Wir steh’n einfach drauf!

HamburgWir steh’n einfach drauf!

Kurz zur „Bredenbek“ rüberwinken und dann ab durch die Mitte: Bislang waren die Kanäle der Hamburger City das grüne Refugium der Kanufahrer und Ruderer – nun erobern auch die Stand-up-Paddler die Hansestadt. Carolin Thiersch über einen spannenden Perspektivwechsel

Beim Stand-up-Paddeln bleibt man meistens standhaft – aber bei unerprobten Manövern fällt man auch mal ins Wasser.© Foto: Carolin ThierschKeine Angst vor dem Abtauchen:Beim Stand-up-Paddeln bleibt man meistens standhaft – aber bei unerprobten Manövern fällt man auch mal ins Wasser.

Frühmorgens, wenn Hamburg erwacht, ist es am schönsten. Die Wasseroberfläche auf den Kanälen liegt spiegelglatt. In den Gärten zwitschern Vögel, sonst ist es ganz still. Und auf der Alster ist auch noch nichts los. Die Nachbarn schmieren jetzt wahrscheinlich gerade die Schulbrote für ihre Kinder und im Verlagshaus gegenüber fahren die Frühaufsteher ihre Computer hoch. Wir haben uns heute frei genommen, gönnen uns mitten in der Woche eine kleine Auszeit.

Mit dem SUP-Brett unterm Arm geht's mitten in der City zum Kanal

Der Wecker hat trotzdem geklingelt. Denn nach dem Morgenkaffee steigen wir gleich in den Keller hinunter, um den Luftdruck der Boards im Keller zu prüfen – alles in Ordnung? Alles gut. Wir klemmen uns Paddel und Brett unter die Arme und manövrieren das Equipment die schmale Stiege hinauf. In Flipflops geht's, unter den verwunderten Blicken ins Büro eilender Anzugträger, ein paar hundert Meter die Straße entlang, bis zum Kanal. Das ist nicht ohne, denn jedes Brett wiegt elf Kilo. Wir nehmen's sportlich, als Warm-up-Phase.

Das Paddeln ist wie eine Morgen-Meditation auf dem Wasser
Auf den Kanälen der Hansestadt ist von der Hektik der Millionenstadt nicht viel zu merken© Foto: Carolin ThierschGrüne Mitte:Auf den Kanälen der Hansestadt ist von der Hektik der Millionenstadt nicht viel zu merken

Am Goldbekkanal können die Stand-up-Paddel-Boards endlich ins Wasser. Los geht’s! Die ersten Meter auf dem Brett sind besonders am Morgen, wenn man noch etwas ungelenk ist, meist ziemlich wackelig. Mit jedem zurückgelegten Meter aber kehren Routine und Beweglichkeit zurück – und die Paddelschläge werden intensiver. Schulterbreit stehend tauchen wir das Paddel neben der Spitze des Boards ein und ziehen es am Brett entlang kräftig durchs Wasser.

Wer die Technik beherrscht und zusätzlich einen kleinen seitlichen Paddelschwung am Anfang und Ende des Schlags hinbekommt, der kann lange Zeit einseitig paddeln, ohne im Kreis zu fahren. So kommt man deutlich zügiger voran, als wenn man mit dem Paddel nach jedem Schlag die Seite wechselt. Nach ein paar Minuten haben wir unseren Rhythmus gefunden. Dann ist Stand-up-Paddeln um diese Uhrzeit so etwas wie eine kleine Morgen-Meditation.

© Foto: Carolin Thiersch
Von NOAS Bootsverleih in Eppendorf (unten) starten viele Stand-up-Paddler zu Touren durch die Kanäle© Foto: Carolin ThierschStädtetripVon NOAS Bootsverleih in Eppendorf (unten) starten viele Stand-up-Paddler zu Touren durch die Kanäle
Städtetrip Von NOAS Bootsverleih in Eppendorf (unten) starten viele Stand-up-Paddler zu Touren durch die Kanäle
Am Café Canale gibt's Milchkaffee – der wird einfach durchs Fenster gereicht

Jetzt, wo sich die Sonne erst langsam ihren Weg durch die Bäume bahnt, herrscht auf Hamburgs Kanälen eine besonders entspannte Atmosphäre. Während sich hier in unserem kleinen Kanal sogar die Enten zu wundern scheinen, wer ihre Nachtruhe so abrupt beendet, ist auf den größeren Kanälen schon etwas mehr Verkehr. Stand-Up-Paddler, Kanu-Fahrer oder Ruderer – sie alle nutzen die morgendliche Stimmung, um vor dem Arbeitstag noch etwas frische Luft zu schnappen und Sport zu treiben. Nur unter Brücken, über die die Autos in die Stadt fahren, ist es für kurze Zeit aus mit der Beschaulichkeit.

