10 Fakten zum Wattenmeer Was krabbelt denn da im Watt?

Alles sechs Stunden verändert die Landschaft an der Nordseeküste ihr Gesicht. Ebbe und Flut wechseln sich ab, Muschelbänke, Salzwiesen und blühende Landschaften bieten vielen Lebewesen Nahrung. Mit rund 6500 Quadratkilometer Größe zählen die drei Wattenmeer-Nationalparks Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg zum UNESCO-Weltnaturerbe. Hier gibt's die wichtigsten Daten & Fakten.

Die wunderschöne Gegend an der Nordseeküste hat viele Gesichter - Muschelbänke, Salzwiesen und blühende Landschaften. | © Sabine Lubenow DUMONT Bildarchiv

Wissenswertes über das Wattenmeer

Das Wattenmeer

Die auf der Welt einzigartige Wattenmeerlandschaft reicht von der holländischen bis zur dänischen Nordseeküste. Mehr als die Hälfte ist der deutschen Küste vorgelagert. Dieser riesige Naturraum hat ökologische Funktionen, die nirgends sonst erfüllt werden. Mehr als 1500 Tierarten können nur im und durch das Wattenmeer existieren, vom Wattwurm über den Säbelschnäbler bis zum Seehund. 2009 erhielten das deutsche und das niederländische Wattenmeer den Status eines UNESCO-Welterbes, der dänische Teil soll folgen. Eines der Wahrzeichen der Region ist der wohl bekannteste Leuchtturm Deutschlands, die Nationalpark-Station Leuchtturm Westerhever mitsamt ihrem Nationalpark-Seminarhaus.

1985 wurde das schleswig-holsteinische Wattenmeer auf einer Fläche von 4410 Quadratkilometern zum Nationalpark erklärt und teilweise strengen Schutzbestimmungen unterworfen. Auf allen Inseln und Halligen kann man in den Informationszentren Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer mehr dazu erfahren. Das Nationalpark-Zentrum in Wyk auf Föhr informiert dazu mit einer sehenswerten Erlebnisausstellung; die Schutzstation Wattenmeer bietet auf Föhr, Amrum und Pellworm eine Fülle verschiedener Veranstaltungen und Führungen durch die einzigartige Natur des Weltnaturerbes an (www.schutzstation-wattenmeer.de).

Seit 1986 gilt für die Küste zwischen der Elbe- und der Emsmündung die Verordnung über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Dieser reicht von Cuxhaven bis zur Krummhörn und umfasst dabei auch den Jadebusen und die Ostfriesischen Inseln. Ausgeklammert bleibt dagegen der Dollart. Im Nationalpark gelten zahlreiche Einschränkungen für den Tourismus, die Landwirtschaft und die Fischerei, welche nach wie vor umstritten sind. Den einen gehen sie zu weit, den anderen nicht weit genug. Über das Gebiet informieren zahlreiche Nationalparkhäuser entlang der Küste und auf den Inseln.

Das Biosphärenreservat Hamburgisches Wattenmeer ist gleichzeitig Nationalpark, mit weitläufigen Sandbänken, Dünen, freien Wattflächen und Salzwiesen. Durch die Lage an der Elbemündung und das dadurch bedingte Nährstoffangebot gibt es eine individuenreiche Fisch- und Vogelwelt, allein 10.000 putpaare stark gefährdeter Seeschwalben auf Scharhörn und Niehörn. Seit 2011 zählt auch der Hamburgische Wattenmeer zum UNESCO-Naturerbe.

Mehr Infos unter www.wattenmeer-nationalpark.de

 

Wattführungen

Erforschen, was unter den Füßen krabbelt, dabei ganz viel frische Luft atmen und die unendliche Weite genießen – am besten erkundet man das Watt unter fachkundiger Führung.

An der Westküste gibt es etwa 100 Wattwanderführer. Eine Übersicht über Wanderungen und Erkundungstouren erhalten Sie beim Verband der Nationalpark-Wattführerinnen und Wattführer (Touren an der gesamten West­küste, spezialisiert auf ­Gruppen). www.wattenmeer-nationalpark.de

Auch in Ostfriesland werden Wattwanderungen mit lizenzierten Führern in den meisten Küstenorten angeboten. Besonders erlebnisreich sind die Wanderungen von Cuxhaven-Duhnen aus zur Insel Neuwerk, von Harlesiel zur Insel Spiekeroog, von Neßmersiel zur Insel Baltrum, von Norddeich zur Insel Norderney und von Bensersiel zur Insel Langeoog. Auskunft über die Ausflüge zu den Ostfriesischen Inseln geben Wattführer Martin Rieken (www.wattfuehrer-rieken.de) sowie die beiden Wattführer Eiltraut und Ulrich Kunth (www.wattwanderung-kunth.de).

