Mongolei Richtung Horizont ...

... und dann immer geradeaus: Neun Tage lang fuhr unser Autor in einem russischen Jeep durch die Steppen der Mongolei. Eine Reportage über endlose Weiten, Übernachten in Jurten mit Familienanschluss, vergorene Stutenmilch und einen Motor, der durch Stricke aus Rosshaar zusammengehalten wird.

Schon nach 200 Metern Fahrt weht Wüstensand in den Jeep

Ankunft, 1.Tag. Das Gefühl, das alles geahnt zu haben (und vieles anderes auch, was an den folgenden Tagen passieren sollte) – dieses Gefühl schleicht sich bereits nach geschätzten 200 Metern Fahrt ins Wageninnere.

Da sind wir vom Parkplatz am Flughafen hinunter und augenblicklich auf einer bretterharten Piste, und nach der allerersten Bodenwelle springt die rechte hintere Tür auf, und eine Viertelsekunde später ist ein beträchtlicher Teil der Wüste Gobi in den Jeep gelangt.

Wir halten. Wir husten. Wir steigen aus und schließen die Tür, und als sie wieder aufspringt, schließen wir sie noch einmal. Dann schlagen wir uns den Staub von Hemd und Hose und fahren weiter zu unserem Jurtencamp-Hotel.

Auf jeder Reise gibt es diese Momente, in denen man sich wie betäubt vorkommt. In denen man in einer Blase unterwegs ist, über allen Dingen zu schweben scheint und das skurrile Paralleluniversum um sich herum mit einer seltsamen (und den Umständen meist völlig unangemessenen) Gelassenheit betrachtet. Oft ist der Jetlag an solchen Momenten schuld, oder eine plötzliche Klimaveränderung, oder ein Déjà-vu-Erlebnis. Heute spielen alle drei Komponenten eine Rolle.

In neun Tagen führt die Route rund 2000 Kilometer weit durch einsame Steppe

An diesem Mittag in der südlichen Mongolei zeigt die innere Uhr auf etwa drei Uhr nachts, das Thermometer auf 41 Grad, und als vor der Ankunftshalle inmitten einer Armada hochgerüsteter japanischer Allradwagen ein kleines, blaues Vehikel hockt, da ist klar: Das ist meins. Und der Mann, der da winkt: Das ist mein Fahrer. Wir drei zusammen haben neun Tage vor uns. Oder rund 2000 Kilometer. Von hier bis Ulan-Bator, mit Abstechern.

Heute geht es aber zuerst einmal nur zehn Minuten bis zu einem Jurten-Hotelcamp. Mit klappernder Tür. Die Besitzer kommen uns entgegen gestürmt, und alle Angestellten gleich mit, und sie holen das Gepäck aus dem Jeep, stauben es ab und schleppen es wie im Triumphzug zu einer Jurte. Anschließend spaziere ich ein wenig in der Wüste herum. Der Fahrer bastelt am Türschloss.

„Ein Mann muss wissen, wo seine Grenzen liegen”

2.Tag: Ganbaas Jeep ist unglaublich alt, ich schätze mal: Baujahr 1974. Damals wollten die Sowjets noch nichts wissen von westlichen Errungenschaften, deshalb gab es keine Cola, kein „Russland sucht den Superstar” und natürlich auch keine Klimaanlagen und all das Zeugs. Was sie damals gegen ordentliche Autofenster hatten, weiß ich nicht, möglicherweise lagen ideologische Gründe vor, jedenfalls hat unser Jeep nur zwei kleine Dreiecke zum Ausklappen und Feststellen, aber das funktioniert nicht, weil die Feststellhebel fehlen. Dort, wo bei anderen Autos Handschuhfach und Plastikverkleidung sind, ragt ein Gewirr aus Kabeln und Schläuchen vogelwild in die Fahrerkabine. Alles obendrüber wird von zwei Holzkeilen stabilisiert, die beim Fahren leider regelmäßig herausfallen, worauf zwei, drei Sekunden später dann das Armaturenbrett hinterher kommt. Außerdem sind da noch Tacho sowie Anzeigen für Ölstand und Batterie, nicht aber für den Tank – dort, wo die Tankuhr hingehört, sitzt etwas, dass wie eine leere, alte Thunfischdose aussieht. „Das da?” Ganbaa zeigt auf die Dose. „Das ist ein Aromaspender.” Aha. Aber wäre eine Tankuhr nicht praktischer in den menschenleeren Steppen? „Ein Mann muss wissen, wo seine Grenzen liegen”, sagt er. Offensichtlich ist das eine alte mongolische Weisheit.

