
Reiseführer Edinburgh
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In Europas Metropolenkonzert spielt Edinburgh kaum die erste Geige – den lautesten Dudelsack schon! Mit erneuerter Hauptstadt-Verve wird Schottlands Takt vorgegeben. Das passt ins Bild. Zwischen dramatischen Vulkanhöhen spielen zwei grundverschiedene Altstädte eine Romanze zwischen Kitsch und Kultur. Selbstbewusst feiert man sich mit Festivals.
Zu Füßen der mächtigen Burg
Edinbarra – so sagt’s schnarrend der Schotte – ist eine Naturbegabung. Vulkanismus und Eiszeiten ließen am Meeresarm Firth of Forth eine schroffe Hügellandschaft zurück, wohinein sich die Stadt organisch fügt. Eine Königsburg wie ein Adlerhorst aus dem 7.Jh. bildete den Grundstein, die Stadt legte sich später zu Füßen des Edinburgh Castle. Die expressionistische Skyline der Old Town im Sonnenuntergang zu sehen, am besten vom Calton Hill, bietet eines der fotogensten und romantischsten Porträts einer europäischen Hauptstadt.
Angelockt von Romanen
Dass das märchenhafte aber entlegene Flair südlich der Highlands kein Geheimnis mehr ist, verdankt Edinburgh einem einzigen Mann. Der Autor Walter Scott verwob im 19.Jh. Volkslegenden, Schlachten gegen England und Liebestragödien zu süffigen Historienromanen. Die Leser in Europa lockte seine Prosa nach Schottland. Auch Theodor Fontane, der Edinburgh wegen seiner Geografie und neoklassizistischen Architektur der New Town als „Athen des Nordens“ beschrieb. Schottlandtourismus ist ohne Scott undenkbar, genauso wie „Highlander“-Filme und „Outlander“-Serie. Sowie der Kult um den Kilt. Scott machte aus dem von den Engländern geächteten praktischen Highlander-Rock schlau einen Modeartikel, als er den englischen König Georg IV. 1822 nach Edinburgh lud und in einen Kilt steckte. Das Schotten- Karo war en vogue. 2010 kreierte man zum Papstbesuch einen Tartan, 2018 schuf Burberry einen Regenbogen-Tartan für die LGBT-Gemeinschaft.
Geschichte
731
Nördlichster Posten der Northumberland-Angeln
1093
Erste Erwähnung Edinburgh Castle
um 1450
Bau der ersten Stadtmauer: The King’s Wall
1505
Die älteste Chirurgenvereinigung der Welt, das College of Surgeons, wird gegründet
1561
Mary Queen of Scots landet in Leith nach 13 Jahren Aufenthalt in Frankreich
1707
Act of Union: Schottland im Königreich Großbritannien
1767–1835
Bau und Expansion der New Town
1947
Erstes Edinburgh International Festival und Fringe Festival
1997
Schottische Wissenschaftler klonen das Schaf Dolly
2016
Edinburgh stimmt mit 74,3 % gegen den Brexit, Schottland mit 62 %
2023
Nicola Sturgeon tritt als Regierungschefin zurück, ihr Nachfolger wird Humza Yousaf Ausbau der Tram bis nach Leith und Newhaven
Geistige Höhenflüge und eine Stadt, die zum Himmel stinkt
Zu Beginn des 18.Jhs. war Schottland bankrott. Halb zog England die Schotten, halb sanken diese in die Arme Londons: Der Act of Union von 1707 vereinigte die Länder unter Londons Führung zu Großbritannien. Aufschwung und Talentförderung waren die Folge. Der schottischen Aufklärung entsprangen wissen schaftliche und geistige Höhenflüge: 1726 eröffnete die erste medizinische Fakultät auf der Insel in Edinburgh, 1739 eine philosophische Gesellschaft. Adam Smith, Vater der Volkswirtschaftslehre, kam aus Edinburgh – die Stadt war plötzlich Europas geistiger Nabel, wie Voltaire staunend befand. Denkmäler sowie Porträttafeln in Pubs bringen dir dieses Vermächtnis näher. Zu jener Zeit stank Old Town zum Himmel. Wohl 50 000 Menschen hausten auf engstem Raum in zwölfstöckigen Hochhäusern – unten betuchte Bürger, darüber arme Schlucker. Die Notdurft landete in den heute noch engen Gassen – close und wynd genannt -, im Pub blieb der geworfene Zechbecher im Dreck der Wand stecken. Jedoch gebar man in diesem Dunst kühne Ideen. Vom Calton Hill oder dem kolossalen Denkmal für Walter Scott wird ein Kraftakt sichtbar. Linker Hand das Mittelalter mit der Burg, von der sich die Old Town bis zum königlichen Holyrood-Schloss hinunterschwingt. Rechter Hand dominiert eine zweite City. Die um 1800 im georgianischen Stil errichtete New Town ist das Nonplusultra damaliger Stadtplanung: uniform, präzise, großzügig. Edinburgh 2.0 war wegen der Überbevölkerung südlich eines Abwassersees, in dem auch Hexen ertränkt wurden, nötig geworden. Der trockengelegte Sumpf ist heute Edinburghs grüne Mitte. Diese Princes Street Gardens teilen Mittelalter und Mondäne. So ein grandioser Wurf reicht für Jahrhunderte – und fürs Weltkulturerbe.
Die alte schottische Seele Edinburghs
Edinburgh ist Schottlands zweitgrößte Stadt. Während das nur 50 Minuten entfernte, größere Glasgow postindustriell und hemdsärmelig wirkt, trifft man in Edinburgh Regierungsbeamte im Anzug. Denn vier Fünftel aller Schotten entschieden sich 1997 für die von Premier Tony Blair angebotene Teilautonomie. 2004 zog die neugewählte schottische Regierung in das vom katalanischen Architekten Enric Miralles herrlich verrückt in die Old Town eingefügte Parlamentsgebäude, unweit vom barocken königlichen Palast. Aktuell steht die Union auf der Kippe. Das EU-freundliche Schottland hat sich sozial-, bildungs- und umweltpolitisch traditionell anders positioniert als das elitär agierende London. Beim Brexitvotum stimmten zwei Drittel der Schotten 2016 europäisch. Nach dem nun Anfang 2020 erfolgten Brexit wartet die derzeit regierende Scottish National Party auf einen günstigen Zeitpunkt für ein neues Referendum, um sich bei entsprechendem Ausgang wieder der EU zuzuwenden. Beide Altstädte kannst du ideal zu Fuß erobern. Ständig geht’s steil rauf und runter, über grobes Pflaster und Treppenfluten. Robuste Treter gebietet die Old Town, während für New Towns schicke Trottoirs sogar High Heels passen. Der Edinburgher liebt Geschichten. Im Gespräch stößt du auf die schottische Mundart, weit entfernt vom nasalen Englisch der Royals, eher ein gutturales Rollen. Gerätst du im Pub in eine Musik-Session, wirst du nichts mehr verstehen, wenn du Verse in Gälisch oder altem Scots hörst. Dann bist du in der alten schottischen Seele Edinburghs angekommen, mit einem zünftigen Pint Bier in der Hand.
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