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Schokolade, Waffeln, Manneken Pis und Europa: Mit diesen Stichworten im Kopf fahren wohl die meisten nach Brüssel – und enttäuscht wird damit niemand. Wohl aber überrascht, vielleicht verzaubert vom Zusammenleben der Wallonen, Flamen, Marokkaner, Kongolesen und Europäer. Brüssel ist ein einziger Kompromiss unterschiedlichster Kulturen – und dabei keineswegs durchschnittlich.
Bunte Gesellschaft
Denn Brüssel lebt seine Gegensätze und Widersprüche: Trotz der vergleichsweise geringen Größe kann die Stadt mit ihren gut 1,2 Mio. Einwohnern in puncto kultureller Vielseitigkeit mit den ganz großen europäischen Metropolen mithalten – inklusive einer rasant wachsenden Kreativwirtschaft. Doch zunächst verwirrt Brüssel. Belgiens Hauptstadt ist offiziell zweisprachig. Zwar spricht die große Mehrheit Französisch, aber, so ein Bonmot, nur zwischen 18 und 8 Uhr. Tagsüber pendeln 200 000 Flamen zur Arbeit in die Stadt. Dann erklingt viel Niederländisch. Unüberhörbar sind aber auch Arabisch und Türkisch, Kongolesisch und Polnisch, das weiche Spanisch der Lateinamerikaner oder die raueren Stimmen der Galicier, Japanisch und Englisch. Über 30 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Zuwanderer, weitere 20 Prozent sind „Neue Belgier“ genannte Immigrantenkinder mit belgischem Pass.
Brüssels Bubble
Zu der ohnehin bunten belgischen Gesellschaft kommt noch der EU-Betrieb mit seinen Tausenden Beamten, Parlamentsmitarbeitern, Journalisten und Lobbyisten aus ganz Europa, viele davon zwischen 20 und 35, ausgestattet mit dem Traum der großen Karriere und mit jeder Menge Energie. Unter der Woche sitzen sie in Cafés und Bars, treffen sich zum Fußballspielen im Park, netzwerken, daten, feiern, und am Wochenende besuchen sie Verwandte in der Heimat oder Freunde in den jeweils nur zwei Stunden entfernten Metropolen Paris, London oder Amsterdam. Diese Brussels Bubble, die Blase Brüsseler Expats, hat mit dem Alltag der Brüsseler Bevölkerung wenig gemein, prägt aber das Bild der Stadt, etwa im hippen Ixelles rund um die Place Flagey. Auf den ersten Blick sieht der Platz ganz unspektakulär aus, bei Sonnenschein wird er aber zum Park umfunktioniert: Picknicken, Fußballspielen oder Sonnen – hier fällst du damit nicht auf.
Geschichte
979
Stadtgründung
1100–1600
Aufstieg zur Handelsmetropole
1695
Zerstörung durch Ludwig XIV.
1830
Aufstand gegen die Vorherrschaft der Protestanten: In Brüssel beginnt die Belgische Revolution
21.Juli 1831
Belgien wird unabhängig, Leopold I. belgischer König und Brüssel Hauptstadt
1940
Im Zweiten Weltkrieg wird Brüssel von den deutschen Besatzungstruppen als Hauptquartier genutzt
1958
Brüssel richtet die Expo aus, das Atomium entsteht
1997
Brüssel wird EU-Hauptstadt
22.März 2016
Am Flughafen und in der Metrostation Maalbeek töten islamistische Selbstmordattentäter 35 Menschen
2021
Nach der Coronakrise wird Brüssel grüner und fußgänger- und radfahrerfreundlich umgebaut
2024–2030
Bis zum Jubiläumsjahr 2030 (200 Jahre unabhängiges Belgien) werden viele Kulturorte und die Infrastruktur generalsaniert
Stadt der tausend Zentren
In Brüssel haben die meisten Kulturkreise quasi ihr eigenes Stadtzentrum: die Portugiesen zum Beispiel in Ixelles rund um den Bahnhof Germoir, die Kongolesen in Matongé und die Marokkaner in Schaerbeek und Molenbeek. Teilweise ändern sich die dominierende Sprache und der Kleidungsstil auf der Straße innerhalb weniger Bushaltestellen so drastisch, als sei man einige Stunden geflogen. Manche mögen das als Parallelwelten bezeichnen, in Brüssel aber wird das pragmatisch gesehen. Leben und leben lassen – wenn die Gegensätze manchmal doch hart aufeinander prallen, läuft das zumeist harmonisch ab und sorgt für das spezielle Brüsseler Metropolenflair. Etwa wenn sich die Polen nach der Sonntagsmesse in der Notre-Dame de la Chapelle mit dem brusseleir schwatzenden Urgestein des Marolles-Viertels mischen oder die liturgischen Gesänge aus der orthodoxen Kathedrale an der Avenue de Stalingrad den Singsang in arabischen Teestuben übertönen.
