Norwegen Hurtigruten: Reise am Rand der Welt

Kirkenes hoch oben in Norwegen klammert sich an den äußersten Zipfel des Kontinents – Startort für die Reise mit einem Fährschiff der Hurtigruten 2500 Kilometer weit die Küste entlang. Ein Bericht über magisches Licht, streitsüchtige Trolle, allerlei seltsame Vögel und den Reiz des "Slow Travel".

Oft fahren die Schiffe der Hurtigruten zwischen dem Festland und vorgelagerten Inseln – und besonders im Lofoten-Archipel ist die Fahrrinne bisweilen verdammt eng. | © Stefan Nink

Schon am Abend des ersten Tages, hoch oben am Ende des Kontinents, wo sich Kirkenes an den Rand der Welt klammert wie aus Angst, es könne sonst herunter fallen: Schon da und dort ist klar, dass das alles nicht ganz so einfach werden wird in den kommenden Tagen.

Es ist Ende Juni, kurz nach 23 Uhr und derart hell, dass man die Sonnenbrille noch immer nicht absetzen möchte.

Eigentlich müsste man gerade hundemüde sein. Ist man aber eigentlich nicht. Also läuft man durch Kirkenes, über die drei oder vier Straßen der Innenstadt, zum Hafen hinunter und wieder zurück. Trödelt herum, schaut in leere Cafés und dunkle Holzhäuser, wechselt die Straßenseite, um einen Hund zu kraulen. "Murmansk: 228 km" steht auf einem Verkehrsschild.

Niemand ist zu sehen. Die Stadt am Ende des Kontinents schläft, nur die Möwen sind wach. Ihre Schreie zetern durch eine Nacht, die keine ist. Das Meer liegt stumm und glatt und gibt sich alle Mühe, jeden einzelnen Sonnenstrahl zu reflektieren.

Norwegen - ein gewaltiges Land

Eine Reise mit und auf der Hurtigruten lässt sich an unterschiedlichen Orten beginnen. Die richtig Neugierigen, die Wiederholungstäter, die Süchtiggewordenen – sie alle steigen in Bergen zu, fahren Norwegens Küste hinauf bis nach Kirkenes und die ganze Strecke wieder zurück, zwei Wochen dauert das, und wenn man im Sommer fährt, wird es zwei Wochen lang nicht dunkel. Wer nicht soviel Zeit oder Reiseetat hat, bucht die Route nur in einer Richtung. Von Bergen hinauf in den hohen Norden. Oder eben von Kirkenes nach Süden. Das sind dann jeweils um die 2500 Kilometer. Doch, Norwegen ist ein gewaltiges Land.

Um kurz vor Sieben am nächsten Morgen kommt das Schiff: Ein Klecks weit draußen auf dem Meer, der minütlich größer wird. Die "Polarlys" ist ein relativ junges Mitglied der Flotte, deren Schiffe nach einem ausgeklügelten Zeitplan die Küste beackern. Es heißt ja immer, die Hurtigruten sei die Postschiffroute Norwegens, aber das stimmt längst nur noch bedingt - und in der Ära der Social Networks auch nur noch, wenn man unter "Post" Pakete versteht.

Außer denen bringen die Schiffe der Hurtigruten längst alles Mögliche, von Neuwagen über Orangenkisten bis zu Ersatzachsen für defekte Waschmaschinen. Und natürlich Passagiere. Die Norweger nutzen die Schiffe als Fähre. Die Touristen gehen auf Kreuzfahrt.

Es wird ja gerade überall von Entschleunigung geredet. Davon, wie wichtig es ist, manchmal einen Gang zurückzuschalten, inne zu halten, auszuruhen, damit einem nicht die Puste ausgeht. Auf einer Reise kann das ganz gut gelingen – wenn man es richtig macht. Sich Zeit lässt. Nicht von A nach B hetzt und weiter nach C. Und nicht alle Strecken mit dem Flugzeug zurücklegt, mit dem man in ein anderes Land, ein anderes Klima, eine andere Kultur hinein geschleudert wird in einem Tempo, bei dem die Seele nicht mehr folgen kann. Früher haben sich Menschen ihrem Ziel zu Fuß genähert. Wem das heute zu anstrengend ist, der kann die Welt bequem auf einem Schiff bereisen. Wenn man aufpasst, ist die Route der Hurtigruten wie gemacht für das "Slow Travel".

Achtung vor zu viel Aktionismus

Und warum muss man aufpassen? Wird einem denn nicht alles abgenommen auf so einer Fahrt? Läuft man denn nicht ganz automatisch all die kleinen Häfen an? Gibt es nicht immerzu Neues zu sehen, neue Inseln, neue Buchten, neue Fjorde? Doch, doch, doch. Und genau deswegen sollte man ein wenig vorsichtig sein. Es ist nämlich so: Die permanente Helligkeit befeuert die Melatoninproduktion, was einen ganz aufgekratzt werden lässt. Wenn dazu dann noch ein gewisser Aktionismus kommt (und an den ersten zwei oder drei Tagen passiert das garantiert, weil man ja nichts verpassen möchte) - dann können Hurtigrutentage ganz schön lang werden. Und ganz schön vollgepackt.

