Wal-Musik im Churchill River

ManitobaWal-Musik im Churchill River

Bis zu 3000 weiße Belugawale tummeln sich im kurzen arktischen Sommer in den Flussmündungen rund um Churchill, Manitoba. Wer sich zu ihnen in das eiskalte Wasser begibt, kann dabei eine Schwimmstunde der besonders aufregenden Art erleben

Wow, sind das viele: Belugawale tummeln sich in großer Zahl in der Hudson Bay© Foto: Travel ManitobaWow, sind das viele: Belugawale tummeln sich in großer Zahl in der Hudson Bay
Doch nicht weit von hier singen die Belugas ihr Lied© Foto: Canadian Tourism CommissionStille Wasser:Doch nicht weit von hier singen die Belugas ihr Lied

Churchill liegt am Südrand der Hudson Bay, im Übergangsgebiet von borealem Nadelwald und arktischer Tundra. Straßen hierher gibt es nicht, die einzigen Verbindungen zum 1700 Kilometer entfernten Winnipeg sind Zug und Flugzeug. Die 1000-Seelen-Siedlung ist so nüchtern und funktional wie alle Orte in Kanadas hohem Norden.

Man begann als Pelzhandelsposten, überstand das 20. Jahrhundert als Getreidehafen – und dieser Tage wächst nun der Ökotourismus, den Eisbären sei Dank. Hier warten sie bis zum Herbst darauf, dass die Bay zufriert.

Rund um die schöne Hudson Bay wächst der Ökotourismus

Dann können die Bären auf Robbenjagd gehen. Churchill gilt inzwischen als „polar bear capital of the world“: Nirgends sonst ist es für Urlauber leichter, Eisbären in freier Wildbahn zu beobachten. Heute jedoch sind die Bären für uns – wie blasiert klingt das denn? – nur Rahmenprogramm. Denn diese Region bietet noch eine zweite grandiose Tierart zum Beobachten: Belugawale, die sich in den Mündungen von Churchill, Seal und anderen in die Bucht strömenden Flüssen tummeln. 3000 der rund 25.000 Belugas der Hudson Bay kalben dort im Sommer und fressen sich das Fett für den nächsten Winter an. Und wie beobachtet man Belugawale am besten? Ganz einfach: Indem man zu ihnen ins Wasser steigt.

Das Wasser zwischen Haut und Gummi soll für Wärme sorgen
Der dicke Neoprenanzug schützt den mutigen Abenteurer vor kaltem Wasser© Foto: Canadian Tourism CommissionMütze auf zum Tauchgang:Der dicke Neoprenanzug schützt den mutigen Abenteurer vor kaltem Wasser

Verdrossen klemme ich mich im Büro von Sea North Tours in einen sieben Millimeter dicken, hierzulande Wetsuit genannten Neoprenanzug. Verdrossen deshalb, weil schon nach ein paar Sekunden feststeht, dass das schwarze Gummizeug und ich wohl keine Freunde werden. Und die Aussicht, dass die vier Grad kalte Hudson Bay durch die Halskrause hineinfließen und, wie man mir versichert, zwischen Haut und Gummi eine „wohlige Wärmeschicht“ erzeugen wird, kann mich auch nicht so recht aufbauen. Als ich nach den obligatorischen „Daumen-hoch“-Bildern endlich mit den anderen im Schlauchboot sitze, hat der mürrische Ostwestfale in mir die Oberhand gewonnen.

Kaum dreht unser Boot in den Churchill River, ist der meckerige Westfale aber blitzschnell vergessen. Überall weiße Rücken, überall Atemfontänen und aufsteigende Luftblasen – wow! WOW!

© Foto: Ole Helmhausen
Bei den Wal-Touren ist  die Begegnung mit den weißen Riesen der Meere garantiert© Foto: Ole HelmhausenDaumen hoch:Bei den Wal-Touren ist die Begegnung mit den weißen Riesen der Meere garantiert
Daumen hoch: Bei den Wal-Touren ist die Begegnung mit den weißen Riesen der Meere garantiert
Es pfeift und knistert und zirpt – das ist die Wal-Musik!

Ein paar Belugas scheinen sich besonders für unseren Außenbordmotor zu interessieren. So nahe kommen sie heran, dass wir ihnen fast die hohe Stirn streicheln können. Zunächst tuckern wir hinaus in die Bay, dort ist das Wasser klarer und die Sicht unter Wasser ergo besser. Die GoPro im Anschlag, lasse ich mich über die Bordwand ins Wasser – und werde sofort von der Strömung des Churchill River unter dem Bug hindurch buchtauswärts getragen. Nach dem ersten Schrecken (mein Gesicht wird gefühllos, und das eisige Wasser im Rücken ist auch nicht so toll) stoße ich die ersten Mundvoll Hudson Bay durch den Schnorchel aus. Die Sicht ist klasse, aber die Belugas haben sich verdünnisiert. Eine Weile treiben wir noch durch die Bucht, dann fischt uns das Schlauchboot wieder auf.

Wir beschließen, es flussaufwärts
im Churchill River zu versuchen. Dort ist das Wasser stark sedimenthaltig und die Sicht trübe, doch es wimmelt vor Belugas. Wieder rein ins kühle Nass, und nun höre ich sie auch: Um mich herum gurgelt und rauscht es, doch dann mischen sich plötzlich andere Töne in die Wassermusik. Es pfeift und knistert und zirpt und krakeelt in spitzen Tönen, dann pfeift es wieder, und zwar wie ein heißer Kessel. Ein paar Sekunden später mache ich weiße Schemen im grünen Wasser aus. Ich scheine sie zu interessieren.

Immer mehr tauchen auf,
das Fiepen und Knarzen schwillt zu einem offenbar intensiven Gedankenaustausch an, und dann sehe ich sie ganz deutlich. Ein paar Belugas schwimmen dicht neben mir her, die Augen aufmerksam auf mich gerichtet. Andere gleiten in Rückenlage unter mir hindurch und spendieren mir dabei das delfinige Permalächeln. Einer wird richtig anhänglich. Eine köstliche Weile spielt er Eskorte, und ich bemühe mich um ein Gespräch mit ihm: Uuuh, mmmmnngggrrr, uuuaaarrrgghh, so gut die Lautbildung durch den Schnorchel eben funktioniert. Doch wir haben ein Verständigungsproblem. Nach ein paar Sätzen bricht er das Meeting ab und verschwindet mit ein paar kräftigen Schlägen seiner Schwanzflosse im grünen Nichts.

Seit ich als kleiner Junge im Fernsehen Flipper sah, wollte ich zu großen Meeressäugern ins Wasser steigen. Dass es in der Hudson Bay sein würde und nicht in Florida, hätte ich nie gedacht. Fazit: Das Schnorcheln mit den weißen Walen war toll, super und unvergesslich und die lange Anreise absolut wert. Und es war eine demütig machende, im Herzen bleibende Erfahrung. Wie schön Mutter Natur ist. Und wie einzigartig und unwiderruflich …


Nun geht's los:

Start frei für den Tauchgang zu den Meeressäugern
Start frei für den Tauchgang zu den Meeressäugern© Foto: Canadian Tourism CommissionNun geht's los:Start frei für den Tauchgang zu den Meeressäugern
ANZEIGE
Nach oben