Leinen los!

Kreuzfahrt-CheckLeinen los!

Die Kabinen, die Preise, die Verpflegung, das Trinkgeld, die passende Route, das richtige Schiff: ein großer Einsteiger-Überblick für alle, die das erste (oder zweite) Mal auf Kreuzfahrt gehen wollen – und Durchblick suchen im Gewirr der Leistungen und der Anbieter Text: Helge Sobik

Voller Einsatz: Training fürs Bordprogramm, die Shows sind stets im Preis mit drin© Foto: Paolo RisserVoller Einsatz: Training fürs Bordprogramm, die Shows sind stets im Preis mit drin
Nicht jeder liebt Animation, manchmal ist auch nur Relaxen angesagt© Foto: Ralf SchultheissRuhe sanft:Nicht jeder liebt Animation, manchmal ist auch nur Relaxen angesagt

Es gibt Leute, die mögen die Kissenschlacht auf dem Pool-Sprungbrett auf Deck Zwölf. Manche melden sich freiwillig zum Mitmachen, andere sorgen lieber von Liegestuhl oder Beckenrand aus für den passenden Applaus und das nötige Gejohle.

Es gibt andere Leute, die lieben es, in Abendgarderobe unter Kronleuchtern siebengängig zu dinieren und dabei Klaviersonaten vom Flügel zu lauschen. Und es gibt welche, die schätzen beides. Morgens Wasserrutsche, abends Edel-Diner, danach ins Musical auf Deck Vier.

Viele Passagiere suchen Trubel, anderen reisen lieber stilvoll und still

Sie alle gehen auf Kreuzfahrt. Was für ein Wandel: Es ist noch nicht lange her, da waren Seereisen elitäres Minderheitenprogramm für eine ältere Zielgruppe. Nur eine überschaubare Zahl Deutscher fand Gefallen daran, das Hotel aus Metall auf Reisen mitzunehmen, jeden Morgen in einer anderen Stadt aufzuwachen, und buchte eine Seereise. Heute sind Kreuzfahrten Millionenseller, und längst hat sich die Kreuzfahrt in jeder Hinsicht verjüngt.

Das Image wurde entstaubt: durch neue Konzepte, neue moderne Schiffe in gänzlich anderem Look. Wo es früher eher steif und formell zuging, ist heute fast überall normale Urlaubs-Lockerheit angesagt – ohne dass es verboten wäre, dennoch Stil zu zeigen.

Heute gibt es Schiffe für jeden Geschmack und jede Klientel
Von innen sieht  manch Kreuzfahrtschiff aus wie  eine veritable Shoppingmall© Foto: Ralf SchultheissGlas-Palast:Von innen sieht manch Kreuzfahrtschiff aus wie eine veritable Shoppingmall

Inzwischen gibt es Schiffe mit maßgeschneiderten Konzepten und passendem Flair für Jüngere oder Ältere, für Leute mit Kindern oder ohne, für Menschen, die an Land ein Drei-Sterne-Ferienhotel gebucht hätten und solche, die stets im ersten Haus am Platz absteigen und bereit sind, für diesen Luxus eine Stange Geld auszugeben. Und für Urlauber, die von allem ein bisschen wollen.

Die größten Reedereien haben Flottenteile unter unterschiedlichen Markennamen in Fahrt, um jede dieser Zielgruppen mit dem passenden Produkt für sich zu gewinnen. Die Kleineren überleben unterdessen in ihrer Nische mit genauer Festlegung auf eine besondere Klientel – und oft mit Stammkunden, die genau auf diesen oder jenen Dampfer schwören. So viel steht fest: Inzwischen ist für absolut jeden Geschmack das richtige Schiff unterwegs, man muss es nur finden. Und dazu das passende Fahrtgebiet.

© Foto: MS Nordstjernen
per Motorsegler  an Kroatiens Küsten, mit dem Expeditions-Schiff nach Spitzbergen© Foto: I.D. Riva ToursSpezial-Programm:per Motorsegler an Kroatiens Küsten, mit dem Expeditions-Schiff nach Spitzbergen
Spezial-Programm: per Motorsegler an Kroatiens Küsten, mit dem Expeditions-Schiff nach Spitzbergen
Besonders günstig sind natürlich die Kabinen ohne Fenster

Während Kreuzfahrtschiffe früher auf ständig wechselnden Routen unterwegs waren und es in einem Jahr (halb) um die Welt schafften, fahren heute viele nach US-Vorbild auf Strecken, die sich im Sieben- oder 14-Tage-Rhythmus wiederholen und am Einsteigehafen auch wieder enden. Und das fast überall auf dem Globus, so lange das Wetter passt – Schwerpunkt Karibik, Kanaren, Mittelmeer, Nord- und Ostsee, neuerdings auch Persischer Golf, Fernost und während der Sommermonate auch entlang der Küsten von Neuengland und Alaska.

