Italien Apulien mal ganz anders

Leuchtend blühende Felder, stille Gassen, die in der Hitze des Tages träumen, kleine Terrassen mit großer Aussicht hoch über dem Meer – wer sich auch nur ein paar Kilometer von Apuliens bekannten Ferienorten entfernt, kann ein Italien der besonderen Art erleben. Bericht über spitze Bauten, schräge Orte und den betörenden Duft von Oleander und Rosen.

In der kleinen Stadt Polignano sind nur wenige Urlauber unterwegs

Nach Mittag, wenn sich das Leben hinter die weißgleißenden Mauern der Häuser zurückgezogen hat, wenn keine Radios mehr lärmen, wenn die knatternden Vespas ebenso verstummt sind wie die wortgewaltigen Dramen, zu denen man hier ja gerne jede ganz normale Unterhaltung aufbläst – in diesen Stunden kann man in den Gassen der Altstadt das Meer hören.

Es schurrt mit den Steinen am Strand, es platscht gegen die vertäuten Boote, es nagt an den Mauern, als wolle es hinein in die Stadt.

Wenn man diesen Geräuschen folgt, in die kleine Gasse dort hinten, um die spitze Ecke da vorne oder einmal um die Kapelle auf der Piazza herum, dann steht man irgendwann plötzlich über dem Meer. Polignano ist keine Stadt, die am Wasser liegt – Polignano thront etliche Meter darüber.

Sehen kann man es trotzdem nur von den kleinen Aussichtsterrassen aus, die wie Greifvogelnester an der Stadtmauer kleben. In Spanien oder Griechenland (oder auch weiter nördlich in Italien) würden sich auf diesen Terrassen die Touristen drängen. In Polignano sind sie leer. In Polignano scheinen überhaupt keine Besucher unterwegs zu sein.

Bari, Lecce & Co sind die großen Ziele der Reisenden

Ach, Apulien! Lieblingsland der Staufer, der Sommer-im-Winter-Suchenden, der Toskana-Überdrüssigen! In großen Bussen kommen die Reisenden an und fotografieren Bari und Lecce und all die anderen Vorzeigeorte der Region, laufen durch historische Altstädte und Kirchen und Paläste, steigen hinauf zu Festungen und hinab an Strände und kommen aus dem Schwärmen überhaupt nicht mehr heraus: Die Farben! Und erst das Essen! Abends, wenn die Aufregung des Tages gewichen ist wie die Hitze aus engen Gassen, sitzen dann alle in den Trattorien und telefonieren mit den Lieben daheim. So schön ist das hier! Und das Wetter auch!

In Bari und Lecce ist das so, natürlich. In Tarent. Auch in Ostuni, das ausschaut, als habe man es irgendwann vor langer Zeit vom Himmel abgeseilt und passgenau auf einem Hügel abgesetzt.

Ein paar Kilometer abseits vom Rummel beginnt ein anderes Apulien

Wie andere apulische Orte auch scheint Ostuni spätestens ab Mittag in seiner eigenen Hitze zu ersticken – genau zu jener Zeit, zu der sich die riesigen Parkplätze unterhalb der Altstadt mit Tourbussen füllen. Und aus Alberobello ist sowieso eine Art Trulli-Disneyland geworden. An schönen Frühlings- oder heißen Sommertagen schieben sich Zehntausende durch die Gassen mit den Trulli. Deren Bewohner, die in ihren zipfelmützenspitzen Türmchen ausnahmslos Souvenirläden betreiben, schauen dem Gewusel mit stoischer Gelassenheit zu. Vermutlich sind sie alle längst Millionäre.

Es gibt aber auch ein anderes Apulien. Das hat mit all dem Rummel nichts zu tun, obwohl es manchmal nur drei oder vier Kilometer entfernt liegt. Das andere Apulien scheint von den touristischen Strömen mehr oder weniger komplett ignoriert zu werden. Das andere Apulien sieht aus wie ein gewaltiger, flächendeckender Garten, den irgendein hoffnungslos untalentierter Landschaftsarchitekt angelegt hat. Artischockenfelder gehen in Weinberge über, Olivenhaine grenzen an Mandelbaumplantagen, die wiederum an Rapsfelder grenzen, alles fließt ineinander, und wo es nicht ineinander fließen soll, haben die Menschen ihre Steinmauern gezogen, seit Jahrhunderten machen sie das schon so. Alle Steine, die auf den Feldern im Weg liegen, werden fein säuberlich aufeinandergeschichtet, Vorratskammern werden aus ihnen und Schutzhütten gegen Gewitter und eben diesen Trockenmauern.

Und weil sich die Technik des Bauens seit Ewigkeiten nicht geändert hat und man Steinen ihr Alter meistens nicht ansieht, könnten diese Mauern dort 1632 errichtet worden sein oder doch erst letzten Monat, so genau weiß man das nicht, und erkennen kann man es erst recht nicht. Stattdessen spürt man an diesen Orten, wie stark die Vergangenheit in diesem Land in die Gegenwart hinein reicht. Man merkt es bei den Olivenbäumen, den Pfaden auf die Hügel und manchmal sogar an den Menschen mit ihren klassischen Profilen und einem Blick, in dem sich die Sehnsucht nach dem Meer spiegelt. Sogar an den einsam in den Feldern stehenden Trulli merkt man es. Auch bei den architektonischen Wahrzeichen Apuliens weiß man oft nicht, ob man es mit einer antiken Ruine zu tun hat oder einem angesagten Neubau.

