Ist erwähnt in Reiseführer:
Die Erwartung ist groß. Peking war einst Mittelpunkt einer Weltkultur. Die Mongolen und die Mandschu beherrschten von hier aus den größten Teil Ostasiens. Heute ist die Stadt politisches und kulturelles Zentrum für ein Fünftel der Menschheit, rund das Doppelte von ganz Europa. Und mit der „Verbotenen Stadt“, mit seinen Tempeln und Palästen verkörpert Peking, so mag es scheinen, die gesammelten Geheimnisse Chinas, ja, des Orients. Gehen die Erwartungen in Erfüllung?
Eines ist sicher: Peking bietet jede Menge Überraschungen, und dies bei jeder Wiederkehr von Neuem. Wer hier zum ersten Mal chinesischen Boden betritt, erlebt jedoch zunächst einen Schock. Auf endlos gerader Autobahn fährt man vom Flughafen auf eine gesichtslose, die meiste Zeit des Jahres von einer Abgasglocke halb verhüllte Hochhauskulisse zu, passiert Serien haushoher Reklametafeln, als sei hier der Hort des Kapitalismus, und wird schließlich an einem protzigen Hotelportal abgesetzt, bei dem allenfalls etwas chinesische Dekoration – meist ein Paar Steinlöwen – verrät, dass man soeben nicht in Kanada oder Australien, sondern in China gelandet ist.
Erst nach und nach erkennt man, dass das heutige Peking im Grunde aus drei Städten besteht, die sich zwar vermischen, es dabei aber fertigbringen, einander fast völlig zu ignorieren. Da ist zum einen das Peking der Kaiserzeit, die eigentliche Attraktion. Hierzu gehören der Kaiserpalast, die kaiserlichen Altäre, einige erhaltene Tempel und – im steten Schwinden begriffen – alte Wohnviertel, die aus den für Peking so typischen, eingeschossigen Hofhäusern bestehen. Auch die Anlage der inneren Stadtteile mit ihren langen und geraden, doch ursprünglich nicht sehr breiten Straßen und dem Gewirr schmaler Gässchen ist weitgehend aus alter Zeit erhalten geblieben.
Das zweite Peking ist das sozialistische der Fünfziger- bis Siebzigerjahre des 20.Jhs. Es zeigt sich in monumentalen, doch nicht besonders hohen Bauten in einem sinostalinistischen Stil, in unansehnlichen Plattenbauten und in jenem endlos langen und breiten Ost-West-Boulevard, der die ganze Stadt durchschneidet, in der Mitte markiert vom Platz am Tor des Himmelsfriedens, dem Zentrum des sozialistischen China.
Das dritte Peking, wieder völlig anders, ist das von heute, ein aggressiv wucherndes Gebilde aus spiegelnden Hochhäusern, knalligen Ladenfronten und Autobahnen, das sich hier und da ein wenig mit Imitaten klassisch-geschwungener Dächer oder anderem nostalgischem Firlefanz herausputzt, um seine Beliebigkeit und Hässlichkeit ein wenig zu bemänteln und eine kulturelle Kontinuität vorzuspiegeln, die nur noch Legende ist. Nirgendwo in Europa wurde seit den 1980er-Jahren so bombastisch gebaut wie hier. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Entwicklung im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2008.Zwei der dafür gebauten Sportstätten wurden wegen ihres einprägsamen Aussehens als „Wasserwürfel“ (für das Schwimmstadion) und „Vogelnest“ (für das Nationalstadion) sogleich weltbekannt und zählen heute zu den Attraktionen, die jeder Hauptstadttourist, ob Ausländer oder Chinese, gesehen haben muss. Auch andere Großbauten wie das Nationaltheater oder die Zentrale des Staatsfernsehens sind derart spektakulär, dass jeder sie schon vom Foto her kennt, ehe er sie in natura bestaunt. Die Abrisswellen, die etwa zwischen 1990 und 2008 durch Pekings Altstadt pflügten, sind inzwischen wieder etwas abgeebbt, zum Ersten, weil nicht mehr so viel übrig blieb, zum Zweiten, weil für Teile der Altstadt ein Milieuschutz eingeführt wurde. Eine Folge davon ist, dass mancherorts sogar unpassende Großbauten aus der Mao-Ära wieder durch kleinere Neubauten in einem mehr oder weniger historischen Stil ersetzt werden.