 

Pflanzen im Watt

Auf den ersten Blick ist vor dem Deich alles gleich – schlichtes Grün bis zum Schlick. Grasen auf den Wiesen Schafe, mag dieser Eindruck stimmen. Denn wo Böcke, Schafe und Lämmer das Gras kurz halten, haben empfindliche Pflanzen kaum eine Chance. Durch Vertritt und Verbiss – so nennt es der Fachmann – wird die Flora der Salzwiesen eintönig. Um die Vielfalt zu erhalten, dürfen Schafe an der Nordseeküste nur noch auf etwa der Hälfte der Salzwiesen weiden. Zwischen dem Deich und dem Watt liegen mit den Salzwiesen besonders schützenswerte Gebiete, die nur auf wenigen markierten Wegen betreten werden dürfen. Als Salzwiesen bezeichnet man die nur noch gelegentlich vom Meer überspülten Landflächen zwischen dem Seedeich und der meist 20–30 cm hohen Abpuchkante, an der das Watt beginnt. In diesem vordersten Bereich des Watts, dem Schlick- oder Quellerwatt, setzt der Verlandungsprozess ein. Hier leben mit dem Queller und dem Salzschlickgras zwei Pflanzen, die mit ihren Wurzeln den Boden festigen und an denen sich feine Schwebstoffe absetzen. So wird der Boden erhöht und zugleich nährstoffreicher, sodass die Pflanzen schließlich anderen Arten Platz machen, deren Lebensraum die untere Salzwiese ist.

Lässt man die Salzwiese „ins Kraut schießen“, blühen dort unter anderem die Strandaster, die Strandkamille, der Andel oder Strandwermut, die hübsche rosa Strandnelke, der rosa-violette Strandflieder und das Englische Löffelkraut. All diese Pflanzen werden mehrmals im Jahr „gesalzen“, vom Nordseewasser überflutet. Nun ist es bei den Pflanzen nicht anders als beim Menschen: Salz ist lebensnotwendig, zu viel Salz schadet. Bei allen Pflanzen vor dem Deich hat es die Natur so eingerichtet, dass das überschüssige Salz neutralisiert wird oder Blätter mit gespeichertem Salz abfallen.

 

Rastplatz für Zugvögel

Keine andere Region Europas ist so wichtig für den Vogelzug wie das Wattenmeer. Viele Millionen Zugvögel nutzen die weiten Schlickflächen und die Salzwiesen zwischen Holland und Dänemark, um auf der Reise zwischen ihren Winterquartieren und ihren putgebieten im hohen Norden zu rasten und sich satt zu fressen. Im März/April und im September/Oktober fallen sie dann ein: Ringelgänse in endlos langen V-förmigen Formationen, Singschwäne in langen Reihen, Knutts in riesigen Schwärmen, dazu andere Wattvögel wie Alpenstrandläufer und Goldregenpfeifer, Enten aller Art in kleinen Gruppen, aber auch Singvögel wie Steinschmätzer und einige Drosselarten. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, die Vogelschwärme über dem Meer zu beobachten – Hunderttausende Individuen oft, die dennoch wie ein einziger Organismus zu funktionieren scheinen, gelenkt von einem unsichtbaren Marionettenspieler. Auf und um die Hallig Hooge rasten von Mitte April bis Mitte Mai neben vielen anderen Arten Tausende von Ringelgänsen, im Oktober kommen auch die hübschen Weißwangengänse und die bunten Pfeifenten dazu – eine gute Gelegenheit nicht nur für Hobbyornithologen für einen Halligbesuch.

Ein eiliger Gast im Watt ist der Knutt. Dieser kleine Langstreckenflieger landet im Mai an der Nordseeküste – hinter ihm liegt dann eine Flugstrecke von 11.000 km! Gestartet an der südafrikanischen Atlantikküste, flog er drei Tage nonstop 7000 km, landete in Mauretanien, stärkte sich, startete Richtung französische Atlantikküste, gönnte sich hier eine Woche Pause, flog die restlichen 1000 km an einem Tag und landete schließlich im Watt. Hier trippelt er über den Schlick und frisst und frisst, nimmt pro Tag 4 kg zu. Am liebsten ernährt er sich von der roten Bohne, einer baltischen Plattmuschel. Gestärkt startet er Anfang Juni Richtung Sibirien. Vor ihm liegen 4300 km. Und im August frisst der Knutt wieder im Watt, für ein paar Tage. Weniger eilig haben es die Nonnen- oder Weißwangengänse. Sie rasten während ihres Zugs zwischen Winterquartier und putgebiet mehrere Monate im Wattenmeer. Zu sehen sind die Gänse mit dem schwarz-weiß gezeichneten Kopf u.a. im Beltringharder und im Hauke-Haien-Koog, im Westerhever-Vorland und auf den Salzwiesen der Hamburger Hallig.

