Vogelperspektiven

Naturerlebnis PeeneVogelperspektiven

Kurz vor der Insel Usedom liegt eines der faszinierendsten Naturparadiese Europas. Am schönsten kann man es bei Safaris auf dem Wasser und zu Fuß erleben – Streifzüge durchs Peenetal von Christiane Würtenberger

– abends sind kaum Boote unterwegsDas Peenetal ist weit– abends sind kaum Boote unterwegs

Über unseren Köpfen schreien Kormorane, Reiher und Wildgänse wecken Fernweh. Die Rufe großer Seevögel erinnern mich immer an die Weite des Meeres, an ferne Reisen und Aufbrüche zu neuen Horizonten. Gleichzeitig habe ich hier das Gefühl, ganz weit weg zu sein – so eine Landschaft habe ich noch nie gesehen. Dabei ist dies Deutschland, ein wildes, einsames Moor am Peenestrom, der das Festland von der Ferieninsel Usedom trennt.

Die Peene erstreckt sich über 85 Kilo­meter vom Kumme­rower See bis zur Mündung bei Usedom

Nur ein Katzensprung ist es bis hinüber an die Strände, und doch sind wir in einer komplett anderen Welt: stahlblaue, stille Wasserflächen mit Schilf, eine wie mit dem Lineal gezogene Horizontlinie, dazu hier und da morastige Weite, aus der kahle Bäume ragen.

Tausende von Vögeln sitzen auf den toten Birken und Buchen. Im hellen Mittagslicht dieses heißen Sommertags sehen sie aus wie filigrane Scherenschnitte. Wir sind zu einer Wanderung durch den Anklamer Stadtbruch im Peenetal aufgebrochen, dorthin, wo sich das Moor seit einiger Zeit peu à peu einstmals trockengelegte Wiesen und Felder zurückholen darf.

Ein junger Seeadler hat sich’s auf einem Birkenstamm gemütlich gemacht
Günther Hoffmann erklärt Kindern die Natur an der PeeneBiberspuren findenGünther Hoffmann erklärt Kindern die Natur an der Peene

Und weil hier bis kurz vor Kriegsende im April 1945 die Bahnlinie Berlin – Heringsdorf entlangführte, kann man heute auf dem Bahndamm trockenen Fußes dieses faszinierende Stück Wasserlandschaft erwandern, am besten mit einem Naturführer.

Günther Hoffmann vom Naturreise-Anbieter „Abenteuer Flusslandschaft“ kennt das Moor perfekt, er zeigt uns Tiere und Details, die wir alleine nie entdeckt hätten. Und erklärt, warum die Bäume verschwinden – zu viel Wasser für die Wurzeln. Bis zum kleinen Hafen von Kamp sind wir mit dem Auto gefahren – vorbei an Feldern, auf denen Silberreiher herumspazieren wie anderswo Krähen.

Die Kirchturm-Spitze von Anklam ragt weithin sichtbar über dem Fluss auf

Ein junger Seeadler hat sich’s auf einem Birkenstamm gemütlich gemacht. Das war schon beeindruckend, und so geht es im Anklamer Stadtbruch auch weiter: Reiher gleich im Dutzend, von Bibern fast gefällte Bäume, die (noch) wie auf schmalen Keilen stehen, Fischotter-Schleichwege im Dickicht der Ufer. Eine kleine Schlange schwimmt mit stolz erhobenem Haupt durchs Wasser, Libellen surren wie Leichtbauflugzeuge ins Blaue hinaus. Und weiter draußen, für Ungeübte nur mit dem Fernglas auszumachen, hockt tatsächlich ein etwas zerzaust aussehender Seeadler-Jungvogel auf einem Birkenstamm. Alle reißen die ausgeteilten Ferngläser hoch. Jeden Tag ist Naturführer Günther Hoffmann mit seinem Hund hier draußen auf seinen morgendlichen Pirschgängen unterwegs. „Und jeder Tag ist anders“, sagt der Mann mit den schulterlangen grauen Haaren und dem Lederschlapphut.