Heute zum Beispiel, am allerersten Reisetag (der eigentlich zwei Tage lang war):

06:00: Aufgewacht, weil Vorhänge nicht sorgfältig zugezogen. Frühstück.

08:30: Ausflug zum Königskrabbenfischen.

12:30: an Bord, Mittagessen.

16:15: Stop in Vardoe.

18:15: Abendessen.

20:00: Stop in Batsfjord.

22:15: Stop in Berlevag.

01:00: Ankunft in Mehamn, Abfahrt zur Rentierbeobachtung.

03:15: zurück auf dem Schiff (in Kjollefjord).

05:50: Stop in Honningsvag, von Bord, Ausflug zum Nordkap.

12:00: Ankunft in Hammerfest, kurzer Stadtrundgang.

13:00: Mittagessen.

15:40: Stop in Oksfjord (nichts von mitbekommen, offenbar weggenickt).

18:00: Abendessen.

Ja, da weiß man schon, was man gemacht hat. Nein, man legt sich dann anschließend nicht schlafen - man geht an Deck und sieht zu, wie Norwegens Küste vorbeizieht. Das macht man übrigens sehr oft: einfach nur schauen. In der Szenerie versinken. In sich hinein hören. Wenn man an der Reling steht, gleitet eine Leinwand aus Bergen und Buchten vorbei, die eine ähnliche Wirkung entfaltet wie ein loderndes Kaminfeuer: Obwohl sich die Kulisse sich nicht groß verändert, kann man sich nicht davon losreißen. Bloß die Farben wechseln alle fünf Minuten. Als würde da oben ständig irgendwer Lampen an- und ausknipsen. Oder diverse Filter vor die Scheinwerfer klemmen.

Magie des Lichts

Wenn man Hurtigrutenreisende fragt, was ihnen im hohen Norden immer als erstes auffalle, dann sagen die meisten sofort: das Licht. Es ist anders hier oben, vor allem im Sommer, wenn es ja immer und durchgehend hell ist. Man aber dennoch sehr wohl unterscheiden kann, ob es nun Mittag oder später Nachmittag oder Abend ist, so ist das nun ja auch wieder nicht mit dem Licht. Aber selbst dann, wenn die Sonne am höchsten steht, ist das Licht hier anders. Sanfter, wärmer, purer. Beinahe so, als streichle es die Dinge, das Land und das Meer und die Menschen. Als wolle es ihnen gut, weil es weiß, dass es bald schon wieder verschwindet, für endlose Tage und Wochen und Monate. Da sollte man zuvor besser jede Stunde Helligkeit bunkern, an die man rankommen kann.

Ein strenger Fahrplan

Die Liegezeiten der "Polarlys" sind unterschiedlich lang, je nach Hafen dauern sie zwischen 15 Minuten und vier Stunden. Sobald das Schiff festgemacht hat, kommen neue Passagiere an Bord und meist auch ein paar Anwohner, um mit Bekannten oder Verwandten unter der Crew zu plaudern, man kennt sich, das Schiff legt ja regelmäßig an. Die Kreuzfahrtpassagiere rücken dann aus wie Einheiten einer Streitmacht: nie allein, immer in kleinen Gruppen, als müssten sie sich fürchten an Land. Die meisten werden nachher überpünktlich zurück sein, weil sie gesagt bekommen haben, dass die "Polarlys" nicht auf sie warten werde: Man sei ja kein Kreuzfahrtschiff und folge einem strengen Fahrplan. Deswegen kommen sie meist schon lange vor dem ersten, lang gezogenen Ton aus der Schiffshupe angehastet, die Frauen mit ihren Handtaschen, die Männer mit ihren Kameras und den riesigen Teleobjektiven, die aus ihren Bäuchen heraus zu ragen scheinen. Solche Objektive haben fast alle dabei. Für die Wale. Für die Rentiere. Für die Seeadler.

Ein Herz für Tiere

Tiere liebt der Hurtigrutenfahrer fast ebenso sehr wie das Meer. Jeder Wal löst hysterisches Hin- und Herlaufen auf den Aussichtsdecks aus, und die Ausflüge, bei denen es um Königskrabben, Eiderenten oder Rentiere geht, gehören zu den beliebtesten der ganzen Reise. Und die Papageientaucher erst! Bis zu einer Million dieser drolligen Vögel mit den bunten Schnäbeln lebe auf den Vogelfelsen von Gjesværstappan, erzählt die Tagesausflugsreiseleiterin im Bus. Den Winter über seien die Tier draußen auf dem Eismeer, im Frühling aber kehren sie zurück – „und zwar immer exakt am 14. April! Niemals am 13., niemals am 15., immer am 14., auch in Schaltjahren, und immer in der Abenddämmerung. Und niemand weiß, wie sie das machen, die Papageientaucher." Und warum überhaupt, möchte man hinzufügen. Überall sonst auf der Welt würde man eine solche Geschichte für eine Räuberpistole halten. Einer Norwegerin mit eisbergblauen Augen und blonde Zöpfen aber glaubt man sie natürlich. Was denn sonst.

