbide, leicht melancholische Stimmung spüren möchte, sollte während des Monsuns kommen. Aber das ist Indien für Fortgeschrittene!
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