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Oslo

MARCO POLO Reiseführer

Oslo

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Vor allem von der Seeseite aus präsentiert sich Oslo dem Reisenden wie ein Gemälde: Berge, Wälder und Fjord bilden den natürlichen Rahmen, dazwischen pulsiert die ganze Dynamik der norwegischen Hauptstadt – Industrie und Freizeit, Kultur und Geschichte, Politik und Promenade.

Imagewandel durch neue Prestigebauten

Oslos Skyline befindet sich im ständigen Wandel, und noch ist der Prozess nicht abgeschlossen. Zu dem im Sonnenlicht funkelnden Opernhaus ist das neue Munchmuseum ebenso hinzugekommen wie das neue Nationalmuseum in unmittelbarer Nachbarschaft zu den viereckigen Türmen des ziegelroten Rathauses. Zwischen der Flaniermeile Aker Brygge und Tjuvholmen setzt das Dach des Astrup-Fearnley-Museums als neue Landmarke aus Holz und Glas seine Segel. Spätestens, wenn auf dem Gelände des früheren Containerhafens die neuen Wohnviertel Sørenga und Bjørvika mit Kanälen, Kaianlagen und Badebuchten vollendet sind, könnte Oslo zu einer wirklichen Metropole werden. Das Sørenga Sjøbad ist schon jetzt großer Anziehungspunkt im Sommer – im urbanen Seebad wird mit Blick auf Fjord, Barcode-Viertel und Kreuzfahrtschiffe in der Sonne geaalt und sich anschließend abgekühlt.

Natürlich urban

454 km2 groß ist Oslo oder „Uschlu“, wie die Einheimischen sagen, und nimmt damit halb so viel Platz ein wie Berlin – viel Fläche für die knapp 718 000 Einwohner. Die Hälfte der Fläche bedeckt Wald, es gibt mehr als 300 Seen. Das ist den Osloern sehr wichtig, denn friluftsliv, also Aktivitäten in freier Natur, gehören zu ihrem Selbstverständnis. Fragt man sie, was ihnen selbst an ihrer Stadt gefällt, sagen sie je nach Wohnort Nordmarka oder Østmarka und meinen damit den Waldgürtel um die Stadt. Die Bahnfahrt auf 500 m Höhe, zum Holmenkollen, zu den Stationen Voksenkollen (mit Skiverleih!) oder Frognerseter, dann die Wanderung zu Fuß oder auf Skiern in die Wälder hinein, ist für Osloer ein ganz normaler Sonntagsausflug und Reisenden unbedingt zu empfehlen. Wundre dich also nicht, wenn du im Straßencafé mitten in der Stadt Leute in Ski- oder Wanderklamotten triffst, die ihren Tagesrucksack abgestellt haben und mit einem kühlen Bier die Rückkehr in die Urbanität feiern. In den Sommermonaten lockt auch der Fjord mit seinen unzähligen Buchten die Osloer hinaus.

Geschichte

  • 1000–1300

    Oslo wird erstmals erwähnt; König Håkon V. errichtet die Akersborg, spätere Akershus Festning

  • 1624

    Die Stadt brennt fast komplett nieder. Christian IV. lässt sie am Fuß der Akershus Festning neu aufbauen und gibt ihr den Namen Christiania

  • 1814

    Norwegen löst sich aus dem Verbund mit Dänemark und gibt sich eine eigene Verfassung; Christiania wird Hauptstadt

  • bis 1900

    Die Bevölkerungszahl Oslos steigt im Zug der industriellen Revolution von 30 000 auf 230 000 Einwohner

  • 1901

    Der Friedensnobelpreis wird zum ersten Mal in Oslo verliehen

  • 1952

    Oslo ist Austragungsort der Olympischen Winterspiele

  • 22.Juli 2011

    Ein rechtsradikaler Attentäter tötet bei einem Bombenanschlag im Regierungsviertel acht Menschen und erschießt auf der Insel Utøya 69 weitere

