Ostsee Bornholm: Einfach hyggelig

Rundherum hyggelig, also gemütlich, ist diese Ostsee-Insel allemal. Nirgendwo sonst in Dänemark gibt es so viele gute Kunsthandwerker. Nirgendwo sind die Hafenorte uriger, die Feste gemütlicher und die Strände besser. Bornholm ist etwas ganz Besonderes, nämlich Natur-, Sommerfrische-, Kinder- und Radfahrerparadies zugleich. Unser Autor weiß, wovon er spricht – er ist seit mehr als 30 Jahren regelmäßig vor Ort.

Die Holländermühle - von Aarsdale, markanter Punkt an der Ostküste zwischen Nexø und Svaneke, ist die einzige, in der das Korn noch nach alter Väter Sitte gemahlen wird. |© Bernd Schiller

In Rønne lebt rund ein Drittel der etwa 40.000 Insulaner

Im hyggeligen Hauptstädtchen Rønne (hyggelig ist dänisch und bedeutet gemütlich), wo gut ein Drittel der etwa 40.000 Insulaner lebt, landen die Fährschiffe aus Sassnitz (Rügen), Ystad (Schweden) und aus Kopenhagen an. Willkommen auf Bornholm!

Gleich der erste Eindruck stimmt perfekt auf diese Märcheninsel ein: eine hübsche Kirche (St. Nicolai), um die sich rote Fachwerkhäuser wie die Küken um die Glucke kuscheln, enge Gassen mit Kopfsteinpflaster, ein großer und ein kleiner Marktplatz mit Geschäften und Restaurants aller Art.

Wenn mal wirklich die Sonne nicht scheint, bummelt man durch das Heimatmuseum oder besucht Erichsens Gaard und staunt, wie wohlhabende Bürger früher gewohnt haben.

Erster Fotostopp auf dem Weg zu den Ferienhäusern und Campingplätzen an der Südküste oder zu den Pensionen und Hotels im Norden und Nordosten wird wohl vor einer der vier Rundkirchen sein. Diese einst wehrhaften Gotteshäuser sind zum Wahrzeichen der Insel geworden.

Sand, fein genug für Sanduhren

Die größte ist Østerlars im Osten, die kleinste (und für viele Urlauber schönste) ist die Ny (Neue) Kirke bei Rønne. Die beste Akustik – alle Rundkirchen sind beliebte Aufführungsorte von anspruchsvollen Sommerkonzerten – soll Nylars, ebenfalls nahe bei Rönne gelegen, bieten. Und die Ols Kirke im Norden ragt so hoch aus dem Land, dass Seefahrer bis heute ihren Kurs danach ausrichten.

Nirgendwo in Skandinavien gibt es schönere Strände als die von Dueodde und den angrenzenden Sømarken. Der Sand ist so fein und weich, dass er früher für Sanduhren und zum Trocknen von Tinte auf wichtigen Dokumenten benutzt wurde. Und das Erstaunlichste an diesem Traumstrand, der sich über 30 Kilometer erstreckt: Er ist nie und nirgendwo überlaufen. Kult-Treff vor dem Bohlenweg an dem breiten Strand ist der Krølle-Bølle-Kiosk, wo es das beste Softeis der Insel gibt.

Paradies für Familien: Das Joboland

Der kuscheligste Hafen mit einer liebenswert-altmodischen Atmosphäre ist Snogebæk an der Südostspitze: Wer nicht wenigstens einmal in Sørens Værtshus sein Bier vom Fass und die beste Pizza der Insel genossen hat, war nicht wirklich auf Bornholm. Außerdem gibt es hier jede Menge romantische Ecken, Fischernetze, eine alte Lebertranfabrik, eine Räucherei, eine Schoko-Manufaktur und noch vieles mehr.

Die grüne Mitte, rund um das Städtchen Aakirkeby mit seiner mächtigen Kirche, ist geprägt durch unglaublich viel Grün: tiefer Wald in Almindingen, aus dem ein burgähnlicher Turm namens Rytterknægten ragt, tiefe Spaltentäler, die alle Naturfreunde beeindrucken, und verwunschen wirkendes Fels-, Wald- und Wiesenland, zum Beispiel in den Paradieshügeln bei Nexø, die berühmt für ihre so genannten Wackelsteine sind (an denen sich aber nichts rütteln lässt ...).