Einheitlich uneinheitlich
Der Brüsseler Individualismus zeigt sich auch im Stadtbild: Ständig wird abgerissen, renoviert, neu gebaut – doch das bitte nicht einheitlich. Daher steht Neu neben Alt, Hoch neben Niedrig und Schön neben Schäbig. Verwirrung stiftet auch die Teilung in Ober- und Unterstadt. Die Oberstadt ist pariserisch, großbürgerlich mit exotischen Einsprengseln wie dem kongolesischen Matongé-Viertel. Die volkstümliche Unterstadt erstreckt sich diesseits und jenseits des Kanals. Einst war der Wasserweg, an dem viele ärmere Zuwanderer wohnten, eine echte Demarkationslinie. Aber die Gentrifizierung hat es in den vergangenen Jahren über den Kanal geschafft. Vor allem in Molenbeek, dem nach den Terroranschlägen von 2016 so in Verruf geratenen Stadtteil, entsteht gerade viel Neues. Alte Fabriken und Lagerhäuser werden zu Galerien, Showrooms, Musikclubs und Lofts, schäbige Wohnkasernen weichen schicken Apartments und Bürokomplexen.
Bier? Unbedingt - aber Vorsicht!
Brassage heißt diese Mischung der Gegensätze in Brüssel – passenderweise ein Begriff aus dem Brauereiwesen. Denn beim Trinken erkennt man die echten Brüsseler. Bloß kein Pils! Brüsseler schätzen neben der einheimischen gueuze die starken Abteibiere – für Besucher ist allerdings beides mit Vorsicht zu genießen. Gueuze ist ein Gemisch aus jungem und älterem lambic, also saurem, obergärigem Bier – und nicht jedermanns Geschmack: Die einen finden, es würde wie Champagner schmecken, die anderen erklären, es sei schlichtweg ein saures Bier. Abteibiere hingegen schmecken süßer und sind deswegen massentauglicher – aber sei gewarnt: Wegen der Süße schmeckt man den enormen Alkoholanteil von bis zu 13 Prozent nicht heraus. Wer um Bier einen Bogen macht, dem sei der beliebte Aperitif half-en-half empfohlen, eine Mischung aus Sekt und Weißwein. Auch Champagner sowie Burgunder wird viel getrunken, und in den Hipsterbars der Brussels Bubble fällst du mit Aperol Spritz oder Gin Tonic am wenigsten auf.
Glanz mit Patina
Dass Brüssel schon lange vor der Zeit als EU- und Nato-Sitz eine schillernde Metropole war, davon zeugt die herrliche Grand-Place mit Rathaus und prächtigen Zunfthäusern. Mit Luxusgütern wie golddurchwirkten Tapisserien oder feinsten Spitzen scheffelten die Brüsseler einst viel Geld. Enorm selbstbewusst trotzten sie schon früh den Landesherren weitgehende Freiheitsrechte ab. Alle Wege führen zur Grand-Place – und das ist auch wörtlich zu nehmen: Im Innenhof des Rathauses prangt ein Stern. Von hier aus werden die Entfernungen bis zur Landesgrenze gemessen. Doch auch am Paradeplatz der Hauptstadt finden sich Brüsseler Brüche: Ein paar Straßen hinter dem „schönsten Theater der Welt“ (so der französische Autor Jean Cocteau) warten Spielhöllen und Sexbars auf Kundschaft.
