Fernbus-ReiseKein Weg zu weit

ZOB in Hamburg

Die Deutsche Bahn hat nach mehr als 70 Jahren ihr Monopol auf das innerdeutsche Fernlinienbusnetz verloren – der Markt wird frei für andere Anbieter. Und die locken nun mit Dumping-Preisen. Wir haben ausprobiert, wie es sich so reist in einem Bus und sind gleich mal ein bisschen weiter mitgefahren, bis in die estnische Hauptstadt Tallinn.

Nach Lettland mit dem Bus

Ticket“! – „Schon wieder?“, frage ich, „ich habe doch gerade Ihrer Kollegin ...“ „Passport!“,  unterbricht der Mann mich. Brav zeige ich dem Busfahrer, der weder Deutsch noch Englisch spricht, mein ausgedrucktes Ticket und meinen Ausweis. Er scheint zufrieden, denn er verstaut meinen Koffer im Laderaum, und ich darf einsteigen.
Außer mir sind nur knapp zehn Menschen an Bord. Ich bin erleichtert, dass niemand neben mir sitzt, denn nun habe ich zwei Polstersitze für mich alleine. Auf denen werde ich es mir in den kommenden 30 Stunden so bequem wie nur möglich machen, während der Bus durch ganze fünf Länder kurven wird.

Ein ganzes Stück weit durch Deutschland, dann Polen, Litauen, Lettland und Estland: Runde 1800 Kilometer sind es bis nach Tallinn. Ich fahre mit einem Fahrzeug der baltischen Linie Ecolines. In Hamburg am Busbahnhof geht es los. Es ist 18 Uhr, und meine Mitreisenden verabschieden sich von ihren Leuten, küssen und umarmen sie ein letztes Mal, bevor sie einsteigen. Stewardess Jeļena, die mehrere Sprachen fließend spricht, schreitet den Gang ab und prüft, ob alle Passagiere auf ihrer Liste auch wirklich an Bord sind. Die blonde junge Frau nickt und lächelt erleichtert. Offensichtlich haben alle eingecheckt. Wir parken aus, ein letztes Mal winken die Zurückgelassenen, und schon sind wir unterwegs in Richtung Osten.

Günstige Alternative zur DB

Billiger als mit dem Bus kommt man sonst nur zu Fuß nach Berlin: Eine Fahrt von Hamburg in die Hauptstadt gibt es derzeit schon ab 8 Euro (z.B. mit Flixbus – dann allerdings für Super-Frühbucher mit sehr flexiblen Abfahrtszeiten). Seit der Gesetzgeber Anfang des Jahres das Monopol der Deutschen Bahn auf das innerdeutsche Fernbus-Streckennetz gekippt hat, kommt also richtig Bewegung in den Fernlinien-Markt. Mit Fernlinie ist dabei eine Strecke ab 50 Kilometern gemeint.

Vor der Liberalisierung durften Fernlinienbusse keine Passagiere im Inland befördern. Diese konnten zwar in Deutschland ein-, aber nicht wieder aussteigen. Ausnahmeregelungen waren lediglich für Strecken und Tageszeiten möglich, für die es keine oder nur eine unbefriedigende Bahnverbindung gab. So fiel dann auch das Monopol – es wurden immer mehr Ausnahmeregelungen für Strecken beantragt, auf denen die Bahn nicht oder nur mit Umsteige-Verbindungen fuhr und somit länger brauchte als der Bus. Pionier war hier das Offenbacher Unternehmen DeinBus (interessant und unterhaltsam ist der DeinBus-Blog, auf dem beispielsweise das Buspersonal zu Wort kommt).

