Greenwich Die Stadt, die die Zeit erfand

Gestatten: Greenwich, Stadtteil von London – genau hier verläuft der Nullmeridian, hier wird die Erde in ihre östliche und ihre westliche Hälfte unterteilt. Und nach der Greenwich Mean Time stellt die Welt ihre Uhren. Kaum jemand jedoch weiß, dass wir all diese Errungenschaften einem kleinen Londoner Uhrmacher verdanken – unser Autor machte sich auf die Suche nach den Ursprüngen unserer Zeit.

Gute Aussichten! Altehrwürdige Bauten vor moderner Wolkenkratzerkulisse - der Blick über das Royal Naval College von Greenwich hinüber auf die Skyline von London. | © Stefan Nink

Greenwich ist der grünste aller Londoner Stadtteile

Hier sind Englands Helden allgegenwärtig. Namen, so viele Namen! Könige und Feldherren, Prinzessinnen und Herzöge, Helden, Verstoßene, Intriganten, Emporkömmlinge und Mätressen. Man kann in dieser größten aller europäischen Hauptstädte noch so weit fahren – Pomp and Circumstances des Empire entkommt man am Ende nirgendwo in London, auch nicht im grünsten seiner Stadtteile. Lord Nelson, Maria I., Heinrich VIII. und der Herzog von Wellington sind auch hier allgegenwärtig: sie stehen auf Sockeln, lächeln von Souvenir-T-Shirts und klappern auf den Schildern der Pubs im Wind, der von der Themse kommt und in Schüben durch die Gassen zieht.

Alle sind sie da, bloß zwei wichtige Einwohner Greenwichs fehlen, und etliche Leute sagen: Vielleicht sind es die wichtigsten überhaupt. Der eine: ein Uhrmacher. Der andere: der größte Navigator seiner Zeit. Keine Denkmäler erinnern an John Harrison und James Cook in Greenwich. Dabei waren sie es, die diesen einst kleinen Ort an der Themse zum Nabel der Welt gemacht haben. Auch, wenn sie das damals nicht ahnen konnten. Aber von vorne. An was denkt man, wenn man an Greenwich denkt? Genau: kennt man aus der Schule. Greenwich Mean Time, nach der stellt die Welt die Uhren. Und der Nullmeridian verläuft hier. Das ist eine Referenzlinie, erinnert man sich – an ihr orientieren sich alle übrigen Längengrade.

Früher wiesen nur Sonne und Sterne den Seeleuten ihren Weg

Die wiederum sind wichtig, um jedem beliebigen Punkt auf diesem Planeten exakte Koordinaten zuweisen zu können. Bevor man die Längengrade bestimmen konnte (und lediglich die Breitengrade kannte), segelten Schiffe mehr oder weniger orientierungslos über die Meere der Welt. Natürlich konnte man Strömungen, Winde, die Sterne und die Sonne zu Rate ziehen. Genaue Zielkoordinaten aber existierten nicht, und spätestens wenn Nebel aufzog, lag das Schicksal eines Schiffes in Gottes Hand, wie das immer so schön heißt. Schon die antiken Griechen waren da ratlos. 3000 Jahre später waren es die Briten immer noch. 20.000 Pfund, eine schier unglaubliche Summe (nach heutiger Rechnung mehrere Millionen Euro) versprach das Parlament demjenigen, der das Mysterium lösen würde. 1714 war das. Und dann kam John Harrison.

Anfangs hat man über die Idee des Uhrmachers nur gelacht

Der Uhrmacher hatte die Idee, einen ungewöhnlichen Chronometer zu bauen, einen Zeitmesser so stabil, dass er Londons Uhrzeit auch noch durch stärksten Sturm und Wellengang über die Welt tragen konnte. Damit, behauptete Harrison, sei das Dilemma gelöst: Wenn man nämlich die Ortszeit in beispielsweise der Südsee mit der Uhrzeit der Heimat vergleichen könne, dann lasse sich aus der Differenz der beiden der Längengrad bestimmen. England schmunzelte über die Idee des Uhrmachers, die Belohnung gab es natürlich nicht, aber dann nahm James Cook den neuen Chronometer mit an Bord. Als er drei Jahre später von seiner zweiten großen Reise zurückkehrte, hatte der Navigator nicht nur mehr weiße Flecken von der Landkarte getilgt als je ein Mensch vor ihm – Cook hatte diese neue Welt auch penibel kartographiert. Damit eröffnete er England jene neuen Horizonte, an denen es nur wenig später das größte Imperium seiner Zeit errichten sollte. Und all das passierte nur, weil der Uhrmacher John Harrison Recht behalten hatte.

