Mal ganz leise!

MykonosMal ganz leise!

Im Sommer als Griechenlands Partyinsel berühmt und berüchtigt, zeigt Mykonos zur Nebensaison ein ganz anderes Gesicht – Bericht von einem Kykladen-Eiland, das auch ohne Disko-Neonglitzer und Strandvergnügen zu den schönsten unter der Sonne zählt Fotos: Silke Tokarski und Thomas Zwicker

Im Video:Weiße Gassen, frohe Menschen – Impressionen von der Kykladeninsel

Hier oben auf der Hotelterrasse hoch über Hafen und Ort sitzen wir erste Reihe Mitte. Das Schauspiel heißt blaue Stunde auf Mykonos und wird jeden Abend gegeben, je nach Wetterlage mit den unterschiedlichsten Farbstimmungen am Himmel.

Rund um das halbkreisrunde Hafenbecken der Altstadt von Griechenlands vielleicht schönster Insel gehen die Lichter an, leise Musik aus Bars und Cafés dringt herauf. Es haben nicht mehr so viele Restaurants geöffnet wie in der Hochsaison, aber die verbliebenen sind abends noch ganz gut besucht.

Auch in der stillen Nebensaison haben noch viele der Restaurants geöffnet

Der Spätherbst im Kykladen-Archipel ist eine ganz besondere Jahreszeit, die ihre Liebhaber hat. Meist sorgt die Sonne tagsüber für freundliche T-Shirt-Temperaturen, nachts kann es frisch werden, und es gibt auch Regentage mit Sturm und hohen Wellen, die gegen die Kaimauern schlagen.

Die Gassen und Souvenirläden dösen still vor sich hin, nur wenn eins der letzten Kreuzfahrtschiffe der Saison vor Anker geht und die Passagiere für einige Stunden auf Landausflug gehen, brummt das Geschäft der Straßenhändler, Kunsthandwerker und Juweliers. Dann verschwindet der Dampfer wieder hinter dem Horizont, die Kneipen gehören den Einheimischen und den wenigen Dauergästen und der Winter kündigt sich an, in dem das Eiland im Tiefschlaf versinkt.

Die Gassen sind von schicken Shops und Boutiquen gesäumt
Aussicht vom Mykonos View Hotel auf Hafen und Altstadt© Foto: Silke Tokarski/Thomas ZwickerErste Reihe Mitte:Aussicht vom Mykonos View Hotel auf Hafen und Altstadt

Mykonos (gut 10.000?Einwohner) bietet im Sommer mehr als 8000 Hotelbetten und viele Privatzimmer für Gäste aus aller Welt – keine andere griechische Insel wirkt so kosmopolitisch. Der Hauptort ist ein bilderbuchschönes Kykladenstädtchen mit engen, gewundenen Gassen, kubischen Häusern mit bunt gestrichenen Türen und Fenstern, kleinen idyllischen Plätzen und Dutzenden von malerischen Kapellen.

Bougainvillea leuchten feurig vor sorgsam geweißelten Mauern, aus allen Ecken duftet es nach Kaffee, die ersten Weinflaschen werden entkorkt. Gastronomie, Hotellerie und Geschäfte haben hier ein hohes Niveau – die Preise freilich auch. Der Inselhauptort Mykonos-Stadt ist weitgehend autofrei, nur kleine Motorrad-Dreiräder passen durch die engen Gassen. Die sind von schicken Shops und Geschäften gesäumt.

© Foto: Silke Tokarski/Thomas Zwicker
Ein kühler Drink für Kreuzfahrtpassagiere vor der Weiterfahrt; der alte Joannis spielt die Tsambouna© Foto: Silke Tokarski/Thomas ZwickerWelt der Kontraste:Ein kühler Drink für Kreuzfahrtpassagiere vor der Weiterfahrt; der alte Joannis spielt die Tsambouna
Welt der Kontraste: Ein kühler Drink für Kreuzfahrtpassagiere vor der Weiterfahrt; der alte Joannis spielt die Tsambouna
In Little Venice wird im Sommer endlos Party gemacht

Noble Schmuckläden präsentieren ihr Glitzerwerk, in coolen Boutiquen wird ausgefallene junge Mode gezeigt, Bronze- und Keramikarbeiten griechischer Künstler ist etwa an der Platía Goumenió zu haben. Dazwischen verkaufen fliegende Händler noch immer Obst und allerlei Alltagswaren auf der Straße direkt vom Karren herunter.