Das Tagesprogramm: Wir zockeln sechs Stunden zu einer Sanddüne. Sie gilt als größte Touristenattraktion in diesem Teil der Mongolei und liegt in der Gegend wie etwas, das nicht hierher gehört. Ansonsten sieht sie aus wie eine Sanddüne. Dann zockeln wir sechs Stunden zurück.

3.Tag: Heute fahren wir in die Adler-Schlucht, in der man mit etwas Glück Geier sehen kann. Wenn es nicht gerade schüttet. Statt der Geier kommen ein paar berittene Souvenirhändler aus dem Regen, die versteinerte Dinosauriereier aus den Satteltaschen wuchten. Die Eier sind schwer wie Kanonenkugeln, das ist nix fürs Handgepäck. Die Händler sehen das auch sofort ein. Stattdessen werden die fossilierten Schwanzwirbel eines mittelprächtigen Saurus im Regen ausgebreitet. Ich kaufe lieber ein Würfelspiel aus Schafsknochen, das passt in die Hosentasche.

Auf dem Parkplatz liegt Ganbaa unter dem Auto, das mittlerweile in einer gewaltigen Pfütze steht. Auch drinnen haben sich kleine Seen gebildet. Im Unterschied zu japanischen Geländewagen mit ihrer hochkomplexen Elektronik lassen sich russische Militärjeeps immer und überall reparieren, hieß es in der Reiseankündigung. Das stimmt. Im Unterschied zu russischen Militärjeeps gehen japanische Geländewagen allerdings auch nicht drei Mal täglich kaputt. Zum Glück wohnt Ganbaas Schwester gleich um die Ecke, da können wir noch hinbrotteln.

Ein Besuch in einer Jurte kann ein bisschen so sein, als sitze man im Theater, und auf der Bühne werde Ionesco gegeben. Vor allem, weil die Gastgeber nach ein paar Minuten so tun, als sei niemand da. Sie schlafen dann einfach ein, beginnen Familiendiskussionen oder gehen wortlos hinaus und werden niemals wieder gesehen. Stattdessen kommen dann andere vom Melken und füllen Schalen mit gegorener Stutenmilch. Zwischen den Schlücken darf der Gast die Fotoalben betrachten. Gerne bekommt er auch Kinder auf den Schoß gesetzt, die vor lauter Freude in die Windel machen, wenn sie denn eine tragen würden.

4.Tag: Morgens ist die Welt wie reingewaschen. Wir brechen um 8.54 Uhr auf und bleiben um 9.01 Uhr stehen – mit der Benzinpumpe ist etwas nicht in Ordnung. Ganbaa schaltet das Radio ein und geht an die Reparatur, die nun von leiernden Gesängen wie aus „Der Kurier des Zaren” begleitet wird, endlose Moritaten mit dramatischen Bläsern und Paukenschlägen. Über was singen die denn immer zwölf Minuten lang? „Über Pferde”, erklärt Ganbaa in einem Tonfall, als hätte man sich nach etwaigen Verdauungsproblemen erkundigt. Zum Glück ist der Jeep nach einer Viertelstunde fahrbereit, aber jetzt müssen wir uns noch ein wenig mit dem Pferdehirten unterhalten, der neben dem Auto im Staub sitzt, um den Reitersliedern zu lauschen. Ganbaa und er versuchen, mir die mongolischen Bezeichnungen für Jungtiere einzutrichtern. Ein einjähriges Fohlen ist ein daaga, zweijährige Pferde nennt man shudlen, mit Drei heißen sie hyazaalan, mit Vier soyolon, und alles, was Fünf oder älter ist, wird nas genannt. Wenn es ein Hengst ist, kannst Du aber auch zu allen Altersklassen azraga sagen.“ Na also.

