Indochinas Riviera Kambodscha: Rückkehr ins Paradies?

Weiße Palmenstrände, gute Seafood-Restaurants, sehr coole Beachbars und ein ganz heißes Nachtleben: In den 1960er Jahren als Riviera Indochinas bekannt, feiert Kambodschas Küste rund um den Badeort Sihanoukville nun ein großes Comeback. Doch das neue Glück hat auch Schatten.

Ort der Andacht Wat Krom, auf einem Hügel über Sihanoukville gelegen, wird nur von wenigen Urlaubern besucht – so kann man Momente der Stille und Einkehr genießen. | © Thomas Zwicker

Ein Bier noch, Mister? Aber gerne! Palmwedel rauschen im Abendwind, langsam senkt sich die Sonne über dem Meer, färbt den Himmel blutrot. Der freundliche Kellner serviert zügig die Flasche auf der Terrasse am Strand, dazu ein eiskaltes Glas, schenkt ein und beobachtet in höflichem Abstand lächelnd den ersten Schluck.

Schmeckt gut, bei der Hitze. Links dröhnt ein einsamer Jet-Ski, weiter draußen tuckern Fischkutter vorbei. Junge Kambodschaner und Rucksackreisende räkeln sich in breiten Lounge-Sesseln, aus Lautsprechern plätschert Barmusik.

Like peanuts, Mister? Bitte sehr, und ein paar Oliven kommen gleich noch dazu. An Indochinas Riviera, an den Stränden des kambodschanischen Badeorts Sihanoukville herrscht heute wieder behagliches Wohlsein.

Das war nicht immer so. Das sanfte Kambodscha mit den herzlichen Menschen, der tropischen Wärme, der satten Flora und Fauna und der spürbaren Religiosität im Alltag hat eine dunkle Geschichte. Anno 1975 begann die Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Unter Anführer Pol Pot ermordeten die Khmer Rouge fast ein Viertel der eigenen Bevölkerung durch Zwangsarbeit und Totschlag auf den „Killing Fields“. Im Zeichen des Steinzeitkommunismus stagnierte die Wirtschaft, verfielen Städte, es herrschten Angst und Not im einstmals so stolzen Reich der Khmer.

Auf die Befreiung 1979 und Besetzung durch den Nachbarn Vietnam folgte in den 1990er Jahren ein Chaos unter UN-Verwaltung, 1993 gab es erste demokratische Wahlen im Reich des schillernden Königs Sihanouk. Die heutige Regierung um Ministerpräsident Hun Sen gilt zwar als korrupt und von alten Khmer-Rouge-Kadern durchsetzt, ein internationaler Prozess gegen die Massenmörder von einst erscheint vielen als Farce. Doch es herrscht nun weitgehend Ruhe im Land, das trotz Wachstum speziell im Tourismus noch immer zu den allerärmsten der Welt zählt.

Like Tuktuk, Sir? Klar, auf jeden Fall brauchen wir jetzt ein Tuktuk, der nach dem einstigen König Norodom Sihanouk benannte Badeort erstreckt sich schließlich über mehrere Hügel auf einer Halbinsel im Golf von Thailand, und seine sieben schönen Strände liegen oft einige Kilometer auseinander.

Kambodschas Tuktuks sind kleine, zwei- bis viersitzige überdachte Wägelchen, die von einem schwachbrüstigen Moped gezogen werden. Schildkrötenlangsam geht es bergauf und meist im Leerlauf bergab, um Sprit zu sparen, Preis zwei bis vier Dollar pro Tour. Das schmucklose, von breiten Straßen durchzogene Zentrum der 160.000-Einwohner-Stadt liegt ein wenig landeinwärts, größte Attraktion hier ist der riesige, überdachte Markt Phsar Leu. Auf dem ist so ziemlich alles zu haben: Berge von Obst und Gemüse, teils gefährlich aussehendes Meeresgetier, Textilien, Werkzeug, Haushaltswaren, Geschmeide und Tand. Eine Menge billige Garküchen gibt es auch, wo zum Beispiel Heuschrecken knackig geröstet werden, zu verzehren wie Nordseekrabben: Die Hinterbeinchen abzupfen, komplett in den Mund stecken und gut kauen – schmeckt ein bisschen nussig und gar nicht so schlecht.

