NeuseelandDer Pinguinmann

Der Pinguinmann

Jim, der Pinguinmann, trägt eine Weste mit sehr vielen Taschen und einen Stoffhut, um die helle englischstämmige Haut vor der starken neuseeländischen Sonne zu schützen. Die scheint heute zwar, aber trotzdem ist es kalt, zu kalt jedenfalls für mein Empfinden dafür, dass ich mich auf einer Insel tief unten auf der Südhalbkugel befinde. 

Jim sieht selbst ein bisschen wie ein Pinguin aus, lange Nase in einem langen Gesicht, freundliche kleine Augen, schmale, nach unten hängende Schultern. Seit 25 Jahren kümmert Jim sich um seine Gelbaugenpinguine. Die leben im Unterholz eines steilen Abhangs direkt am Strand hinter Oamaru auf der Südinsel. Jim macht Führungen, jeden Tag zwei, und trotzdem klingt er, als wären wir die allererste Gruppe, denen er etwas über seine Pinguinkolonie erzählt. Damals, als er anfing, waren es nur fünfzehn, heute sind es fast doppelt so viele. Er klingt stolz und besorgt.

Wir laufen einen schmalen Pfad am Abhang entlang und bleiben stehen, als Jim uns ein verlassenes Nest zeigt. Ich bin ganz vorn und schaue gerade in die andere Richtung, da sehe ich ihn, einen einsamen Pinguin, durchs Gebüsch watscheln. Um ihn nicht zu erschrecken, mache ich kein Geräusch, wedle nur mit den Händen, und Jim schaut auch und freut sich und sieht aus, als würde er am liebsten in die Hände klatschen: Das ist das Weibchen, es geht jetzt heim zum Nest, sagt er, sie wechseln sich ab mit Jagen und Brüten, einer bleibt beim Nest, der andere bringt Nahrung nach Hause. Elternzeit im Reich der Pinguine.

Ehrfürchtig folgen wir Jim den Pfad entlang, und da ist es, das Nest, eine Erdkuhle unter schattigen Büschen, denn zum Brüten, erklärt Jim, brauchen sie Schatten und Kühle, seine Pinguine, deswegen ist das Gelände eingezäunt worden, damit die Schafe, Kühe und Pferde die Büsche nicht wegfressen und die Pinguine in Ruhe brüten können. Wie ein stolzer Vater erzählt er, die Jungen sind vor sechs Stunden geschlüpft, und tatsächlich, unter dem weißen Bauch des zweiten stolzen Vaters, der heute mit Aufpassen dran war, ist etwas graues, flauschiges zu sehen. Jim sagt, er kann es gar nicht ertragen, wenn die Eltern sich bewegen, denn manchmal treten sie versehentlich auf ihre Babys, und seht euch doch nur an, wie groß die Füße sind, manchmal findet er tote Pinguinküken und hat er keine andere Erklärung, als dass die Eltern sie versehentlich totgetreten haben. Er kann gar nicht hinsehen, bewegen sie sich noch?

Ja, sie bewegen sich. Das brütende Pärchen tauscht Schreie aus und beknabbert sich gegenseitig ausgiebig die Federn. Das sieht zärtlich aus. Jim erzählt, das Pinguinweibchen hatte einen anderen Partner, aber der hat wohl nicht gut genug auf sein Weibchen aufgepasst und es ist ihm entwischt zu einem anderen, und ist das nicht fast wie bei den Menschen? Überhaupt findet er, dass sie sich nicht so unähnlich sind, die Menschen und die Pinguine. Die Jungen, wenn sie erwachsen werden, gehen auf Wanderschaft, bleiben ein Jahr weg oder zwei und kehren erst an ihren Geburtsort zurück, wenn sie selbst eine Familie gründen. Das klingt doch vertraut, meint er und muss es wohl wissen, I raised three children.

Die Pinguine nicht mitgezählt. Aber das denke ich nur und finde ihn sehr sympathisch.

Jim spornt uns zum Fotografieren an, wahrscheinlich gefällt es ihm, wenn seine Pinguinkinder später in möglichst vielen Fotoalben zu bewundern sind. Wir dürfen sogar mit Blitz. Ich staune. Gestern Abend durfte man nicht. In Oamaru gibt es nämlich noch eine zweite Pinguinkolonie direkt im Ort, dort muss man in Eintritt zahlen und einen Shop voller Souvenirs durchqueren, dann schaut man von Holzbänken aus einer anderen Art mit dem netten und irgendwie kindlichen Namen kleiner blauer Pinguin beim Heimkommen in die Brutkästen zu. Ich frage Jim, wieso dürfen wir hier und sogar mit Blitz? Er schnaubt verächtlich. Klar. Sie wollen, dass du ihre Postkarten kaufst. Er will keine Postkarten verkaufen und keine Stoffpinguine und Schlüsselanhänger. Er macht echten Ökotourismus, so ist das.
Ich staune wieder. Zwei konkurrierende Pinguinkolonien im gleichen kleinen Ort.

Die Pinguine lässt das kalt. Denen wird nur warm, wenn sie sich den steilen Abhang zu ihren Nistplätzen hinaufarbeiten müssen. Dann machen sie sich lang, plustern ihre Federn auf, um Luft drunter zu lassen, und strecken ihre Flügel weg.

Und apropos warm: Auf dem Heimweg denke ich darüber nach, dass ich unter anderem ein luftiges Strandröckchen und Shorts und T-Shirts eingepackt, weil ich doch auf die Südhalbkugel geflogen bin. Und jetzt schaue ich Pinguinen beim Watscheln zu. Mal wieder den Reiseführer vorher nicht gelesen. Aber macht nichts. Die Pinguine habe ich ja auch so gefunden, überall stehen Schilder. Denn die Kolonien sind der ganze Stolz nicht nur von Jim, sondern von ganz Oamaru.

von Gundi Herget

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