Geschenk der GötterThailand

Thailand

Goldgelbe Strände, blitzblaues Meer, reiche Kulturschätze und Menschen, die uns herzlich willkommen heißen: Thailand ist das Traumland für einen Urlaub schlechthin. Dass die Hauptstadt Bangkok dabei oft im Schatten der Inselwelt steht, ist mehr als ungerecht – unser Autor gibt Tipps für einen lohnenden Stoppover in der Megametropole auf dem Weg zu den Stränden.

Thailands Alltag ist geprägt vom friedfertigen Buddhismus

Nein, noch nicht: Es soll jetzt noch nicht hell werden. Noch ein paar Minuten Dunkelheit bitte. Noch ein bisschen Zeit zum Verarbeiten, bevor es losgeht.

Wie eine Daunendecke liegt die Nacht über Koh Yao Noi. Die Palmen rascheln träge im Wind, irgendwo zwischen ihre Blättern plustern sich kurz die Vögel, bevor sie beschließen, noch ein paar Minuten weiterzuschlafen.

Diese Pause zwischen frühem Jetlag-Wachwerden und Tagesanbruch, diese Minuten, in denen die Welt bedächtig aus- und einzuatmen scheint, und Thailand mehr Ahnung als Realität ist: Die braucht man an den ersten Tagen nach der Ankunft. Die tut gut. Die hilft einem. In der kann man sich einstellen auf dieses fremde Land.

Gleich wird sich das Wasser da draußen färben, und dieses Land wird seinen üblichen Frontalangriff auf die Sinne starten. Dann werden Millionen Vögel Thailand in den neuen Tag hinein zwitschern, werden die Blumen ihre Kelche öffnen und ihren Duft verströmen, wird das Meer glitzern, als habe es soeben jemand mit einer Schicht Goldlack versiegelt. Gleich. Noch nicht.

Das Land übt den Spagat zwischen Tradition und Moderne

Dieses Land ist ein Geschenk der Götter an die Menschen. Ein Land, wie es kein zweites auf der Welt gibt, gesegnet mit tropischem Klima und bezaubernder Natur, mit warmem Wasser und gelben Stränden. Ein Land mit reichen Kulturschätzen und einer tief in ihm verwurzelten Religion, die seine Bewohner seit mindestens 700 Jahren prägt und sie mit Herzen weit wie die andamanische See ausstattet. Ein Land, das die Vergangenheit hegt, in der Gegenwart lebt und an die Zukunft glaubt.

Aber auch ein Land, das ein wenig zerrissen ist zwischen eigener Tradition und der westlichen Welt, die vehement auf es einstürmt. Und deshalb auch eines, das sich irgendwann darüber klar werden muss, wie viele Besucher es verkraften kann, ohne zu viel von sich selbst opfern zu müssen.

Die Umrisse Thailands erinnern an den Kopf eines Elefanten

Thailand, die Fakten: 511.000 Quadratkilometer groß, 3000 Kilometer Küste, mehrere hundert Inseln. Die Umrisse des Landes erinnern (seine Bewohner zumindest) an einen Elefantenkopf im geneigten Profil: Bangkok das Auge, die Ostküste das Kinn, der in die Länge gezogene Süden im Meer der Rüssel. Thailand hat 62 Millionen Einwohner, seine zentrale Lage hat es schon früh zum Durchmarschgebiet sämtlicher Völker und Volksgruppen in diesem Teil Asiens gemacht. Die einen gingen, die anderen kamen, die einen wurden vertrieben, die anderen siedelten neu. Vor allem im Norden, im Bergland und an den Grenzen zu Laos und Burma, ist so im Laufe der Zeit ein verwirrendes ethnisches Mosaik entstanden. 95 Prozent der Einwohner Thailands sind Buddhisten. Im Süden lebt eine beträchtliche muslimische Minderheit.

„Nichts ist von Dauer“, das gilt nicht nur als Essenz des Buddhismus, sondern auch als Zustandsbeschreibung für Thailand. Viel ist passiert in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren. Aus verschlafenen Küstenorten sind pulsierende Touristenzentren geworden, aus Hippie-Refugien wie Koh Samui Ferieninseln für die ganze Familie, aus dem lange der Gegenwart hinterher hechelnden Bangkok längst eine moderne Metropole. Inseln wie Koh Yao Noi und Koh Lanta, die vor zwanzig Jahren kein Veranstalter im Programm hatte, bieten heute Unterkünfte in jeder, wirklich jeder Preisklasse.