Die Spaziergänge durchs Moor sind dem gebürtigen Bayern ans Herz gewachsen – wie überhaupt dieser ganze Landstrich weit im Nordosten. Hier hat er vor ein paar Jahren in einem minikleinen Dorf ein Haus gebaut. Hier fühlt er sich mittlerweile zugehörig, zu Hause.
Wir treffen Hoffmann am Abend wieder. Nun ist er Steuermann eines kleinen Solarbootes von „Abenteuer Flusslandschaft“, mit dem wir hinaus in die Abenddämmerung auf der Peene tuckern. Mit an Bord sind eine Handvoll Gäste, Ferngläser und ein feines, regionales Abendessen mit Produkten von umliegenden Bio-Bauernhöfen. Heute Abend werden wir übrigens keine Adler und Biber mehr sehen – das ist Pech, aber es ist auch nicht weiter schlimm. Gemütlich, idyllisch und entspannend ist so eine Tour trotzdem. Wir hören immerhin Hirsche brüllen, erleben einen rosaroten Sonnenuntergang und genießen die Ruhe auf der Peene, die einen mächtig großen Schilfgürtel an ihrem Ufer hat.

Der Fluss erstreckt sich über 85 Kilometer vom Kummerower See bis zur Mündung in den Peenestrom bei Usedom quer durch Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2011 ist diese weitgehend unberührte, urwüchsige Flusslandschaft Naturpark. Und „Abenteuer Flusslandschaft“ wurde 2010 als zugehöriges Netzwerk touristischer Anbieter mit dem Europäischen Tourismuspreis für nachhaltigen Wasser­tourismus ausgezeichnet. Bis heute gibt es übrigens keinen weiteren deutschen Preisträger.

Die kleine, aber feine gleichnamige Tourismuszentrale, die von Antje und Carsten Enke betrieben wird, liegt direkt am Wasser in Anklam, ein buntes Ensemble aus renovierten Schuppen, Flusscafé und Streuobstwiese mit Bänken – ein bisschen Werftenflair, ein bisschen Bullerbü. Antje Enke kam vor 15 Jahren aus Thüringen hierher. Der weite Himmel, die unberührte Landschaft und die herrlichen Backsteinbauten hatten sie schon als Kind bei ihren Urlauben in Mecklenburg-Vorpommern fasziniert. „Das Peenetal ist einzigartig in Westeuropa“, findet Enke, „es ist während der letzten Eiszeit entstanden und dann weitgehend so geblieben.“

Wir sind am zweiten Tag auf zwei Kanadier umgestiegen und paddeln mit Guide Carsten Enke ein Stück den Peenefluss hinauf. Die Enkes bieten auch einwöchige, individuelle Kanutouren auf der Peene, bei denen die Gäste am Startpunkt der Tour mitsamt den Kanus am Kummerower See abgesetzt werden – unterwegs übernachten diese dann mit dem Zelt an ufernahen Rastplätzen oder in vorgebuchten Pensionen und Hotels. Auch Abstecher zu Wikinger-Ausgrabungen sind in der Region möglich. Eine Solarboot-Tour wie unsere gestern Abend bietet den krönenden Abschluss der Urlaubswoche.

30 europaweit geschützte Vogelarten sind an der Peene zu Hause und brüten sogar hier. Darunter sind die Rohrdommel und der Große Brachvogel. Neben Fisch- und Seeadler sieht man mit Glück auch den stark bedrohten Schreiadler oder einen Eisvogel. Zu Fuß lassen sich seltene Orchideen und so eigenartige Gattungen wie die Schwanenblume oder das Tüpfelsumpfhuhn entdecken – am besten mit einem Naturführer.
Der kennt nicht nur die besten Stellen zur Vogelbeobachtung an Land und auf dem Wasser. Er ist meist auch dafür zuständig, dass die Gäste an der Peene entdecken, was sie ohne fremde Sehhilfe niemals gefunden hätten. Jetzt schon wieder: Während ich noch die schöne Backstein-Turmspitze der nahen Anklamer Nikolaikirche bewundere, hat Carsten Enke natürlich schon wieder was noch Besseres entdeckt. Diesmal ist es ein ausgewachsener Seeadler, und er steht gar nicht weit von uns auf einem Dalben.

Was will der hier, so nah am Stadtzentrum von Anklam? Wenn ich die Augen zusammenkneife und mich konzentriere, sehe ich seinen gelben Schnabel. Auch die Iris des Seeadlers soll gelb sein. Und seine Flügelspannweite kann knapp 2,50 Meter betragen. Wohin könnte man fliegen mit solchen Schwingen? Wir überlassen das dem Seeadler. Fernweh ist manchmal nämlich auch ein heimeliges Gefühl. Es kann einen erfüllen. Man muss nicht immer weit reisen.

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