Mit Wünschen radeln

Radurlaub Mit Wünschen radeln

Ein Skywalk als Glücksbringer, Partystimmung am Fluss und eine Nacht im glänzenden Wohnwagen – so kann es gehen. Mit dem Rad an der Saale unterwegs.?

auf dem Saale-Radweg bei Orlamünde© Foto: Joachim NegwerDie Leuchtenburg im Blick:auf dem Saale-Radweg bei Orlamünde

Was sollen wir uns wünschen? Den Weltfrieden? Einen Cappuccino und Streuselkuchen? Oder: eine frische Thüringer Bratwurst mit ganz viel Senf? Ein Auto, ein Haus, ein Schiff? Oder einfach: richtig viel Sonne für die nächsten zwei Tage? Mehr Geld? Oder vielleicht doch besser mehr Zeit? In jedem Fall Gesundheit, das ist das Wichtigste. Da sind wir uns einig.

Beim Fahrradschieben
fällt das Nachdenken noch ein bisschen leichter – und es gibt viel zu schieben auf dem letzten Stück des Weges vom Saaletal hinauf zur Leuchtenburg.

Wir lassen uns Zeit – für Stadtbummel und den einen oder anderen Capuccino

Die thront hoch über dem Städtchen Kahla auf einem Felsen und ist ein kleiner, aber lohnenswerter Abstecher auf unserer Radroute durchs Saaletal. Die Porzellanwelten dort oben erzählen auf spielerische Art die Geschichte des weißen Goldes, das für Thüringen über Jahrhunderte prägend war. Unten im Tal stehen die Kahla Porzellanwerke, in denen nach wie vor feines Geschirr produziert wird. Und hier oben, in den historischen Mauern der alten Burg, gibt’s einige Superlative zum Thema: die größte Vase der Welt, eine lebendige Ausstellung, in der Kinder die Grundstoffe für Porzellan selbst mischen können, das Archiv der Wünsche, ein Skriptorium oder den Skywalk der Wünsche. Das ist eine Manufaktur zur Erkundung und Erfüllung von Wünschen – wenn man so will.

Auf der Leuchten-burg gehen geheime Wünsche in Erfüllung
vom  Jentower über Jena und die  umliegenden Hügel© Foto: Joachim NegwerAusblickvom Jentower über Jena und die umliegenden Hügel

Johann Wolfgang von Goethe wird schon gleich am Eingang zum „Skriptorium“ zitiert – wie immer weise und mit Blick aufs Wesentliche: „Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden (...)“

Das darf man sich etwa so vorstellen: Unten, im Keller der Burg, liegt ein großer Berg weißer Teller. Außerdem gibt es drei kleine Zellen, die ein bisschen aussehen wie Wahlkabinen. Man kann den dunklen Vorhang zuziehen und ist so vor neugierigen Blicken geschützt. In den Kabinen ist die Beleuchtung minimal, dafür strahlt von oben Schwarzlicht. Stifte liegen bereit, deren Schrift nur hier drin zu lesen ist.

Also:
Wunsch auf den Teller schreiben – dann raus ans Tageslicht. Dort ist der Teller wieder blendend weiß – niemand kann lesen, was drauf steht.


© Foto: Stiftung Leuchtenburg
Skriptorium und der Skywalk der Wünsche© Foto: Joachim NegwerHighlights im Porzellan-Museum auf der Leuchtenburg:Skriptorium und der Skywalk der Wünsche
Highlights im Porzellan-Museum auf der Leuchtenburg: Skriptorium und der Skywalk der Wünsche
Der Saale-radweg ist durch-gängig bestens ausge-schildert

Wir gehen auf den Skywalk der Wünsche, einen Steg, der vom Burghof aus weit über das Saaletal ragt. Teller nehmen, ganz fest an den Wunsch denken, und ... weit ins Tal werfen. Der Teller kracht auf den großen Porzellan-Berg, der sich tief unten schon angesammelt hat, und zerspringt in hundert Scherben. Aber die bringen ja bekanntlich Glück. Kann also nichts mehr schief gehen.

Wir sind mit dem Rad auf dem Saaleradweg unterwegs. Startpunkt heute morgen war Rudolstadt, unser Ziel am Abend ist Jena, die lebendige Studentenstadt an der Saale – das sind nur 40 Kilometer. Es wäre, wenn man sich anstrengt, also gut in zwei Stunden zu schaffen – aber das wollen wir nicht. Wir lassen uns Zeit für Stadtbummel, Musumsbesuch und den einen oder anderen Cappuccino. Das fing schon gleich gut an in Rudolstadt. Die riesige gelbe Heidecksburg liegt hoch über dem kleinen Marktplatz und ist in jedem Fall einen Besuch wert. Sie gilt als das prachtvollste Barockschloss des 18. Jahrhunderts im Freistaat Thüringen. Es gibt das ganze Jahr über interessante Ausstellungen, zum Beispiel die Dauerschau „Rococo en miniature“, in der mehrere Schlösser im Maßstab 1:50 nachgebaut sind, außerdem eine Gemälde- und Porzellan-Galerie und ein Naturhistorisches Museum.