  • 2025

    Die 9.Oslo Architecture Triennale wird verschoben. Grund: zu wenig nachhaltig

  • 2030

    Oslo will seine Treibhausgase um 95% reduziert haben

Maritimes Flair

Dicht an dicht treiben und tuckern Segel- und Motorboote bis nahe an die Innenstadtanleger. Dort wimmelt es von Bierzapfstellen und Sonnenanbetern, die mit dunkler Brille auf der Nase und Sonnenschutzfaktor 20 auf dem nackten Bauch Richtung Fjord blicken. Fernblick gehört in Oslo offenbar zum guten Leben. Auch deshalb kosten Häuser mit Hanglage das Dreifache. Für Touristen, die zum Sonnenbaden auf Inseln und Schären übersetzen möchten, gibt es Ausflugsschiffe genug. Eingeweihte wissen, dass die Fjordfahrt im Winter ein weiteres Plus bereithält: Wenn sich frostgetränktes Halblicht über die von Schnee gerahmte Hauptstadt legt, ist Oslo vom Wasser aus besehen ein mystischer Ort.

Nordische Lässigkeit

Oslo ist Norwegens einzige Großstadt, dennoch ist von Hektik nichts zu spüren. Verkehr gibt es zwar auch hier reichlich, Läden und Straßenmusiker sorgen für Beschallung, ein paar Skater schlängeln sich an Passanten vorbei. Doch niemand flucht oder regt sich auf. Vor Restaurants und Cafés stehen ein paar Tische, die bei jedem Wetter dank Heizlampen und Wolldecken gut besetzt sind. Alles wirkt gemächlich. Norwegern ist es fremd, ihren Unmut mit Rufen oder Hupkonzerten kundzutun. Diese zurückhaltende Attitüde prägt auch das Hauptstadtleben. Die Architektur unterstreicht dies, überall sind die Häuserschluchten aufgebrochen: Statistisch gesehen haben 95 Prozent der Stadtbevölkerung im Umkreis von 300 m eine Grünanlage. Die vielen Parks und Plätze der Stadt sind dazu da, zu bummeln oder sich auf eine Bank zu setzen, um dem Treiben entspannt zuzusehen. Und es ist sicher kein Zufall, dass der Mittelpunkt Oslos nicht der Hauptbahnhof ist oder das Schloss, sondern die Grünanlage Studenterlunden zwischen Parlament und Nationaltheater. Der einstige Campus, ein rechteckiger Park mit lauter Bänken, ist Oslos Treffpunkt schlechthin. Im Winter ist hier eine Eisbahn angelegt, die nicht nur bei den Jugendlichen der Hauptstadt gut ankommt.

Kultur im Zentrum

Was um die Oper, dieses weithin sichtbare und Offenheit ausstrahlende „europäische Bauwerk des Jahres 2008“ herum gewachsen ist und weiterhin wächst, unterstreicht Oslos Anspruch als ernstzunehmende Kulturstadt. Ein großer Teil des norwegischen Kulturhaushalts von gut 1,2 Mrd. Euro fließt in die Hauptstadt, die Stadt selbst gibt jedes Jahr rund 65 Mio. Euro für die Förderung von Theater und Musik, Literatur und Kunst aus – im Schnitt also mehr als 100 Euro je Einwohner! Die Oper, das Munchmuseum, die neue öffentliche Zentralbücherei, die Deichman Bibliotek direkt hinter der Oper in der Bjørvika-Bucht, profitieren davon ebenso wie Hunderte von Musikclubs und Theaterbühnen. Jedes Jahr finden in Oslo rund 6000 Konzerte statt, und es ist für jeden Geschmack immer genug dabei. Es soll in der Stadt fast 1000 Musikbands geben – ein blühendes Dickicht, aus dem immer wieder internationale Stars herauswachsen.

