Über alle Berge

LimburgÜber alle Berge

Große Naturschönheit, urige Orte, eine Gastfreundschaft, die von Herzen kommt, dazu hervorragend ausgebaute Radwege und kleine Herausforderungen an die eigene Kondition – ein sehr persönlicher Bericht von einer dreitägigen Radtour durchs schöne Limburg

Das  Hespengau in Limburg gilt als der Obstgarten FlandernsWas blüht uns denn da?Das Hespengau in Limburg gilt als der Obstgarten Flanderns

Mittwochabend im "De Pastorie", einer charmanten Kombination aus Gasthaus und Radlerlokal, gelegen im Hespengauer Dorf Gors-Opleeuw. Während des Essens hebe ich mein Glas Cohlenberg – ein wu?rziger Weißwein aus Borgloon – und stoße an: „Auf drei schöne Tage“. „Auf drei schöne Tage“, antworten Hanna, Jens und Markus im Chor.

Ich fu?hle mich ausgelassen. Die Natur steht in voller Blüte, die Sonne scheint, und wir haben wunderbare drei Tage Radurlaub in Limburg vor uns.

Ein kleiner Wettstreit macht auch im Urlaub Spaß: E-Bike oder Freizeitrad – wer macht das Rennen?

Morgen wollen wir den ganzen Tag auf dem Rad sitzen, unterwegs zwischen den Blu?tenmeeren des Hespengaus, dem Obstgarten Limburgs. Start ist im Städtchen Sint-Truiden, dem adretten Zentrum des Obstanbaugebiets. Die Herren wollen, als ambitionierte Freizeitradler, natürlich mit ihren eigenen Rädern fahren. Wir Frauen machen es uns ein wenig einfacher: Morgen holen wir zwei E-Bikes am Radverleih in Sint-Truiden ab, mit elektrischem Turbo sozusagen. Auf diese Weise sausen wir ganz locker durch die hu?gelige Landschaft – und werden auch unsere trainierten Männer spielend bezwingen. Ob´s wirklich klappt? Die nächsten Tage werden sicher spannend, bei solchen Vorsätzen ...

Entlang üppiger Obstgärten und malerischer Dörfer zieht sich die Blüten-Route
Die Route führt  durch fruchtbare LandschafrtSchön wie gemalt:Die Route führt durch fruchtbare Landschafrt

TAG 1:
Mit dem Rad durchs Blütenmeer

Frisch gepresster Orangensaft, gebratene Eier, knuspriger Speck und Bio-Brot – unser reichhaltiges Radlerfrühstück liefert die perfekte Grundlage für unsere erste Tour. Mitten durch das Hespengau soll es gehen: 35 Kilometer zieht sich die Blütenroute durch die Obstgärten, mit hier und da hingetupften Kirchdörfern. Wirtin Jenny gibt uns für unterwegs ein üppiges Picknickpaket mit. Startklar? Aber ja!

Wir parken unser Auto am Bahnhof von Sint-Truiden, holen unsere E-Bikes am Radverleih ab und fahren erst einmal kurz zum Grote Markt, dem großen Marktplatz voller einladender Straßenlokale. Im Schatten der drei Türme – Abteiturm, Belfriedturm des Rathauses und Turm der Liebfrauenkirche – beginnen wir unsere Tour Richtung Kirchdorf Velm.


oben das Gallo-romanische Museum in Tongeren, unten das MinenmuseumSpannende Geschichte(n):oben das Gallo-romanische Museum in Tongeren, unten das Minenmuseum
Spannende Geschichte(n):oben das Gallo-romanische Museum in Tongeren, unten das Minenmuseum
Gegrilltes Filet vom Weißblau-Rind und traditionell gute Biere – Limburg ist lebenswert

Der erste Sieg des Tages geht eindeutig an Hanna und mich. Auf einem kleinen Berg warten wir freundlich lächelnd auf unsere männlichen Mitstreiter, die sich noch ein wenig an der Steigung abarbeiten müssen. Sie nehmen´s mit Humor. Hanna und ich sind uns einig: Die E-Bikes sind einfach herrlich. Kurz in die Pedale treten, und unsere Stahlrösser schweben den Hügel hinauf, als hätten sie unsichtbare Flügel. Unsere Radwanderkarte hat übrigens nicht zu viel versprochen: Wir radeln durch ein Meer von duftenden Blüten. An manchen Stellen sieht man nur Obstgärten, Äcker, Weiden und Hügel.