Beeindruckende Geologie

Das Wetter ist umgeschlagen, statt Himmelblau nun Nebelgrau, aber auch das passt irgendwie gut zu der Landschaft, durch die das Schiff nun fährt. Norwegens schroffe Küste ist aus dem ältesten Granit der Welt geformt, und manchmal wächst sie aus dem Wasser wie eine Steilwand, die gerne Richtung Sterne möchte. Die Einfahrt zum Trollfjord liegt zwischen zwei solcher Himmelsstürmer, und zwischen den beiden Wänden hat die Geologie bloß hundert Meter Platz gelassen. Die Geologie? Ein eifersüchtiger Riesentroll soll den Fjord geschaffen haben, als er einen Nebenbuhler mit seiner Riesenaxt nur knapp verfehlte – und mit viel Schwung diese Schlucht in die Berge schlug. Der Fjord ist nur zwei Kilometer lang. Dennoch scheint es, als habe man hier drinnen den Rest der Welt endgültig hinter sich gelassen. Es ist still, beinahe andächtig still. So still, dass man nur noch das Klicken der Kameras hört, das Donnern eines Wasserfalls und die Rufe der Möwen, die von den Felsen widerhallen.

Verzaubertes Land

So wie der Trollfjord klingt übrigens das ganze Land: wie verzaubert. Als ob Norwegen nicht der international drittgrößte Erdölexporteur wäre, sondern ein Märchenreich am Ende der Scheibe, entrückt, verwunschen, nicht ganz von dieser Welt. Norwegen hat Stadt- und Ortsnamen wie entnommen aus einem skandinavischen „Herr der Ringe“, und weil auch die Landschaften um diese Orte herum meist ein bisschen magisch aussehen, kommt man sich schon ein wenig außerweltlich vor, wenn man vorbei fährt an Bangsund oder Melstein oder Bruhagen (selbst die Erdgasfelder heißen nicht „E24“ oder „EGF03/99“, sondern „Trollfeld“ oder „Schneewittchen“). Die meiste Zeit aber ist da draußen nichts und niemand. Norwegen hat Wasserfälle und Berghänge in mindestens 47 Grünschattierungen, es hat weiß schäumende Gebirgsflüsse und Moore und natürlich Elche - vor allem aber hat es Weite und Leere.

Und dann ist die "Polarlys" auf den Lofoten, und etwas besseres kann man kaum werden, wenn man Inselgruppe ist. Als seien sie die versteinerten Rückenzacken riesiger Drachen – so ragen die Eilande aus der grauen, kalten See. Svolvaer liegt geschützt im Windschatten eines Berges, an dessen Gipfel die Wolken zerfasern: ein sympathischer Ort, der sich Archipelhauptstadt nennen darf und in dem 4000 der 24.000 Lofotenbewohner zu Hause sind. Stamsund, der nächste Stop, besteht dann fast nur aus einer einzigen Straße. Vor ihr ist Wasser, hinter ihr auch, und links wie rechts sowieso. Im Winter, heißt es, komme manchmal ein Künstler aus den USA, ein Maler. Er zeichne hier bunte Aquarelle, die das Licht und die Farben wie von Zauberhand festhalten.

Der Norweger an sich beschäftigt sich im Winter natürlich mit wichtigeren Dingen. Er komponiert zum Beispiel so wunderschönen Jazz wie der Trompeter Nils Petter Molvaer, der sein Instrument vor jeder Aufnahme offensichtlich schnell noch mal in einen Fjord taucht, anders kann man gar nicht so unterkühlt klingen. Oder er entwirft Möbel, ganz schlicht, ganz sparsam, als ob Zen eine norwegische Philosophierichtung wäre. Auch Norwegens Hotelarchitekten sind so gepolt und bauen Berg-Lodges für die Titelseiten von Designzeitschriften, und die Modedesigner schütteln Kollektionen in Naturtönen aus dem Ärmel, die trotz aller Erdverbundenheit schwebend daher kommen.

Irgendwas muss an Norwegen sein, dass die Menschen hier so ein Faible für das Schlichte, Gerade, Schöne haben. Vielleicht liegt es einfach daran, dass dieses Land so still ist. Und so melancholisch. Eine Einsamkeit ausstrahlt, in der der Mensch noch werden und wachsen kann. Und das eine Küste besitzt, an der man eine ganze lange Woche lang vorbei fahren kann, ohne sich auch nur eine einzige Minute zu langweilen. Selbst wenn man zwanzig Stunden am Tag auf den Beinen ist.

Text & Fotos: Stefan Nink


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