Im Auto leiern später wieder die Steppenchöre, und Ganbaa singt inbrünstig mit. Ich bringe mein Fachwissen an und frage ihn, ob das ein Loblied auf hyazaalan und shudlen sei. Ist es nicht. „Das Lied handelt vom Tee, den die Mutter früher gemacht hat, mit viel Milch und ein wenig Salz.”

5.Tag: Wir fahren. Seit Stunden. Immer weiter. Immer geradeaus. Immer Richtung Horizont. Wir fahren nicht auf Straßen und auch nicht auf Pisten, wir fahren in Reifenspuren, die andere Jeeps in die Steppe gedrückt haben. Manchmal kreuzen sich vier oder fünf dieser Spuren und teilen sich hundert Meter später wieder. Dann nimmt Ganbaa die dritte von links oder die zweite von rechts, ohne auch nur einen einzigen Moment zu zögern. Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er geschaut, als verstehe er die Frage nicht. Ein Mann müsse immer den richtigen Weg einschlagen, hat er gesagt, wahrscheinlich eine weitere mongolische Weisheit. Die japanischen Geländewagen hätten alle GPS, aber GPS könne man nicht selbst reparieren. Als er hört, dass solche Navigationssysteme bei uns eingesetzt werden, um in Niederkirchenbroisch von der Gärtnergasse in die Bügermeister-Julich-Straße zu finden, ist er irritiert. Am Ende des Gesprächs schaut er mit zusammen gekniffenen Augen in die Steppe.

Heute gibt es nicht viel zu sehen außer: Mongolei. Ganbaa hupt sich seinen Weg durch immer neue Ziegen-, Schaf- und Kamelherden und ist bester Dinge; er kennt in dieser Region viele Leute. Deswegen halten wir an immer neuen Jurten bei immer anderen Schwestern, Neffen, Cousinen und Schwägerinnen. Drinnen gibt es immer beißenden Dungfeuergestank, gesalzenen Milchtee und gärig schmeckende Häppchen Trockenquark. Abends kommen wir zu einem Camp an einer alten Klosteranlage, komplett mit Dalai-Lama-Schrein und Mönchen in karmesinroten Roben. Schon schön hier, in der Mongolei.

6.Tag: Heute Morgen bin ich ein bisschen größer, weil ich beim Verlassen der Jurte mit dem Kopf gegen den Türrahmen geknallt bin. Jetzt ist da oben eine neugierig aufragende Beule. Und dann erzählt Ganbaa beim Frühstück auch noch, dass der Jeep Baujahr 2003 ist. Für einen kurzen Moment beginnt die Welt sich zu drehen. 2003!! Wie kann das sein? Die Kiste fährt und sieht aus, als habe sie schon Sven Hedin als Begleitfahrzeug gedient. Ganbaa kann solcherlei Kritik nicht verstehen, da muss man gar nicht mit ihm diskutieren. Stattdessen erkläre ich, dass ich in meinem Zustand heute auf überhaupt keinen Fall wieder ständig an die Autodecke knallen möchte wie in den vergangenen Tagen. Wehe!

Dazu muss man wissen, dass Ganbaa so gut wie immer im vierten Gang fährt, offenbar ist die Schaltung etwas anfällig. Weil er deswegen ein bestimmtes Mindesttempo haben muss, fliegen wir nur so über Wellen und Dellen, mit den eben erwähnten Unannehmlichkeiten für Mitfahrer. Wenn er doch schaltet, klingt das Getriebe wie eine Klapperschlange mit Blähungen, der man versehentlich auf den Bauch getreten ist. Trotz des permanenten Hin- und Hergeschleuders entgeht dem Mann allerdings nichts. Sieht er einen Punkt am Horizont, verlässt er die Reifenspuren und steuert auf ihn zu, und 40 Kilometer später landen wir mitten in einem Familienfest. Oder bei einem Pferderennen. Oder an einer Jurte mit Solaranlage und Satellitenschüssel, in der gerade Chelsea gegen Arsenal läuft.