An der Westküste wiederum haben sich Orte und Inseln wie wie Kho Phi Phi oder Khao Lak nach dem apokalyptischen Tsunami Ende 2004 wieder aufgebaut und haben es dabei nicht immer geschafft, die Bausünden der Vergangenheit beim Neuanfang zu vermeiden. „Nicht mehr wiederzuerkennen“, denkt man in den ersten Stunden Thailand, aber dann sitzt man in einem Longtail von Krabi hinüber nach Koh Yao Noi, und das Wasser spritzt einem ins Gesicht und der Fahrtwind zaust das Haar, und aus dem Dunst schälen sich immer neue Karststeinfelsen heraus, und plötzlich weiß man, dass Thailand immer noch Thailand ist. Natürlich ist es das.

Reiserouten? Ach wo. Wer klug ist, nimmt sich ein paar Highlights vor und lässt sich ansonsten treiben. Thailands Infrastruktur ist die beste in ganz Südostasien; wer von einem Ort zum anderen möchte, kann sich aussuchen, ob er Flugzeug, Zug, Mietwagen, Bus oder Taxi nimmt. Unvorhergesehenen Hindernissen und Wendungen seiner Reisepläne begegnet man am besten mit einem typisch thailändischen „mai pen rei“. Das bedeutet so viel wie „macht nichts“ und deutet auf jene tiefe innere Gelassenheit (manche würden auch sagen: Schicksalsergebenheit) hin, die bei den allermeisten Thais offensichtlich genetisch verankert ist.

Wer Thailand auf diese Weise bereist, sieht mehr als der gewöhnliche Urlauber. Nicht nur die Attraktionen aus den Reiseführern wie Chiang Mai mit seinen stillen Gassen, den welthöchsten Chedi in Nakhon Pathom, die River Kwai Bridge oder die schwimmenden Märkte von Damnoen Saduak, sondern auch die kleinen Dinge. Die Kinder, die ihre Drachen steigen lassen. Die Künstler einer Travestie-Show, die vor Veranstaltungsbeginn auf der Ladefläche eines Pick-up durch den Ort fahren und Werbung machen. Den Schmetterling, der auf dem Fruchtsaft zu landen versucht. Den Klosternovizen, dessen Schädel rasiert wird. Den Fischer, der sein Netz flickt und die Frau, die vor dem Schlafengehen eine Schale mit Obst ins Geisterhäuschen stellt. Die über den Strand flitzenden Krabben und den Dschungel am Ortsrand, wie er wächst und wuchert und zirpt und zwitschert und schnattert.

Wenn man nicht pauschal nach Thailand reist und direkt auf eine der Urlaubsinseln fliegt, beginnt eine Thailandreise meistens in Bangkok. Das ist gut so. Bangkok: Das ist das Herz und die Seele des Landes. Man tut der Stadt oft Unrecht. Sie muss zum Beispiel seit Jahren damit leben, dass sie von Millionen Touristen als reines Sprungbrett ins restliche Thailand zweckentfremdet wird. Natürlich ist diese Stadt ein Beton-Dschungel, und natürlich frisst sich dieser alles verzehrende Moloch wie eine Metastase immer tiefer ins Land hinein. Täglich verschlingt Bangkok neues Leben: Mädchen aus der Provinz, die den Traum von Glück und schnellem Wohlstand hatten und nun den Albtraum der Eisenstangen und Stundenhotels von Patpong und Soi Cowboy erleben. Familien, die dem Sirenenruf der Hauptstadt folgen und anschließend in Pappkartons hausen müssen. Bangkok ist ein Leviathan, Bangkok ist ein Monstrum, Bangkok essen Seele auf. Aber Bangkok ist auch eine Stadt voller liebenswerter Momente. Voller kleiner Nachbarschaften, wo die Menschen sich kennen und mögen. Voller Oasen der Stille, an denen die Hektik der Metropole unendlich weit entfernt scheint.