Go beach now, Mister? Natürlich, wegen der schönen Strände kommen ja hauptsächlich alle hierher, per Schnellbus etwa in halsbrecherischer, knapp dreistündiger Holperfahrt auf zweispurigen Pisten aus Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Oder mit der Propellermaschine, die zur Saison täglich von Siem Reap einschwebt, das nahe der Welterbe-Stätte Angkor Wat (Kambodschas Haupt-Anziehungspunkt für Kultur-Touristen) liegt und gut ans internationale Flugliniennetz angebunden ist. Also rein ins Tuktuk, auf an den Strand. Der mit drei Kilometern längste und beliebteste heißt Ochheuteal Beach und liegt nur ein paar Fahrminuten vom Zentrum entfernt. Hier gibt es alles, was das (junge) Urlauberherz begehrt, und noch einiges mehr. Vier-Sterne-Hotels mit günstigen Zimmerpreisen ab 40 oder 50 Dollar etwa, Hostel-Betten für einen Bruchteil davon. Karaoke- und Go-go-Bars, Happy-Hour-Cocktails in 1001 Strandbistros, billiges Traveller-Food zu 2,50 und Bier für einen Dollar, Full Moon Beach Partys und Hip-Hop-Feste, Lagerfeuer am Strand, mancherlei Massagesalons, alles da, alles ganz preiswert fürs Urlauber-Portemonnai.

„Wir kommen hier ganz gut über die Runden“, sagt der glatzköpfige, blauäugige, freundliche Lars aus Schweden, der die mutig gestrichene Purple-Bar gemeinsam mit der Kambodschanerin Tin führt. Psychedelische Musik tönt aus großen Lautsprechern, in runden, weichen Lounge-Sesseln räkeln sich junge Asiaten und Rucksackurlauber aus aller Welt. Geduldige Strandhändlerinnen bieten Sonnenbrillen an, frisch ausgepulte Langusten oder eine Massage unterm Sonnenschirm unten am Wasser, ganz billig. An der östlichen Seite der Strandpromenade werden die Traveller-Rattanbars durch offene Khmer-Restaurants ersetzt, an ellenlangen Tafeln lagern hier heimische Großfamilien auf bunten Liegestühlen und vertilgen lautstark Hühnerbeine und Bier. Nebenan erörtert an einem Tisch eine Gruppe der Education Partnership Organisation neue Wege zur besseren Ausbildung für junge Kambodschaner. Draußen dröhnt ein Jetski vorbei.

Gebadet wird auch, westliche Traveller wie üblich im knappen Outfit und heimische Familien in voller Montour, was dem Spaß offenbar keinerlei Abbruch tut. Vornehmer geht es etwa zu am kleinen Sokha-Strand mit seinem Fünf-Sterne-Resort oder am Independence Beach, der fast vollständig vom gleichnamigen siebenstöckigen Luxushotel beherrscht wird – das feiert in seinem History Room die illustren Gäste von einst, und ein gläserner Fahrstuhl führt runter zum hellen, meist einsamen Strand. Ein paar Kilometer weiter Richtung Industriehafen folgt der Victory-Strand mit Spielcasinos und Airport-Disco (eine große Halle mit Kuschelecken in einer alten Antonov An-24), und auf dem Hügel oben drüber tobt nachts der Backpacker-Bär in Bars und Billigdiskos. „Viele westliche Aussteiger sind aus Thailand hierher gezogen, weil das Leben hier billiger ist, mit 500 Dollar kommt man locker über den Monat“, sagt Lars von der Purple Bar.