Vor Berlin noch einmal Pinkelpause. Stewardess Jeļena, die in Riga lebt, sagt an, dass die Toilette auf diesem Rastplatz kostenfrei ist. Erst auf Russisch, dann auf Englisch. Im Bus befindet sich auch eine Toilette, die darf aber nicht benutzt werden, wenn dieser parkt. Dann, nicht allzu lange Zeit später: 15 Minuten Aufenthalt in Berlin. Die Raucher stürmen nach draußen und zünden sich hastig eine Zigarette an. Kommunikativ sind die Menschen aber nicht. Jeder steht für sich allein und hängt seinen Gedanken nach.

Jeļena wiederum hat viel zu tun. Es schieben sich zwar nicht gerade Menschenmassen in unseren Bus, aber viele der russisch sprechenden Passagiere benötigen eine Auskunft. Geduldig hört sie sich die Fragen an und schickt die Leute mal in die eine, mal in die andere Richtung. Die Fahrer stehen währenddessen etwas abseits bei einem kleinen Plausch zusammen. Jeder Bus ist mit einer dreiköpfigen Crew besetzt.

Die beiden Fahrer wechseln sich ab. Wer sich also um fehlende Sicherheit aufgrund eines übermüdeten Chauffeurs Sorgen macht, der kann beruhigt sein. Die Arbeitsstunden und Ruhepausen für Fahrer sind gesetzlich geregelt und werden bei seriösen Unternehmen auch eingehalten. Die Busbegleiterin allerdings muss eine volle Schicht arbeiten, nur zwischendurch legt sie manchmal die Füße hoch, falls gerade keines der Lämpchen blinkt. So signalisiert man nämlich, dass man Hilfe braucht, Fragen hat oder Service wünscht. Lämpchen über dem Sitz drücken. Warten. Jeļena kommt.

In Berlin wird es jetzt langsam dunkel und Jeļena sagt durch, dass wir erst in Warschau, acht Stunden später, wieder halten werden. Pech für die Raucher. Statt der warmen orangenen Beleuchtung wird nun das grüne Nachtlicht eingeschaltet. Die Musik läuft immer noch. Sie wird die ganze Nacht weiterlaufen.

Draußen prasselt der Regen an die Scheiben und die spärlichen Lichter der wenigen entgegenkommenden Autos verlieren sich schnell in der Dunkelheit. Ich packe meine Decke aus und versuche, es mir auf den Sitzen bequem zu machen. Ein Popsong jagt den nächsten, und wenn ich meine Position wechsele und verstohlen zu den wenigen Gestalten in Sichtweite hinüber schiele, weiß ich, ich bin nicht allein. Außer zwei jungen Männern, die offensichtlich überall schlafen können, wälzen sich meine Mitfahrer ebenso unruhig in ihren Sitzen wie ich. Eine Frau versucht, sich in eine kauernde Embryo-Stellung zusammenzurollen, offensichtlich mit mäßigem Erfolg. Bereits zehn Minuten später ändert sie ihre Position erneut.

Ein paar Plätze neben mir auf der anderen Seite des Gangs sitzt Mike. Irgendwo zwischen Hamburg und Berlin sind wir ins Gespräch gekommen. Der 32-jährige Nigerianer lebt in Litauen und fährt regelmäßig die Strecke nach Hamburg und zurück. Jeweils 20 Stunden mit dem Bus.
Das macht ihm nichts. Er mag die vorbeiziehende Landschaft, sagt er. Und dass der Bus billig ist. Was er nicht mag ist, dass der Bus so unbequem ist und man darin nicht gut schlafen kann. Willkommen im Club, lieber Mike! Immerhin haben seine Telefone endlich aufgehört zu klingeln. Er hat gleich zwei dabei und bis Berlin klingelten die beiden fast stereo.

Glück für die Raucher: Irgendwo zwischen Berlin und Warschau wird doch noch einmal kurz angehalten. Wer nicht raucht, bleibt im Bus, denn es regnet immer noch Bindfäden. Morgens um 6 Uhr: Ankunft in Warschau. Hier geht alles wahnsinnig schnell. Aussteigen, Tasche aushändigen lassen. Niemand steigt zu. Es regnet immer noch und außer einigen gestrandeten Reisenden – einer macht ein Nickerchen auf einer der Bänke, ein anderer repariert sein Fahrrad – ist hier nicht viel los. Der Bus ist pünktlich, noch pünktlicher könnte er gar nicht sein.

