Unterwegs zum Gipfel

TansaniaUnterwegs zum Gipfel

Der Kilimandscharo, höchster Berg des schwarzen Kontinents, ist Sehnsuchtspunkt für Abenteurer aus aller Welt. Julia und Alex haben sich auf den Weg gemacht, gemeinsam mit fleißigen Helfern den 5895 Meter hohen Gipfel zu erklimmen. Ihr Ziel: Bei Sonnenaufgang von dort oben auf glitzernde Gletscher zu blicken – hoch über den Ebenen Tansanias Text: Julia Haude Fotos: Alex Schönfeld, Julia Haude

Julia und Guide Zongolo sind bester Dinge© Alexander SchönfeldGute Laune vor dem Start:Julia und Guide Zongolo sind bester Dinge

Es ist soweit – nach einem halben Jahr Vorbereitung geht es endlich los, rauf auf den Kilimandscharo! Die Anspannung der letzten Tage hat sich noch nicht gelegt, in unseren Köpfen rotiert es. Wie weit schaffen wir es wohl? Was machen wir, wenn einer von uns vorzeitig wieder absteigen muss – geht der andere mit oder macht er alleine weiter? Wie wird unser Körper mit der dünnen Luft klarkommen?

Drei erloschene Vulkane machen das Kilimandscharo-Massiv im Nordosten Tansanias zu einem Superlativ – zur höchsten freistehenden Berggruppe der Erde.

Das Kilimandscharo-Massiv ist die höchste freistehende Berggruppe der Erde

Die markanten Gipfel namens Shira (3962 m), Kibo (5895 m) und Mawenzi (5148 m) sind über einen Grat miteinander verbunden. Sieben Routen führen zum Uhuru Peak, dem höchsten Punkt des Kibo hinauf. Mein Freund Alex und ich haben die Rongai Route gewählt, die auch Wüstenroute genannt wird. Sie beginnt auf der Nordostseite des Berges.

Die fünf Stunden Fahrt von Moshi (dort in der Nähe ist der Flughafen) bis zum Rongai Gate vergehen wie im Flug. Am Gate (2020 m) gibt es die erste Lunchbox: gefüllte Teigtaschen, Minibananen, Orangen und Kekse, lecker. Während wir Energie tanken, schickt Zongolo, unser Guide, die schwerbepackten Träger und den Koch schon mal hoch auf den Weg zum ersten Camp.

Auf rund 4300 Meter Höhe machen wir zwei Tage lang Rast
Die Mahlzeiten, die jeden Tag aufs Neue frisch zubereitet werden, sind reichhaltig und richtig lecker© Julia HaudeTolle Versorgung:Die Mahlzeiten, die jeden Tag aufs Neue frisch zubereitet werden, sind reichhaltig und richtig lecker

Die erste Etappe bleibt übersichtlich. Es sind etwa drei Stunden, bis wir über Forst- und Waldwege im Sekimba Camp (2700 m) eintrudeln. Unsere Zelte sind schon aufgebaut, Tee und eine Riesenportion noch warmes Popcorn stehen bereit. Das geht ja ganz prima los.

Tag zwei startet mit strahlendem Sonnenschein und zwei Waschschüsseln mit lauwarmem Wasser und Kernseife vor unserem Zelt – man gewöhnt sich schnell an diese Form der afrikanischen Dusche. Der Trail verläuft zunächst durch Moor- und Heideland. Und dann ist es soweit: Gipfel Nummer eins kommt in Sicht, der Mawenzi, zweithöchster Berg des Massivs. Er scheint mit jedem Schritt zu wachsen. Wegen seiner düsteren und zackig aufragenden Felswände wird er auch „Der Dunkle“ genannt.

© Alexander Schönfeld
Ui ui, noch ganz schön weit:  Second-Guide Owen macht Mut© Alexander SchönfeldUi ui, noch ganz schön weit: Second-Guide Owen macht Mut
Ui ui, noch ganz schön weit: Second-Guide Owen macht Mut
Jetzt heißt es nur noch: unbedingt zusammen- reißen und hoch!

Der Pfad schlängelt sich über Bergkämme, wieder ein Stück hinunter ins Tal und hinauf auf den nächsten Kamm, immer in Richtung Mawenzi. Und dann kommt auch der Größte in Sicht, unser Ziel, der Kibo, „Der Helle“ mit seinen leuchtenden Gletschern und seiner nahezu perfekten Form. Mit dem Gipfel im Blick erreichen wir das Kikelewa Camp auf 3650 Metern. Ein atemberaubender Ausblick auf die Kilimandscharo-Zacken im Dämmerlicht beschließt den Tag.

Der nächste Morgen beginnt wieder sonnig und warm. Die Baumgrenze liegt nun hinter uns. Der Weg führt zwischen wilden Büschen hindurch, das Wetter ändert sich jetzt stündlich – eben noch wolkenlos, herrscht jetzt dichter Nebel, der mit einer Geschwindigkeit aufzog, wie wir es noch nie zuvor erlebt haben.

