Abenteuer Berge Südtirol: Wenn der Berg ruft

Wie der Garten eines Giganten, so erschien das Hochtal Alta Badia in den Dolomiten unserer Autorin Jutta Mlnarschik. Vor der gewaltigen Kulisse kletterte sie über steile Eisenleitern und abenteuerliche Hängebrücken, wanderte vorbei an Bergwiesen und urigen Bauernhöfen, winkte mächtigen Steinadlern. Und sie fand, wovon jeder Outdoor-Fan träumt: unberührte Natur, Stille, Einsamkeit und die wohl schönsten Weitblicke der Welt.

Unter Giganten! Die Wege an den Kanten der massiven Berge entlang lassen Wanderer klein wie Ameisen erscheinen – und geben den Blick frei auf die tiefen Täler und ihre Flussläufe.. | © Lars Schneider

Andreas steht nach einer sechsstündigen Wanderung mitten auf der Kuhweide, schaut in den Himmel und rezitiert sein Lieblingsgedicht des deutschen Lyrikers Erich Fried:

„Die Hände vor das Gesicht halten, und die Augen nicht mehr aufmachen, nur eine Landschaft sehen, Berge und Bach, und auf der Wiese zwei Tiere, braun am hellgrünen Hang, ... alles ganz still, und so schön dass man weiß, dieses Leben lohnt sich, weil man glauben kann, dass es das wirklich gibt.”

Nato, ehemals Leiter einer Bankfiliale und heute Wanderführer des örtlichen Alpenvereins, grinst und meint: „Schön. Aber das stimmt nicht ganz.” Auf den stirnrunzelnden Blick von Andreas fügt er schmunzelnd hinzu: „Hier brauchst Du die Augen dafür nicht zumachen, du musst nur hinschauen. Da hat der Wanderführer aus Pedraces im Alta Badia, dem Gadertal, recht.

Dieses ursprüngliche Dolomitental zwischen La Val und Corvara ist ein perfektes Idyll. Bienen und Hummeln summen über Almwiesen, die je nach Höhenlage bunt gesprenkelt sind mit Ranunkeln, Enzian, Anemonen, Steinröschen, Alpennelken und Zwergalpenrosen. Tiefgrüne Wälder durchziehen die Landschaft, Kuhglocken bimmeln aus allen Richtungen, über die Hänge verstreut liegen uralte Bauernhöfe.

Zen-Garten eines sanften Giganten

Darüber thronen scheinbar unwegsame Schutthänge und als Krone die für die Dolomiten typischen, hellgrau leuchtenden, mächtigen Felsblöcke. In den Wäldern leben Rehe, Füchse, Dachse, auf den Bergwiesen pfeifen Murmeltiere. Gämsen springen durch die höher gelegenen Felslandschaften – auch wenn die Population in den vergangenen Jahren durch eine Räude-Epidemie extrem reduziert wurde – , und in den ausgesetztesten Felsschluchten nisten sogar Steinadler.

Nato ist der Prototyp eines alt eingesessenen Ladiners: bescheiden und zurückhaltend, voller Stolz auf die eigene Sprache – eine Art Vulgärlatein, das hier neben Deutsch und Italienisch bis heute gesprochen wird – und die Traditionen seiner Heimat. Die ladinischen Täler, deren Zentrum das Alta Badia ist, waren lange Zeit abgeschieden von den historisch-politischen Veränderungen Europas, und so konnte hier die eigene Kultur ebenso überdauern wie die ursprüngliche, weitgehend unverbaute Natur. Kein Wunder, dass diese Gegend seit je her auch Gegenstand von Gedichten, Geschichten und Sagen ist.

Höhepunkt der Tour

Da hinauf? Nato steht vor der Heiligkreuz-Hütte und weist hoch zu einer imagi­nären Scharte. Wo soll da bitteschön ein Weg verlaufen? Und wie soll man über diese steilen Schutthänge und senkrechten Felsen ganz nach oben kommen – ohne die Kletterkünste der Gämsen, ohne die Hilfe übermenschlicher Kräfte? Die Versuchung ist groß, sofort zu den drei Kruzifixen hinüberzulaufen, die vom Wiesenbalkon hinter der Heiligkreuzkapelle ins Tal hinabschauen, und um Beistand für die Wanderung zu beten. Doch ist man erst einmal losgegangen, zeigt sich schnell der diffuse, markierte Pfad im Geröll.

Wie eine Murmelbahn, die mit einem riesigen Zeigefinger in einen gewaltigen Sandhaufen gezogen wurde, so führt der Pfad im Zickzack nach oben, bisweilen durch Drahtseile gesichert. Spannend ist der Weg allemal, Fehltritte wären jedoch ungesund, und hat man endlich die Felskante erreicht und blickt hinüber auf die andere Seite, hinunter auf die riesige Hochfläche der Fanes, die mit ihren karstigen Felsen, Rinnen und Mulden aussieht wie der Zen-Garten eines sanften Giganten, dann ist jede Mühe auf einen Schlag vergessen.

