USA Crater Lake National Park: Das Auge der Natur

Eine Oberfläche wie gehämmerter Stahl, steile Kraterwände ringsum, dazu dieses unwirkliche Blau – der beinahe kreisrunde Crater Lake im US-Bundesstaat Oregon nahe der Pazifikküste verzaubert auf den ersten Blick. Manchmal scheint es, so unser Autor, als würde der See seine Besucher beobachten. Eindrücke aus einem der schönsten Nationalparks in Nordamerika.

Crater Lake | Foto: Stefan Nink

Die Geschichte der Entstehung des Crater Lake National Park im Westen der USA ist eine ganz besondere. Vielleicht muss man sich das so vorstellen: Der Unterricht langweilig, der Lehrer irgendwie doof, da isst man während des Unterrichts schon mal heimlich sein Pausenbrot.

Und weil einen dieses Gerede von Gott und dem Sündenfall mit acht Jahren überhaupt nicht interessiert, ist selbst das Zeitungspapier spannender, in das die Stulle eingewickelt ist. Er sei überwältigt gewesen von der Schönheit des Sees auf dem Foto, hat William Gladstone Steel später immer wieder erzählt.

Da hatte er Oregons Crater Lake bereits zum Nationalpark gemacht, 1902 und praktisch im Alleingang, nachdem er knapp zwei Jahrzehnte in Washington für ihn geworben hatte. Begonnen aber hatte alles mit dem Blick auf das Pausenbrotpaier. „Der See verzauberte mich vom ersten Augenblick an”, schrieb Steel am Ende seines Lebens, „es war, als sei ich für ihn bestimmt gewesen, als ich ihn in der alten Zeitung entdeckte.”

Doch, das ist wohl so: Große Dinge fangen manchmal klein und unscheinbar an. Und manchmal muss man Müttern dankbar sein, die sich um die Ernährung ihrer Kinder kümmern: Wer weiß, ob man selbst 150 Jahre später einen derart überwältigenden Moment.

Gerade eben hat man sich noch gefragt, wo er denn nun ist und wann er denn endlich kommt, da öffnet sich nach einer Kurve plötzlich der Wald - und direkt unter einem liegt der schönste See, den man je im Leben gesehen hat. Doch, das ist so! Nirgendwo auf dieser Welt existiert ein vergleichbares Gewässer: Beinahe kreisrund, von unwirklichem Blau, schimmernd, regungslos, die Oberfläche wie gehämmerter Stahl, in dem sich Welt und Wolken doppeln.

Wenn man ein paar Meter höher steigt, auf eine der Anhöhen um ihn herum, von denen das Panorama noch ein Stück unglaublicher ist, scheint der See 600 Meter unter einem wie ein Saphir, eingefasst von steinernen Schraten und Kanten. Als habe die Geologie hier mal kurz zeigen wollen, was sie so alles hinbekommt, wenn man ihr Zeit lässt.

Der Crater Lake ist so vollkommen, weil er – sein Name deutet es an – in einem Vulkankrater liegt. Mount Mazama gehört zu jenen Feuerbergen, die sich von British Columbia in Kanada auf einer Länge von 1300 Kilometern aneinanderreihen und in Kalifornien in die Sierra Nevada übergehen. Als er vor 7700 Jahren ausbrach, blieb kein Stein auf dem anderen; Wissenschaftler vermuten, dass seine Eruption hundertmal gewaltiger war als die des Mount St.Helens 1980. Als das obere Drittel des Berges in alle Himmelsrichtungen weggeschleudert war und der Vulkan sich wieder beruhigt hatte, fiel sein Krater in sich zusammen. Anschließend dauerte es fünf Jahrhunderte, bis Schmelzwasser und Regen die Senke gefüllt hatten. Wenn man heute in den See hinunter schaut, ist es ein bisschen so, als blicke man dem Vulkan ins Auge.