Im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land

Norwegen hat 5,5 Mio. Einwohner, allein 1,6 Mio. leben in der Metropolregion Oslo. Das ist viel, und nimmt man die Lage der Stadt am südöstlichen Zipfel des Landes hinzu, wundert es nicht, dass es einen schwelenden Konflikt zwischen der Hauptstadt und dem Rest des Landes gibt. Die Osloer wüssten ja kaum, wird außerhalb der Hauptstadt gern kolportiert, dass der Vestfjord in Nordnorwegen, der Nordfjord dagegen in Westnorwegen liegt. Und die Osloer müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, arrogant und nabelbeschauend zu sein, obwohl sie wirtschaftlich stark am Tropf der wertschöpfenden Regionen hängen. In Oslo sitzen nicht nur die Regierung und die meisten staatlichen Behörden, sondern auch alle landesweit erhältlichen Tageszeitungen. Die Spannungen zwischen Kapitale und den Regionen kamen bei den beiden EU-Volksabstimmungen 1972 und 1994 sehr deutlich zum Vorschein. Die Osloer sahen sich beide Male siegesgewiss als EU-Bürger, mussten aber einsehen, dass West-, Mittel- und Nordnorweger ihnen den Weg nach Brüssel versperrten. Der Konflikt zwischen Regierung und Regierten ist vor allem historisch begründet. Als Norwegen zwischen 1536 und 1814 zu Dänemark gehörte und von Kopenhagen aus regiert wurde, war Christiania, wie Oslo damals hieß, wichtigstes Standbein im Land der Mitternachtssonne. Während überall im Land die Fischer, Bauern und der Handel mit ihren Produkten das Wirtschaftsleben in Gang hielten, war die Stadt am Oslofjord von den Entsandten der Krone und einer Beamtenschaft geprägt, die ihr Gehalt aus Kopenhagen bezogen. Die beiden EU-Abstimmungen der jüngsten Vergangenheit haben diese historischen Gegensätze nur noch einmal unterstrichen. Die Osloer müssen damit leben, von ihren Landsleuten kritisch beäugt zu werden, doch dem Selbstbewusstsein der Hauptstädter tut dies keinen Abbruch. Sie haben Erfahrung darin, abfällige Bemerkungen mit einem Lächeln wegzustecken. Doch zugleich hegen sie historisch begründet immer noch ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den anderen nordischen Hauptstädten, insbesondere Stockholm.

Dem Balanceakt gelassen begegnen 

Der Reichtum des Landes nach 50 Jahren Öl- und Gasförderung jedoch hat die Stadt und seine Einwohner verändert. Es wimmelt von feinen Restaurants und teuren Autos – und von norwegischen Dialekten. Der Wohlstand zeigt sich vor allem an der pompösen Wolkenkratzerbebauung um den Hauptbahnhof herum. Dies ist kein Ort zum Verweilen, hier regiert die Finanzelite. Nur einen halben Kilometer weiter, in den Restaurants, Cafés und Kneipen von Grønland oder Grünerløkka, ist von dieser Protzigkeit nichts zu spüren. Alles wirkt gesetzt, ein bisschen abgenutzt, aber urgemütlich. Orte der Begegnung und für ein freundliches Miteinander. Internationalen Untersuchungen zufolge haben die Norweger eine sehr hohe Lebenserwartung, einen sehr hohen Lebensstandard und Bildungsstand – und sie sind das optimistischste Volk der Welt. Sorglosigkeit strahlt dem Besucher entgegen und ist ein wesentlicher Bestandteil des Osloer Lebensgefühls. Daran haben auch die tragischen Ereignisse vom 22.Juli 2011 nichts geändert, als Anders Behring Breivik mit zwei Anschlägen im Osloer Regierungsviertel und auf der Insel Utøya im See Tyrifjorden insgesamt 77 Menschen tötete. Trotz des tiefen Schocks und der enormen Trauer über die Toten war von Anfang an die Entschlossenheit zu spüren, die Werte zu erhalten, die den Norwegern wichtig sind: Offenheit, Zusammenhalt und das Recht auf Freizügigkeit.

Tolerante Grundhaltung

Oslo ist und bleibt eine Stadt, an der man sich reiben kann. Dass ständig gebaut wird, sehen die einen als Ausdruck von Unruhe, die anderen preisen die Dynamik. Dass Oslo europäische Peripherie ist, wird durch ein pulsierendes, trendiges Nachtleben und viele international anerkannte Restaurants und Köche widerlegt. Dass in der Hauptstadt eines als puritanisch verschrienen Landes Toleranz großgeschrieben wird, passt zur Grundhaltung der Norweger „leben und leben lassen“. Und dass die Norweger selbst mit einer ordentlichen Portion Skepsis auf ihre Hauptstadt blicken, hindert die Osloer selbst nicht daran, auf ihre Stadt sehr stolz zu sein. Widersprüchlich eben und schon beim zweiten Hinsehen spannend – es gibt viele gute Gründe, dieser Stadt mit Offenheit zu begegnen und sich auf sie einzulassen.

Aktuelles Wetter

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