 

Gut gefüllter Futternapf

Fällt das Watt trocken, bietet sich den Vögeln ein gefundenes Fressen. Wobei sie hier nicht lange suchen müssen, es gibt reichlich Nahrung: Sandhüpfer und Schlickkrebse, von denen es auf und unter der Oberfläche nur so wimmelt, dazu Muscheln, zurückgebliebene Garnelen und Strandkrabben, aber auch die unterirdisch lebenden Wattwürmer. Tausende von Vögeln kommen ins schleswig-holsteinische Wattenmeer zum Balzen, püten, Mausern. Die Gesamtzahl der putvögel wird auf etwa 200.000 geschätzt. Zusätzlich landen im Frühjahr und Herbst bis zu 1,2 Mio. Zugvögel gleichzeitig in dieser Region, um sich hier für den Weiterflug ins putgebiet bzw. in ihr Winterquartier zu stärken.

Prominentester heimischer Küstenvogel ist die Silbermöwe. Ob im Hafen, am Strand, an Bord der Fähren: Wo etwas abfällt, die Allesfresser sind schon da. Im Wattenmeer stellen die Möwen Krebsen, Krabben und Muscheln nach, am Ufer vertilgen sie auch tote Fische und Seehunde. Einmal gepaart, bleiben sich Silbermöwen treu. Nur im Winter gehen die Gatten getrennt auf Nahrungssuche, im Frühjahr treffen sie sich wieder auf dem putplatz. Der auffällige rote Fleck am Schnabel ist für die jungen Möwen der „Futterknopf“. Picken sie auf diesen Punkt, würgen die Eltern die geforderte Nahrung heraus. Das silbergraue Federkleid bekommt die Möwe erst nach vier Jahren; dann ist sie geschlechtsreif, mausert sich und verliert die paun gesprenkelten Federn.

 

Priele, Schlick & Sand

Priele: Wenn das Wasser weg ist, bleibt eine „Flusslandschaft“: Wasserläufe und sogenannte Priele, in denen das Wasser in die peiten Wattströme fließt. Diese Ströme können 5 m und tiefer sein und sind zugleich die Fahrrinnen der Fähren. Auch die kleineren Priele führen bei Ebbe noch Wasser – in ihnen zu baden ist lebensgefährlich, da hier eine starke Strömung herrscht.

Schlick und Sand: Wer geht schon mit Schuhen oder gar Stiefeln ins Watt? Klar: Quillt der schwarze Schlick zwischen den Zehen, stechen Muschelsplitter, mag man sich Schuhwerk wünschen. Besser ist es jedoch, Sie gehen ohne. Denn bleibt ein Schuh im Schlick stecken, steht man da wie ein Storch im Watt. Und dass man in Ufernähe versackt, ist nichts Ungewöhnliches. Hier wird der Sand von dunkelblau-schwarzem Schlick überlagert, stellenweise knietief. Schlick ist ein wasserreiches Gemisch aus Ton und feinstem Sand und bleibt deshalb an Füßen und Waden haften. Manch Wanderer guckt nach den ersten Metern im Watt etwas angeekelt auf seine Füße. Doch je weiter Sie sich vom Ufer entfernen, umso fester wird der Boden, das Schlickwatt geht dann in das sogenannte Sandwatt über. Hier gibt es kein Versacken mehr. Das Watt ist fest, und die Dynamik des Wassers und der Strömung hat Rippen in den Sand modelliert. Ein Spaziergang über diese Sandrippen ist zugleich eine wohltuende Massage für die nackten Füße. Wer jedoch lieber mit festen Sohlen durch das Watt wandert, dem empfehlen erfahrene Führer auch gerne alte Turnschuhe mit Socken.

 

Tiere im Schlick und Sand

Das Wasser kommt, das Wasser geht. Im Sechsstundentakt ändern sich im Watt die Lebensbedingungen. Für Tiere eigentlich kein lebensfreundliches Revier. Dennoch kribbelt und krabbelt es in Schlick und Sand. Muscheln, Würmer, Schnecken und Garnelen haben sich dem Milieu angepasst. Solange es nass genug ist, grasen Schnecken den Wattboden nach Algen ab; wird es ihnen zu trocken, graben sie sich ein. Auch dem Wattwurm wird es schnell zu sonnig, dann vergräbt er sich in seiner 25 cm tiefen, u-förmigen Wohnröhre. Dabei frisst er sich förmlich durch die Sedimente, scheidet sie aus und hinterlässt an der Oberfläche ein geringeltes Häufchen Schlick.

