Neuseeland Raumschiff Mittelerde

Die Fantasy-Trilogie "Der Herr der Ringe" wurde in Neuseeland erfolgreich verfilmt, dieser Tage läuft der dritte "Hobbit"-Streifen in den Kinos der Welt. Ein Location Scout verrät die schönsten Drehorte rund um "Mittelerde" – und warum das Film-Business bei den Kiwis so boomt

Willkommen im Auenland | © MARCO POLO travel magazine

Das Neuseeland auf Comers Fotos ist ein mystisches, magisches Land

Er hat Fotos mitgebracht, und die Bedienung kommt und wischt den Tisch schnell ab, damit er sie zeigen kann. Hier, diese Bilder zum Beispiel, das ist der Pelorus River, auf dem sich die Wolken spiegeln, fotografiert aus einem tief fliegenden Helikopter. Oder das hier, ebenfalls eine Luftaufnahme, auf dem sieht man The Shire, die Heimat der Hobbits, sanft gewellte Hügel bis zum Horizont, mit uralten Bäumen. Und das hier ist sein Lieblingsfoto: Wie eine Wand aus Eis schiebt sich der Mount Cook nach oben und kratzt fast an den Wolken, und davor liegt der Lake Pukaki, der aber nicht wie ein See aussieht, sondern wie ein Stück gefrorener Himmel.

Doch, das stimmt schon: Man sieht Neuseeland anders, wenn man sich Dave Comers Fotos ansieht. Man sieht es aus Blickwinkeln, die man aus dem Mietwagen oder dem Wohnmobil niemals hat, und auch nicht auf Wanderwegen oder im Sattel eines Mountainbikes.

Das Neuseeland auf Comers Fotos ist ein mystisches, magisches Land. Eines, über das man sich Legenden erzählt und uralte Geschichten, von denen man nicht wirklich weiß, ob sie sich nicht doch tatsächlich einst ereignet haben könnten. Dass einem dieses verwunschene Land trotzdem merkwürdig bekannt vorkommt – das liegt daran, dass man Dave Comers Neuseeland mit hoher Wahrscheinlichkeit schon im Kino gesehen hat.

Comer ist nämlich nicht nur Fotograf. Er ist auch Location Scout. Sechs der Filme, für die er die Drehorte gesucht hat, gehören zu den erfolgreichsten aller Zeiten: Ohne Comers Gespür für Landschaft hätten die "Der Herr der Ringe"-Trilogie und die drei "Der Hobbit"-Prequels wahrscheinlich ganz anders ausgesehen.

Die Film-Bestseller haben Neuseeland geprägt

Und, das gleich vorneweg: Wahrscheinlich wäre Neuseeland heute auch ein anderes Land. Seit der erste Film vor knapp vierzehn Jahren weltweit in die Kinos kam, sind Millionen Fans des Fantasy-Spektakels angereist, um auf den Spuren der Hobbits, Orks und Zwerge über die beiden Hauptinseln zu pilgern. Eine Armada aus Reisebussen, Hubschraubern und Geländefahrzeugen transportiert Ringfans seitdem von Drehort zu Drehort. Pedikürestudios offerieren Linderung bei "Hobbitfüßen vom Herumlaufen in Mittelerde".

Mehr als 2700 Firmen leben vom großen Film-Boom

Air New Zealand zeigt Sicherheitsvideos mit Zwergen als Passagieren und Elben als Besatzungsmitgliedern (der aktuelle Clip nennt sich augenzwinkernd "The Most Epic Safety Video Ever Made"). Als der erste Hobbit-Teil Premiere hatte, wurde die Wettervorhersage im Fernsehen auf Elbisch präsentiert. Es gibt original Hobbit-Sandwichs und original Smaug-Feuerzeuge (so heißt der Drache aus den "Hobbit"-Filmen), original Mittelerde-Wandertouren und – in Nelson auf der Südinsel – sogar den original Ringschmied.

Vor allem aber gibt es auf jeder Neuseelandreise Momente, in denen Wirklichkeit und Kino zu verschmelzen scheinen. Wer den Straßenatlas aus dem Handschuhfach seines Wohnmobils holt, findet auf den Karten nicht nur die realen neuseeländischen Orte eingezeichnet, sondern – in einer anderen Farbe – auch die nicht ganz so realen aus Mittelerde. Und weil mehrere tausend Neuseeländer als Statisten bei den Dreharbeiten dabei waren, können Filmfans selbst in den entlegensten Winkeln des Landes mit Barkeepern, Gemüsehändlern oder Busfahrern über ihre Dreitages-Erfahrung als Ork reden. Anders gesagt: Seit John Ford in seinen Western die paprikaroten Canyons und Mesas des amerikanischen Südwestens in Szene setzte, hat es in der Geschichte keinen Ort mehr gegeben, der so oft und so sehr mit den dort gedrehten Filmen gleichgesetzt wurde. Und noch nie gab es ein Land, das sich derart mit einem imaginären Schauplatz identifiziert wie Neuseeland mit Mittelerde.

