Musik auf allen Wegen

ErfurtMusik auf allen Wegen

Joon Wolfsberg rockt den Wenigemarkt, Mrs. Frizzle heizt am Domplatz ein, und zwei Mädchen treten an der Krämerbrücke mit ihren Blockflöten an: Jedes Jahr am 21. Juni feiert Erfurt die Fête de la Musique. Auf über 30 Plätzen spielen Musiker auf – ohne Honorar.?

„Panta Rhei – alles fließt“ – sommerliche Installation auf der Krämerbrücke© Foto: Udo BernhartIm Kunstmodus:„Panta Rhei – alles fließt“ – sommerliche Installation auf der Krämerbrücke

Sie sieht mit ihrer Gitarre und der John-Lennon-Sonnenbrille ein bisschen aus wie ein amerikanisches Country-Music-Girl, aber Joon Wolfsberg ist Erfurterin. Gemeinsam mit ihrem Vater hat die 23-Jährige in den USA schon zwei Alben produziert, aber bei der Fête de la Musique in Erfurt ist sie trotzdem noch jedes Jahr dabei. Den Wenigemarkt in der Altstadt füllt Joon mit ihrer Musik zwischen Folk und Rock mühelos. Zwischen eigenen Songs singt sie Coverversionen, schmettert sogar „You can’t always get what you want“ – und macht damit Mick Jagger durchaus Konkurrenz. Die Erfurter sind begeistert. Man merkt, sie sind stolz auf ihre Band. „Joon habe ich vor fünf Jahren entdeckt“, erzählt Wolfgang Beese, der die

„Es geht um den Spaß – und um musikalische Zufallsbegegnungen.“

Fête de la Musique 2010 in die Stadt gebracht hat. „Da hat sie mit ihrem Vater hier um die Ecke Straßenmusik gemacht, und ich habe sie sofort überredet, bei der Fête zu singen.“ Beese kommt aus einer Musikerfamilie, ist Biologe und Stadtrat – ein Erfurter Urgestein mit frankophilem Einschlag. Das Musikfest, das jedes Jahr zum Mittsommer am 21. Juni in über 500 Städten weltweit steigt, hat er in Paris entdeckt und importiert.

„Am Anfang wollte die Stadt dieses Festival gar nicht. Die konnten sich einfach nichts drunter vorstellen“, erzählt der 67-Jährige. Aber das ist lange her. „Mittlerweile spielen die Musiker auf über 30 Plätzen.“ Und Tausende hören zu. Wie viele Bands sind jedes Jahr dabei? Keine Ahnung, meint Beese

Das Musikfest steigt in Erfurt immer genau am 21. Juni
die Erfurter Band Under Burning Skin auf dem Wenigemarkt© Foto: Udo BernhartGroßes Finale:die Erfurter Band Under Burning Skin auf dem Wenigemarkt

und lacht verschmitzt. Interessiert ihn auch gar nicht. Ihm geht es nicht um höher, schneller, weiter. Der Spaß soll im Vordergrund stehen.

Das Besondere: Keiner der Musiker bekommt Honorar, niemand muss Eintritt bezahlen. Die Fête de la Musique in Erfurt ist ihrer Ursprungsidee treu geblieben: Der Kommerz bleibt außen vor, wenn man einmal von ein paar Imbissbuden absieht. Und das Datum wird ganz puristisch eingehalten. Das Fest steigt immer am 21. Juni, dieses Jahr also an einem Dienstag. 2015 fiel die Veranstaltung auf einen Sonntag – und mit dem Krämerbrückenfest zusammen. Da war die Landeshaupstadt komplett aus dem Häuschen, am Ende aber auch etwas feiermüde.

