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Reiseführer
Capri

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Capri-Ort ist der ebenso elegante wie traditionsreiche Mittelpunkt der Insel

Zum eigentlichen Kern des Ortes Capri führt eine Standseilbahn vom Hafen Marina Grande zwischen Weingärten und schlichten weißen Flachdachhäusern 142 m schnurstracks den Hügel hinauf.

Schon befinden Sie sich am Glockenturm und, gleich dahinter, auf der anmutigen, von Caféterrassen gesäumten Piazza Umberto I., der Piazzetta - tagsüber trubelreicher Treffpunkt der Eleganz und Extravaganz aus aller Welt. Vor 9 Uhr gehört der charmante Platz noch ganz den Einheimischen: Hier genießen Angestellte und Handwerker ihren Espresso, einige lesen den Lokalteil ihres „Mattino“, andere halten ein gemütliches Schwätzchen, grüßen vorbeihuschende Kollegen oder blinzeln zufrieden in die Sonne. Das Idyll vor dem Ansturm. Gegen halb zehn Szenenwechsel: Die ersten Tagestouristen aus Neapel oder Sorrent belagern die Piazzetta. Mal sind es Amerikaner, mal Deutsche oder Japaner, und neben russischen Reisegruppen wurden sogar indische gesichtet. Aus aller Herren Ländern kommen sie. Alle wollen Capris Flair erhaschen - und wenn es auch nur für einige Stunden ist. Die Piazzetta ist stets die erste Station. Auch weil die schönsten Flanier- und Spazierwege hier an diesem Engpass beginnen und sich erst dann gabeln. Alle müssen zwangsläufig hier vorbei. So laviert man sich über das Plätzchen, bis gleich die nächste Reisegruppe diesen aparten Raum wieder füllt. Doch keine Angst: Wer nicht zu den Tagestouristen gehört, hat von der Dämmerung bis tief in die Nacht hinein Gelegenheit genug, hier im „Salon“ Capris zu verweilen, das Kommen und Gehen der Residenten und Stammgäste zu beobachten und dabei den spezifischen Inselzauber auf sich wirken zu lassen.

Um die Piazzetta herum drängen sich auch die weiß getünchten Häuser der engen Altstadt. Schatten spendende Bogengänge, schmale Gassen und Treppen, mit Bougainvilleen berankte Häuser, von üppiger mediterraner Vegetation umgebene Villen prägen das Ortsbild. Kein Hochhaus weit und breit, keine augenfeindliche Leuchtreklame. Sogar die Bummel- und Boutiquengasse Via Camerelle hält sich diskret. Der Ort Capri selbst (rund 7300 Ew.) dehnt sich östlich über die steilen Hügel des Monte Tuoro (262 m) weiter bis zum Monte Tiberio (335 m). Südlich erstreckt er sich bis zum Badestrand von Marina Piccola hinunter.

Die Inselarchitektur hat ihren ursprünglichen Charakter größtenteils bewahrt. Die in die saftig grüne Landschaft eingebetteten viereckigen Häuser bilden einen scharfen Kontrast zu den dramatisch-schroffen Felsen. Der Ort Capri ist eine reine Augen-, aber auch eine Ohrenweide. Anstelle von rumorenden Autos und Mopeds nur dezent surrende Elektrokarren: eine wohltuende Fußgängeroase, die zu den schönsten Spaziergängen verführt. Sogar Fahrräder wären hier fehl am Platz wegen der Höhenunterschiede und der vielen Treppen. Atemberaubende Ausblicke, wohin man nur schaut: Geht man etwa entlang der Via Pizzolungo spazieren - zwischen Punta Tragara und Punta Massullo -, wird man jäh von der Magie dieser imposanten Natur erfasst. Angefangen von den drei aus dem Meer ragenden Faraglioni - wuchtigen Klippen - bis zu einem Felsvorsprung, auf dem einsam die rote Villa Malaparte thront.

Die am besten erhaltenen Ruinen aus der Regierungszeit des römischen Kaisers Tiberius sind die eindrucksvollen Mauern seiner Residenz, der Villa Jovis, am äußersten Nordostzipfel der Insel. Einmalig die Lage mit Rundblick aufs Meer, mächtig die in mehreren Stockwerken emporragende Palastruine. In der Nähe der Loggia, wo Tiberius im Schatten wandeln konnte, steht eine kleine Kapelle. Auf der Aussichtsterrasse davor ragt eine bronzene Madonnenstatue gen Himmel.