Die Klimaanlage pustet – zwar laut, aber leider nicht so richtig kühl –, das Radio spielt unermüdlich Popsongs. „I got a hangover, woohohoo!“ Ich habe zwar keinen Kater, aber irgendwie fühle ich mich trotzdem ziemlich ausgelaugt nach einer Nacht ohne Schlaf. Es gibt zwar kostenloses W-LAN an Bord, aber die Verbindung ist zwischendurch manchmal einfach weg. Und so mache ich das, was man wohl so macht in einem Bus – sitzen und gucken. Ich sehe Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit, Kinder auf dem Weg zur Schule. Manch einer ist spät dran und hastet, ein anderer schlendert gemütlich die Straße entlang. Und die Schornsteine der Fabriken pusten ihre Rauchwolken in den grauen Morgenhimmel.

An einer kleinen Raststätte, immer noch in Polen, steigen alle aus – es hat endlich aufgehört zu regnen. Dann geht es weiter Richtung Bialystok im Osten des Landes, nahe der weißrussischen Grenze. Dort steigt ein Pärchen aus New York ein. Die gebürtigen Polen wanderten bereits vor einigen Jahrzehnten aus, flohen vor dem Kommunismus. Nun sind sie auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs, wollen die Geburtsorte ihrer Eltern besuchen. Sie sind zwar hoch motiviert, aber die Temperatur im Bus ist dann doch erst mal ein wichtigeres Thema. Als Wahl-Amerikaner sind sie deutlich kühlere Klimaanlagen gewöhnt und die Hitze im Bus scheint ihnen schier unerträglich. Aber auch für dieses Problem findet Jeļena eine schnelle Lösung und so wechseln die beiden auf Plätze nahe der Treppe, dort scheint es besser zu sein.

Ich widme mich wieder anderen Angelegenheiten. Denn Langeweile macht hungrig, und glücklicherweise gibt es an Bord auch etwas zu essen und zu trinken. Der Kaffee ist wirklich gut. Und billig, so wie der Rest auf der Karte. Die ist nicht nur mehrsprachig gedruckt, alle Preise sind auch in fünf Währungen ausgezeichnet, und man kann in allen diesen Währungen bezahlen. Unten im Bus gibt es eine winzige Kochnische, in der Jeļena die Speisen und Heißgetränke zubereitet. Es gibt Burger, Schnitzel und diverse Snacks, auf Nachfrage hat man auch vegetarische Optionen, wie Pommes und Salat. Ein warmes Sandwich gibt es beispielsweise für 2,20 Euro.

Mittlerweile scheint die Sonne, und am strahlend blauen Himmel jagen sich die Schäfchenwolken. Zwischendurch tauchen kleine Häuschen auf, vor deren Eingängen Armeen von Laubbäumen Spalier stehen.
Der Bus hält für wenige Minuten in Augustow, und ich versuche ein Gespräch mit einem der Fahrer. Māris spricht zwar nur wenige Brocken Englisch – er unterstreicht dies mit einer Geste, bei der sich Daumen und Zeigefinger fast schon berühren und er die Augen zu kleinen Schlitzen zusammenkneift –, aber eine kurze Unterhaltung kommt trotzdem zustande. Er antwortet auf die Frage, wie lange er schon Bus fahre, mit einem verschmitzten Lächeln, wedelt mit der rechten Hand: „Fifteen, twenty!“ So genau weiß er das wohl selbst gerade nicht. Lange genug jedenfalls.