Die meiste Zeit der Strecke bleibt unsere kleine Reisegruppe für sich, wir treffen selten auf andere Bergsteiger. Zongolo und Owen, unsere beiden Guides, erklären Flora und Fauna. Wir gehen sehr langsam, „pole pole“ wie es hier heißt. Bei einem Schritt einatmen, beim nächsten Schritt ausatmen. Anfangs muss ich mich darauf konzentrieren, um nicht aus dem Takt zu kommen. Jetzt aber, wo ich mich daran gewöhnt habe, fällt mir die unglaubliche Ruhe auf. Die gleichmäßigen, langsamen Schritte, das Monate vor Beginn der Reise hart trainierte „In-den-Bauch-atmen“, das Rascheln des Gebüschs und natürlich der stetige Wind, all das vermittelt ein ganz besonderes, fast surrealistisches Gefühl.

Kurz vor Ankunft im Mawenzi Tarn Camp (4330 m) laufen mehrere Routen zusammen, hier treffen wir nun auf viele andere Wanderer. Dieses Camp wird zur Akklimatisierung genutzt, mehr als 4000 Meter sind schon kein Pappenstil. Wir werden dort zwei Nächte verbringen.

Nach zwei sehr kalten Übernachtungen führt Tag fünf nun über den Kibo-Sattel zwischen Mawenzi und Kibo. Es geht durch eine Wüstenlandschaft, die ihresgleichen sucht, und irgendwo kommen wir auch an einem Flugzeugwrack vorbei. Der ersehnte Gipfel scheint so nah! Etwa sechs Stunden lang stapfen wir schwer atmend in Richtung nächstes Camp. Und in der Ferne sehen wir den Weg, den wir heute um Mitternacht in Angriff nehmen wollen!

Ich bekomme kaum noch Luft, Panik macht sich breit. Wir sind so nah dran... Ich merke, wie meine Schläfen anfangen zu pochen, bis es zu einem regelrechten Hämmern heranwächst. Im Kibo Hut Camp auf 4700 Metern angekommen, nützt nur noch der Griff zu Schmerztabletten. Wir schlafen schnell ein. In ein paar Stunden werden wir wieder für Tee und Kekse geweckt, um dann rechtzeitig zum Sonnenaufgang den Gipfel zu stürmen.

Es ist genau 00:00 Uhr und wir machen uns bereit. Die Zwei-Liter-Thermosflaschen sind mit heißem Wasser gefüllt, die Stirnlampen zurechtgerückt und die Stöcke am Handgelenk befestigt. Wir brechen auf. Es ist stockdunkel, der Boden knirscht, er ist gefroren. Die Lampen der Gipfelstürmer, die noch vor uns aufgebrochen sind, flackern in weiter Ferne in schwindelerregender Höhe. Mir kommen Zweifel und mir wird übel, obwohl ich noch keine vier Höhenmeter bewältigt habe.

Dieser Weg fühlt sich so unendlich lang an, dass ich des öfteren mit dem Gedanken spiele, einfach sitzen zu bleiben. Wir gehen weiter, langsam, pole pole, machen viele kleine Trinkpausen, und nach einer halben Ewigkeit haben wir den Gilman´s Point auf 5685 Metern erreicht. Ich habe meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle und sinke auf die Knie. Während ich vor Erleichterung ungewollt anfange zu lachen, kommen mir die Tränen, denn: Ab dem Gilman´s Point gilt der Kibo als bestiegen!

Wir reißen uns zusammen und gehen weiter. Bis zum Stella Point auf 5756 Metern, wo wir wieder eine längere Pause machen, um uns dann in Richtung Uhuru Peak zu wagen, zum großen Endspurt. Der Morgen dämmert schon heran und der Gipfel ist immer noch nicht in Sicht. Die letzte Motivation schwindet, meine Beine wollen nicht mehr. Überall treffen wir auf Menschen, die nicht mehr weiter können und auf dem Boden liegen, sich übergeben oder zurückgetragen werden.

Unsere Guides pushen uns noch ein letztes Mal. Und dann ist es soweit, wir sind oben, in der aufgehenden Sonne, auf dem höchsten Punkt des Kilimandscharo, dem Dach Afrikas. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Hochgefühl, wie ich es noch nie erlebt habe. Mit einem breiten Grinsen liegen wir uns in den Armen, genießen den Augenblick. Und machen uns gleich wieder bereit für den Abstieg, in die Wärme, zu sauerstoffhaltigerer Luft, zurück ins alltägliche Leben.

Ständige Begleiter:

Die großen Geierraben waren bis ins letzte Camp immer dabei
Die großen Geierraben waren bis ins letzte Camp immer dabei© Alexander SchönfeldStändige Begleiter:Die großen Geierraben waren bis ins letzte Camp immer dabei
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