
Reiseführer Erzgebirge - Vogtland
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Spannende Fahrten mit dem Förderkorb oder dem Hunt in Besucherbergwerke, farbenfrohe Bergparaden mit viel Musik und duftenden Rostbratwürsten am Straßenrand gehören ebenso zu den Highlights im Erzgebirge wie die gewaltigen Hallenkirchen. Aber auch die lieblichen Täler, die tiefen Wälder und die Berge, auf die man vielerorts Aussichtstürme stellte, damit die Gäste möglichst weit ins Land blicken können. In den letzten Jahren kam ein facettenreiches Kulturleben dazu, das ebenfalls dazu beiträgt, das Erzgebirge und das angrenzende Vogtland zu beliebten Ferienregionen zu machen.
Doch trotz aller Veränderungen in den vergangenen Jahren - eins ist geblieben: Das Erzgebirge trägt nach wie vor den liebevollen Beinamen "Weihnachtsland". Denn nirgendwo anders in Deutschland erstrahlen Städte und Dörfer in den letzten Wochen des Jahres in solchem Lichterglanz, sind so viele Sitten und Bräuche mit dieser Zeit verbunden. Ihren Ursprung haben sie im Bergbau: Das Licht ist für den Bergmann seit jeher ein Zeichen für Leben und Hoffnung, für Geborgenheit und Glück. Früh, noch vor Sonnenaufgang, fuhr er ins Dunkle ein, und wenn er abends heimkehrte, war es meist schon wieder Nacht. Statt "guten Tag" wünschte man sich ein "Glück auf", das zum Bergmannsgruß wurde und heute noch gebräuchlich ist. Die Einheimischen verkürzen das gern auf "G'auf". Der Gruß scheint auch nicht auszusterben: Schon die Kinder rufen sich auf dem Schulweg ein "Glück auf" zu.
Geschichte
1168
Beginn der ersten Blütezeit des Bergbaus durch Silberfunde in Freiberg
1254
Der Name Vogtland wird erstmals genannt
1471
Mit Silberfunden in Annaberg und Schneeberg beginnt die zweite Blütezeit des Bergbaus
1677
Gründung der ersten Geigenmacherinnung Deutschlands in Markneukirchen
1699
Erstmals werden Produkte aus dem Spielzeugmacherdorf Seiffen auf der Leipziger Messe angeboten
1765
Gründung der Bergakademie Freiberg als erste technische Hochschule Deutschlands, heute die älteste montanwissenschaftliche Hochschule der Welt
1945
Schwere Zerstörungen durch alliierte Bombenangriffe auf Chemnitz und Plauen. Die US-Armee besetzt im Mai Vogtland und westliches Erzgebirge; beide werden im Juli an die Sowjetarmee übergeben
1990
Neugründung der Länder: Das Erzgebirge und das sächsische Vogtland kommen zum Freistaat Sachsen, das thüringische Vogtland zum Freistaat Thüringen
1996
Der Naturpark Erzgebirge/Vogtland wird gegründet
2002
Im August richtet das Jahrhunderthochwasser unvorstellbare Schäden vor allem im Osten des Erzgebirges an
2007
Die Kontrollen an der deutsch-tschechischen Grenze entfallen
2012
Der 1991 eingestellte Bergbau erlebt eine Renaissance
2015
Der Verladebahnhof des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlereviers wird zum Landesgartenschaugelände
Der Bergbau hat aber nicht nur das Weihnachtsfest geprägt, er hat das Erzgebirge seit 800 Jahren vielfältig geformt. Im wahrsten Sinn des Worts. Zum ersten Mal ertönte das "Bergkgeschrey" Mitte des 12.Jhs., 300 Jahre später brach in der Region ein regelrechtes Silberfieber aus. Maulwürfen gleich wühlten die Bergleute Gänge in die Erde. Etliche davon blieben erhalten. Sie ziehen in unseren Tagen Tausende Touristen an, die in die Berge steigen oder fahren, um sich in den heutigen Schaubergwerken einen Eindruck vom schweren Bergmannsleben zu verschaffen. Neuerdings erklingt es wieder, das "Bergkgeschrey". Die explodierenden Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt riefen moderne Schatzsucher herbei, die dabei sind, den 1991 eingestellten Bergbau wieder zu beleben. Man sucht nach Kupfer, Zinn, Silber und Eisen, im Jahr 2012 förderte man den ersten Flussspat. Doch die Gefahr, dass historische Anlagen in die neue Bergbauära einbezogen werden, besteht nicht. Die Bürgermeister von 34 Städten und Gemeinden sowie drei Landräte setzen sich für ihre Erhaltung ein, sie möchten die Montanregion im sächsisch-böhmischen Erzgebirge mit dem Unesco-Welterbetitel adeln. 39 repräsentative Objekte im sächsischen Erzgebirge haben sie dafür ausgewählt. Und weil der Bergbau keine politischen Grenzen kannte, die böhmische Seite des Gebirges immer dazugehörte, haben sie die Tschechen mit einbezogen, die sechs Objekte auf die Liste setzten. Für diese Partnerschaft gibt es aber auch einen ganz pragmatischen Grund: Grenzübergreifende Bewerbungen haben bei der Unesco besonders gute Chancen. Dass die Montanregion Weltkulturerbe wird, damit rechnet man fest. Der Titel soll die Region bekannter machen und den Tourismus ankurbeln.