Aus der römischen Kaiserzeit stammen auch die unter dem Namen Palazzo a Mare bekannten Ruinen in der Nähe von Marina Grande. Ihre ausgedehnten Terrassenanlagen ließen die Forscher vermuten, es handele sich um eine Villa, die Kaiser Augustus als Sommeraufenthaltsort gedient habe. Von der beliebten Badeanstalt Bagni di Tiberio aus kann man die Überreste noch sehr gut erkennen.

Auf dem Weg zu den Augustus-Gärten liegt auch das ehemalige Zentrum des geistlich-christlichen Lebens auf Capri: die auffallende Kartause San Giacomo mit ihren hübschen Kuppeldächern. Kirchliche und weltliche Begebenheiten verstricken sich in der Feudalzeit in Capris Geschichte genauso wie anderswo in Europa. Capri wird schon im Jahr 987 zum Bischofssitz, gleichzeitig endet damit auch die weltliche Oberherrschaft von Sorrent. Danach ist das Schicksal Capris mit jenem von Amalfi verbunden, unter der sich nacheinander ablösenden Herrschaft von Langobarden, Normannen, Staufern, dem Haus Anjou und den Aragoniern. Mit der Ankunft der Kartäusermönche und dem Bau der erwähnten Kartause im 14.Jh. beginnt deren örtliche Vorherrschaft. Heute ist das Kloster mit seiner gotischen Kirche und seinen - nach der Brandschatzung durch den mohammedanischen Piraten Dragut (1553) - restaurierten Kreuzgängen ein lebendiges Kulturzentrum der Stadtgemeinde von Capri. So dient der große Kreuzgang in den Sommermonaten als Kulisse für klassische Konzerte, Ballettabende oder auch für Modenschauen.

Capri hat immer schon Ästheten in seinen Bann gezogen. Das liegt einerseits an seiner spannungsgeladenen Natur, die andererseits gepaart ist mit einer freundlich-friedlichen Häuserarchitektur, die entspannend wirkt. So haben auf Capri unzählige Schriftsteller, Künstler und auch von der restlichen Welt Unverstandene Zuflucht, Zuneigung, oft auch ein Zuhause gefunden. Hier darf man (sich aus-)leben - vorausgesetzt, man geht liebe- und respektvoll mit den Capresen um.

Die Einheimischen verstehen heute mehr denn je zuvor, dass sie den kultivierten Wahlcapresen inzwischen ihr eigenes Kulturbewusstsein verdanken. Aus dem einstigen Fischer- und Bauernvolk hat sich ein engagiertes Bildungsbürgertum entwickelt. Immer mehr Capresen studieren, reisen ins Ausland, lernen Sprachen und arbeiten gern - nicht nur im rentablen Hotelgewerbe. Dieses gastfreundliche Umfeld trägt zusätzlich dazu bei, dass Capri immer noch Treffpunkt der feinen - auch das Private liebenden - Gesellschaft ist. Geldschwere Saudis und russische Industriemagnaten ankern alljährlich mit ihren bis zu 100 m langen Maxiyachten, Wirtschaftsbosse suchen zur Erholung stille Buchten auf, Regisseure und Filmstars können hier (fast) inkognito bei Kerzenschein dinieren und den Abend ungestört genießen.

Viel Prominenz hat auf Capri ihr zweites Zuhause. Seit Jahrzehnten lebt hier Wanda Ferragamo, die Witwe des Firmengründers. Ihre luxuriöse Villa an der Marina Piccola entspricht dem exklusiven Ambiente ihres Modeimperiums. Auch Modepäpste wie Rocco Barocco oder Diego della Valle haben hier längst ihre noblen Zelte aufgeschlagen. Die Swarovski-Familie, Erben der Kristalldynastie, tankt regelmäßig in ihrer Traumvilla auf Capri Energie auf. Die VIP-Liste ließe sich endlos fortsetzen, doch: Discrétion obligé!

Für die Capresen ist nicht nur die Privatsphäre der Wahlcapresen oder der Besucher oberstes Gebot. Sie sind stolz auf ihre Insel und möchten, dass man sie wiederum genauso mit gebührendem Respekt behandelt. An vielen Mauern und Hauswänden erscheint - kunstvoll handgemalt auf Majolikafliesen in Gelb und Blau - ein Spruch: „La pulizia ed il silenzio sono indici di civiltà. Rispettiamoli“ (Sauberkeit und Stille sind Zeichen der Zivilisiertheit. Respektieren wir sie). Auch dies gehört zum diskreten Charme Capris.