Wir fahren erst einmal in Richtung Winterhude, paddeln durch verwunschene, mit Seerosen bewachsene Kanäle, in denen Trauerweiden ihre Äste ins Wasser hängen lassen. Auf den Villenterrassen am Rondeelteich lässt sich noch fast niemand blicken, nur ein Gärtner schneidet Büsche in akkurate Form. Aber in den handtuchförmigen Gärtchen hinter der Sierichstraße sehen wir hier und da jemanden draußen frühstücken. Es ist schön, diese private, unhektische Rückseite der Innenstadt zu erleben: Refugien mit kleinen Anlegern, Caféterrassen, Liegewiesen, Parks.

Viele Wassersportler haben das Stand-Up-Paddeln anfangs belächelt. „Stehpaddeln“, haben sie grinsend gesagt, „probier doch lieber einen richtigen Sport“. Oder: „Wenn ihr schon Sightseeing machen wollt, warum dann nicht gleich im Ruder- oder Tretboot – da kann man wenigstens entspannt etwas trinken und Essen mitnehmen.“ Durchgesetzt hat sich die neue Sportart trotzdem, an Wochenenden kann man’s in den Kanälen der Hamburger City live erleben: Familienväter paddeln ihre auf dem Brett sitzenden, in dicke Rettungswesten gepackten Kleinkinder durch die Kanäle. Mütter testen ihre Balance bei neu erlernten Manövern. Und der größere Nachwuchs ist fröhlich johlend und sich gegenseitig nass spritzend – oder ins Wasser rempelnd – auf eigenen Brettern unterwegs. Ehrgeizige Fahrer auf Raceboards gibt's auch. Und Yoga-Gruppen – "Hund" und "Baum" auf dem wackeligen Brett sind augenscheinlich eine echte Herausforderung. Eine junge Frau probiert sogar Kopfstand. Chapeau!

Mittlerweile haben auch Wind- und Kitesurfer das Stand-up-Paddeln als Ausgleichssport für den Alltag entdeckt. Und so sieht man an Hamburgs Verleihstationen Surfbullis vorfahren, die mit Aufklebern wie „Life is a Beach“ und „Das Leben beginnt bei 20 Knoten Wind“ beklebt sind, und aus denen durchtrainierte Vorzeige-Athleten ihre Boards ziehen. Was auf den ersten Blick aussehen mag wie ein eher gemütlicher Zeitvertreib, ist nicht nur ein großer Spaß, sondern eben auch ein intensives Work-out. Denn der Körper muss nicht nur permanent das Gleichgewicht halten, er wird außerdem durch die Paddelschläge gefordert. Deshalb gilt Stand-Up-Paddeln als gesunder, ganzheitlicher Sport für Kondition und Muskulatur.

Scheu vor dem Wasser sollte man übrigens keine haben, denn ab und zu kann es je nach Gleichgewichtssinn und Experimentierfreudigkeit auch mal unerwartet unter Wasser gehen. Da die Verleihstationen auch Neoprenanzüge anbieten, ist das aber kein Problem. Und an warmen Sommertagen ist man eh mit Shorts und Bikini unterwegs.

Für Entdecker gibt es in Hamburg viele Möglichkeiten, neue Ecken der Stadt kennenzulernen oder auch längere Tagestouren mit dem SUP-Board zu fahren. Wer Lust hat, dies in der Gruppe zu erleben, kann sich organisierten Touren der SUP-Stationen anschließen. Außerdem werden neben Anfängerkursen und Wettkampftrainings auch Spezialkurse wie das SUP-Yoga angeboten.

Wir machen auch mal Pause, aber nicht irgendwo: Beim Café Canale am Mühlenkampkanal in Winterhude haben wir Cappuccino und Kuchen geordert – durchs Hintertürchen bzw. -fensterchen quasi. Die Bestellung wird direkt aufs Wasser gereicht. Wir genießen den kleinen SUP-Kaffeeklatsch. Doch dann zieht's uns auch bald weiter, hinaus auf die Außenalster. Die frühe Sommersonne funkelt und glitzert auf der Wasseroberfläche. Das weiche Morgenlicht hüllt Altstadt und der Fernsehturm sanft ein. Kann auch Licht die Geräusche der Stadt dämpfen? Fast kommt es uns heute so vor.

Morgen werden wir wieder am Computer sitzen. Aber heute haben wir einen wahren Logenplatz. Fast allein auf der Alster. Also Paddel aufs Brett, Füße ins Wasser baumeln lassen, und in vollen Zügen genießen. Vom Wasser aus sieht die Welt einfach immer wieder ganz anders aus.

Ein echter Klassiker:

Die Außenalster ist eigentlich das Revier der Segler – aber an ruhigen Tagen sind hier auf Stand-up-Paddler unterwegs
Die Außenalster ist eigentlich das Revier der Segler – aber an ruhigen Tagen sind hier auf Stand-up-Paddler unterwegs© Foto: Carolin ThierschEin echter Klassiker:Die Außenalster ist eigentlich das Revier der Segler – aber an ruhigen Tagen sind hier auf Stand-up-Paddler unterwegs
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