Welten-Theater

Bad Frankenhausen Welten-Theater

Im Auftrag der DDR malt der Künstler Werner Tübke in den 80er-Jahren für das Panorama Museum in Bad Frankenhausen ein 123 Meter langes und rundes Bauernkriegsgemälde. Es entsteht ein wahres Meisterwerk über die Grundthemen der Menschheit – über Geschichte und Glaube, über Leid, Lust, Gut und Böse. Ein Rundgang.

Lucas Cranach d.?Ä. hält einen Granatapfel in den Händen – ein Symbol für Leben, Fruchtbarkeit und Schöpfungskraft© Foto: Christiane WürtenbergerPromis aus der Zeit des Bauernkriegs stehen um einen Jungbrunnen.Lucas Cranach d.?Ä. hält einen Granatapfel in den Händen – ein Symbol für Leben, Fruchtbarkeit und Schöpfungskraft

Man betritt einen großen runden Raum. Das Licht geht aus, dafür wird das Panoramabild allmählich heller. Man staunt, schaut, setzt sich erst einmal auf einen der niedrigen Lederhocker – und dann bleibt das Auge irgendwo hängen. An dem blauen Fisch, der einen Menschen in seinem Bauch trägt? An der Winterszenerie, die nur auf den ersten Blick wie ein netter Adventskalender aussieht? Oder an der Weltkugel, durch die ein tiefer Riss geht?

Werner Tübke zitiert alte Meister und liebt die Anspielung

Ganz egal, meint Michael Wollenheit, der seit 1989 den Besuchern im Panorama Museum Bad Frankenhausen das Bild erklärt, das ihn selbst seit 26 Jahren nicht loslässt: „Sie können sich in diesem Bild in jede Richtung bewegen.“

„Da stoße ich endlich einmal
nicht an Grenzen“, soll der Künstler Werner Tübke beim Anblick der großen, leeren Leinwand ausgerufen haben. Zuvor haben 54 Männer den 123 Meter langen und 14 Meter hohen Stoff im Bildsaal an zwei Stahlringen befestigt. Der Leipziger Kunstprofessor an der Hochschule für Grafik und Buchdruck, der das Gemälde zunächst in zehnfacher Verkleinerung gemalt hatte, legt mit einigen Helfern los: abpausen, vergrößern, die Umrisse übertragen.


Was der Leipziger Künstler schafft, ist kein DDR-konformes Schlachten-gemälde
Fürstenheere auf dem Weg in die Schlacht© Foto: Christiane WürtenbergerAm Horizont zieht Unheil herauf:Fürstenheere auf dem Weg in die Schlacht

Mit einer immer kleiner werdenden Mannschaft malt der Meister vier Jahre und einen Monat lang das Bild seines Lebens – ein Gemälde, das Europa im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit zeigt.

Schnell ändert sich der Titel:
Aus dem Bauernkriegs-Panorama wird „Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland“. Und auch damit sei Werner Tübke nicht glücklich gewesen, erzählt Wollenheit. Denn was der Leipziger Künstler schafft, ist kein DDR-konformes Schlachtengemälde. Es ist ein opulenter Bilderreigen, viel eher magischer Realismus als sozialistische Kunst, voller Anspielungen und Zitate – und das auf stolzen 1.722 Quadratmetern. Mehrere Tonnen Ölfarbe werden verarbeitet. Am 14. September 1989 öffnet das Panorama Museum feierlich. Spät genug.

Die Schlacht bei Bad Frankenhausen,
die am 15. Mai 1525 auf den Feldern tobt, wo heute das Museum steht, kostet 6.000 Bauern das Leben.

© Foto: Christiane Würtenberger
Reisende? Heimatlose? Diese Gruppe ist im Winter mit hochschwangerer Frau und Kindern unterwegs© Foto: Christiane WürtenbergerKorrupt und verschwenderisch: Hier bekommt ein hoher Vertreter des Klerus eine Abreibung (oben)Reisende? Heimatlose? Diese Gruppe ist im Winter mit hochschwangerer Frau und Kindern unterwegs
Korrupt und verschwenderisch: Hier bekommt ein hoher Vertreter des Klerus eine Abreibung (oben) Reisende? Heimatlose? Diese Gruppe ist im Winter mit hochschwangerer Frau und Kindern unterwegs
Im Mittelpunkt steht bei Werner Tübke immer der leidende Mensch

Werner Tübke stellt die Ereignisse als ein großes, chaotisches Gemetzel dar, das in Richtung Horizont verschwimmt. Die Schlacht, in deren Mitte Thomas Müntzer sich mit gesenkter Bundschuh-Fahne bekreuzigt, macht etwa ein Viertel des Panoramas aus. Der Rest ist ein übergroßes Weltentheater: Werner Tübke nimmt den Betrachter mit auf eine Reise quer durch die europäische (Kultur-)Geschichte. Er kennt Dix, Grosz, Dalí, zitiert virtuos alte Meister wie Hieronymus Bosch und Albrecht Dürer und macht vielfache Anspielungen auf Religion, Geschichte und griechische Mythologie.

Es braucht vermutlich Jahrzehnte,
bis man hier alles entdeckt hat – am besten mit einem Opernglas. Aber eines begreift man auch schon beim ersten Besuch in Bad Frankenhausen: Dieses überdimensionale Gemälde hat ein Mensch mit einem guten Humor und einem sehr großen Herz gemalt. Denn bei allem Spaß an der Verkleidung, am bösen Versteckspiel und an der Anspielung: Im Mittelpunkt steht bei Werner Tübke immer der leidende Mensch – gezeichnet von Krieg, von Armut und von Unterdrückung.

Durch die Weltkugel geht ein Riss

– innen ist die Erde noch eine Scheibe
– innen ist die Erde noch eine Scheibe© Foto: Christiane WürtenbergerDurch die Weltkugel geht ein Riss– innen ist die Erde noch eine Scheibe
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