Afrika Sansibar: Brücke über die Zeit

Auf der tropischen Insel Sansibar, rund 30 Kilometer vor der Küste Afrikas gelegen, leben noch die Mythen und Geschichten aus alter Zeit. Doch die Gewürzinsel vollzieht zugleich einen Riesen-Spagat: Während die Menschen hier oft ein bescheidenes Dasein fristen, vergnügen sich Urlauber aus aller Welt in immer neuen Luxus-Hotels.

Über den Dächern! Christliche Kathedrale, Minarett der nächstgelegenen Moschee und Wellblechdächer ohne Ende – Blick von der Rooftop-Bar des Maru Maru Hotels über Stone Town. | © Thomas Zwicker

Stone Town ist das alte Zentrum und das lebhafte Herz von Sansibar

Zur blauen Stunde verfärbt sich die Sonne langsam zu einem warmen Orange, die feuchte, 35 Grad heiße Tropenluft duftet schwer, eine Brise von See verschafft Kühlung. Am Strand von Stone Town, altes Zentrum der Hauptstadt von Sansibar, pulst das Leben.

Die zweite Schicht der Grundschule ist gerade vorüber, Kinder toben im Meer, kleine Jungs meist, die wenigen Mädchen in vollem Gewand, Sansibar ist eine streng moslemische Insel.

Eine Gruppe kräftiger Boys übt Salto, auf der Holzterrasse des ehrwürdigen Tembo-Hotels sitzen ein paar westliche Reisende auf wackeligem Gestühl, nehmen Tee oder den ersten Drink unter Palmen. Die müde Autofähre von Tansanias Kapitale Dar es Salaam klappt ihre rostige Rampe auf schneeweißen Sand, Pkw wühlen sich durchs weiche Geläuf und verschwinden in den dunklen Gassen von Stone Town. Vor der glutrot im Indischen Ozean versinkenden Sonne kreuzen klassische Dhaus, ein Bild wie aus 1001 Nacht.

Ein paar hundert Meter landeinwärts steuert Said Issa seinen eiskalt klimatisierten Toyota-Van über die Benjamin Mkapa, kurz Creek Road. Im Slalom kurvt er um qualmende Busse und Handkarren, stinkende Mopeds, Kinder und schlanke Frauen im schwarzen, fast alles verhüllenden Gewand.

Der Handel mit feinen Gewürzen machte die Insel einst reich

Menschen balancieren ihr Hab und Gut auf dem Kopf, von der schmalen Geldbörse bis zum Mega-Wasserkanister. Fliegende Händler verkaufen Cashewnüsse und Gebratenes, Gerüche und Geschrei wabern über der Szene. „Der Darajani-Markt ist die Seele von Stone Town, und Stone Town ist das Herz von ganz Sansibar“, sagt der massige Tansanier Said Issa, der im Jugendalter drei Jahre lang mit den Eltern in der ehemaligen DDR lebte und sein Deutsch nun gewinnbringend als Tourguide und Tourismus-Unternehmer anwenden kann.

Sansibar, das bei den Einheimischen Unguja heißt, bildet zusammen mit dem benachbarten Pemba und einigen kleineren Eilanden einen Archipel rund 30 Kilometer vor Ostafrikas tansanischer Küste. Der Name Sansibar klingt nach Exotik, Gewürzen und mutigen Seefahrern, der Ruf der Insel ist legendär, ein bunter Flickenteppich aus Geschichte und Geschichten.

Schwere Swahili-Türen galten als Zeichen für großen Reichtum

Als rund 1600 Quadratkilometer großes Zentrum der Swahili-Kultur mit heute etwa einer Million Einwohner („... und sieben Millionen Kokospalmen, also sieben pro Kopf“, so Said) wurde sie einst von arabischen und persischen Händlern geprägt, war portugiesische Kolonie, stand später als omanisches Sultanat für brutalen Sklavenhandel, der erst durch britische Intervention eingedämmt wurde. 1964 befreite sich der Archipel in einem blutigen Aufstand von der Kolonialherrschaft und bildet seither mit der Festland-Republik Tanganjika den Staat Tansania, als halbautonomer Unionspartner, was nicht immer problemlos abgeht. Menschen afrikanischer, arabischer, indischer und europäischer Herkunft haben auf Sansibar ihre Kunst, Kultur und Küche eingebracht. Geredet wird neben der Amtssprache Englisch vornehmlich Swahili, Lingua franca im gesamten östlichen Afrika.

