Neuseeland Milford Track - Der schönste Weg der Welt

Er führt auf gut begehbaren Pfaden durch eine paradiesische Landschaft und eine reiche Flora und Fauna – unser Autor sammelte Eindrücke von den vielfältigen Naturwundern am anderen Ende der Welt.

Abenteuer Hängebrücke | © Stefan Nink

Die Region ist für ihre wilden Wetterkapriolen bekannt

Da sitzen wir also, in unserer Hütte, und um uns herum ist die Hölle los. Gerade eben noch waren wir draußen und ließen Steine über den See springen, das soll hier Glück bringen. Die Vögel zwitscherten ausgelassen, die Käfer brummten, und die Welt sah aus, als habe irgendwer in ihrem Innern ein Licht angezündet – gerade eben noch war Sommer.

Und jetzt? Sieht man nichts mehr. Nichts außer Wolken. Wolken, und Regen. Aus dem Sommer ist ein entschiedener Spätherbst geworden.

Innerhalb von Minuten ist das geschehen, es schüttet, es stürmt, der Wind faucht in heftigen Schüben heran und ruckelt an Fenstern und Türen, als wolle er unbedingt hinein. Und wir sitzen da, schauen auf Karten und blättern in Wanderführern. Wir tun so, als hörten wir das da draußen überhaupt nicht.

Wo sind wir? Im Glade House sind wir, unserem ersten Stopp, zwanzig Minuten beziehungsweise 800 flache Meter hinter dem offiziellen Startpunkt jener Route, die gerne als „the finest walk in the world“ gefeiert wird – und damit ziemlich genau 54 Kilometer vom Ziel entfernt.

Weiter kommt man nicht am ersten Tag auf dem Milford Track. Weil man bis hierhin schon ziemlich lange Bus fahren musste, und weiter mit dem Boot durch Wind und Wellen des Lake Te Anau, und wenn man dann seinen Gleichgewichtssinn gerade wieder gefunden zu haben schien, weiter zu Fuß durch Wald und Wiese zur Hütte.

Als wir die erreichten, war es später Nachmittag, und die Welt sah aus, als bade sie in Gold. Es gab frischen Apfelkuchen und Kakao, und zwei Stunden später gab es Abendessen. So wird man versorgt, wenn man einen "guided walk" bucht, eine geführte Wanderung. Natürlich kann man den Milford Track auch solo angehen, aber dann muss man sich früh, sehr früh anmelden, weil die Schlafplätze unterwegs streng limitiert sind. Das haben wir versäumt. Deswegen wandern wir mit Ultimate Hikes, einem Unternehmen, das eigene Hütten auf dem Track unterhält und sich auch sonst um alles kümmert.

Um das Abendessen zum Beispiel. Und um den leckeren Pinot Noir aus Martinborough, der über das hinweg tröstet, was sich draußen vor der Tür gerade abspielt.

Einst war der Milford Track ein schmaler Trampelpfad

Am kommenden Morgen ist dann alles perfekt: Der Schädel, das Frühstück, und Neuseeland sowieso. Die Sonne lugt vorsichtig hinter den Bergen hervor und lässt die Gletscher rötlich schimmern. Am Himmel spielt ein böig wechselnder Wind Pingpong mit kleinen Wolkentupfern, vor dem Glade House hängt ein Schleier aus Spinnweben wie Zuckerwatte über den Wiesen, und im Bauch direkt hinter dem Nabel schlägt irgendetwas einen kleinen, engen Glückssalto. Der Milford Track? Verläuft breit und ebenerdig wie ein Spazierweg in einem botanischen Garten. Das war natürlich nicht immer so. Bevor die weltweite Trekkinggemeinde Neuseeland entdeckte, war der Track ein Trampelpfad. Schon die Maoris waren hier unterwegs, um Jade von der Küste zu holen. Später ließen sich abenteuerlustige Europäer auf Mulis durch die von Clinton und Arthur River in den Fels gefrästen Täler tragen, um anschließend im Club von der Wildnis Neuseelands zu schwärmen. Gepflegt aber wird der Weg erst seit Mitte der Sechziger Jahre.