Das ist natürlich erst einmal ein bisschen viel Theorie, die man sich da auf der Fahrt hinaus angelesen hat. Und natürlich ist man dann erst einmal überrascht, wie hübsch es hier draußen an der Themse ist, wie lebendig und jugendlich und wie wenig staatstragend. In Greenwich stehen einige der ältesten Pubs Londons, Jamie Oliver betreibt ein lässiges Restaurant mit angeschlossenem Feinkostladen, in den engen Straßen gibt es Kunsthandlungen und Antiquariate. Drüben, auf den ausladenden Rasenflächen rund um das Royal Naval College, sitzen möwenfütternde Pensionäre und Studenten, im überdachten, brittoresken Greenwich Market werden Curries aus Madras und Schafskäse aus Wales serviert. Der alte Teeclipper „Cutty Sark“ schimmert im Licht der Morgensonne. Er wirkt, als würde er sich in einem unbeobachteten Moment am liebsten die 30, 40 Meter zum Fluss hinunter davonstehlen.

Greenwich - die ruhige Ecke Londons

Doch, das ist schon schön hier in Greenwich, und vor allem ist es ruhig, viel ruhiger als in der Stadt selbst. London gehört ja längst zu jenen Metropolen, in denen an jedem Tag im Jahr akute Tottrampelgefahr besteht. Hier draußen aber, eine kurze Schiffs- beziehungsweise Bahnfahrt weiter, scheint die Hektik der Stadt Lichtjahre entfernt. Lediglich im Maritime Museum mit seinen interaktiven Displays und „Hands on“-Möglichkeiten braucht man gelegentlich Nervenstärke: An bestimmten Tagen fallen schulklassenweise Kinder ein und lärmen, mit Klemmbrettern und Fragebögen ausgestattet, durch die Ausstellungen.

Auch hier übrigens: kein Harrison, kein Cook, jedenfalls nicht beim ersten Rundgang. Der Mann an der Information schaut irritiert. Harrison? Cook? Aber ja doch! Er verweist auf Renovierungsarbeiten in einem der Räume. Auf das Observatorium auf dem Hügel hinter dem Museum. Und auf das Queen's House, aus dem Hauptausgang hinaus, dann links und ein paar Schritte durch den Park: Da hinge Cook. Was er tatsächlich tut. Auf jeder seiner drei Weltreisen hatte der Entdecker Maler an Bord, von denen William Hodges das eindrucksvollste Porträt gelang: Cook sieht auch 250 Jahre nach der Sitzung noch immer aus, als würde er jeden Moment aufstehen und sich entschuldigen, wir machen später weiter, Hodges, Sie haben es ja gehört, der Junge im Krähennest hat Land gesichtet, lassen Sie uns schnell an Deck gehen. Noch faszinierender als das Porträt des Kapitäns aber sind die Gemälde von jenen Ländern und Inseln der Welt, die vor den Seeleuten der Endeavour und der Resolution kein Europäer je gesehen hatte. Und die wegen Harrisons Uhr und Cooks kartographischem Genie schon bald von ihren Landleuten besiedelt werden würden.

Das Queen's House ist übrigens für Anna von Dänemark gebaut worden, 1616; mit seinen großen Fensterflächen und den lichtdurchfluteten Räumen würde es tatsächlich auch gut nach Kopenhagen passen. Es steht hier, weil Greenwich einmal Regierungssitz war: Im frühen 15. Jahrhundert residierten mehrere englische Könige fernab von Lärm und Ausdünstungen Londons. Was wiederum die weitläufigen Parkanlagen erklärt und auch die gut erhaltene gregorianische und viktorianische Architektur in den Straßen. Greenwich war schon immer eine wohlhabende Gemeinde. Und als dann Karl II. 1685 entschied, auf einem Hügel über der Themse das Royal Greenwich Observatory erbauen zu lassen – da wurde mit dessen Grundstein gewissermaßen auch die Basis zum späteren Ruhm des Städtchens gelegt.

Autor: Stefan Nink


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