Durch die dunklen, engen Gassen von Stone Town klingeln Fahrräder, flanieren Urlauber. An allen Ecken locken Geschäfte, Souvenirshops, Händler: „Schau hier, Sir, kauf dort, Mister, good price for you, my very best friend“, die aber nie so aufdringlich werden wie in nördlicheren Teilen Afrikas. Im Labyrinth der handtuchschmalen Sträßchen geht blitzschnell jede Orientierung verloren, die Substanz der tiefen, alten Häuser aus Korallenkalkstein wirkt wie ein einziger Kollateralschaden und erinnert an Kubas zerbröselnde Hauptstadt Havanna. Nur dass hier die Baustile ein buntes Potpourri bilden aus arabischen und indischen Elementen, das seit dem Jahr 2000 zum Welterbe der Unesco gehört. „Achte auf alte Swahili-Türen“, sagt Said Issa, „sie zeigten an, wie reich der Hauseigentümer war.“ Die rund 500 auf der Insel verbliebenen, schweren Portale aus Teakholz und Mahagoni sind mit üppigen Schnitzereien und Koran-Sprüchen verziert und katalogisiert, um ihren Verkauf nach Übersee zu erschweren – spitze Metallbeschläge verraten ein indisches Erbe und sollten verhindern, dass sich Elefanten versehentlich gegen die Tür lehnen.

Andenken aus der DDR-Zeit – Plattenbauten à la Berlin-Marzahn

Ein anderes Erbe beginnt gleich hinter der Creek Road, die die pittoreske Stone Town (hier leben rund 20.000 der 200.000 Stadtbewohner) vom Rest der Inselmetropole trennt. Als Tansania 1964 unabhängig wurde, gab Julius K. Nyerere als erster Staatspräsident den Startschuss zu seinem Traum vom afrikanischen Sozialismus. Nyereres Versuch, das Land durch Umsiedlungen über Stammesgrenzen hinweg zu formen und zu entwickeln, endete 20 Jahre später in einem wirtschaftlichen Fiasko, von dem man sich bis heute nur langsam erholt. Dem einstigen Bruderstaat DDR verdankt Sansibar jedoch seine „German Houses“ – Plattenbauten à la Berlin-Marzahn aus den 1970er Jahren an langen, schnurgeraden Straßen, bizarres Bild auf einer exotischen Insel im Indischen Ozean. Palmen und allerlei Tropengewächs machen den Anblick versöhnlich, auch wenn heute viele Hauswände schwarz sind vor Schimmel, Wasser- und Stromversorgung kaum mehr funktionieren. „Die Plattenbauten sind noch immer begehrt, besonders wenn man sie vom Staat mieten kann“, sagt Said. „Dann kostet eine Wohnung auch nur 10 Dollar im Monat, von Privat können das leicht schon mal um die 100 sein.“

Unterstützung erhält das Eiland heute aus anderen Regionen der Erde, fast 20 Geberstaaten sind in Tansania engagiert, das trotzdem noch zu den ärmsten Ländern der Welt zählt. Mit Hilfe der Amerikaner wurde jüngst ein stärkeres Unterwasserkabel vom Festland auf die Insel verlegt, Energie-Blackouts wie der mehrmonatige Stromausfall vor einigen Jahren sollen damit Vergangenheit sein. Ingenieure aus Korea sollen marode Wasserleitungen auf Vordermann bringen, nigerianische Pädagogen den Lehrermangel beseitigen, neue Anbaumethoden die Reisernte stabilisieren. Schulbesuch und ärztliche Grundversorgung sind kostenlos à la Kuba, weitergehende Versicherungen jedoch kaum vorhanden. Amerika hilft nun verstärkt beim Straßenbau – „seit bekannt wurde, dass unter unserem Archipel große Öl- und Erdgasvorräte lagern, ist das US-Engagement sprunghaft gestiegen“, sagt der Brite Bobby McKenna, seit 20 Jahren auf Sansibar zuhause und als Vize-Chef der Unternehmer-Orgnisation ZATI stets um Investoren zum Wohl seiner Wahlheimat bemüht. 

Mit den Ölfunden wächst die Sorge der Sansibari, künftige Einnahmen aus den Quellen könnten hauptsächlich zum dominierenden Festland fließen – Wasser auf die Mühlen von Separatisten, die die Abspaltung der religiös geprägten Inselwelt vom weltlicheren Rest des Unionsstaats betreiben. Tourismus-Unternehmer sehen solche Pläne nicht gern, befürchten Angst der Urlauber vor islamistischen Umtrieben. „Berichte über Krawalle in jüngster Zeit waren krass übertrieben“, sagt ZATI-Vize Bobby McKenna. Zwar zeigt sich die Insel strenger moslemisch (man respektiert und pflegt aber auch christliche Kirchen und Hindutempel) als Festland-Tansania, sind Prostitution und Homosexualität tabu und mit hohen Gefängnisstrafen belegt, wurde gar eine Kopftuchpflicht für Urlauberinnen diskutiert. Zugleich aber sprießen vom Ausland finanzierte Luxus-Resorts speziell an der Nord- und Ostküste wie Pilze aus dem Boden. Charterflüge und Busse schaffen die Urlauber direkt ins eingezäunte Tropenparadies, geführter Tagesausflug nach Stone Town inklusive. Von den Touristen wird dabei deutlich mehr kassiert als an vergleichbaren exotischen Zielen – „schon, weil wir doppelt Steuern zahlen müssen, einmal hier auf der Insel und einmal für Gesamt-Tansania“, klagt Tourguide Said Issa.