Der Saaleradweg führt
in seiner ganzen Läge auf mehr als 409 Kilometern durchs Land, von der Quelle in Zell im Fichtelgebirge bis zu ihrer Mündung in die Elbe in der Nähe von Magdeburg. Der größte und schönste Teil davon zieht sich durch Thüringen. Er führt durch ganz unterschiedliche Landschaften, zuerst durch die Region Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale mit vielen und zum Teil im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Steigungen. Bestens geeignet für sportliche Radler oder für E-Biker. Man kommt an den Saale-Stauseen vorbei und fährt durch schöne Städtchen wie Blankenburg, Saalburg, Saalfeld, Rudolstadt oder Jena, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ab Saalfeld wird die Radstrecke einfacher, ab hier ist der Saaleradweg auch für Familien gut geeignet. Es gibt zwar auch immer wieder ein paar Ups and Downs, aber längst nicht mehr so anstrengende Strecken wie im Bereich der oberen Saale.

Die Leuchtenburg hatten wir schon eine ganze Weile im Blickfeld, besonders schön und lang bei Orlamünde, dort, wo der Saaleradweg auf der Hochebene auf der anderen Seite der Saale führt. Kurz vor Kahla geht es dann steil bergab zur Saale hinunter. Am Rastplatz für Wasserwanderer hat man eine gute Gelegenheit für eine Pause direkt am Saale-Ufer.

Der Saaleradweg ist durchgängig bestens ausgeschildert. Er führt meist auf speziellen Radwegen abseits der Straßen oder auf kleinen, wenig befahrenen Nebenstrecken. Wir radeln durch Felder, Wälder, vorbei an idyllischen Schrebergärten und durch winzige Dörfer, die nette Namen haben, wie Kleinkrossen, Großpürschitz oder Klein­eutersdorf. Heute sehen wir unterwegs die Saale selten aus der Nähe, oft allerdings schimmert sie durch Büsche und zwischen Bäumen hindurch. Man sieht, fühlt und riecht den Sommer.

Dass Jena nicht nur eine Studentenstadt und ein Industrie­revier, sondern auch eine grüne Stadt ist, das merken wir schnell. Der Saaleradweg führt erst durch die große Plattenbausiedlung in Lobeda, am südlichen Stadtrand, dann aber durch eine lange Grünzone im Seidel-Park, durch die City an einen idyllischen Uferstreifen mit strandartigen Plätzen direkt am Wasser in der Nordstadt. Hier herrscht Partystimmung an diesem Sommertag. Ein paar Jungs haben die Gitarren ausgepackt und machen Musik. Es wird gegrillt, es wird gespielt und gelacht. Wie wär’s hier mit einer kleinen Pause? Cappuccino und Streuselkuchen vielleicht? Oder doch lieber unten am Fluss die Füße ins Wasser hängen und ein bisschen träumen? Auf der anderen Seite drüben leuchtet der Jentower.

Das Ziel für heute ist nicht mehr weit,
wir wollen auf den Campingplatz beim Ostbad, denn dort gibt es die wahrscheinlich originellste Unterkunft der Stadt: das Airstream-Hotel Jena. Hier übernachtet man in mit viel Liebe und Sachverstand restaurierten Exemplaren der amerikanischen Wohnwagen-Legenden. Der Campingplatz an und für sich ist schon einen Abstecher wert. Er ist zwar ganz einfach, liegt aber schön ruhig, mit Blick auf den Jenzig, den Hausberg Jenas. Und die Betreiber sind einfallsreich, sehr charmant und herzlich.

Und was machen wir nun heute Abend? Abendessen im feinen Restaurant Scala, ganz oben im Jentower, mit herrlichem Ausblick auf die Stadt? Und hinterher noch einen Absacker in einem der Restaurants und Bars in der quirligen Wagnergasse? Oder nur den tollen Ausblick auf der Aussichtsplattform genießen, dann eine Thüringer Bratwurst auf die Hand – und einen ruhigen Abend auf der Terrasse unseres Airstream-Wohnwagens? Welcher Wunsch geht heute noch in Erfüllung?

Airstream-Hotel Jena –

die vielleicht originellste Unterkunft auf dem Campingplatz der Studentenstadt
die vielleicht originellste Unterkunft auf dem Campingplatz der Studentenstadt© Foto: Joachim NegwerAirstream-Hotel Jena –die vielleicht originellste Unterkunft auf dem Campingplatz der Studentenstadt
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