Und so einen Ort wie Locorotondo muss man auch erst mal hinbekommen. Beim Hereinfahren wirkt er wie jeder andere – steigt man aber aus und spaziert in die Altstadt hinein, entdeckt man ein Labyrinth verwinkelter Gassen mit ausschließlich weißen Häusern. Weil auch Locorotondo auf der Kuppe eines Hügels liegt, verlaufen so gut wie alle diese Gassen in unmöglichen Steigungswinkeln. Es geht hinauf und hinunter, schräg am Hang entlang und scharf um Ecken herum, aber niemals auch nur zwanzig Meter eben. Manchmal schafft es der Wind vom Meer hinein in die engen Sträßchen und verteilt den Duft der Geranien und Rosen und Oleander, die ihre Bewohner in Kübeln und Töpfen aufs Pflaster stellen, als wollten sie gegenseitig wetteifern, sehr hübsch ist das. Mehr Blumen sieht man nur noch in Martina di Franca mit seinen Bürgerhäusern und Palästen: Das ist noch so ein übersehenes Schmuckstück Apuliens.

Hier begegnet man nur wenigen Touristen

In keiner dieser Städte wird man vielen Mit-Touristen begegnen, weil keine dieser Städte zum typischen Programm gehört. Auch Monopoli nicht, obwohl einen hier Schilder auf einer "touristischen Route" durch die Altstadt lotsen, in der nichts touristisch ist, sondern alles auf eine sympathische, vernachlässigte Art vor sich hin bröselt. Am Hafen bewachen mehrere Bänke voll philosophierender Alter die kleinen Boote. Im Festungsturm – laut angebrachter Tafel eine Hauptsehenswürdigkeit der Stadt - gibt es gerade ein Vortrag der örtlichen Gewerkschaft über Rosa Luxemburg, scusi, vielleicht wollen Sie zuhören, und wenn nicht: Einfach durch den Saal und die hintere Tür hinauf auf den Turm. Dort steht man dann und blickt auf der einen Seite hinunter in die Marina und auf der anderen hinein in die Altstadt, und die Möwen zetern und die Außenborder tuckern, und aus den Ristoranti quellen die hüpfenden Takte der Tarantella, Apuliens Beitrag zu Italiens Musikgeschichte.

Es ist immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich sich Städte anhören können. Und welche Rolle die Tageszeit dabei spielt. Eine Stadt wie Polignano – durch und durch apulisch und durch und durch untouristisch – erwacht erst abends zum Leben. Zur Ruhe kommt es erst tief in der Nacht.

Mittags aber ist es so still in den Gassen von Polignano, dass die Flügelschläge der Tauben oben auf den Simsen der Kirchen die einzigen Geräusche sind, die man hört. Und das Meer, irgendwo hinter den Mauern, am Ende der schmalen Gassen, tief unter einer der Aussichtsplattformen.

Übernachtungstipps:

Das Borgo Egnazia bei Savelletri an Apuliens Adriaku?ste sieht aus wie ein süditalienisches Dorf. Architekt Pino Brescia hat es geschafft, 184 Zimmer, Suiten und Villen unterzubringen und der Anlage dennoch einen dörflichen Charakter zu verleihen. Außerdem gibt es Pools, Restaurants, Bars und viel Grün: An manchen Stellen sieht das Borgo Egnazia aus wie ein üppiger apulischer Garten. Gleich gegenüber liegt ein Golfplatz; wer genug gepowert hat, kann sich im „Vair Spa“ erholen (DZ inkl. Frühstück ab 220€, www.borgoegnazia.com).

Die Masseria Cimino ist ein ein befestigter Gutshof aus dem 17. Jahrhundert, der mit viel Liebe und Aufwand zu einer stimmungsvollen Unterkunft umgebaut wurde. Man wohnt hinter dicken, weiß getünchten Mauern in behaglichen Zimmern (insgesamt gibt es 15), von denen manche einen offenen Kamin haben und andere einen Balkon. Abends probiert man dann zusammen mit allen anderen Gästen die traditionelle apulische Küche (ab 90€ p.P. inkl. Halbpension, www.masseriacimino.com).

Auch die Masseria San Domenico hat eine lange Geschichte: Im 15. Jahrhundert diente das befestigte Anwesen den Rittern des Malteserordens als Wachturm gegen die Sarazenen. Heute bietet die Anlage auf halber Strecke zwischen Bari und Brindisi eine wunderbare Rückzugsmöglichkeit für Urlauber, die die Ruhe Apuliens kennen lernen mächten. 40 Zimmer und Suiten, Spa mit Thalasso-Zentrum und ein großer Salzwasserpool (DZ inkl. Frühstück ab 300 €, www.masseriasandomenico.com).

Die besten Links

MARCO POLO Apulien

Ob vor oder während der Reise - MARCO POLO Online bietet Ihnen jede Menge Informationen. Die interaktive Karte führt sie geradewegs zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants, Hotels u.v.m.

Offizielle Tourismusseite Apuliens

Die deutschsprachige Seite bietet neben vielen Fakten und Infos zum Nachlesen auch einige Videos und jede Dwonload-Material.

Offizielle Seite der italienischen Zentrale für Tourismus

Diese Website hält jede Menge spannende Themen, wichtige Informationen und ein kleines Video bereit.

Castel de Monte

Absoulut sehenswert - das Castel Monte, die „Krone Apuliens”. Hier gibt es Informationen, Reiseberichte und Fotos über dieses mittelalterliche Bauwerk.

Events in Apulien

Von Musikfestivals über Sportereignissen bis hin zu Weinfesten, unter www.pugliaevents.it ist nahezu jedes wichtiges Event der Region aufgelistet.

Air Dolomiti

Air Doloiti fliegt zweimal täglich von München nach Bari; Tickets kosten ab 49 € pro Strecke, weitere Angebote finden Sie mit einem Klick auf den Link.


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