7.Tag: Heute ist ein großer Tag: Ganbaa hat beschlossen, dass ich das Auto fahren darf. Mitten in der Steppe hält er an, und zwei Minuten später fliegt zur Abwechslung einmal er wie beim Rodeo auf dem Sitz hin und her. Ohohoho, ruft er. Zehn Minuten später möchte er dann doch wieder lieber selbst ans Steuer. Ach so, ganz vergessen: Unser Auto ist ein UAZ 69, Spitzname Jaran Yös, er kostet neu 5000$ und ist keinen Cent mehr wert als diese fünf Riesen. Aber fotogen ist er! Wo auch immer wir auf andere Touristen treffen, werden wir fotografiert und gefilmt. Bald werden wir die Helden zahlreicher Fotoalben, DVD-Shows und bestimmt auch Internetblogs sein, das ist mal gewiss.

Übrigens habe ich keine Ahnung, wo wir gerade sind, auf der Landkarte finde ich uns nicht. „Da sind wir gestartet”, sagt Ganbaa und zeigt auf einen Punkt, „und hier sind wir jetzt!” Ich schaue konsterniert auf die bierdeckelgroße Fläche meiner vier Quadratmeter großen Landkarte, auf der man unsere Route sehen kann, wenn man sehr gute Augen hat. Aber bevor ich Ganbaas Weisheiten-Sammlung um so etwas wie „Die Mongolei ist endlos wie das Universum!” erweitern kann, muss die Karte von der Kühlerhaube, weil Ganbaa die aufklappen muss. Zehn Sekunden später weiß ich, dass wir froh sein können, überhaupt in diesem endlosen Land unterwegs sein zu dürfen. Der Motor ist mit Stricken aus Rosshaar zusammengebunden. Sämtliche Flüssigkeitsbehälter sind mit alten Militärsocken verschlossen. Und in der Ecke des Motorraumes liegt etwas, das wie ein verschrumpelter toter Igel aussieht. „Das ist ein toter Igel”, sagt Ganbaa, „tote Igel bringen Glück.”

8.Tag: Eben wurde unser Auto gebissen. Von einem Hund, in der Nähe des Klosters Shankh. Diese Köter sollen eigentlich Ziegen und Schafe vor den Wölfen beschützen, aber offensichtlich sind sie damit nicht ausgelastet. Wenn man an einer Jurte hält, muss man auf Mongolisch „Halten Sie bitte Ihren Hund fest!” rufen, das ist hier die übliche Begrüßung. Will man nur vorbei fahren, sollte man besser Gas geben – die meisten Hunde drehen beim Anblick eines Autos komplett durch und rennen zwei oder drei Kilometer bellend neben ihm her. Weil wir eben zu langsam waren (ich schätze, es hatte mit den Zündkerzen zu tun), hat einer dieser geifernden Höllenhunde in den linken Hinterreifen gebissen. Erstaunlicherweise ist der Schlauch bei der Attacke heil geblieben. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

9.Tag: Wir kommen nach Ulan-Bator und sehen in dreißig Sekunden mehr Menschen und Autos als auf der kompletten Reise zuvor. Ganbaa steht der Angstschweiß auf der Stirn. Unser armes Auto wird von allen Seiten angehupt und eingezwängt. Ganbaa setzt mich am Hotel ab und kündigt sein Eintreffen für 19 Uhr an, zum Abendessen.

Um fünf Uhr beginnt es zu schütten. Um zehn nach Sechs fällt in der Hauptstadt der Mongolei der Strom aus. Um Sieben steht alles knöcheltief unter Wasser, aber Ganbaa ist pünktlich. Er wartet im Heck einer strahlend weißen, klimatisierten Limousine und ist hinter den getönten Scheiben nur schemenhaft zu erkennen. Am Steuer sitzt ein Cousin, Neffe, Enkel oder Schwager. „Manchmal braucht ein Mann einen Chauffeur, sagt Ganbaa und hält die Tür auf, „lass uns losfahren.”


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