Sechs Füße und ein roter Sessel auf Reisen

Fotoprojekte im NetzSechs Füße und ein roter Sessel auf Reisen

Immer nur Selfies aus dem Urlaub posten? Langweilig! Es gibt doch auch andere Möglichkeiten, mit persönlichen Motiven zu punkten. Wir stellen vier originelle Fotoprojekte vor, die im Netz für Aufsehen sorgen. Mit den “Füßen zuerst” (siehe Bild) reis

Stefan Sirtl und Indre Leseviciute reisten mit dem Sperrmüll-Möbel durch Asien© Foto: Stefan Sirtl, Sientate.deEin roter Sessel, viele Geschichten:Stefan Sirtl und Indre Leseviciute reisten mit dem Sperrmüll-Möbel durch Asien

Eigentlich wollte Stefan Sirtl seinen abgewetzten knallroten Sessel nur in der Heidelberger Fußgängerzone ablichten. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. "Viele Leute blieben stehen", erzählt der 33-Jährige. "Da ist eine plötzliche Dynamik entstanden – bis zu 20 Leute standen Schlange vor dem Sessel, um ein Portrait von sich zu bekommen. Das war der Auslöser für mein Fotoprojekt."
Sientate, auf Spanisch "Setz dich", tauft Sirtl, Promotionsstudent in Physik an der Universität Freiburg, sein Projekt, bei dem er mit seinem Sperrmüll-Möbel um die Welt reist und Menschen darin portraitiert.


"Der rote Sessel ist mittlerweile wie mein kleines Kind – er muss auf Reisen immer dabei sein!"

Zunächst fotografiert Sirtl den Sessel "La Silla" in Mexiko, Guatemala, Costa Rica und Panama, bei der zweiten Reise dann in Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha. Das Prinzip ist das Gleiche geblieben wie in der Heidelberger Fußgängerzone. "Ich setze mich irgendwo auf einen Marktplatz, esse eine Fajita und warte, bis mich die Leute von selbst ansprechen und fragen, was ich dort mit dem Sessel mache", sagt Sirtl.

10.000 Fotos sind auf diese Weisebisher entstanden, viele davon auch Schnappschüsse auf Tour. 40 ausgesuchte und mit Sorgfalt geplante, beeindruckende Portraitfotos stellt Sirtl heute auf Ausstellungen oder bei Vorträgen vor. Seine Bilder erzählen Geschichten von fremden Ländern, unterschiedlichen Kulturen und vor allem vom Leben der Einheimischen.


"Einmal wurden wir fast von wilden Pferden überrannt"
Antonio Del Maestro aus Rom porträtiert die Legofigur "Emmet" auf seinen vielen Reisen, hier zum Beispiel in Griechenland© Foto: Antonio Del MaestroKleiner Mann – ganz groß!Antonio Del Maestro aus Rom porträtiert die Legofigur "Emmet" auf seinen vielen Reisen, hier zum Beispiel in Griechenland



Welten, die Touristen normalerweise verschlossen bleiben. "In Nicaragua trafen wir eine Flaschensammlerin, die uns fragte, ob wir mit ihr auf die Müllhalde gehen, in eins der schlimmsten Viertel von Granada, um auf die Situation von obdachlosen Frauen aufmerksam zu machen", sagt Sirtl, der 2013 mit einer Freundin, Julia Müller, durch Zentralamerika reiste. Für ihn ein einschneidendes Erlebnis. "Auf Wunsch all der dort versammelten Flaschensammler platzierten wir den Sessel mitten im stinkenden Müllberg und machten von morgens bis abends Porträts. Es wurde so viel dabei gelacht, obwohl es eine schlimme Umgebung ist."

Man müsse darauf achten,
so Sirtl, dass man die Situationen nicht zu sehr nach einem europäischen Maßstab bewerte. Trotz der Armut habe er die Menschen als sehr glücklich erlebt – vielleicht glücklicher als in Deutschland. Für ihn seien die Fotos Momentaufnahmen, keine Mission. Jeder könne sich sein eigenes Bild machen.


© Foto: Andrea David, Filmtourismus.de
Mit ihrem Fotoprojekt macht Andrea David (ganz unten)  auf filmische Drehorte aufmerksam, wie hier den "Tom-Raider-Baum" in der Tempelanlage Angkor Wat© Foto: Andrea David, Filmtourismus.deFollower unterwegs:Mit ihrem Fotoprojekt macht Andrea David (ganz unten) auf filmische Drehorte aufmerksam, wie hier den "Tom-Raider-Baum" in der Tempelanlage Angkor Wat
Follower unterwegs: Mit ihrem Fotoprojekt macht Andrea David (ganz unten) auf filmische Drehorte aufmerksam, wie hier den "Tom-Raider-Baum" in der Tempelanlage Angkor Wat
"Kinder folgen meinen und Emmets Abenteuern auf dem Smartphone ihrer Eltern und senden mir Grüße"

2016 will Sirtl wieder losziehen mit seinem 32 Kilogramm schweren Sessel – diesmal über die Route Panamericana, die Alaska mit Feuerland verbindet. "Ich kann mir mittlerweile gar nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu reisen", sagt er. "Das Möbelstück ist wie mein kleines Kind, es muss immer dabei sein."

Originelle Fotoprojekte, die eine ganz eigene Geschichte erzählen, werden im Netz honoriert und verbreiten sich schnell. So auch die Bilder des britischen Fotografen Tom Robinson, der ebenfalls eine ausgefallene Idee für eine Fotoserie hatte: Feet first nennt sich das Projekt, bei dem der Fotograf seine eigenen Füße und die seiner Frau Verity mit ins Reisebild hievt.

