
Reiseführer Jakobsweg
Ein Grab, Millionen Pilger. Selten hat ein Mensch die Massen derart mobilisiert, Generationen über mehr als ein Jahrtausend hinweg auf Trab gehalten: Santiago, der heilige Apostel Jakobus. In der Kathedrale von Santiago de Compostela führt ein Treppengang in die Tiefe, am Ende der Stufen fällt der Blick auf den Sarkophag. Das Dauergemurmel ist versiegt, man fühlt sich von Stille ummantelt, ist angekommen. Ruhen sie nun wirklich hier, die sterblichen Überreste des wahren Jakob?
Legenden & Mutmaßungen
Wie kam der vermutlich 44 n. Chr. in Jerusalem enthauptete Apostel nach Spanien? Wie entstand der Kult um sein Grab? Einzig die Legenden wissen Antwort und führen ein vom „Engel des Herrn“ gesteuertes Schiff ins Feld, das den Leichnam des Jakobus vom Hafen Jaffa aus in den äußersten Nordwesten der Iberischen Halbinsel nach Galicien schaffte. Nach dem Ausheben des Grabes ein Stück weit im Inland geriet der Ort ins Abseits, bis mysteriöse Lichtphänomene einen Einsiedler im 9.Jh. auf die Spur der überwucherten Stätte brachten. Umgehend setzten Klerus und Königshaus die Nachricht vom wiederentdeckten Apostelgrab in die Welt und stachelten die Wallfahrten an. Wer nicht an Wunder glaubt, meint den faulen Geruch einer machtpolitischen Strategie zu erahnen. Weite Teile Spaniens waren seit 711 von den Mauren überrollt worden, die von Norden her begonnene christliche Rückeroberung des Landes (Reconquista) war bis dato wenig ruhmreich verlaufen. So spannte man den Apostel vor den Karren der Reconquista, verbreitete die Kunde vom „göttlichen Zeichen“ und setzte eine weitere Mär in die Welt: die von Santiago Matamoros („Jakobus Maurentöter“), der den christlichen Streitern zu Hilfe eilte. In Ritterart hieb er die Feinde mit dem Schwert nieder und ließ die Köpfe rollen. Geprägt von Glauben und Aberglauben stieg Jakobus zum Patron der Reconquista auf und war den spanischen Heeren Ansporn zu weiteren Siegen – bis 1492, als das letzte maurische Reich von Granada fiel.
Wie immer man die Geschichte in der Rückschau bewertet – geblieben ist das einzigartige spirituelle und kulturelle Phänomen des Jakobswegs, des Camino de Santiago. Was wäre Spaniens Norden ohne den Einfluss jenes einfachen Fischers vom See Genezareth? Kann man sich Burgos, León und Santiago de Compostela ohne ihre Kathedralen denken? Was wären die Gebirgszüge ohne die prachtvollen Klöster, Orte wie Frómista und Villalcázar de Sirga ohne ihre Kirchen, die weiten Felderlandschaften ohne ihre einsamen Kapellen? Am Jakobsweg entstanden Meisterwerke romanischer und gotischer Baukunst. Herrscher ließen sich am Camino begraben, Ordensgemeinschaften kümmerten sich in Hospitälern um ermattete und erkrankte Pilger. In ganz Europa versetzte der Glaube Berge. Seit den 1990er-Jahren bekam die Pilgerbewegung neue Flügel. Die Ursachen dafür beschränken sich nicht einzig auf Medienberichte, Filme oder Bücher im Stil von „Ich bin dann mal weg“, den Bestseller (und Film) des Komikers Hape Kerkeling. Auch die Werbefeldzüge der Regionen am Jakobsweg haben ihren Anteil, die Jakobusgesellschaften im In- und Ausland, die Vielzahl organisierter Pilgerreisen. Und in Zeiten von Arbeits- und Konkurrenzdruck steigt bei vielen der Wunsch nach nach Selbstbesinnung, einer Neuorientierung im Leben.
Geschichte
44 n.Chr.
Hinrichtung des Apostels Jakobus in Judäa; laut Legende bringt ein „Engelsschiff“ seine sterblichen Überreste nach Galicien, wo sie beigesetzt werden
711
Einfall und Ausbreitung der Mauren in Spanien; Beginn der Reconquista
Anfang 9.Jh.
Wiederentdeckung des Apostelgrabs, Beginn der Pilgerzüge nach Santiago
1492
Abschluss der Reconquista mit dem Fall von Granada
1936–39
Spanischer Bürgerkrieg; Diktatur von Francisco Franco
1975
Ende des Franco-Regimes, Proklamation von Juan Carlos zum König, Redemokratisierung des Landes
ab den 1990er-Jahren
Moderner Boom des Jakobswegs
2015
Im Pilgerbüro von Santiago de Compostela werden 262 459 Pilgerurkunden ausgestellt, die zweithöchste je registrierte Zahl
2020
Landesweiter Shutdown während der Corona-Pandemie; Wirtschaftskrise
2021
Letztes „Heiliges Jakobusjahr“ (nächstes2027)
Zu Fuß oder auf Rädern unterwegs
Der Begriff Camino de Santiago deckt den Hauptstrang der Route durch Nordspanien von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela ab. Er folgt einer geografischen Linie von Ost nach West (so sind auch die Kapitel und Orte im Reiseführer angeordnet). Der auch von Mountainbikern genutzte Wanderpfad ist gelb markiert, die Straßenvariante für Motorisierte und Radler mit Schildern ausgewiesen. Fuß- und Radpilgern mit Pilgerausweis stehen öffentliche Herbergen zur Verfügung – vorausgesetzt, man schreckt nicht vor gemischten Schlafsälen, nächtlichen Schnarchattacken und diversen Gerüchen zurück. Die Super- Kamaradschaft auf dem Camino tröstet über solche Dinge hinweg. Kein Wunder, dass man in der Kathedrale von Santiago de Compostela den berühmten Weihrauchwerfer einsetzte, um richtig gegenzustinken.
Am Camino de Santiago tauchst du ein in einen Mix aus Kultur und Natur mit wechselnden Landschaften. Hinter den Gebirgskulissen der Pyrenäen warten die Wälder Navarras, die Rebgärten der Rioja, die Weiten Kastilien-Leóns, die grünen Hügel Galiciens. Auf dem Land kommst du durch urige Dörfer. Burgen und Paläste warten ebenso darauf, entdeckt zu werden wie Kirchen und Klöster sowie die atmosphärischen Altstädte mit guter Stimmung, Tapas und Wein. Faszinierend sind auch die Menschen, die auf dem Weg voranpilgern. Du musst dich aber nicht Hunderte von Kilometern zu Fuß schinden, um dir ein Bild vom Jakobsweg zu machen. Alternativen sind Kunst- und Kulturreisen, motorisierte Touren oder der Camino per Fahrrad. Auf eines müssen sich aber alle einstellen: auf das beständig unbeständige Wetter. Der gute Draht zu Jakobus hilft wenig, wenn Kollege Petrus die Himmelsschleusen öffnet. Berüchtigt ist das Klima der kastilischen Hochebene. Nueve meses de invierno, tres meses de infierno, lautet ein Sprichwort in Anspielung auf ihre Winterkühle und Sommerglut: „Neun Monate Winter, drei Monate Hölle.“ Egal – die Eindrücke am Jakobsweg entschädigen für alles. Einen Weg wie diesen gibt‘s nicht nochmal.
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