Der heilige See

Man macht das übrigens ständig: in den See hinunter schauen. Das liegt natürlich daran, dass man ihn immerzu sehen kann, wenn man auf der knapp 50 Kilometer langen Straße unterwegs ist, die am Rand des Kraters entlang führt. Es hat aber auch damit zu tun, dass einen dieser See irgendwie anzuziehen scheint. Liegt das daran, dass man seine Tiefe kennt, 580 Meter, tiefer als jeder andere auf dem Kontinent? Oder liegt es an den Geschichten der Native Americans, denen der See so heilig war, dass sie seine Existenz den weißen Eroberern verschwiegen? Hin und wieder ertappt man sich dabei, dass man sich zu ihm umdreht. Manchmal hat man das Gefühl, er beobachte einen, der See.

Ein schlafender Vulkan

Vulkane sind – sehr vereinfacht gesagt – die Druckventile des Planeten. Sie entstehen, wenn geschmolzenes Gestein aus dem Erdinnern, das sogenannte Magma, durch Spalten und Klüfte hinauf steigt und sich einen Weg nach draußen bahnt. Vulkane bieten dieser Gesteinsschmelze aus der Tiefe des Planeten eine praktische, weil bereits vorhandene Öffnung, durch die sie immer wieder aufs Neue nach oben gelangen kann. Dennoch können zwischen den einzelnen Ausbrüchen lange Ruhepausen liegen: Ein Vulkan gilt als aktiv, wenn er innerhalb der letzten 10.000 Jahre auch nur ein einziges Mal ausgebrochen ist. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ein Vulkan heute auch dann nicht erloschen ist, wenn sein letzter Ausbruch 7986 v.Chr. stattfand. Was wiederum bedeutet, dass auch der Vulkan unter dem Crater Lake nicht erloschen ist. Er schläft nur.

Manchmal fallen Touristen in den See. Ignorieren Warnschilder, kraxeln für ein Erinnerungsfoto an den abschüssigen Hängen herum, verlieren den Halt. Das passiert allerdings viel seltener, als man annimmt, wenn man auf den steil abbrechenden Aussichtspunkten am Kraterrand steht; Crater Lake gehört zu den wenigen Nationalparks der USA, in denen die Gäste den Rangern wenig Sorgen bereiten. In den meisten anderen Nationalparks werden die Besucherströme ja längst gezielt in kleine Bereiche gelenkt, die man gewissermaßen opfert, um die restliche Parkfläche unberührt zu lassen. Am Crater Lake muss man das nicht, weil 95 Prozent der Besucher die Straße um den Krater sowieso nicht verlassen. Eine halbe Million kommt jedes Jahr, die allermeisten im Sommer (der Winter hier beginnt früh und hält sich meist hartnäckig), und fast alle machen nichts anderes, als einmal rund um die Caldera zu fahren und dabei an jedem Aussichtspunkt anzuhalten. Deswegen ist man auch fast allein unterwegs, wenn man auf einem der Trails abseits des Kraters wandert. Falls man sich denn vom Anblick des Sees losreißen kann.

Tatsächlich könnte man einen geschlagenen Tag damit verbringen, auf ihn hinunter zu schauen. Beobachten, wie die wandernde Sonne die Spiegelbilder der Gipfel um ihn herum verändert. Wie seine Farbe wechselt, wie er tiefer und tiefer zu werden scheint. Man könnte schauen und darauf warten, dass der Mond hinter den Bergen aufsteigt und einen Korridor aus Licht auf das Wasser legt. Spätestens in der blauen Stunde nach Sonnenuntergang ist man allein auf seinem Beobachtungsposten hoch über dem Krater. Allein – bis auf die Hirsche und Rehe, die in diesen Minuten aus dem Wald kommen, als wollten auch sie diese Minuten nicht versäumen.

Vier Stunden sind es heute mit dem Auto von Oregons Hauptstadt Portland zum Nationalpark. William Gladstone Steel benötigte wesentlich mehr Zeit, um an den Ort seiner Träume zu gelangen: Vom berühmten Zeitungspapier-Moment bis zu seiner ersten Reise sollten fünfzehn Jahre vergehen. Eine Straße zum See existierte damals nicht: Der „Vater des Crater Lake” reiste mit der Postkutsche an. Die letzten dreißig Kilometer musste er zu Fuß gehen.

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