Wo die Natur Theater spielt (2/3)

Island


Willkommen auf Island also. Willkommen auf einer Insel, auf der man noch immer ächzt unter dem Joch des Bankenbankrotts, gleichzeitig aber gerne mal flott ein paar hunderttausend Euro für einen Schlenker in der Landstraße ausgibt, um ja die Elfen nicht zu erschrecken, die dort zuhause sind. Willkommen auf einer Insel, auf der sich die Menschen abends in heißen Quellen alte Sagen unterm Sternenhimmel erzählen und Bands wie Sigur Ros eine avantgardistische Sphärenmusik spielen, die selbst in Tokios Clubs der letzte Schrei ist. Vor allem aber willkommen auf einer Insel, die einen vom ersten Urlaubstag an derart zudonnert mit „Mach doch mal schnell ein Foto davon“-Landschaften, dass man all das gar nicht wirklich verarbeiten kann: die krachenden Wasserfälle und die staubigen Pisten, die senkrecht abfallenden Klippen und die stillen Fjorde, die kalbenden Gletscher und die fauchenden Geysire und die düster am Horizont hockenden Vulkane. Willkommen in einem Land, das den Menschen klein werden lässt, ganz klein und ehrfürchtig. Oder, um es mit einer gerade ziemlich populären Buchreihe zu sagen: Willkommen auf einer Insel wie aus einem „Lied von Feuer und Eis“.

In ganz Europa gibt es keine Region, die es an Naturspektakeln mit diesem kleinen Stück Land da oben im Norden des Atlantiks aufnehmen könnte. Man muss an einem ganz normalen Morgen nur ein paar Kilometer hinausfahren aus der Hutzelputzelhauptstadt Reykjavik, um das Gefühl zu haben, noch niemals in einer solchen Landschaft gewesen zu sein: Aus Wohnhäusern werden Farmen werden Scheunen wird Menschenleere, aus breiten Straßen werden kurvige Wege werden geschotterte Pisten, und wenn man dann aussteigt aus seinem Mietwagen, steht man in einem Land, dem man bis heute all das ansieht, was tektonische Verschiebungen, Eiszeitgletscher und Vulkane in den letzten Jahrmillionen mit ihm angestellt haben. Man steht also da, schaut auf Ebenen hinaus, in Täler hinein oder von Bergen hinunter, schaut und schaut und ist sich sicher, dass man eigentlich große Teile seiner Reise genau so verbringen könnte, mit diesen Panoramen und dieser allgegenwärtigen Stille, die nur vom aufheulenden Wind oder dem Zetern einer Möwe unterbrochen wird. Beziehungsweise: von einem leisen Grummeln in der Ferne.

 

Das hört man auf Island immer wieder. Stammt von einem der vielen Wasserfälle; von weitem hören die sich an wie unentwegtes Donnergrollen irgendwo hinterm Horizont. Kommt man näher, ist bei den meisten Fällen eine Verständigung nur noch schreiend möglich, so laut krachen die Wassermassen in die Tiefe. In diesem Fall ist es der Gullfoss, ein zweiteiliger Katarakt, der alles, was in den Alpen oder anderswo in Europa mit 1017 Hinweisschildern ausgewiesen wäre, zum kümmerlichen Rinnsal degradiert.

 

Dass der Gullfoss einem den Atem verschlägt, hat allerdings auch mit den Böen zu tun, die seine Besucher auch noch in hundert Metern Entfernung mit feinen, eiskalten Wassertröpfchenschwaden überziehen. Plötzlich versteht man, warum auf dieser Insel jeder Souvenirladen und jede Tankstelle Regenjacken verkauft. Beliebter als winddichte Regenjacken sind nur noch die T-Shirts, die man unter ihnen trägt und die es ebenfalls überall gibt. Auf denen stehen Sprüche wie „ég tala ekki islensku“, was so viel heißt wie: „Ich spreche kein Isländisch“ (zumindest vermutet man das, weil man selbst ja kein Isländisch spricht). Oder, noch besser: „Eyjafjallajökull“ – soo einfach zu betonen: AY-uh-fyat-luh-YOE-kuull-uh.



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