Ein Aussteiger der gehobenen Art bereichert gerade die hiesige Medienlandschaft, hat ein schönes Haus bezogen nahe beim ruhigen Otres Beach. Dieter Baumann, Deutsch-Schweizer und Ex-Jurist in den Sechzigern mit Wohnsitz in Sihanoukville, ein grauhaariger, freundlicher Lebemann, führt die Kambodschanische Allgemeine Zeitung (KAZ) als erstes deutschsprachiges Magazin des Landes (derzeit nur in Online-Ausgabe). „Ich finde es toll, wie diese Region gerade boomt“, sagt er. Ausländische Firmen aus Japan, China und Südkorea investieren, Russen haben die halbe Victory Bay gekauft, bauen ein Fünf-Sterne-Resort samt Brücke zur vorgelagerten Insel. Es gibt aber auch Schattenseiten. Dringend benötigter Strom aus einem neuen Kraftwerk etwa wird dem Vernehmen nach unter der Hand in die Hauptstadt Phnom Penh verkauft, ein mit EU-Geldern gebautes Wasserreservoir sei umfunktioniert zur privaten Krabbenfarm des örtlichen Gouverneurs. „Und die Polizei kassiert lieber Ausländer im Straßenverkehr ab, statt für Sicherheit zu sorgen“, sagt der Medienmann, „aber sonst sind die Menschen hier unheimlich nett.“

Like Bus to Kampot today, Sir? Genau, jetzt ist es Zeit für ein bisschen Kontrastprogramm. Rund 2 Stunden braucht der überladene Minibus in gemütlicher Fahrt durch grüne Küstenlandschaft ostwärts für die knapp 100 Kilometer in die verschlafene 50.000-Einwohner-Stadt Kampot. Einst ein geschäftiger Hafen mit chinesischen Handelsschiffen und Shophouses, döst der Ort heute zwischen angeschwemmtem Neuland und Mangrovenwäldern am Nordufer des Flusses Teuk Chhou vor sich hin. Der Bokor-Nationalpark samt seinem alten, verfallenen Casino in der schönen Bergwelt rundum (wo chinesische Investoren gerade einen neuen XL-Hotel-Kasino-Komplex planen), große Pfefferplantagen, ein paar Wasserfälle, der kleine nahe Badeort Kep mit seinen Krabbenkuttern und der Kaninch-Insel davor, Kampots Attraktionen sind (noch) eher stiller Natur.

Kurz nach 17 Uhr, das Licht wird schon schummrig. Erst zwei, dann zwölf, bald 20 offene Fischerboote tuckern den Fluss hinunter in Richtung Meer. Die verträumten Kolonialstilbauten an der palmengesäumten Uferstraße erwachen zum Leben, in Restaurants und Kneipen mit Namen wie Bar Red oder Rusty Keyhole zischen Espressomaschinen, werden erste Weinflaschen entkorkt. Auch hier haben sich Langnasen niedergelassen, oft ruhige Menschen, die mit dem Boom von Kambodschas Riviera wenig im Sinn haben. „In letzter Zeit hat sich die Zahl der Guesthouses und Bistros beinahe verdoppelt“, klagt Buzz aus der Schweiz, der die kleine Wunderbar führt. „In zwei oder drei Jahren ziehe ich weiter“, sagt die Amerikanerin Cate, die hier einst ein Lokal hatte und nun ihren Lebensunterhalt mit Malerarbeiten und IT-Kursen verdient. Denn: „In drei Jahren wird Kampot so lebhaft und laut sein wie heute Sihanoukville.“

Text & Fotos: Thomas Zwicker


App Abbildung

Das MARCO POLO travel magazine auf Ihrem Tablet:

  • Kostenlos und monatlich neu
  • Reportagen, Karten, Reisetipps, Bildstrecken und Videos
  • Für iPad, Android und Windows 8

Jetzt downloaden:

Nach oben