Im Leben in den Straßen, auf den Märkten, in Büros, Schulen und Fabriken spiegeln sich Tradition und Gegenwart in tausenderlei Mischungsverhältnissen. Morgens im Park treffen sich die Frühaufsteher zum Schattenboxen, während andere nach Diskomusik aus dem Kassettenrekorder Gymnastik machen. Vor den heruntergekommenen, doch noch immer heimeligen Altstadthäusern hocken alte Männer unter Schatten spendendem Blätterdach auf winzigen Stühlchen, tief über eine Partie chinesisches Schach gebeugt. Unterdessen wächst nebenan ein neuer Konsumtempel oder ein weiteres Luxushotel in die Höhe. Gewisse amerikanische Bulettenbratereien haben sich bis in entlegene Stadtteile verbreitet, Kaderkinder und Jungunternehmer strömen in Diskotheken und Karaoke-Bars. Schick ist es, im Hochhaus zu wohnen: mit Parkett und eigenem Bad. Auch viele umgesiedelte Altstadtbewohner sind durchaus glücklich über ihre neuen Wohnungen am Stadtrand: Endlich müssen sie nicht mehr zur öffentlichen Toilette eilen oder sich ins Badehaus begeben. Vor allem für alte Leute ist dies eine große Erleichterung. Unterdessen werden auch immer mehr Außenbezirke ans U-Bahn-Netz angeschlossen, dessen Ausbau auch nach den Olympischen Spielen weiter rapide voranschreitet – auch zur Freude der Hauptstadtgäste, die damit touristische Ziele bequemer, schneller und zielsicherer erreichen als zuvor.
Was nun die Erwartungen an das alte Peking, an klassische chinesische Kultur und Zivilisation angeht, so ist man in der Tat an der richtigen Stelle. Der Kaiserpalast mit seinem würdevollen Rhythmus aus geschwungenen gelben Dächern, roten Säulen und weißen Höfen ist ein architektonisches Meisterwerk von großer Schönheit. Seine Kunstsammlungen präsentieren das kulturelle Erbe aus drei Jahrtausenden. Die kaiserlichen Altäre, soweit noch vorhanden, künden von einem zentralen Anliegen der alten chinesischen Zivilisation – dem Wunsch nach Einordnung des Menschen in den Kosmos, dessen harmonische Kreisläufe zwischen männlich-aufstrebendem yang und weiblich-niedersinkendem yin als Vorbild für die Ordnung der Gesellschaft und für das menschliche Leben überhaupt empfunden wurden. Das gleiche Harmoniedenken liegt der klassischen Gartenkunst zugrunde, wie sie etwa im Sommerpalast Yihe Yuan zu sehen ist. In den buddhistischen Tempeln, obwohl großenteils nicht mehr aktiv, manifestiert sich der Glaube an die Möglichkeit individueller Erlösung.
So typisch chinesisch die klassischen Bauten Pekings mit ihren Kunstschätzen erscheinen, so erstaunlich ist es, dass sie sich gerade hier finden. Alle anderen alten Hauptstädte Chinas lagen über 600 bis 1100 km weiter südlich, Peking selbst war bis zum 10.Jh. größtenteils bloß eine Garnisonstadt an der Nordgrenze des Reichs kurz vorm Grasland der Nomaden. Erst die Mongolen bauten Peking um 1270 zur Metropole eines Großreichs aus. Dabei übernahm ihr Chefplaner, ein Chinese, uralte Vorstellungen einer rechteckigen Idealstadt. Passend zu den Ambitionen der neuen Herrscher entstand eine Metropole von Weltgeltung: 50 km2 umfasste die „Große Hauptstadt“ (Dadu), geschützt von einer 29 km langen, zwölftorigen Stadtmauer. 1275, ein Jahr nach ihrer Fertigstellung, schritt Marco Polo durch ihre Straßen und verbreitete den Ruhm von Khanbalik, der „Stadt des Khan“, bald bis Europa.
