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In Krakaus Gesicht spiegeln sich die Jahrhunderte. Aber von steifer Museumsatmosphäre keine Spur: Die Metropole an der Weichsel steckt voller Energie und fast südländischer Lebhaftigkeit.
Die Magie einer Märchenstadt
Es scheint, als lägen über der Stadt gleich mehrere Zauber. Einer, der sie jahrhundertelang vor der Zerstörung durch Eroberer und feindliche Mächte schützte. Einer, der sie im 14.und 15.Jh. zu einem der wichtigsten geistigen Zentren Europas machte. Und einer, der das Juwel an der Weichsel heute zur wohl am häufigsten besuchten Stadt Polens macht. Krakaus besondere Atmosphäre, ein Mix aus Kultur und prallem Leben, aus Historie und Moderne, aus Zukunft und Legenden, lockt Jahr für Jahr mehr Gäste, die auf den Spuren von Kopernikus spazieren, Festivals miterleben und auf Zeitreise inmitten unvergänglicher Architektur gehen wollen. Oder das Leben genießen, in Restaurants, Cafés und Clubs, die sich nicht vor denen größerer Metropolen verstecken müssen.
Unzerstörte Schönheit
Krakau hat ein großes Herz. Genaugenommen ist es eines der größten der Welt: Der Rynek Główny, der Marktplatz im Zentrum der Altstadt, misst 200 mal 200 m, eine Fläche, die allein schon durch ihre Weite inmitten des schachbrettartig angelegten Häusermeers beeindruckt. Umgeben ist das Herz Krakaus von reiner Schönheit, von Häusern und Gebäuden aller Architekturstile und aus allen Jahrhunderten. Denn die Metropole hat die letzten 800 Jahre praktisch unzerstört überstanden. Und ist dabei alles andere als ein Museum: Auf dem Marktplatz konzentriert sich das Leben, hier treffen sich die Krakauer, hier ist das meiste los, bis tief in die Nacht – und tief unter der Erde.
Geschichte
957
Erste schriftliche Erwähnung
1257
Stadtgründung
1364
Gründung der Universität
1385–1596
Glanzzeit als Hauptstadt der polnischen Monarchie unter der Herrschaft der Jagiellonen
1489
Der Bildhauer Veit Stoss beendet die Arbeit am Altar der Marienkirche
1734
Letzte Königskrönung
1815-1846
Freie Stadt, politisch und ökonomisch autonom
1850
Großer Stadtbrand
1941
Jüdisches Ghetto in Podgórze
1947
Baubeginn des Stahlwerks Nowa Huta
1978
Altstadt und Wawel werden Weltkulturerbe
2013
Unesco-Literaturstadt
2022
Mehr als 120 000 Geflüchtete zu Beginn des Ukraine-Kriegs
2023
Bei den Parlamentswahlen wird die rechtskonservative Partei PiS abgewählt
In den Gewölben unter den Straßen tobt das Leben
Denn eine ganze Reihe der mehr als 100 Cafés, Restaurants, Bars und Clubs rund um den Rynek Główny, die Krakaus Kreislauf vor allem in warmen Sommernächten auf Hochtouren bringen, liegen in urigen Kellergewölben aus Backstein unter der Straße. Die Lebensadern Krakaus reichen tief: Wie in vielen alten Metropolen veränderte sich im Lauf der Jahrhunderte durch Aufschüttung und Überbauung das Niveau der Stadt, Erdgeschosse wurden zu Kellergeschossen. Wie diese unterirdische Welt aussieht, kannst du beim Bier in den historischen Keller erleben: Mach es wie die Krakauer, die einfach gerne ausgehen – zu jeder Tageszeit sind die Lokale voll. „In Warschau“, sagt man, „wird gearbeitet, in Krakau gelebt.“
Wo Dichter, Musiker und Maler virtuos wirken konnten
Dass die ungeliebte Schwester vor 400 Jahren mit dem Umzug des Königshofs auch die Hauptstadtwürde bekam, hat Krakau nur schwer verwunden. Doch die Stadt kompensierte den Sturz in die relative Bedeutungslosigkeit auf ihre Weise: Sie wurde zur Magischen, zur Bewahrerin von Geschichten und Legenden, zur Mäzenin von Dichtern, Musikern und Malern. Dass Krakau heute als Polens Kulturhauptstadt gilt, liegt also nicht nur an der Pracht ihrer architektonischen Schätze, die dem gesamten Zentrum das Prädikat des Unesco-Weltkulturerbes einbrachten. Es sind auch die – in Relation zur Einwohnerzahl von rund 800 000 vielen – Theater, Konzertsäle, Galerien und Museen, die diesen Ruf unterstreichen. Dazu kommt eine Jazzszene, die von Kennern nur noch mit der von New York verglichen wird. Und dann ist da noch die Klezmermusik, die traditionelle jüdische Volksmusik, die lebendig ist wie eh und je und die Bedeutung Krakaus als ehemaliges Zentrum jüdischen Lebens in Europa unterstreicht.
Niemals vergessen - und doch ins heute aufbrechen
Das jüdische Erbe konzentriert sich auf Kazimierz, eine bis 1800 unabhängige Stadt. Das friedliche Miteinander mit den katholischen Nachbarn endete erst mit der deutschen Besetzung Polens 1939: Nur rund 5000 der 60 000 in Kazimierz ansässigen Juden überlebten die nationalsozialistischen Gräuel. Regisseur Steven Spielberg setzte mit seinem Film „Schindlers Liste“ dem Leiden der Krakauer Juden – die 1939 25 Prozent der Einwohner stellten – und dem Industriellen Oskar Schindler, der mehr als 1100 Zwangsarbeiter vor der Ermordung rettete, ein Denkmal. Heute hat sich Kazimierz seine ganz eigene Atmosphäre bewahrt, wie überall in Polen wächst auch hier die jüdische Gemeinde. Es ist ein junger und hipper Bezirk, beliebt bei Studenten und Künstlern, angesagt bei Nachtschwärmern und Szenegängern, die in Kneipen und Cafés die Sommernächte durchfeiern und auf Flohmärkten nach Retro-Chic stöbern.