Wir begreifen jetzt, warum viele Leute das Limburger Radroutennetz in den höchsten Tönen loben. Es gibt kaum Schlaglöcher in der Fahrbahn, die Wege sind befestigt und überwiegend autofrei. Die Radkarte brauchen wir eigentlich nicht, dank des ausgeklügelten Wegweisernetzes. Das haben sich die Limburger gut ausgedacht, das Knotenpunktsystem, mittlerweile hat es sich auch über die Landesgrenzen hinaus als echter Exportschlager erwiesen. Alle Radrouten sind dabei miteinander vernetzt, und jeder Knotenpunkt ist mit einer Nummer auf einem Schild gekennzeichnet. Und damit man immer weiß, wo´s langgeht, steht an wirklich jeder Kreuzung oder Abzweigung ein solcher Wegweiser. Alles, was man tun muss, ist, vor der Tour die Nummern der entsprechenden Ziele auszuwählen – und los geht´s. Wir können uns in aller Ruhe umsehen und die wunderschöne Landschaft genießen.

An der Traditions-Brauerei Kerkom belohnen wir uns mit einer Rast im Innenhof, eine kleine Bierverkostung inklusive. Hanna und ich nehmen die Sorte Bink Bloesem, Lars und Markus wählen mutig den stärkeren Stoff: den Adelardus Tripel. Damit dürfte auch dem zweiten Tagessieg von uns E-Bikerinnen nichts mehr im Weg stehen ...

Ein Stückchen weiter besuchen wir einen Obstbetrieb. Während der Blütezeit öffnen die Obstbauern im Hespengau den Touristen ihre Tore. Wir bekommen eine interessante Führung hinter die Kulissen und genießen zwischen den Gärten eine Tasse Kaffee mit einem fruchtigen Stück limburgischem Obstkuchen. Zurück in Sint-Truiden, lassen wir den Tag in einer Brasserie ausklingen, nach rund 40 Kilometer radeln kommt uns ein entspannter Abend gerade recht. Wobei: Dank des E-Bike-Turbos haben Hanna und ich ja noch einiges an Energie übrig, im Gegensatz zu den Herren. Aber das sagen wir heute nicht laut.

TAG 2:
Zwei auf einen Streich

Kein Muskelkater, keine müden Beine – nach dem so erfolgreichen gestrigen Start wagen wir uns heute gleich an zwei Highlights heran. Erst geht es in eine ehemalige Steinkohlenzeche, die C-Mine bei Winterslag. Am Nachmittag winkt dann eine Tour durch Belgiens ersten und einzigen Nationalpark namens Hoge Kempen.

Wir sind sofort von den großen Zechengebäuden und der Halde beeindruckt. Limburg gehörte mit den angrenzenden Niederlanden und Deutschland zum größten Steinkohleabbaugebiet Europas, und viele der Halden, Zechen und Wohnviertel der Bergarbeiter sind noch zu sehen, wenn auch mit neuem Sinn erfüllt und in neuem Gewand. In vielen Zechen haben sich kreative Köpfe, Designer und Medienmacher angesiedelt, einige Orte fungieren als Kulturstätte und Industriedenkmal zugleich, wie die C-Mine. Die Generatoren und Badehäuser sind hier unter anderem einem Filmsaal, einer Brasserie und einem Keramikatelier gewichen.

Untertage wird es ebenso spannend: Die "C-Mine expeditie" entführt auf einen Erlebnisparcours sechs Meter unter dem Berg, dazu kommen einzigartige Bildinstallationen bekannter Künstler zur Geschichte der Mine und eine interaktive Klangzelle, in der man seinen eigenen Minensound komponieren kann. Die Tour endet mit einem weiteren Höhepunkt: Hoch oben auf dem mehr als 60 Meter hohen Fördergeru?st. Von dort erblickt man die reizvollen Kontraste der Region als Ganzes: Weite Naturlandschaft, in die die einstigen Halden wie kleine Nester eingebettet sind – Industriekultur im Grünen sozusagen.

Ein genauso gru?nes Gebiet ist die Domäne Kattevennen, wo eines der Zugangstore zum Nationalpark Hoge Kempen liegt, unser zweites Ziel des heutigen Tages. Wir nehmen zunächst Kurs auf das "De Krater", das dortige Radlerlokal. Für prima Pausenplätzchen ist in Limburg ohnehin überall gesorgt: Am Radroutennetz liegen jede Menge Lokale mit Herz fu?r Radfahrer – von Radreparatursets bis hin zu Erste-Hilfe-Kits ist alles vorrätig. Wir setzen uns auf die Terrasse, um uns zu stärken. Das Ter-Dolen-Bier ist ausnehmend süffig, der Croque knusprig. Eine solide (und leckere) Grundlage für einen ganzen Nachmittag im Sattel.