Wer die von Haus aus eher ruhigen Bornholmer enthusiastisch erleben will, muss zum Trabrennen auf die Rennbahn von Almindingen kommen; da steppen Pferd und Insulaner gemeinsam. Termine stehen in der unverzichtbaren Gratis-Urlauberzeitung „Denn Uges“, die jedes Wochenende in die Briefkästen der Ferienhäuser gesteckt wird und ansonsten auch in der vielfach vertretenen Lebensmittelkette Brugsen und in anderen Geschäften oder Hotels ausliegt.

Paradies für Familien: Das Joboland

Zu jedem Familienurlaub auf Bornholm gehört ein Tag im Joboland, dem Kinderparadies in Brændesgaardshaven westlich von Svaneke. Hier geht es nicht annähernd so technisch und schon gar nicht elektronisch zu wie in deutschen Erlebnisparks. Das mögen konsumkritische Eltern, wie sie auf Bornholm häufig anzutreffen sind, gern – und ihre Kinder erst recht: viel Holz, viel Spaß mit einem Zauberer, viele Tiere und nun auch eine Wasserrutsche, die hier schon als neumodisch gilt.

Stammgäste lieben außerdem Svaneke, den schönsten Hafen an der Ostküste und zugleich die Stadt mit den meisten Kunsthandwerkern und Lebenskünstlern: Schauen Sie mal in die Werkstatt von Pfeifenmacher Bjørn Thurmann, einem Unikum; seine Werkstatt verbirgt sich im gelben Fachwerkhäuschen in einer Seitengasse zwischen Markt und Hafen. Oder in die Galerie der charmanten Keramikerin Vibeke Berland am Randes des Marktplatzes. Ein besonderer Spaß für die ganze Familie: Im Sommer zuckelt jeden Samstagvormittag, wenn Floh- und Gemüsemarkt ist, eine Pferdebahn vom Marktplatz durch die Gassen zum Hafen hinunter.

Nur drei Kilometer weiter nördlich, in Listed, geht es sowohl romantisch als auch kosmopolitisch zu: Im alten Hafen machen Kutter und Yachten fest, bei Sebastian Frost, dem kreativsten Juwelier und Uhrmacher der Insel, einem eingemeindeten Deutschen, schaut zuweilen sogar die Königin vorbei. Und direkt nebenan, im winzig kleinen Hafenmuseum, trifft sich fast täglich eine urige Männerrunde, um von alten Zeiten zu schnacken.

Gudhjem, das hügelige Hafenstädtchen an der nördlichen Ostküste, hat (fast) so viele Liebhaber wie Svaneke. Der Reiz liegt im Auf und Ab der Gässchen, im gemütlich-lebhaften Hafenbetrieb, in der Nähe zum Kunstmuseum Helligdommen, zu dem ein wunderschöner Küstenpfad führt. Bester Blick auf Stadt und Meer: von den Felsen auf dem Bokulberg oder dem gleichnamigen Traditionsrestaurant ein paar Meter tiefer.

Sommersprossen in der Ostsee: Der Abstecher auf die kleinen Außenposten des Eilands, die so genannten Erbseninseln (dänisch: Ertholmene), gehört für viele Bornholm-Fahrer zu den festen Ritualen ihres Urlaubs. Morgens geht es los ab Svaneke (im Sommer auch von Allinge) mit dem rustikalen Ausflugsdampfer „Ertholm“ (1967 in Husum gebaut) oder dem noch viel älteren Postschiff „Peter“ nach Christiansø. Dort bummelt man durch die alte Kasernenstraße, die Kinder klettern im Hochland auf Festungsmauern und Kanonen, man wechselt über eine Brücke nach Frederiksø, kauft marinierte Heringe, wie sie auch bei Königs in Kopenhagen geschätzt werden, schaut mit wohligem Gruseln in ein ehemaliges Gefängnis, und dann fährt das Schiff auch schon bald wieder zur „großen“ Insel zurück. Wer tiefer eintauchen will in diesen Mikrokosmos, hat rechtzeitig eines der sechs Zimmer in der Gæstgiveri reserviert, dem Krug, der für Segler, Tagesgäste und erst recht für die Alteingesessenen den Nabel der Erbsenwelt bedeutet.

