Ostseeküsten-Radweg Wilde Rosen auf dem Darß

Wir machen blau, so blau wie die Ostsee: eine Genuss-Radtour von Heiligendamm über Rostock-Warnemünde bis nach Stralsund.

Gute Hanglage: Der Radweg an der Ostseesteilküste zwischen Wustrow und Ahrenshoop führt direkt auf der Gesteinswand entlang – erstklassige Sicht ist also garantiert. | © www.mecklenburger-radtour.de

Schon am Grand Hotel in Heiligendamm verlieren wir die Zeit aus den Augen

Der Sand ergießt sich an den Strandzugängen von den Dünen auf den Radweg. Wenn man vom Fahrrad steigt und zum Meer läuft, sinken die Füße tief ein, fast bleibt man stecken. Auf den Dünen wachsen vom Wind gekämmte Pflanzen – Sanddorn, Strandhafer und wilde Rosen. Das Meer, bei Dier­hagen auf dem Fischland von Holzbuhnen in Schach gehalten, ist aufgewühlt und fast gletschergrün – so wild und so schön, dass man Herzklopfen bekommt. Aber leider ist es heute etwas zu kühl, um zu baden. Der Bikini bleibt in der Satteltasche.

Wir radeln auf dem Ostseeküsten-Radweg – eine Genuss­tour mit Freunden. Startpunkt ist Heiligendamm, von dort wollen wir in zwei Tagen über die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst bis nach Barth. Eigentlich ist der Fernradweg länger: Er führt über 1.095 Kilometer von Flensburg nach Mecklenburg-Vorpommern und von dort bis nach Ahlbeck auf Usedom. Schon am Grand Hotel in Heiligendamm verlieren wir die Zeit ein wenig aus den Augen, schlendern über die Seebrücke, um einen besseren Eindruck von den Villen der „Weißen Stadt am Meer“ zu bekommen. Gut passen die beiden kleinen Mädchen ins Bild. Sie spielen vor dem Café auf der Wiese eine Partie Ball – in langen, weißen Kleidern.

Leichte Brise: Warne­münde bietet eine unverwechselbare Mischung aus Meer­geruch, Cafés, kleinen Läden

Und wenn man die Augen ein wenig zusammenkneift und den einen oder andereren Jetztzeit-Moment verschwinden lässt, dann ist man mittendrin in der noblen Sommerfrische des ausgedehnden 19. Jahrhunderts, als hier unter anderem die russische Zarenfamilie Urlaub machte. Wir lösen uns von dem schönen Bild und radeln los. Rechts wogen Getreidefelder, auf der glitzernden Ostsee begleiten uns Segelschiffe.

Geheimnisvolle Dämmerwelt voller Bäume

Bis plötzlich bei Nienhagen der Waldvorhang fällt. Es geht vom Taghellen in eine geheimnisvolle Dämmerwelt voller Bäume, der die Menschen den Namen Gespensterwald gegeben haben, vielleicht ja, um dem Wald auf diese Weise das Unheimliche zu nehmen. An nebelfreien Tagen ist das hier ohnehin eher ein Zauberwald: Die Stämme und Äste der bis zu 170 Jahre alten Eichen, Buchen und Hainbuchen sind knorrig gewachsen, verzweigen sich eigenartig. Als ob sie verharren, bis ein Zauberspruch sie von ihrem Bann erlöst. Weiter vorn zieht man die Steilküste, auf die man wie auf eine helle Bühne vom Zauscherraum aus schaut.

Mit ein paar anderen Aktivurlaubern werden wir irgendwann wieder aus diesem tiefen Wald gespült. Es ist eine wirklich bunte Mischung Menschen, die an schönen Wochenenden die Küste entlangradeln: behelmte Familien. Ältere Paare: sie mit Korb, er mit obligatorischer Fototasche vorn am Lenker. Und Einzelgänger mit sehr strammen Waden, die auch im Flachland das Mountainbike nehmen, um schneller zu sein. Wir sehen sie meist nur sehr kurz und bewegungsunscharf. Die Stimmung ist gut, weil Platz für alle ist. Eng wird‘s dieses Mal nur in Rostock-Warnemünde – wir haben uns zum Radeln das Hanse-Sail-Wochenende ausgesucht.