Der Nationalpark Hoge Kempen ist urwüchsig und ein bisschen wild: Nadelbäume, weite Heidelandschaften, Teiche, Seen und Laubwälder wechseln einander ab. Immer wieder beeindrucken riesige Steine, die die Maas hier vor Jahrhunderten abgelagert hat. Im Osten hat der Fluss sogar ein 60 Meter tiefes Tal gegraben. Ob zu Fuß, zu Pferd oder auf Rädern wie wir – der Nationalpark lässt sich hervorragend auf eigene Faust erkunden. Die Wege und ihre Beschilderung sind auch hier erstklassig. Es ist allerdings ein bisschen schade, dass die Heide noch nicht blu?ht. Im August radelt man hier durch violette Landschaften. Ein guter Grund, um im Sommer noch einmal für einen Tag herzukommen und das farbenfrohe Spektakel zu bestaunen.

Wir stehen auf dem höchsten Punkt des Parks: Auf 104 Metern u?ber dem Meeresspiegel können wir locker zu den deutschen und niederländischen Nachbarn hinüberwinken; sogar bis zum Hohen Venn reicht die Sicht. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings: Den heutigen Tagessieg im Vorausfahren müssen wir den Männern zusprechen. Hanna und ich fanden die Aussichten einfach zu schön, um nur daran vorbei zu flitzen.

Zuru?ck in unserem B&B in Gors-Opleeuw, sind wir immer noch nicht ganz erschöpft. Wirtin Jenny hat einen guten Tipp fu?r das Abendessen: den Besuch im De Zwaan in Klein-Gelmen, einem Grillrestaurant in der ältesten Herberge von Limburg. Dort grillen sie Filet pur vom belgischen Weißblaurind auf Hespengauer Obstbaumholz. Klingt sehr gut. Jenny bucht einen Tisch, während ich meine Muskeln mit einem heißen Bad verwöhne. Ein Gläschen Rotwein zum Fleisch? Ja, das könnte mir gefallen.

TAG 3:
Kultur und andere Herausforderungen

Einfach unwiderstehlich ist es,
dieses limburgische Frühstück. Das reiche Mahl des Vorabends hat unserem Appetit offenbar nicht geschadet. Und auch der Freude an geschmacklichen Experimenten nicht: Lars und Markus beschmieren ihr Butterbrot mit Sirup aus Loon und legen knusprigen Speck dazwischen. Sie haben beschlossen, heute "wirklich" Kilometer zu machen und die anspruchsvollen Hu?gel rund um Borgloon zu bezwingen. Uns Frauen steht der Sinn mehr nach Shoppen und Kultur in Belgiens ältester Stadt Tongeren.

Die ist ganz anders, als wir uns vorgestellt hatten. Keine angestaubte archäologische Fundstätte, in der die Uhren schon seit Jahrhunderten stehengeblieben sind. Im Gegenteil: Einkaufszentren, Straßenlokale und Brasserien verschmelzen vortrefflich mit dem kulturhistorischen Erbe. Wir flanieren entlang der kurzen Meilenpfahlroute und spazieren durchs Zentrum, das uns zu allen Highlights fu?hrt. Eine Reise durch die Zeit mit römischen Ruinen, mittelalterlichen Stadtmauern, dem schönen Beginenhof, der Liebfrauenbasilika und dem Standbild von Ambiorix, dem Keltenkönig, der einst im Gallischen Krieg Cäsars Truppen besiegte. Was nicht fehlen darf, ist ein Besuch des Gallo-Römischen Museums. Im Inneren gibt es archäologische Fundstücke aus der Zeit der Kelten, Römer und Merowinger zu bewundern. Das war aber noch längst nicht alles, was Tongeren zu bieten hat. Sonntags findet hier auch der größte Antiquitätenmarkt der Benelux-Länder statt. Vielleicht sollten wir doch noch einen Tag mehr zum Stöbern einplanen.

Die Chancen, dass unser Wunsch erhört wird, stehen gut. Im Laufe des Abends bezeichnen unsere ku?hnen Kerle den heute bezwungenen Burchtheuvel, den Bollenberg und den Kuttekovenberg, schon bald als "enorme Berge". Man könnte fast glauben, dass die Flämischen Ardennen in Limburg liegen. Die Berge von Loon haben offenbar ihren Tribut von Lars und Markus gefordert – sich ein wenig länger erholen im gastfreundlichen Limburg kann da ja nicht schaden, meinen sie, es gibt ja noch so viel zu sehen. Wir nicken verständnisvoll. So soll es sein.

Augenblick unterwegs:

Industriedenkmäler am Wegesrand
Industriedenkmäler  am WegesrandAugenblick unterwegs:Industriedenkmäler am Wegesrand
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