Die Mittelalter-Burg Hammershus, einst die größte Festungsanlage Nordeuropas, wollen alle sehen. Auch als Ruine wirkt sie noch mächtig und imposant. Fast noch ein Geheimtipp, selbst für Bornholm-Repeater, ist dagegen die Halbinsel Hammeren, auch Hammerknude genannt: ein romantisches Fleckchen Erde hoch über dem Meer. Dort liegt auch Hammersø, der größte See der Insel. Der Rundweg rund um den Hammeren, etwa sieben Kilometer lang, wird von Naturliebhabern zu den schönsten Wanderungen in ganz Dänemark gerechnet. Zwei Leuchttürme ragen hier auf als Wegweiser für den Spaziergang. Stärkung bietet sich danach in Sandvig an, zum Beispiel in Ellas Konditori, einemTraditionscafé, das allerdings seine besten Jahre hinter sich hat, oder in Allinge, der nördlichsten Räucherei der Insel, die viele für die beste halten.

Die Westküste mit Hasle im Mittelpunkt ist auf den ersten Blick nicht so reizvoll wie der Süden mit seinen Traumstränden, der Osten mit seinen hyggeligen Hafenstädtchen oder der Norden mit seiner zum Teil dramatisch schönen Felsen- und Schärenküste. Aber in Hasle lohnt immerhin ein Blick ins Räucherei-Museum, und die Orte Helligpeder und Teglkås und der mythische Felsen Jons Kapel haben doch ihren eigenen Zauber – so wie die gesamte dänische Märcheninsel.

Besondere Tipps von Bernd Schiller

Gut schlafen

Bornholm hat nur wenige sehr gute Hotels (keines mit fünf Sternen) – vier Fünftel aller Gäste bevorzugen Unterkünfte in Ferienhäusern, auf Campingplätzen (vorwiegend im Süden) oder in familiären Pensionen und kleinen Hotels (vorwiegend im Norden). Drei Hotels ragen aus dem Angebot heraus:

Fredensborg in Rønne: Äußerlich atmet es eher den Charme der 70er Jahre. Aber das Haus ist sehr gut geführt und gilt auch als bestes Business-Hotel der Insel. Die Restaurants „5 Stauerna“ und „Heaven and Sea“ sind beliebte Ausgeh-Adressen der Bornholmer „Gesellschaft“. Empfehlenswert: das große Fischbuffet an jedem Donnerstagabend in der Saison.  www.radissonblu.com/hotel-bornholm

Stammershalle bei Tejn: Seit über 100 Jahren eine Institution im Norden. Ein Quartier, wie Nostalgiker es lieben. Der Koch Daniel Kruse hat außerdem seit einiger Zeit das Restaurant „Lassens“ zu einem Treff für anspruchsvolle Genießer gemacht. www.stammershalle-badehotel.dk

Gut essen

Weil so viele Urlauber Selbstversorger sind, hält sich auch die Zahl ambitionierter Restaurants in Grenzen. Seit aber auch viele Kopenhagener über die Öresundbrücke und Südschweden übers Wochenende kommen, ist das Angebot zumindest im Sommer besser geworden.  Meine drei Favoriten besuche ich auch wegen Atmosphäre, Service und Lage:

Æblehaven in Snogebæk: Eine kuriose, durchaus anspruchsvolle und deshalb auch nicht billige Mischung aus Dänemark (der Inhaber) und Asien (seine Frau, die Köchin) an einem lauschigen Ort mit viel Platz auch im Garten. www.aeblehaven.com

Bryghuset, die lokale Brauerei in Svaneke: rustikal-gemütlich, direkt am Markt gelegen; bodenständige Küche, gutes Bier. www.svanekebryghus.dk

Fru Pedersen am Dorfrand von Østermarie: Noch nicht so alt wie „Tante Ella“ im Norden, aber ebenfalls längst eine Institution, inzwischen sogar mit mehr Charme und besserem Service. Guter Kuchen und kleine Speisekarte. www.frupetersenscafe.dk

Text: Bernd Schiller


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