Kein Jahrhundert später war die Mongolenherrschaft vorbei und die neue Dynastie Ming (1368–1644) in Nanking gegründet. Damit schien Pekings alt-neue Rolle vorgezeichnet: wieder bloße Garnisonstadt, wieder Provinz zu sein. Ein jüngerer Sohn des ersten Ming-Kaisers aber brachte nach dessen Tod den Thron an sich (Yongle-Ära, 1403–24), und da er seine Machtbasis in Peking und auch die Mongolei erobern wollte, verlegt er die Hauptstadt erneut hierher. Von nun an wurde die Stadt bei jing genannt, „nördliche Hauptstadt“ – ihr heutiger Name. Ein Teil der Stadtmauern und Straßen blieb, Palast und Altäre entstanden neu. Nachdem 1553 auch die südliche Vorstadt befestigt worden war, gab es bis um 1900 kaum bauliche Veränderungen, und noch Anfang der Fünfzigerjahre sah das Stadtbild aus wie seit Jahrhunderten: Von der Stadtmauer aus blickte man auf ein Meer grau gedeckter, meist ein- und selten zweigeschossiger Wohnhäuser, die nur von den gelb glasierten Dächern des Palasts sowie einigen Tempelbauten, Pagoden und Bäumen überragt wurden.
Im 19.und 20.Jh. fielen dreimal Ausländer über Peking her: 1860 die Engländer und Franzosen, 1900 bei der Niederschlagung des Boxeraufstands eine alliierte Armee von acht Fremdmächten und 1937 die Japaner. 1927 war die republikanische Regierung nach Nanking umgezogen, und Peking wurde in Peiping (Beiping, „Nördlicher Friede“) umbenannt. Doch 1949, mit der „Befreiung“, gaben die siegreichen Kommunisten Peking den alten Namen und seine Hauptstadtfunktion zurück. Während sie sich aber gern im Ruhm der Stadt sonnten, gingen sie mit dem Erbe wenig pfleglich um. Peking sollte eine Hauptstadt der Arbeiterklasse werden, und nun steht eine Metropole des 21.Jhs. auf dem Programm. Die Altstadt wird auf Inseln im Hochhausmeer reduziert und mutiert stellenweise vom Slum zum Wohngebiet für die Elite. Die Olympischen Spiele brachten außer effektiveren Verkehrsmitteln und etwas besserer Luft auch restaurierte Altertümer – manche, vor Jahrzehnten abgerissen, wurden sogar rekonstruiert.
Peking, mit 11 Mio. Einwohnern (ohne Landbezirke) zweitgrößte Stadt des Landes, bleibt die chinesische Stadt mit den meisten und größten Sehenswürdigkeiten. Das China der Ming-Zeit, das Reich der Mandschu, die Zukunftshoffnungen des sozialistischen China, das nationale Selbstbewusstsein dieser werdenden Weltmacht und ihre boomende Wirtschaftskraft – hier wird alles an einem Ort erlebbar. Ein ewiges China, so muss man jedoch erkennen, gibt es nicht, und wer richtig alte Altertümer sehen will, muss nach Xi’an oder Datong fahren. Schönheit aber und Weisheit, Machtgelüste und Launen, Alltag und Religion einer so fern erscheinenden, alten Kultur und ihrer Menschen zu erleben und nachzuvollziehen, dazu ist ein Besuch Pekings hervorragend geeignet, und für jeden Wiederkehrer gibt es einen Strauß neuer Überraschungen.
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