Wer sich erstmals für eine Kreuzfahrt entscheidet, hat die Qual der Wahl – und einzig den Preis bestimmen zu lassen, wäre die falsche Festlegung. Denn günstige Angebote hat jede Reederei, Schnäppchen gibt es in jeder Kategorie. Überhaupt ist bei den Preisen Vorsicht geboten. Die Lockvogel-Angebote wie „499 € pro Woche mit Verpflegung“ gelten meist für Innenkabinen, oder anders gesagt: Die Tarife steigen von innen nach außen.

Am günstigsten sind die fensterlosen Kabinen an den falschen Seiten der Flure, gefolgt von Außenkabinen mit Sichtbehinderung, weil z.B. ein Rettungsboot vorm Bullauge hängt oder aber die Scheibe zum Promenadendeck weist und jeder Deckspaziergänger hineinschauen könnte. Am teuersten und zugleich beliebtesten sind die inzwischen immer weiter verbreiteten Außenkabinen mit Balkon, wobei bei den Wörtchen „French Balcony“ eine Warnlampe angehen sollte: Dahinter verbirgt sich meist ein raumhohes Fenster, das man wie eine Tür öffnen kann – und statt eines wirklichen Balkons mit Liegestuhl gibt es bloß ein Geländer knapp hinter der Scheibe. Darüber hinaus ist der Preis abhängig von der Kabinengröße und der Zahl der Betten. Manches Knüllerangebot gilt deshalb für Innenkabinen mit Vierer-Belegung – und ist signifikant teurer bei Nutzung bloß zu zweit. Gut: Viele Reedereien bieten Frühbucherrabatte an. Oft gibt es weitere Zugaben wie Gutscheine für Landausflüge oder Bordguthaben für Drinks an der Bar.

Auf Kreuzfahrten gilt zudem üblicherweise Vollpension. Das bedeutet, dass alle Mahlzeiten bis hin zum Kuchen am Nachmittag und dem großen Mitternachtsbuffet bereits im Reisepreis eingeschlossen sind, während Getränke extra kosten. Manchmal sind auch Kaffee, Tee und Wasser inklusive, bisweilen alle nicht-alkoholischen Getränke, in wieder anderen Fällen auch Tischgetränke wie ausgewählte Weine und Bier. Auch All-inclusive-Angebote auf See gibt es reichlich. Hier gilt es, beim Preisevergleich genau hinzuschauen.

Gerade die amerikanischen Reedereien aber haben sich von den Fluggesellschaften den Kniff abgeschaut, Leistungen aus dem ursprünglichen Paket aus Beförderung und Verpflegung quasi auszuflaggen und gegen Gebühr extra zu verkaufen. So kann man mancherorts z.B. vorab spezielle Getränke-Packages oder Reservierungen für zuzahlungspflichtige Restaurants zum Reisepreis hinzubuchen.
Faustregel bei der Suche nach dem richtigen Schiff und einem seriösen Preis: Kalkulieren Sie den Übernachtungspreis eines Hotels, das Ihnen an Land zusagt und wo Sie gerne absteigen würden. Addieren Sie zweimal am Tag die über den Daumen gepeilten Kosten eines Restaurantbesuchs wiederum in gewünschter Qualität mit Vorspeise, Hauptgericht und Nachtisch plus gegebenenfalls Tischgetränke. Berechnen Sie nichts für die Benutzung des Schwimmbades, null Eintritt für die Abendshow, gar nichts fürs Kino – und was herauskommt, ist der faire durchschnittliche Tagespreis für eine Kreuzfahrt auf einem Schiff Ihrer Kategorie.

Der kann angesichts des Leistungsumfangs kaum je unter 100 Euro liegen – und leicht ein Mehrfaches davon betragen. Kuriosum am Rande: Kabinen, die ungefähr mitschiffs liegen, also gleich weit vom Bug wie vom Heck entfernt sind, gehören häufig zu einer höheren Kategorie. Sie sind teurer, weil sie gerade unter erfahreneren Kreuzfahrern begehrt sind, denn in der Schiffsmitte ist vom Seegang am wenigsten zu spüren.

Was der angehende Kreuzfahrer sich vor Buchung unbedingt fragen sollte: Bin ich jemand, der gerne Trubel mag, Animation schätzt und eher extrovertiert ist? Dann passt gut ein Schiff nach dem Prinzip so genannter amerikanischer „Fun Ships“ mit Riesen-Wasserrutsche und großem Casino – wie z.B. bei Carnival Cruises. Fahren Kinder mit oder war es schon immer Ihr Traum, Donald Duck oder Mickey Maus auf Seereise die Hand zu schütteln, fällt die Wahl auf einen der Ozeanliner von Disney Cruise Line. Sollte es doch lieber eine Nuance ruhiger zugehen, könnte Royal Caribbean passen. Oder mögen Sie doch mehr Stille, mehr Stil? Dann könnte die Wahl auf ein Cunard-Schiff fallen – in allen vier Fällen vorausgesetzt, dass die Bordsprache Englisch kein Problem ist. Und dass es nicht schlimm ist, zusammen mit 2000 anderen (und in einigen Fällen deutlich mehr) Menschen auf demselben Schiff unterwegs zu sein.