Universitätsstadt mit großer und reicher Geschichte
Überhaupt zeichnet sich das jahrhundertealte Krakau durch jugendliche Frische aus. Mit rund 130 000 Studierenden – demografiebedingt ist die Zahl seit Jahren rückläufig – ist es eine junge Stadt. Die staatlichen und privaten Hochschulen existieren neben der ältesten Universität des Landes, die gleichzeitig auch eine der ältesten der Welt ist: Ihre Gründung fällt ins Jahr 1364.Der Wawel- Hügel, mit dem Schloss und der Kathedrale einer der touristischen Höhepunkte der Stadt, war bereits vor über 50 000 Jahren besiedelt. Ab 1400 v. Chr. ist die Salzgewinnung in der Krakauer Umgebung nachgewiesen.
Handel und Wandel
Im Jahr 965 dann wird die Stadt das erste Mal schriftlich erwähnt, ein Zeichen dafür, dass sich die Siedlung auf dem Wawel-Hügel zum bedeutenden Handelsplatz am Kreuzungspunkt wichtiger Straßen entwickelte. Krakau wuchs, wurde zum Bischofssitz und zur Hauptstadt, musste im 13.Jh. aber auch verheerende Überfälle der Tataren überstehen. Im 15.und 16.Jh. erlebte Krakau seine Glanzzeit, die sich besonders in der prachtvollen Renaissancearchitektur widerspiegelt. Die Stadt zog Künstler, fortschrittliche Denker und Gelehrte an. Nikolaus Kopernikus etwa, der Jahre später ein neues Weltbild entwerfen sollte, studierte bis 1494 an der Universität.
Kirchen voller Schätze
Über 400 Sehenswürdigkeiten finden sich innerhalb der Planty, eines Rings von Grünanlagen rund um die Altstadt. Dazu gehören alte Bürgerhäuser, Paläste der Aristokratie, berühmte Museen mit Sammlungen internationaler und polnischer Kunst und nicht zuletzt 17 Kirchen. Besonders die Zahl der Gotteshäuser, die von Königen, Adel und wohlhabendem Bürgertum gestiftet wurden, ist ein Symbol des Reichtums. Die Kirchen bergen weltberühmte Schätze wie den Altar in der Marienkirche, der vom Bildhauer Veit Stoß geschaffen wurde, und ziehen Kunstliebhaber und Pilger an.
Ein Stahlwerk als Bollwerk gegen die Bourgeoisie
Krakau war schon immer auch Zentrum des religiösen Lebens in Polen. Als Bistum und Krönungsplatz der polnischen Könige spielte es eine besondere Rolle. Oft wird es „päpstliche Stadt“ genannt, obwohl Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II., nicht hier, sondern in Wadowice zur Welt kam. Allerdings verbrachte er mehr als 40 Jahre in Krakau und prägte es auf besondere Weise, indem er sich gegen das religionsfeindliche, sozialistische Regime im Nachkriegspolen stellte. Überhaupt: Krakau und der Sozialismus. Extremere Gegensätze hätte es nicht geben können. Da die Stadt der Liberalen, der Frei- und Andersdenker, dort das Regime, das für diese bourgeoisen Tendenzen in einer klassenlosen Gesellschaft keinen Platz sah. Also ließen die Machthaber den Stadtteil Nowa Huta und das dazugehörige Stahlwerk aus dem Boden stampfen, um den bürgerlichen Widerstand durch die Ansiedlung proletarischer Arbeiter zu brechen. Doch das Gegenteil war der Fall: Ausgerechnet die Arbeiter und ihr Festhalten an der katholischen Kirche waren es, die am Ende das System zu Fall brachten.
Studenten und Touristen prägen heute Krakaus Gesicht
Die Stahlfabrik ist Geschichte, die Umwälzungen durch das Ende des Sozialismus und die Öffnung des Landes in den 1990er-Jahren sind längst verarbeitet. Krakau lebt heute von den großen Touristenströmen, vom Dienstleistungssektor und von der Universität. Die Stadt ist der größte Arbeitgeber der Region, ihre Arbeitslosenquote liegt seit Jahren – mit aktuell um die 2,5 Prozent – unter dem landesweiten Durchschnitt. Nach Ende der Corona-Pandemie sind auch die Touristen zurückgekommen, Millionen besuchen nun wieder Leonardo da Vincis „Dame mit dem Hermelin“, bewundern die Tuchhallen auf dem Marktplatz oder schlendern durch Nowa Huta und Kazimierz. Die Krakauer wissen, dass sie in einer besonderen Stadt leben – und sind sehr stolz auf sie. Sie lieben und kultivieren ihre Geschichte und Traditionen und sie können sie tagelang feiern, ob der Grund nun weltlich oder religiös sein mag. Man sagt den Krakauern aber auch nach, dass sie sehr sparsam, um nicht zu sagen geizig seien. Das mag vielleicht stimmen, aber sie sind auf jeden Fall gastfreundlich und weltoffen. Das haben sie auch zu Beginn des Ukraine-Kriegs gezeigt und zeigen es immer noch: Rund ein Viertel der Krakauer Einwohner sind ukrainische Geflüchtete.
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