Wo die Natur Theater spielt (3/3)

Island

 

Über den müssen wir natürlich auch noch reden. Wochenlang hat der Vulkan mit dem Zungenbrechernamen vor gut zwei Jahren die Welt in Atem gehalten, und dann ist man auf Island – und findet ihn nicht. Einfach auf die Asche achten, hatte Gunnar Johannson empfohlen. Leider liegt die hier überall herum. Beziehungsweise das, was ein Vulkan sonst noch so alles in die Luft schleudert, wenn er Schluckauf hat. Auf dieser Insel gibt es dreißig aktive Vulkane, da ist schon ein bisschen was heraus gekommen mit der Zeit. Kurz vor dem Eyjafjallajökull zum Beispiel führt die Straße durch weite Ebenen, die aus nichts anderem bestehen als aus dunklem Kies und Geröll, das beim letzten Ausbruch des Grímsvötn unten am Meer ankam. Die Gegend sieht aus wie die Rückseite des Mondes, auf der sich ein Abrisskommando Bulldozer ein paar Monate lang austoben durfte. Also irgendwie typisch isländisch.

Und der Eyjafjallajökull sieht wie ein typischer Vul... – nee, eben nicht. Er sieht überhaupt nicht wie ein Vulkan aus. Noch nicht einmal wie ein richtiger Berg. Eher wie ein Riesenklumpen Stein, der nicht fertig geworden ist, damals, als sie Island gemacht haben. Und dieses Teil soll die ganze Welt in Atem gehalten haben? Doch, doch, das sei er, sagt ein Mann, der ein paar Meter weiter einen Weidezaun repariert. Das da? Wirklich? Ja, sagt der Mann, das ist der Eyjafjallajökull. Es klingt, als würde er Ejflljküück sagen, oder Ellfttljkökk, jedenfalls nicht Ey-ja-fjal-la-jö-kull. Und auch nicht „AY-uh-fyat-luh-YOE-kuull-uh“, an den T-Shirt-Aufdrucken müsste man auch noch mal arbeiten. Der Mann hantiert weiter an seinem Zaun und pfeift eine beschwingte Melodie. Der Vulkan in seinem Rücken scheint ihn nicht besonders zu interessieren.

 

So etwas passiert einem immer wieder auf einer Reise durch dieses Land. Die Isländer haben ein sehr, nun ja: lässiges Verhältnis zu ihrer explosiven Heimat – sie haben sich einfach daran gewöhnt, dass ihnen Teile ihrer Insel in regelmäßigen Abständen um die Ohren fliegen. Als die Wikinger die Gegend im 9. Jahrhundert besiedelten, waren sie clever genug, ihre Hauptstadt möglichst weit weg von all den jähzornigen Feuerbergen zu gründen. Bis hinüber nach Reykjavík können selbst die mächtigsten Vulkane nicht spucken, und weil dort weit über ein Drittel aller Isländer zuhause ist, befindet sich das halbe Land gewissermaßen automatisch in Sicherheit. Die restlichen 200.000 Einwohner verteilen sich auf 103.000 Kilometer – wenn man diese Bevölkerungsdichte auf Manhattan umlegen würde, lebten dort 224 Leute statt 1,7 Millionen.

Vielleicht wird man ja so, wenn man hier draußen zuhause ist. Wenn man eine Weltkarte auseinander faltet (oder, macht man ja heute eher: Island auf Google Earth sucht), dann bekommt man schon eine Vorstellung von der Isolation der Insel. Und auch ein wenig davon, wie es sich anfühlt, auf ihr unterwegs zu sein. Und selbst wenn man den Gedanken daran, dass man sich hier draußen tatsächlich am Ende der Welt befindet – selbst wenn man den komplett verdrängen könnte, würde dieses Land einem doch immer und überall signalisieren, dass dies so ist.

 

Island bedeutet Eisland, mehr als die Hälfte des Jahres verharrt die Insel unter einer Decke aus Weiß. Auch bei Eis und Schnee und schlechtem Wetter ist die Region überwältigend – erwischt man aber eine Schönwetterphase, punktet sie gegen jedes andere Land auf dem Planeten. An solchen Tagen hat man hier das Gefühl, mitten in einer Postkarte unterwegs zu sein. Und wenn man sich nicht ab und zu klar macht, dass die Schluchten und Ebenen und Gletscher, die rollenden Hügel und die allgegenwärtigen Pferde und die fauchenden Geysire (in deren Nähe es klingt, als werde ein mittelschwerer Hurrikan im Erdinnern gefangen gehalten) – dass die alle real sind: Dann könnte man schon mal glauben, man sei mitten in einem Fantasyspiel der Playstation unterwegs. Und übrigens auch, dass in dem Fels da oben über Gunnar Johannsons Hotel tatsächlich Elfen wohnen. Und dass es eine ziemlich gute Idee war von den Straßenplanern, diesen kleinen Schlenker eingebaut zu haben.



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