Dass Firmen wie Royal Caribbean unter ihrem Dach neben der Hauptmarke für den Massenmarkt noch andere Konzepte vereinen, macht die Sache nicht übersichtlicher. Celebrity Cruises steht z.B. für die exklusivere Variante, die Tochter Azamara Club Cruises für den Dreh, länger in den Häfen zu liegen und weniger Zeit auf See zu verbringen. Costa-Kreuzfahrten wiederum gehört zur Carnival-Gruppe und soll mit großen Schiffen und italienischem Ambiete ähnlich wie Konkurrent MSC eher europäische Gäste ansprechen. Die Aida-Schiffe wiederum sind Carnivals Produkt für den deutschen Markt – mit vertrauter Bordsprache, gutem, aber nicht zudringlichem Entertainment und gewisser Klasse und eher jüngerer Altersstruktur.

Tui Cruises setzt altersmäßig wie von der Klasse her knapp oberhalb an. Und Schiffe wie „MS Europa“ und „MS Europa 2“ stehen wiederum für ganz eigene Produkte – beide für das Top-Segment, was Stil, aber auch Leistung und Preisniveau auf dem deutschen Markt angeht. Und damit ist die Bandbreite des Angebots noch nicht mal erschöpfend abgehandelt.

Zwei Nischen haben noch ihre Eigenarten und sind zugleich Minderheitenprogramm. Zum einen sind das die Expeditionsschiffe. Sie sind klein und wendig, können auch extreme Fahrtgebiete anlaufen wie Arktis und Antarktis und sind mit Zodiaks genannten Schlauchbooten mit Außenborder für Exkursionen in entlegensten Gegenden ausgestattet. Der Reisepreis ist eher hoch, das Bordleben eher bodenständig. Ähnlich groß, jedoch enorm luxuriös sind die so genannten Mega-Yachten – besonders elegant gestylt, ausgelegt für relativ wenige Passagiere in besonders großen Kabinen, mit hervorragender Verpflegung – und Preisen, die je nach Unterbringung bei 1000 € pro Tag liegen können. Für diese Kategorie stehen zum Beispiel die Silver Sea- und die Seabourn-Schiffe.

Was alle diese Schiffe, alle ihre Kabinen und selbst manche Route gemein haben? Dass das Geschäft brummt. Und dass die Passagiere wiederkehren. Kreuzfahren bringen es auf eine hohe Wiederholer-Quote. Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, geht wieder auf große Fahrt!

Schnell-Checker:
Fünf Fragen, fünf Antworten


> Warum sind Kreuzfahrten so billig?
Das ist nur auf den ersten Blick so. Die Werbepreise sind zwar attraktiv, dahinter verbergen sich aber häufig Innenkabinen an wenigen ausgewählten Terminen. Nach dem Unglück der Costa Concordia hatten viele Reedereien Auslastungsprobleme. Inzwischen hat sich der Markt mehr als erholt, die Nachfrage wieder deutlich angezogen – und im selben Maß sinkt der Bedarf, Schnäppchenangebote aufzulegen.

> Wie viele Kabinenkategorien gibt es?
Das ist von Reederei zu Reederei und von Schiff zu Schiff unterschiedlich. Oft sind es zwischen acht und zwölf verschiedene Kategorien – farbig voneinander abgehoben gut auf den Decksgrundrissen der einzelnen Schiffe in den Katalogen bzw. auf den Websites zu erkennen. Am günstigsten sind Mehrbett-Innenkabinen, am teuersten Außenkabinen mit Balkon bzw. – sofern vorhanden – Suiten, die manchmal sogar über zwei Etagen reichen.

> Wie kann es angehen, dass ich Vollpension habe und trotzdem fürs Essen extra bezahlen muss? Grundsätzlich sind die Mahlzeiten inklusive. Auf fast allen Schiffen stehen dafür mehrere Restaurants zur Auswahl. Auf neueren und besonders großen Schiffen gibt es inzwischen ein, manchmal auch mehrere besonders edle Restaurants. Wer dort essen möchte, muss einen Aufpreis zahlen.

> Wofür muss ich extra zahlen? Das ist von Schiff zu Schiff, von Konzept zu Konzept unterschiedlich. Generell kann man davon ausgehen, dass Massagen und Anwendungen im Bord-Spa extra kosten – aber auch Landausflüge.

Stilles Eckchen:

Selbst auf amerikanischen "Fun Ships" finden sich solche Ruhepole
Selbst auf amerikanischen "Fun Ships" finden sich solche Ruhepole© Foto: Ralf SchultheissStilles Eckchen:Selbst auf amerikanischen "Fun Ships" finden sich solche Ruhepole
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