Mit "Fußfetischismus" hat das wenig zu tun. "Aber langsam sollten wir doch mehr Wert auf eine vernünftige Pediküre legen – jetzt, wo so viele Leute auf unsere Füße schauen", sagt Robinson. "Meine Erste hatte ich jetzt tatsächlich mal in New York. Und ich muss zugeben: Ich habe es genossen!" Ganz zufällig entstand das erste Fußbild 2005 bei einem romantischen Date am Strand in Brighton. Das reisefreudige Pärchen beschloss, daraus eine Serie zu machen.

123 Fotos sind inzwischen in 37 Ländern entstanden – in durchaus turbulenten Situationen. "Einmal wurden wir fast von wilden Pferden überrannt, als wir ein Bild machten", sagt der 34-Jährige. "Und meist werden wir schon seltsam beäugt, wenn wir unsere Füße ablichten." Zu seinen Lieblingszielen bisher zählten Bolivien, Guatemala und Marokko. Spannend für die Zukunft fände Robinson ein Fußfoto in New York. "Bei einem Helikopterflug über die Stadt kann man seine Füße herausstrecken. Das wäre ein schönes Serien-Motiv. Auch ein Tauchfoto fehlt noch in meiner Sammlung. Doch dafür sind unsere Kinder noch zu klein."

Die Füße auf den Bildern
werden immer zahlreicher. Vor vier Jahren kam Tochter Matilda zum Projekt dazu, seit einem Jahr streckt Beatrice ihre winzigen Füßchen ins Bild. Auf die Frage, ob es noch mehr werden, antwortet Robinson, der seine Familie auch auf Instagram porträtiert, verschmitzt: "Das hängt davon ab, wen sie fragen. Ich bin ganz glücklich mit zwei Kindern, meine Frau hätte gerne mehr. Fragt sich nur, wer die Debatte gewinnt ..."

Im Mittelpunkt eines anderen Fotoprojekts aus Italien steht ein kleiner Mann mit Koffer, den alle kennen, die als Kind auch mit Lego gespielt haben: die Figur "Emmet". "Es gibt viele Kinder, die meinem Projekt auf Instagram folgen", sagt Hobbyfotograf Antonio Del Maestro aus Rom. "Sie folgen meinen und Emmets Abenteuern auf den Smartphones ihrer Eltern und senden mir Grüße." 22.300 Fans hat der 18-jährige Student, der auch bereits als Digitalstratege und Spielentwickler arbeitet, auf der Fotoplattform mittlerweile – seine Portraits von Emmet vor Sehenswürdigkeiten auf Reisen kommen gut an.

"Schon als ich klein war, habe ich von einem elektrischen Lego-Zug geträumt", sagt Del Maestro. "2013 habe ich mir endlich selbst einen gekauft – im Paket dabei waren auch zwei Figuren, eine davon Emmet. Als ich den kleinen Globetrotter gesehen habe, habe ich mich spontan in ihn verliebt und beschlossen, ihn überall mit hinzunehmen", sagt Del Maestro. Originell und kreativ sind seine Fotos, die seit 2014 Sehenswürdigkeiten in Europa zeigen, ob vor dem Eiffelturm in Paris oder am Kap Sounion in Griechenland. Der Student hat seine Bilder mittlerweile auch in Cafés ausgestellt und hofft auf Sponsoren. Das nächste Wunschziel von Antonio und Emmet ist London.

Ein anderes, sehr kreatives Reise-Fotoprojekt hat Andrea David aus Hamburg aus der Taufe gehoben. Die 37-Jährige reist seit über 10 Jahren auf den Spuren sehenswerter Filme um die ganze Welt und fotografiert dabei die Film-Locations – allerdings mit einem sehr originellen Dreh. Auf Recherchetouren für ihre Website Filmtourismus.de nimmt sie ausgedruckte Filmmomente mit und hält sie deckungsgleich vor die passende Szenerie. 50 Fotos hat sie mit dieser Machart bereits weltweit geschossen – ob im Ötztal für den neuen Bondfilm "Spectre", in Berlin für "Lola rennt" oder in Thailand von "The Beach"-Kulissen.

"Die Methode sorgt für Aufsehen", sagt David, die in Hamburg lebt und aus Süddeutschland kommt. "In Kambodscha standen plötzlich einige Touristen aus Korea hinter mir, als ich ein Bid von Angelina Jolie vor dem "Tomb-Raider-Baum", der im Film vorkommt, gehalten habe. Die Situation war amüsant. Viele Touristen haben sich plötzlich für genau diesen Baum auf der weitläufigen Tempelanlage Angkor Wat interessiert."

Ihr nächstes Wunschziel: Hawaii. "Jeder hat ja so seine Sehnsuchtsorte und je länger man darauf wartet, endlich einmal dort anzukommen, umso schlimmer wird es oft. Einer dieser Orte ist und bleibt für mich Hawaii und jedes Mal, wenn ich die oft gefilmten Pazifik-Inseln mal wieder auf dem Bildschirm oder auf der Leinwand sehe, wird die Sehnsucht größer", sagt David. "Gerade erst wieder, als ich ,Jurassic World' im Kino gesehen habe. Hawaii diente für den Film als Drehort in der Rolle der fiktiven ,Isla Nublar', deren Landschaft mich bereits in den 90ern in Steven Spielbergs Jurassic Park so fasziniert hatte. Da muss ich unbedingt hin!"








Grünes und weißes Federvieh:

Stefan Sirtl porträtierte diesen Einheimischen in Zentralamerika samt seinem Reise-Sessel
Stefan Sirtl porträtierte diesen Einheimischen in Zentralamerika samt seinem Reise-Sessel© Foto: Stefan Sirtl, Sientate.deGrünes und weißes Federvieh:Stefan Sirtl porträtierte diesen Einheimischen in Zentralamerika samt seinem Reise-Sessel
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