Bangkoks erstaunlichste Sehenswürdigkeiten sind in keinem Reiseführer erwähnt: Die Sekunde, in dem ein Mann einem Käfig voller Vögel die Freiheit schenkt. Die Zeit zwischen Abreise des letzten Tourbusses und dem Ende der Öffnungszeit im Wat Phra Keo, wenn die untergehende Sonne die Dächer der Tempel golden färbt und der Gesang der Mönche die Luft erfüllt. Der Augenblick, in dem man während eines Staus einer Blumenhändlerin einen Kranz aus Lotusblüten abkauft und im Taxi daran riecht. Und diese Glocke aus Geräuschen, die über die Stadt gestülpt ist. Eine Kakofonie aus Dieseltuckern und Kinderlachen, Hupen und Satzfetzen, ein Klangwirrwarr, das im Laufe des Tages anschwillt wie das Summen eines immer näher kommenden Hornissenschwarms. Manchmal ahnt man, wer oder was welches Geräusch verursacht: die feilschenden Marktleute, die quietschenden Sackkarren der Lastenträger, das vieltausendfache Schlurfen der Gummilatschen auf den Planken am Ufer. Nach ein paar Tagen hier muss man sich konzentrieren, um es überhaupt noch wahrzunehmen.

Und dann gibt es das neue Bangkok. Das schicke, trendige, das Bangkok, von dem man in Mode- und Szenezeitschriften liest. Jenes Bangkok, das die Zukunft am Kragen gepackt hat. Auf dem Stadtplan lässt sich es nicht so richtig festmachen – im Grunde aber liegt es da, wo schon das alte am lebendigsten war. Entlang der Sukhumvit Road zum Beispiel. An der bauen abends noch immer Hunderte Händler ihre Tapeziertische auf und locken Touristen mit iPhone-Hüllen, T-Shirts und gefälschtem Viagra – in den Seitenstraßen aber gibt es längst minimalistisch eingerichtete Clubs, Galerien für die jungen Wilden des Landes, Läden für asiatisches Wohndesign und Boutique-Hotels wie das Maduzi, die auch in Manhattan stehen könnten. Der Siam Square ist ein anderer Hotspot, mit seinen neben- und übereinander geschachtelten Second-Hand-Läden und Winzboutiquen und den großen Malls. Und 250 Meter über der Stadt, in der Sky Bar mit ihrem 360-Grad-Blick auf die Metropole, nippen Bangkoks Junge und Schöne (und Betuchte) in der blauen Stunde Champagner zu tackernden House-Rhythmen. Und wahrscheinlich gibt es keinen anderen Ort im Land, an dem die Sterne so zum Greifen nah scheinen wie hier.   

Außerhalb seiner Hauptstadt ist Thailand natürlich weit weniger frenetisch. Es gibt sogar Momente, in denen man Land und Leben am liebsten anschieben würde. Diese Augenblicke erlebt man vor allem an jenen Orten, die bislang verschont geblieben sind vom ansonsten beinahe flächendeckenden Ansturm auf das Land des Lächelns. Viele der kleineren Inseln zum Beispiel sind noch immer  – um einen PR-Slogan zu bemühen - ein Stück „Amazing Thailand". Man muss bloß über ein paar Klippen klettern und durch ein paar sichelförmige Buchten laufen. Dann ist aber auch gut, viel mehr unternehmen möchte man nun wirklich nicht, dazu sind die Strände zu weiß und die Fische an den Korallen draußen zu bunt. Jenen Hirnabschnitt, der in diesen Momenten seine bildungsbürgerliche „Aber-Du-kannst-doch-nicht-nur...“-Litanei anstimmt, bringt man mit einem energischen „Doch, ich kann!“ zum Schweigen. Kann ich sogar problemlos: Einfach nur hier liegen und den Möwen zuschauen. Eine Kokosnuss austrinken. Und dann noch eine.

Dieses Land ist ein Geschenk der Götter an die Menschen. An die, denen es Heimat ist. Und an die, die es besuchen. Über Geschenke darf man sich natürlich freuen. Man muss sie aber auch sorgsam behandeln.

Nach oben