Zwei kleine Mädchen treten mit ihren Harfe spielenden Müttern auf. Sie hocken mit der Blockflöte auf dem Bordstein vor dem Café Paulinchen und trappeln nervös mit den Füßen. Noch sind sie nicht dran. Aber das

© Foto: Udo Bernhart
Brise manouche (oben), und ein junges temporäres Flötenduo© Foto: Udo BernhartSo klingt die Landeshauptstadt:Brise manouche (oben), und ein junges temporäres Flötenduo
So klingt die Landeshauptstadt: Brise manouche (oben), und ein junges temporäres Flötenduo
Mittsommer – Erfurt singt und tanzt dazu

Lampenfieber steigt. Vor der Weinarche bezaubert die Formation Brise manouche ein buntes Publikum mit französischen Chansons. Ein Steppke dreht auf der kleinen Freifläche zwischen Sängerin Anja Dobers und Publikum ein paar Laufrad-Runden. Und ein ganz Kleiner tanzt dazu – was er für tanzen hält.

Die Stimmung ist entspannt und nett. Die Musiker organisieren sich selbst: Verstärkerkabel sind quer übers Kopfsteinpflaster bis ins nächste Café verlegt. Die Bands passen gegenseitig darauf auf, dass keiner zu lange spielt, sie haben genaue Auftrittszeiten. „Aber die schreiben wir nicht ins Programm“, sagt Wolfgang Beese. „Wir wollen nicht, dass die Leute nur herkommen, um ihre Lieblingsband zu hören. Das können sie das ganze Jahr über machen. Aber dieses Festival lebt von etwas anderem – von musikalischen Zufallsbegegnungen.“ Wichtig ist dem Organisator deshalb auch, dass möglichst viele Arten von Musik vertreten sind: Und so spielen Kinder, was sie gerade in der Musikschule gelernt haben, Opernprofis singen, Punkbands und Männerchöre proben hier den großen Auftritt. Je nach Anzahl der Anmeldungen beginnt die Fête am frühen Nachmittag und endet erst gegen Mitternacht. Manche Bands spielen sogar doppelt und dreifach – an verschiedenen Orten in der Erfurter Altstadt.

So wie Mrs. Frizzle. Die Sängerin trägt heute einen schrillroten Rock zu ihren Erdbeer-Ohrringen. Gerade heizt die blonde Stimmungskanone gemeinsam mit einem Kontrabass und zwei E-Gitarren Passanten auf dem Domplatz ein. Aber bevor’s richtig losgeht, lädt sie schon mal auf einen Absacker vors Café Nerly. „Wir sind da! Ihr auch?“ – wirft Fotografen Kusshände zu. Und legt los – „try to do all things right.“

Hier wird eigentlich alles richtig gemacht: Mrs. Frizzle ist wie Joon Wolfsberg eine Erfurter Band. Bei der Fête de la Musique liegt der Schwerpunkt ganz klar auf regionaler Musik, aber auch schwedische, französische oder amerikanische Bands treten auf. Das Musikfest, das auf eine Idee des französischen Kulturministers Jacques Lang Anfang der 80er-Jahre zurückgeht, ist international geworden, ohne an Lokalkolorit zu verlieren.

Wolfgang Beese telefoniert, organisiert, improvisiert, bringt mit kleinstem Budget alles auf den Weg. Und am 21. Juni mischt sich der Mann natürlich hier und da unters Musikvolk. Er mag die besondere Stimmung, die die Ensembles und Bands an die Gera bringen. Es ist Jahr für Jahr ein wunderbares Happening. Denn: So verschieden die Bands sind, so bunt ist auch das Publikum. Und deshalb entstehen zwischen Krämerbrücke und Willy-Brandt-Platz immer wieder unvergessliche Zufallsbegegnungen mit Musik. Und so manch einer, manch eine entdeckt eine neue Lieblingsband. „Erfurt, seid Ihr noch da?“, ruft der Sänger von Under Burning Skin in die Menge. Die Leute grölen begeistert und übernehmen die nächste Strophe gleich im Chor. In dieser kürzesten Nacht des Jahres ist Erfurt voll da. Und zwar so was von.

Gut gestimmt?

Bei der Fête de la Musique in Erfurt ist das Publikum so bunt wie die Musik
Bei der Fête de la Musique in Erfurt ist das Publikum so bunt wie die Musik© Foto: Udo BernhartGut gestimmt?Bei der Fête de la Musique in Erfurt ist das Publikum so bunt wie die Musik
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