Der besondere Charme des Städtchens
offenbart sich auch in den Nebengassen, wo sich noch keine Geschäfte angesiedelt haben. Die Tría Pigádia, drei nebeneinander gelegene Zisternenschächte im Ortskern, zeugen von alten Zeiten, als die Mykonioten ihr Trinkwasser noch hier abholen mussten – heute stammt das kühle Nass größtenteils aus einer Meerwasserentsalzungsanlage und von Tankschiffen. Besonders fotogen sind das Stadtviertel Little Venice (Klein Venedig), dessen Häuser zum Teil gefährlich dicht über dem Meer aufragen, und die Kirche Paraportianí. Das Stadtbild prägen auch die markanten Windmühlen am oberen Ortsrand und natürlich der historische Fischerhafen (die großen Fähren legen im neuen Hafen einige Kilometer weiter nördlich an) mit Cafés, der Kapelle Ágios Nikólaos und dem Inselrathaus.

Im Sommer kommen die Reichen und Schönen aus Griechenland und anderen Teilen der Erde nach Mykonos, um Party rund um die Uhr zu machen – diese Insel bietet ein Nachtleben, wie man es in Hellas sonst nirgendwo findet. In der Nebensaison ist es natürlich ruhiger, doch auch jetzt fliegen wohlhabende Griechen schon mal aus Athen für ein Wochenende zum Abfeiern ein. Man trifft sich zum Sundowner in einer der Cocktailbars von Little Venice, wo zum Sonnenuntergang klassische Musik gespielt wird. Wechselt später zu den angesagten Bars nahe beim Hafen, und gegen Mitternacht geht es dann in die Diskothek. Mykonos gilt auch als Dorado für Gays, die Atmosphäre ist lässig und tolerant.

Die schönsten Strände der Ägäis liegen an der Südküste dieses Eilands und sind im Spätherbst und Winter natürlich verwaist, im Sommer sind Platís Jalós oder Paradise Beach durch Linienbusse gut an die Stadt angebunden. Das einzige traditionelle Dorf außerhalb des Hauptorts heißt Áno Méra und döst im Inselinneren vor sich hin. An seiner großen Platía steht das Mönchskloster Panagía tis Turlianís von 1542, ringsherum liegen Tavernen und karge Tante-Emma-Lädchen, hier leiden die Menschen auch spürbar unter den Wirtschaftsproblemen des Landes. Kontrastprogramm dazu ist der schicke XXL-Supermarkt mit Champagner-Ecke und Endlos-Modenschau vom Flatscreen über der Weintheke, der dicht beim kleinen Inselflughafen liegt – dort landen im Sommer Chartermaschinen aus Nordeuropa und rund ums Jahr die kleinen griechischen Inselhüpfer.

Am alten Hafen von Mykonos-Stadt
ist die blaue Stunde derweil in Dunkelheit übergegangen, der Straßenmusikant vom Kai packt sein Saxofon ein, im Restaurant werden die Ouzo kredenzt. Man geht früh schlafen um diese Jahreszeit, ein Umstand, der die wenigen Dauergäste sicher kaum stört. Ein letztes Glas Wein noch, dann wird es still über Mykonos – fast fühlt man den Winter schon kommen.


Blau auf Weiß

und dazu eine sehr farbenfrohe Flora: ein Kykladendorf wie aus dem Bilderbuch
und dazu eine sehr farbenfrohe Flora: ein Kykladendorf wie aus dem Bilderbuch© Foto: Silke Tokarski/Thomas ZwickerBlau auf Weißund dazu eine sehr farbenfrohe Flora: ein Kykladendorf wie aus dem Bilderbuch
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