Belgische Offenheit
Aber auch Lebenslust und Offenheit sind Kennzeichen der Brüsseler Bürger. Märkte, vom Antiquitäten- und Flohmarkt bis zu bunten Viktualien- und Biomärkten, verführen viele am Wochenende zum Flanieren. Sie schauen, kosten und trinken am Rand ihren apéro, kaufen himmlische Törtchen für die Teestunde oder den Nachtisch. Beim Schlendern durch die Straßen offenbaren sich auch die Schätze der Stadt. Zu ihnen zählen die zahlreichen Jugendstilbauten. Sogar Schulen, Hallenbäder und Lagerhäuser wurden im Art-déco-Stil entworfen. Denn der Jugendstil wurde in Brüssel erfunden. Er entsprach dem Temperament der Stadt, in der Freimaurer und Liberale, freigeistige Juden und revolutionäre Exilanten eine fruchtbare Symbiose bildeten. Zur Offenheit kam der Reichtum aus den wallonischen Industriebecken und Brüssels Banken hinzu. Ebenfalls typisch Brüssel: Hinter vielen prächtigen Fassaden wurden während der deutschen Besatzung 1940–44 zahllose Juden, politische Flüchtlinge und Widerständler versteckt und gerettet. Dieses Brüsseler Ethos wirkt noch immer: Illegale Einwanderer werden ärztlich versorgt und für ihre Kinder gilt sogar die Schulpflicht.
Leher aus der Kolonialzeit
Diese Haltung hat ihren Hintergrund in der wenig rühmlichen Kolonialgeschichte Belgiens: Dem Kongo verdankt die Hauptstadt Grandeur und Grün. König Leopold II., der das Reich am Äquator Ende des 19.Jhs. erwarb, weil er sich neue Absatzmärkte, aber auch neue Rohstoffquellen davon erhoffte, steckte die Gewinne aus der Ausbeutung der riesigen Kolonie in die prunkvolle Stadterweiterung von Brüssel: in den Bau des Triumphbogens im Parc du Cinquantenaire oder des schlossähnlichen Afrika-Museums in Tervuren, in prächtige Alleen und weitläufige Parks, in denen Bürger wie Arbeiter sich entspannen sollten. Heute braust über die Avenuen der Großstadtverkehr, locken die Parks die Au-pair-Mädchen der Oberschicht und marokkanische Matronen mit ihrer Kinderschar, Jogger und Fußballspieler.
Stadt für alle
Doch die Leichtigkeit des Brüsseler Seins wurde 2015 und 2016 schwer erschüttert: Erst durch die Terroranschläge in Paris, die von Brüssel aus organisiert wurden, dann schlug dieselbe Terrorzelle in Brüssel zu und tötete 35 Menschen. Eine Zäsur für die Stadt, die bis heute Narben hinterlassen hat. Aber Brüssel hat daraus auch Kraft gezogen, um sich von Grund auf zu verändern. Heute sind viele der alten Problemviertel neu gestaltet, ganz bewusst werden Bevölkerungsgruppen besser durchmischt, neben arabischen Gemüseläden sind Biosupermärkte und schicke Wohnungen entstanden. Viele neue Grünflächen und Spielplätze verschaffen der Stadt mehr Luft zum Atmen und dazwischen erobern die Terrassen der Cafés immer mehr Raum. Die Botschaft ist klar – und ein bisschen trotzig: Die Leichtigkeit will sich Brüssel nicht nehmen lassen. Und dabei sollen alle mitgenommen werden. Die 180 verschiedenen Nationalitäten der Stadt leben hier miteinander, nicht nur nebeneinander. Wenn du dich einlässt auf das kosmopolitische Flair, neugierig und offen bist und über kleinere Probleme großzügig hinwegblickst: Dann passt du wunderbar nach Brüssel. Bienvenue! Welkom!
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Nicht nur das Rathaus an der Grand’ Place ist hier mächtig prächtig, auch die Cathédrale Saint-Michel bietet unter herrlichen Gewölben viel fürs Auge. Und in den eleganten Galeries Saint-Hubert kannst du heute so flanieren wie es früher nur dem Adel und Großbürgertum erlaubt war. Das ist dir alles zu protzig? Dann mach ein Selfie mit dem Manneken Pis oder besuche bei einem Stadtspaziergang Tim, Struppi und die anderen Comic-Helden, die dir von vielen bunten Hausfassaden entgegenlachen.
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