Heute ist der Milford ein beinahe manikürt wirkender Trail. Das Blätterdach der Bäume fächert die Sonnenstrahlen auf und wirft Schattenfiguren auf den Kies, über dem Fluss schweben azurblaue Libellen. Es ist ruhig, es ist still - so still, dass man anfangs alle paar hundert Meter stoppt und durchatmet. Dann steht man da und lauscht, als würden jeden Augenblick auch noch die allerletzten Geräusche auf der Welt abgestellt, und man müsse schnell noch so viele wie möglich von ihnen bunkern. Das Summen der Insekten hört man, das leise Flüstern des Wassers. Und den Ruf eines fernen Vogels. Er klingt, als habe auch er gestern Abend ein bisschen zu tief ins Glas geschaut.

Am Nachmittag öffnet sich das Clinton Valley zu einer weiten Grasebene, an deren Ende eigentlich der Mount Balloon mit dem Mackinnan Pass thronen sollte. Stattdessen ist da eine flächendeckende Wolke, die teilnahmslos über dem Talausgang wabert. An der formidablen Laune der Wanderer ändert das erst einmal nichts. Ist aber auch schön hier! Sanft wiegen die Gräser, betäubend duften die Blumen. Rechts und links türmen sich Gletscherberge Richtung Himmel, die sich vor 26 Millionen Jahren gegenseitig ins Dasein geknufft haben. Die Schritte werden leichter, man schwebt fast so ein bisschen an diesem Nachmittag, und irgendwann ertappt man sich beim Singen längst vergessen geglaubter Oldies. Gegen fünf sind alle in der Pompolona Lodge angekommen. Gegen acht schläft die komplette Gruppe tief und fest.

Am nächsten Morgen ist Neuseeland nicht mehr wiederzuerkennen. Die Sonne macht bereits bei ihrem Klimmzug hinter den Bergen schlapp – es wird überhaupt nicht richtig hell. So ganz überraschend ist das alles natürlich nicht: Der Milford Track ist für seine Wetterkapriolen bekannt. Wie in einem Film, der vorgespult wird, rasen metallfarbene Wolken über die Gipfel. Es wird grau und grauer, und nach zwanzig Minuten auf dem Track packen alle ihre wasserdichten Jacken aus. Der Regen kommt anschließend, als es über ein Dutzend Serpentinen hinauf zum Pass geht. Nicht überraschend und schnell kommt er, eher zögerlich, als wüsste er nicht so recht, ob er uns das wirklich antun sollte. Tut er aber. Es tröpfelt, es nieselt, es regnet, und dann schüttet es, und von unten aus dem Tal zieht Nebel herauf wie explodierende Watte. Oben auf dem Pass sieht man dann noch nicht einmal, dass man auf dem Pass ist. Gut drei Stunden später sitzen alle in der Quintin Lodge, bei loderndem Feuer im offenen Kamin und heißer Schokolade. Durch die großen Fenster kann man sehen, wie aus einem kleinen Bach draußen vor der Tür zuerst ein wilder Fluss wird und dann ein reißender Strom. Als es dämmert, ist die Welt gerade dabei, abzusaufen.

Das Land der kleinen Wunder

Und dann? Auf der nächsten Etappe? Am folgenden Tag? Sieht Neuseeland wundersamerweise aus, als könne es kein Wässerchen trüben. Doch, das kann einem hier passieren: Manchmal wirkt dieses Land kleine Wunder. Manchmal lässt es einen glauben, man sei überhaupt nicht hier, sondern in einem Traum unterwegs. Es ist der längste Tag auf dem Track, 22 Kilometer bis zu seinem Ende am Milford Sound, und es ist der schönste. Der Weg führt durch einen Zauberwald mit alten, vermoosten Bäumen und gewaltigen Riesenfarnen, stundenlang geht das so. Die Sandfliegen, die auf diesem Abschnitt normalerweise in inflationärer Zahl auftauchen sollen, sind am Vortag offensichtlich alle ertrunken.

Nachmittags sind wir am Ziel, am Milford Sound, dessen Wasser wie ein gehämmerter Spiegel im Licht liegt. Drüben, an den senkrechten Flanken der Berge, nimmt sich die Sonne letzte Gischtfetzen und Nebelschwaden vor. Vielleicht sind es auch schon wieder erste Gischtfetzen und Nebelschwaden, so genau weiß man das in dieser Gegend ja nie – möglicherweise sehen wir da keine Nachzügler, sondern Vorboten. Es gibt heißen Kakao zum Abschied, unten, am Fjord. Wir fordern Pinot. Und lassen ein paar Steine über das Wasser springen. Das soll hier Glück bringen.

 

>> Offizielle Tourismusseite Neuseeland

>> Great Walks - Milford Track


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