Und dann lauscht man den Geschichten von Nato, der erzählt, wie einst die Könige der Fanes im Bündnis mit den Adlern ihr Reich immer weiter ausdehnten. Doch die Expansion erzeugte auch Unmut, irgendwann schlossen sich die Nachbarvölker zusammen, um den Eroberungen Einhalt zu gebieten. Dann ist es wie immer im Märchen: Liebe kommt ins Spiel, ein Zauberer und eine schöne Prinzessin. Nach vielen Wirrungen wird die Königstochter getötet, die Königin zieht sich mit Hilfe einer Schar Murmeltiere in die unterirdischen Gänge der Fanes zurück und der König, der verräterisch gemeinsame Sache mit den Feinden gemacht hatte, erhält seine gerechte Strafe: Er wird zu Stein. So ist das felsige Profil dieses „falschen Königs” (italienisch: falza rego, ladinisch: el fautso rego) noch heute einige Kilometer weiter am Felsstock des Lagazuoi am Falzaregopass zu bewundern.

Genau dieser Ort wurde Schauplatz erbitterter Kämpfe, vor knapp 100 Jahren im Ersten Weltkrieg. Italiener und Österreicher belagerten sich im jahrelangen Stellungskrieg, durchlöcherten den Fels mit Stollen, um sich gegenseitig zu überrumpeln – und doch kamen mehr Soldaten durch Kälte, Lawinen und Steinschlag um als durch die eigentliche Schlacht. Heute kann man vom Falzaregopass aus den sogenannten Kaiserjägersteig nach oben klettern und hier und da in alte Stollen schauen. Die Emotionen schwanken dabei zwischen dem Grauen angesichts der Absurdität eines jeden Kriegs und dem Staunen über die wun­derschöne Landschaft rundrum.

Oben am Gipfel des Kleinen Lagazuoi ist man noch einmal ergriffen von den vielen Münzen, Bildchen und Glücksbringern, die ans Gipfelkreuz gebunden oder in die klaffenden Ritzen seines verwitterten Holzes gesteckt wurden. Und spätestens wenn man nach Speckplatte, Schlutzkrapfen, einem guten Glas Roten, Tiramisu und einem starken Espresso aus der Lagazuoi-Hütte hinaus tritt und von der großen Terrasse des Hauses die Felskulissen der Marmolada, Cinque Torri und Ampezzo-Dolomiten betrachtet, hat man den lange zurückliegenden Krieg vergessen, freut sich des Wandererlebens und auf den Abstieg durch das wunderschöne, einsame Seitental hinunter nach Armentarola.

Der eindrucksvollste Felsstock des Alta Badia ist jener der Sellagruppe im Südwesten des Tals. Skifahrer kennen und lieben den berühmten Klassiker „Sellaronda”: Mit dem Lift geht es hinauf, mit Ski hinunter, immer im oder gegen den Uhrzeigersinn einmal um den Berg herum, und selbst Bergsteiger können mit Hilfe der Aufstiegsanlagen und öffentlicher Busse den Felsblock auf Wanderwegen in etwa acht Stunden umrunden.

Doch sie können auch mitten in die Felswelt eintauchen. Auf der Ferrata Tridentina etwa, einem Klettersteig, der östlich des Grödner Jochs startet. Hier turnt man am stählernen Handlauf durch das Felsgelände, um den Brunecker Turm herum und fragt sich, ob einem nun die wahnsinnige Aussicht auf das Tal mit sattgrünen Wiesen und bleichen Felszacken oder aber die senkrechten Felsaufschwünge und Eisenleitern eher den Atem rauben. Und wenn man nach gut zwei Stunden und vielen Klack-Klacks der Sicherungskarabiner die abenteuerliche Hängebrücke betritt, die eine zehn Meter breite Felsschlucht überquert – darunter etwa 200 Meter von Felsen eingerahmtes Nichts –, dann fragt man nichts mehr, sondern sieht einfach zu, dass man schnell hinüber­kommt. Zehn Minuten später freut man sich umso mehr über den Ausblick von der Pisciadu-Hütte auf den gleichnamigen See und Gipfel.

Der Aufstieg wird mit einem überwältigend Panoramablick belohnt

Absoluter Höhepunkt dieser Tour ist aber – nicht nur geographisch – die Wanderung zum Piz Boè auf 3152 Metern. Der Aufstieg ist dank Gondelbahn und Lift verhältnismäßig kurz, doch selbst für erfahrene Bergsteiger kein Kinderspiel. Auf dem Gipfel wartet jedoch ein 360-Grad-Panorama, das einem förmlich die Wanderschuhe auszieht: von den Sextner Dolomiten über Tofana, Lagazuoi, Sorapis, Antelao, Pelmo, Civetta, Marmolada und die Palagruppe bis hin zu Rosengarten, Schlern, den Gletschern des Alpenhauptkammes und über das ganze Alta Badia sowie das Grödental bis Bozen und Meran.

Doch so wie ein Feuerwerk erst zum Schluss die besten Böller auspackt, so setzt hier der Abstieg noch eins oben drauf: Im Mittagstal, einem der wil­desten Felsentäler der Dolomiten, geht es unter gewaltigen Felszacken und mächtigen Wänden bergab. Irgendwo zwischen den Steinen verliert sich die Zeit, man läuft und schaut und staunt – und sinniert, nicht zuletzt über ein Gedicht: „Und alles ganz still, und so schön dass man weiß, dieses Leben lohnt sich, weil man glauben kann, dass es das wirklich gibt.”

Text: Jutta Mlnarschik


App Abbildung

Das MARCO POLO travel magazine auf Ihrem Tablet:

  • Kostenlos und monatlich neu
  • Reportagen, Karten, Reisetipps, Bildstrecken und Videos
  • Für iPad, Android und Windows 8

Jetzt downloaden:

Nach oben