Ein bisschen schick und doch geerdet

So schieben wir die Fahrräder entlang der Uferpromenade in Richtung Hafen, versuchen niemanden zu knuffen und doch die besondere Stimmung in uns aufzunehmen: Warnemünde bietet eine unverwechselbare Mischung aus Meergeruch, Fischkuttern, Ausflugsbooten, Cafés und kleinen Läden. Ein bisschen schick und doch geerdet, immer mit einer leichten Brise. Von der Fähre aus schauen wir hinüber. Der Ostseeküsten-Radweg führt auf der anderen Seite des Flusses nun entlang der Hohen Düne, dann durch die Rostocker Heide nach Graal-Müritz, das wir sofort ins Herz schließen: Das kleine Seebad ist so normal und gemütlich. Und was dann folgt, ist sowieso herzzerreißend: Wildrosen, Dünen, ein weiter Horizont. Schön, sich vorzustellen, dass hier vielleicht einst Franz Kafka mit seiner Freundin Dora Diamant spazieren ging. Die letzten Kilometer bis zum Etappenziel Dierhagen, wo wir übernachten werden, sind ein Höhenflug.

Am nächsten Morgen geht es auf dem Fischland Richtung Ahrenshoop. Und wieder surren unsere Räder durch urwüchsige Dünenlandschaften. Ein Liegeradfahrer überholt uns singend. Zwei Badenixen huschen in zu großen Bademänteln über die Dünen. Und ein Junge nutzt den Wind und lässt sich auf dem Rad von einem Drachen ziehen – zumindest sieht es so aus. Das bunte Flatterteil ist groß, die Schnur am Lenker befestigt.

Die Künstlerkolonie Ahrenshoop liegt nicht am Radweg, und wir entscheiden uns gegen einen Besuch, trotz des Kunstmuseums, das dort eröffnet hat. Unser Ziel ist der Boddenhafen in Althagen, denn die Räucherei dort wurde uns wärmstens ans Herz gelegt. Und so hocken wir im Restaurant mit Blick auf den Hafen, genießen Räucherlachs und plaudern mit Fischer Andreas Schönthier über Touren mit seinen alten Holz-Zeesenbooten. Wie schön, dass man mit den Leuten an der Küste leicht ins Gespräch kommt! Man tauscht Fischrezepte aus, bekommt Tipps für lauschige Strandplätze und die Wegbeschreibung zum nächsten Hofcafé.

Durch herrliche Schilffelder führt unser Weg nun fernab der Straße am Bodden entlang – die Sonne scheint, die Welt ist wie frisch gewaschen. Und die Radtour bis Wieck auf dem Darß bietet gleich noch eine Besonderheit: Im Wald zwischen Born und Wieck wächst mannshoher Farn, und der ist ebenso märchenhaft wie die Dämmerung im Gespensterwald.

Die Ostsee hat viele Temperamente

In Wieck spekulieren wir auf einen Last-minute-Kuchen im Hotel Haferland – Genießertouren erfordern nach unserer Auffassung mindestens vier Kulinarikstopps am Tag. Es gelingt uns, noch kurz vor 18 Uhr ein Kaffeekränzchen auf der Terrasse zu veranstalten. Die Abfahrt zögern wir hinaus, weil wir wissen: Ab jetzt wird‘s sportlich, es liegen noch viele Kilometer vor uns. Prerow und Zingst erleben wir dieses Mal leider nur im Schnelldurchlauf – aber diese Tempowechsel an der Ostsee machen uns auch großen Spaß. Das Meer hat viele Temperamente – ist mal sanft, mal rau, mal spiegelglatt, mal wild, immer einnehmend. Und wir mit ihm: Vorher auf dem Darß hatten wir alle Zeit der Welt, jetzt treten wir schweigend im siebten Gang in die Pedale.

Abendstimmung am Boddenhafen in Barth. Durch die Glasfronten des Alten Speichers, wo wir übernachten werden, schauen wir aufs Wasser und genießen gebratenen Dorsch. Es ist beschlossene Sache: Morgen machen wir blau. So blau wie die Ostsee. Verlängern das Wochenende und radeln einfach weiter. Im Kranichzentrum in Groß Mohrdorf wollen wir einen Stopp einlegen, und von dort geht es stramm ans Ziel: In der von der UNESCO zum Welterbe ernannten Altstadt Stralsunds wird die Tour ausklingen. Auch wenn uns der Gedanke an die Endlichkeit des Genusses schwer fällt.

Noch viel mehr Meer

Auf den Geschmack gekommen? Der internationale Ostseeküsten-Radweg, zu dem auch die Etappen in Mecklenburg-Vorpommern gehören, ist unglaubliche 7.980 Kilometer lang und hat den Fachnamen „Euro Velo Route EV10“. Er führt einmal rund um die Ostsee durch Polen, Russland, das Baltikum sowie Dänemark, Finnland und Schweden. Prominente Stationen sind zum Beispiel St. Petersburg, Helsinki und Kopenhagen.

 

Text: Andreas Weise & Joachim Negwer


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