Natürlich liegt das auch und vielleicht sogar vor allem daran, dass sich die beiden sehr ähneln: Das reale Neuseeland sieht ziemlich oft aus wie jene Filmlandschaften, von denen man glaubt, sie seien samt und sonders am Computer entstanden. Die Ring-Trilogie wurde an über zweihundert Schauplätzen gedreht, also quasi flächendeckend, und wenn jetzt der dritte und letzte Teil der "Hobbit"-Filme in die Kinos kommt, haben sich noch einmal etwa hundert weitere im Film verewigt. Neuseeland und Mittelerde: Da haben sich zwei gesucht und gefunden.

Dave Comer hat noch mehr Fotos dabei, auf denen Drehorte für den letzten Hobbit-Teil zu sehen sind, "Die Schlacht der fünf Heere". Der Pelarus River zum Beispiel, ganz in der Nähe von Nelson am nördlichen Ende der Südinsel: Der Fluss sieht aus, als sei er schon immer da gewesen, seit Anbeginn der Zeit. Man kann sich gut vorstellen, wie gleich die Zwerge um die Ecke kommen, die im Film hier in Holzfässern einen Rafting-Trip unternehmen. Die Fotos der weiten Auen mit den Bergen im Hintergrund stammen aus der Nähe von Glenorchy, einem der Lieblingsdrehorte von Regisseur Sir Peter Jackson. Das Mangaotaki Valley bei Piopio ist zum ersten Mal in den Filmen zu sehen, eine Landschaft der bizarren Steinformationen, Schrate, Grate und Höhlen. Die gewaltigsten Panoramen? Zeigen den Lake Pukaki, die Schluchten des Fiordland National Parks und die Scherenschnittgipfel der Remarkables, die hinter Neuseelands Outdoormekka Queenstown stehen. Kinogänger kennen sie als die Misty Mountains.

Dass er hauptberuflich Landschaften fotografiere, helfe ihm bei seiner Arbeit als Location Scout, sagt Comer. Natürlich könne er sich besser als viele andere vorstellen, wie dieser Steinhaufen oder jene lang gestreckte Ebene auf der Leinwand aussehen könnten. Oder dieser Berghang da, wenn man ihn aus der Luft filmt, in einer Totale, und zwanzig Reiter genau über den ausgesetzten Grat da vorne galoppieren lässt. Eigentlich muss man nur diese Fotos betrachten, um zu wissen: Neuseeland – das ist großes Kino.

Mit all dem hat wahrscheinlich kaum jemand gerechnet, als im Dezember 2001 der erste "Herr der Ringe"-Film anlief. Doch der Autor der Romanvorlage, J.R.R. Tolkien, ein britischer Sprachwissenschaftler, hatte und hat treue Fans. Viele Fans. Sehr viele Fans. Schon die Dreharbeiten zum ersten Film wurden von etlichen Blogs begleitet, in denen Beobachter beschrieben, was wo wie und mit wem in welcher Rolle gedreht wurde. Viele in Neuseeland dachten, der Trubel um den Film würde anschließend so schnell vorbei sein, wie er begonnen hatte. Sie täuschten sich. Bis heute spielten allein die drei Ringfilme an den Kinokassen knapp drei Milliarden US-Dollar ein. Es gab 17 Oskars – und einen gewaltigen Schub für Neuseelands Wirtschaft. Längst ist die Filmindustrie die zweitwichtigste des Landes (nach der Milchindustrie); über 2700 kleine und mittelständische Unternehmen profitieren von ihr. Und die Zahl der Neuseeland-Besucher hat um 50 Prozent zugenommen, seit die Hobbits zum ersten Mal in die Kinolandschaften von Mittelerde aufbrachen.

Und an all dem hat jemand wie Dave Comer ziemlichen Anteil. Der Mann, der Neuseelands epische Natur auf die Leinwände der Welt holte, betont gerne, dass viele Landschaften ja später am Computer verändert worden seien – und eigentlich überhaupt nicht existierten. Das stimmt natürlich. Aber dass bei einer Einstellung nachträglich zwei kleine Gipfel in die reale Bergkette montiert wurden oder eine zusätzliche Gruppe Bäume, fällt dem Touristen nun wirklich nicht auf. Fakt ist: Für jeden, der im Kino war und dann nach Neuseeland kommt, sieht Neuseeland aus wie Mittelerde. Und das ist – trotz all der Milliardeneinnahmen durch die Filme selbst – der vielleicht folgenreichste Aspekt der Filme.

Für Fans ist Neuseeland jedenfalls ein Land der "Das hier war doch, wo..."-Momente geworden. Und offenbar ist seine Hauptrolle auf der Leinwand mit dem letzten Teil der Hobbit-Trilogie auch noch nicht zu Ende: "Titanic"-Regisseur James Cameron will die geplanten drei Fortsetzungen seines "Avatar"-Spektakels ebenfalls in Neuseeland drehen. Möglicherweise wird aus Mittelerde in den kommenden Jahren dann ja Pandora. Das ist der Heimatplanet der Na'vi. Und die sind so etwas wie Camerons Hobbits.

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