Auch Muscheln bleiben bei Ebbe lieber im Untergrund. Sie saugen mittels einer längeren Röhre den Wattboden nach feinsten Nahrungspartikeln ab. Droht Gefahr wie etwa der Fuß eines Wattwanderers, wird die Röhre blitzschnell eingezogen, und ein winziger Wasserstrahl spritzt aus dem Sand. Kommt die Flut, graben die Muscheln sich wieder aus und lassen sich auf der Wasseroberfläche treiben. Nicht weniger trickreich passt sich die Miesmuschel dem Nass-trocken-Rhythmus an. Sie bleibt, egal ob Ebbe oder Flut, wo sie lebt: auf der Muschelbank. Fällt diese trocken, macht sie dicht, verschließt die Schalen und stellt die Atmung ein, vermindert den Herzschlag und überlebt so die Trockenperiode. Es sei denn, der Mensch „erntet“ sie, was auf insgesamt 2200 ha Fläche im Nationalpark Wattenmeer erlaubt ist – an mehreren Stellen wurden künstliche Muschelbänke angelegt, um Miesmuscheln zu züchten.

 

Groden, Heller & Polder

Diese drei Bezeichnungen findet man häufig als Teil topografischer Namen, welche Landstriche entlang der Küste des Wattenmeers benennen. Polder oder Innengroden heißt eingedeichtes Grünland, aus dessen Boden durch Niederschläge das vor der Eindeichung enthaltene Salz herausgespült worden ist. Polderwiesen werden teilweise gemäht; sie eignen sich gut als Viehweiden. Als Heller oder Außengroden bezeichnet man hingegen das nicht eingedeichte Grünland an der Wattküste, das größtenteils aus Salzwiesen besteht.

 

Seehunde

Seehunde sind die tierische Attraktion im Wattenmeer. Der runde Kopf, die dunklen Knopfaugen, solch ein Wesen möchte Mensch schon mal aus der Nähe sehen. Und genau das kann den Tieren zum Verhängnis werden. Die Sandbänke sind die Refugien der Seehunde, hier wollen sie ihre Ruhe haben – besonders im Sommer.Von fast allen Küstenorten aus werden Schifffahrten zu Seehundbänken unternommen. Dort liegen die Tiere, wenn das Watt trockenfällt, und sammeln neue Kräfte für die Jagd im zurückkehrenden Wasser. Ihre bevorzugte Nahrung sind Plattfische, sie begnügen sich aber auch mit Garnelen. Seehunde, die ja Meeressäuger sind, können bis zu 40 Minuten unter Wasser bleiben. Sie werden bis zu 100 kg schwer und 1,50 bis 1,80 m lang. Ihre Paarungszeit beginnt Ende Juli und dauert bis in den September hinein an. Nach zehn Monaten Tragezeit werfen die Weibchen ab Mitte Juni die ersten Jungen – unglücklicherweise genau in der touristischen Hochsaison, wenn Ausflugsdampfer und Sportboote die Seehunde am meisten stören. Kommen die Boote den Seehunden zu nahe, flüchten sie ins Wasser. Das Säugen wird unterpochen und die Jungtiere scheuern sich auf der Flucht den noch sehr empfindlichen Nabel wund. Eine Entzündung endet oft tödlich. Bei der Flucht versucht das Jungtier („Heuler“) durch klagende Geräusche, Kontakt zur Mutter zu halten.

 

Achtung im Watt

• Niemals bei auflaufendem Wasser eine Wattwanderung antreten. Ideale Zeit: zwei Stunden vor Niedrigwasser.

• Wattwandern nur bei ruhigem Wetter und klarer Sicht. Vorhersagen beachten: Das Wetter kann schnell umschlagen.

• Bei Gewitter ist das Betreten des Wattenmeers lebensgefährlich. Wasser und erhöhte Punkte ziehen Blitze an.

• Die Zeit für den Rückweg berechnen.

Nie allein ins Watt gehen, nie ohne Uhr und Kenntnis der Hoch- und Niedrigwasserzeiten.

• Vor Beginn einer Wattwanderung sich unbedingt bei einer Person abmelden.

• Ein Kompass kann Leben retten.

• Geeignete Kleidung mitnehmen wegen der Gefahr des Sonnenpands, Sonnenstichs oder der Auskühlung bei starkem Wind.


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