Luxusurlaub an der Ostküste Sansibars

Uroa Bay an der Ostküste, Palmen wiegen sich am türkisfarbenen Meer, über hohe Mauern lugen die Dächer klimatisierter Bungalows mit großen Himmelbetten, Elektronik-Safe und dicken Frotteehandtüchern. Wächter am schmiedeeisernen Tor, Wächter am schneeweißen Strand, Händler und Kids aus dem benachbarten Fischerdorf dürfen nur einen flüchtigen Blick riskieren. Ein riesiger Pool, luftige Beachbar, durch das offene Restaurant weht stets eine kühle Brise vom Ozean, Bilder wie aus der Werbung für Raffaello. Auf Liegen unter Strohschirmchen am Strand und zwischen Palmen am Pool aalen sich Urlauber aus Italien, Russland und anderswo. Tagsüber werden Ausflüge gemacht, etwa in Sansibars letzte Dschungelregion, zu vorgelagerten Inseln oder zum Schwimmen mit den Delfinen. Die Küsten sind gesäumt von solchen Resorts, die wie weiße Dampfer allein in gerodeter Ufervegetation liegen oder auch schon mal dichter beisammen, in Nungwi etwa am Nordzipfel der Insel, das innerhalb weniger Jahre zur Urlauber-Hochburg mutierte. Feine Stadthotels in edel restaurierten Palästen von Stone Town und einfache Unterkünfte für Rucksacktouristen gibt es zudem in Hülle und Fülle.

Unternehmungslustige Reisende kreuzen in Daladalas, meist überfüllten Kleinbussen und Pick-ups, über die Insel oder mieten einen preiswerten Jeep. Außerhalb der Hauptstadt ist das Fahren problemlos, an Linksverkehr und Stolperschwellen vor Ortsdurchfahrten hat man sich schnell gewöhnt. Nerven können nur Polizeikontrollen, bei denen schneeweiß gewandete Zerberusse die Neigung des Staatsapparats zur Korruption dokumentieren – gern werden erschrockene Wazungu, Weiße, unter fadenscheinigen Vorwänden („dein Auto ist schmutzig, das geht so nicht ...“) zur Kasse gebeten. Trotzdem lassen sich mobil bequem kleine Orte erkunden, wo Kokosfaser verarbeitet oder Seegras getrocknet wird, das Frauen bei Niedrigwasser (an der Ostküste gibt es ausgeprägte Gezeiten) als Gelantine-Basis für Gummibärchen oder Kosmetik ernten. Gewürzfarmen bieten Spice-Touren an, bei denen sich Besucher an frisch gepflückten Nelken, Muskatnuss und Vanille erfreuen – Kostbarkeiten, die der Inselwelt einst ihren Reichtum bescherten. Kaum jemand, der nicht mit Beuteln voll duftender Ingredienzen zurück in die geruchsarmen Nordländer reist.

Wo einst die Sultanfamilien wohnten ...

Abends wieder in Stone Town, von Dutzenden Minaretten ruft der Muezzin. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt schließen gerade die Tore, das bröckelige Palast-Museum etwa, einst Wohnsitz der Sultanfamilien und Sansibar-Prinzessin Salme, die einen deutschen Kaufmann heiratete und unter dem Namen Emily Ruete ein Buch über ihre Jugend im Palast schrieb. Das schneeweiße „Haus der Wunder“ nebenan samt seinen mächtigen Säulen verfügte als erstes Gebäude im östlichen Afrika über Elektrizität und sogar einen Fahrstuhl, heute ist der hintere Teil eingestürzt und das Museum geschlossen. In Freddy Mercury’s Bar (zu Ehren des hier als Farrokh Bulsara geboren Rocksängers) wird Pizza serviert, junge Urlauber und Einheimische verputzen auf dem nach allen Seiten offenen Forodhani-Markt an der Uferpromenade leckere Fleischspieße, Chapati (Teigfladen) und Kochbananen, trinken den von archaischen Maschinen gepressten Zuckerrohrsaft mit einem feinen Hauch Ingwer.

Auf dem Dachgarten des schicken Maru Maru Hotels nebenan werden derweil teure Cocktails an Geschäftsreisende und heimische Prominenz ausgeschenkt, geht der Blick zum Sonnenuntergang weit über Stone Town und Hafen. Eine Liveband spielt sich warm, Taarab-Musik mit Geigen, Flöten, Zither und Akkordeon steht auf dem Programm. Plötzlich verlöschen Lichter, verstummen Lautsprecherboxen, Stromausfall, das neue Kabel vom Festland ist offenbar noch nicht perfekt. Schnell werden Kerzen auf den Tischen entzündet, nicht weiter schlimm – ein winziger Stolperstein auf dem Weg Richtung Neuzeit, wie er in dieser Tropenwelt zum Alltag gehört.

Text: Thomas Zwicker


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