„Viens, divi, trīs ...“ Jeļena zählt wieder. Alle Passagiere sind brav auf ihre Sitze zurückgekehrt. Dann kommt sie zu mir und sagt, es wäre besser, ich würde vor Riga, in Marijampole, noch einmal den Bus wechseln, da ich sonst in Riga vielleicht meinen Anschluss verpasse. Jeļena hat alles im Blick. Sie weiß genau, welcher Passagier wann aus- und umsteigen muss. Alle Abläufe wirken sehr professionell und eingespielt. Dieser Bus ist weiterhin minutiös pünktlich – trotz der weiten Distanzen. Bei Stau sieht das vermutlich anders aus. Da kann dann selbst Māris nichts mehr machen.

Im Vergleich zur Deutschen Bahn ist so eine Busfahrt unglaublich günstig. Die Strecke Berlin–Warschau kostet im Discount 19 Euro (ecolines.net), von Hamburg nach Leipzig kommt man ab 18 Euro und von München nach Frankfurt bereits ab 20 Euro (beides meinfernbus.de). Anbieter sprießen jetzt wie Pilze aus dem Boden. Das baltische Unternehmen Simple Express beispielsweise lockt mit Super-Dumping-Preisen – die ersten fünf Plätze gibt‘s momentan als Aktion für jeweils drei Euro. Meine Fahrt nach Tallinn lohnt sich mit dem Bus finanziell allerdings nicht. Denn per Flieger kann man ab Bremen mit Ryanair schon für 60 Euro nonstop hin und zurück fliegen.

Ein Bus ersetzt bis zu 30 Pkw

Wer allerdings Flugangst hat oder die Umwelt schonen möchte, für den ist eine Busreise auch dann das richtige. Reisebusse sind laut statistischem Bundesamt sehr sichere Verkehrsmittel, das Risiko zu verunglücken ist 20 mal geringer als mit dem PKW. In Deutschland werden sie regelmäßig vom TÜV geprüft, die Busfahrer werden geschult und bekommen Sicherheits- und Fahrtrainings. Und Busse entlasten den Verkehr auf den Autobahnen – ein Bus ersetzt bis zu 30 Kleinwagen und verbraucht laut Umweltbundesamt pro Kopf deutlich weniger Treibstoff (1,3 Liter pro 100 Personenkilometer) als das Flugzeug (4,6 l/100 Pkm) und sogar weniger als die Bahn (2,3 l/100 Pkm). Nach 24 Stunden ein letzter Umstieg in Riga. Ich lerne zwei junge Männer kennen, die sogar noch länger unterwegs sind als ich. Drei volle Tage schon. Für sie ist die Fahrt im mittlerweile gar nicht mehr so leeren Bus der reinste Luxus – verglichen mit den vollgestopften heißen Zügen der Ukraine, wo sich der Este und der Italiener kennenlernten.


Die Sonne ist fast untergegangen, als links und rechts endlich wieder vereinzelt Häuser durch die vorbeirauschenden Bäume blitzen. Wir stoppen an wenigen Ampeln, passieren eine schummrig beleuchtete Industriestraße, und dann prangt vor uns auch schon der strahlende orangefarbene Schriftzug des Tallinner Busbahnhofes.

Aber leider ist das, was ich in dieser wundervollen Stadt als allererstes machen möchte, nur eins: schlafen.

Tipps, Fakten und Zahlen

Laut Internationalem Bustouristikverband (RDA) gibt es in Deutschland 4200 Busunternehmen, 76 000 Busse und 91 000 Busfahrer. 9500 der Fahrzeuge bedienen Fernlinien.
Europaweit beschäftigen die rund 65 000 Unternehmen mehr als eine Million Busfahrer. Von den 679.066 Bussen sind 248.897 Reisebusse. Der RDA empfiehlt, nur mit Fahrzeugen ab drei Sternen zu reisen. Um die Sicherheit muss man sich keine Sorgen machen, Fahrt- und Ruhezeiten sowie Fortbildungen sind gesetzlich geregelt. Ab Herbst wird der Markt noch einmal kräftig aufgemischt, dann gehen die Busse von ADAC & Post gemeinsam an den Start. Infos auf der Website des RDA.

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