Die Erzfunde gaben dem Grenzgebirge zwischen Sachsen und Böhmen seinen Namen. Auf einer Länge von 130 km und einer durchschnittlichen Breite von 35 km erstreckt sich das Erzgebirge vom Auersberg im Westen bis zum Geisingberg im Osten. Es reicht bis nach Tschechien, wo es den Namen Krušné hory trägt. Die Einheimischen sagen "Huckelkuchen" zu diesem Gebirge. Das sich westlich anschließende Vogtland kam durch die einzigartige Machtfülle kaiserlicher Reichsvögte zu seinem Namen. Das war vor mehr als sieben Jahrhunderten. Es war ein Gebiet mit wechselnden Grenzen, zu dem teilweise auch Regionen Bayerns (hier hat sich die Bezeichnung lediglich im Museum Bayerisches Vogtland und dem Autobahndreieck Vogtland erhalten) sowie Böhmen gehörten. Seine politische Selbstständigkeit verlor das Vogtland in der zweiten Hälfte des 16.Jhs. Als Landschaftsbezeichnung blieb der Name Vogtland jedoch für die südwestlichste Ecke Sachsens und eine kleine Region im Osten Thüringens um Greiz und Zeulenroda erhalten; und dieser Teil wird in diesem Band vorgestellt. Nicht zu vergessen das Vorland des Erzgebirges mit Chemnitz, das durch den Maschinenbau zu Reichtum gelangte, sowie Freiberg und Zwickau, denen einst der Bergbau Wohlstand brachte. In jüngster Zeit geriet Zwickau in die negativen Schlagzeilen, weil sich hier drei Rechtsextremisten niedergelassen hatten, die deutschlandweit agierten und auf deren Konto vermutlich neun Morde an Migranten und der Mord an einer Polizistin gehen. Fassungslos erfuhren die Zwickauer, dass das rechtsextremistische Trio unbemerkt von den Sicherheitsbehörden unter ihnen lebte. Zum Gedenken an die Opfer zündeten sie Kerzen an und demonstrierten wiederholt, um deutlich zu machen, dass ihre Stadt "keine Heimstatt braunen Terrors" ist.
Nach der Einheit, als viele Wirtschaftszweige wegbrachen, setzte man auf den Tourismus. Durch viele Ideen konnten sich die im Westen Deutschlands nahezu unbekannten Ferienregionen einen touristischen Namen machen. Ideen waren hier schon einmal gefragt, nämlich nach dem Niedergang des Bergbaus. Die Menschen mussten sich damals nach neuen Erwerbsquellen umsehen. Sie begannen zu schnitzen und zu drechseln - was bisher Freizeitbeschäftigung war, wurde nun zum Broterwerb. Pyramiden, Räuchermännchen, Lichterengel und Schwibbögen aus Seiffen, Olbernhau und anderen Orten haben den Namen Erzgebirge in die Welt getragen. Im vogtländischen "Musikwinkel" um Klingenthal, Markneukirchen und Schöneck singt und klingt es das ganze Jahr über, und das seit 1677, als sich Geigenbauer zur ersten Innung zusammenschlossen. Heute gibt es immerhin noch etwa 600 Musikinstrumentenbauer, die volle Auftragsbücher vorweisen können. Musikinstrumente aus dem Vogtland sind nach wie vor in der Welt gefragt. Denn es sind in Handarbeit angefertigte Spitzeninstrumente, gespielt von berühmten Solisten. Selbst der große Violinvirtuose Yehudi Menuhin besaß eine vogtländische Geige, und Ex-US-Präsident Bill Clinton spielt auf einem Saxophon "Made in Vogtland".
Das Erzgebirge und das Vogtland haben zu allen Jahreszeiten ihren Reiz. Im Winter, wenn die Fichten sich unter ihrer zentnerschweren weißen Last biegen; im Frühling und Frühsommer, wenn Krokusse und Rhododendren blühen; im Sommer, wenn es in den dunkelgrünen Wäldern nach Harz und Moos riecht; und im Herbst, wenn Pilze reichlich sprießen, die Vogelbeeren orangerot an den Straßenrändern leuchten und in den Tälern Nebel wallen. Die schönste Zeit ist aber unbestritten die um Weihnachten. Bereits vor dem ersten Advent werden Engel, Schwibbögen und Bergmänner aufgestellt, ganze Räuchermännl-Kompanien halten in den Stuben Einzug. Tausende von Kerzen leuchten aus den Fenstern in die Dunkelheit, in den Vorgärten stehen mit Kerzen bestückte Weihnachtsbäume, und auf vielen Plätzen drehen sich meterhohe beleuchtete Pyramiden. Als Vetter des erzgebirgischen Lichterbergmanns gilt übrigens der vogtländische Moosmann, ein kleiner Wicht, der in ebenso kleinen Waldhöhlen hausen soll. Um sein Land, die blumenübersäten Berg- und Feuchtwiesen, die Fluss- und Bachtäler, geheimnisvollen Hochmoore und dunklen Bergmischwälder zu erhalten, schuf man den Naturpark Erzgebirge/Vogtland.
Erzgebirge und Vogtland sind erfolgreich dabei, sich vom Image einer reinen Wandergegend zu befreien. Attraktive Einrichtungen für Familien und für sportlich Aktive wurden geschaffen. Ein wenig Abenteuerluft schnuppert, wer in die Besucherwerkwerke fährt und mit der Geleucht genannten Grubenlampe in dunkle Gänge eintaucht. Erzgebirge und Vogtland wurden zu beliebten Ferienzielen in Deutschland. Sehr dazu beigetragen hat, dass die Erzgebirgler und die Vogtländer seit jeher gastfreundlich und kontaktfreudig sind - und sie haben ein Faible für Gemütlichkeit.
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