Legendärer French River

OntarioLegendärer French River

Der French River in Ontario war in alter Zeit der wichtigste Wasserweg Nordamerikas: Wer nach Westen wollte, musste hier durch. Bericht von einer mutigen Kanutour, wilden Stromschnellen und der Schönheit und Einsamkeit der Region am berühmten Fluss

Nur Mut und weiter paddeln: An manchen Stellen ist der French River noch wesentlich wilder© Foto: Ontario TravelNur Mut und weiter paddeln: An manchen Stellen ist der French River noch wesentlich wilder
An manchen Stellen ist das Wasser ganz still und klar© Foto: Ontario TravelEr kann auch ganz anders:An manchen Stellen ist das Wasser ganz still und klar

Die letzte Sekunde vor dem Kentern ist das Schärfste. Du weißt, gleich passiert es, und du kannst nichts mehr dagegen tun. Absolut nichts. Außer vielleicht ein Stoßgebiet zum Himmel zu schicken.

Dann kippt dich das Kanu aus.
Du rechnest mit dem Schlimmsten. Die Felsen unter Wasser werden dir alle Knochen brechen. Die spitz nach oben ragenden Baumstümpfe werden dir die Gedärme herausreißen. Das kalte Wasser wird dich in Sekundenschnelle in einen Eiszapfen verwandeln.

Wer auf dem Fluss kentert, muss mit dem Schlimmsten rechnen

Instinktiv alle Poren dicht machend, durchbrichst du die Wasseroberfläche. Dann schlägt der Fluss über dir zusammen. Fast ist das eine Erlösung. Du siehst gelb-braunes Wasser, Luftblasen hüllen dich ein, es tost und wirbelt, ein bedrohlich-schönes Spektakel. Oben ist es hell, unten dunkel, da willst du, wenigstens das weißt du genau, ganz bestimmt nicht hin. Du drängst also dem Licht entgegen, mit aller Kraft, das Paddel in der einen Hand und mit der anderen Wasser schaufelnd.

Als du mit dem Kopf
wieder durch die Oberfläche stößt, siehst du ein paar Meter flussabwärts einen roten Streifen, das Kanu, es treibt kieloben, mit dem Kollegen im Schlepptau. Alles halb so wild also. Und das Wasser wirkt plötzlich, als habe es beinahe Schwimmbad-Temperatur.

Hier fährt man quer durch ein Kapitel kanadischer Geschichte
Im Zelt am Ufer schläft es sich besser als in manch Fünf-Sterne-Hotel© Foto: Ontario TravelGute Nacht:Im Zelt am Ufer schläft es sich besser als in manch Fünf-Sterne-Hotel

Jeff war früher Ringer und macht auf diesem Trip 1000 Bilder. Norman kommt aus dem nahen Dokis Ojibwa Reserve und ist Jäger, Fischer und Betriebswirt. Alex hat mit Immobilien sein Geld gemacht und ist nun Besitzer der Lodge at Pine Cove am French River. Toni war Stierkämpfer, Straßenmusiker und soff mit Picasso. Zuletzt war er Raketen-Ingenieur. Bis er zum ersten Mal in ein Kanu stieg und sich für ein paar Tage in die Wildnis absetzte. Danach kündigte er seinen Job, um sich die Hälfte des Jahres auf den Seen und Flüssen in Kanadas Norden herumzutreiben und zum kanadischen Kanu-Guru hochzuschreiben.

Die Gewässer der Provinz Ontario kennt er wie seine Westentasche. Der French River ist sein Lieblingsfluss. “Paddeln kannst du überall in Kanada”, sagt er, als er. “Aber durch das spannendste Kapitel der kanadischen Geschichte paddeln kannst du nur hier!”

© Foto: Ontario Travel
am Wasser sitzen und träumen; oder eine feine Lodge beziehen direkt über dem Flussufer© Foto: Ontario TravelRuhe-Punkte:am Wasser sitzen und träumen; oder eine feine Lodge beziehen direkt über dem Flussufer
Ruhe-Punkte: am Wasser sitzen und träumen; oder eine feine Lodge beziehen direkt über dem Flussufer
Vor 200 Jahren war der French River nur eine Etappe auf dem Weg nach Westen

Beim Trocknen am Ufer bist du heilfroh über die blöde Schwimmweste. Und dass dein Kanu aus Kunststoff ist und einen kräftigen Bums vertragen kann. Prima auch, dass du dich in schnell trocknendes Polyester hüllen konntest. Vor allem aber bist du froh darüber, bloß aus Lust und Laune unterwegs zu sein. Denn vor 200 Jahren wäre der French River für dich nur eine klitzekleine Etappe auf der Reise nach Westen gewesen. Damals hättest du die Strecke Montréal – Lake Superior – Montréal gemacht, schlappe 4000 Kilometer, und zwar im kurzen kanadischen Sommer. Du hättest bis zu 18 Stunden am Tag gepaddelt und dabei eine 40er-Schlagzahl pro Minute hingelegt. Zeit war nämlich Geld damals. Für jeden Tag, den du früher zurück warst, hätten deine Bosse, die steinreichen Schotten in Montréal, mit fetten Prämien gewunken.

Toni grinst. Die „Voyageurs“, wie die franko-kanadischen Pelzhändler von einst hießen, sind sein Lieblingsthema. Mit zwei Kanus und einem Kajak fahren wir aus der Wolseley Bay zunächst in den Main Channel. „Diese Kerle vollbrachten guinessbuchreife Leistungen“, sagt er, während er sein Paddel durch das dunkle Wasser zieht. Sommer für Sommer. Ihr Ziel: Fort Williams am Westufer des Lake Superior. Dort tauschten sie ihre Handelsware gegen Biberfelle aus dem Norden. Ihr Weg durch die straßenlose Wildnis folgte uralten indianischen Kanurouten. Von Montréal aus ging es zunächst auf dem Ottawa und Mattawa River zum Lake Nippissing. An dessen Westufer fädelten sie in den 120 Kilometer langen French River ein. Der brachte sie zum Lake Huron, und von dort ging es weiter bis zum Westende des Lake Superior.

„Seitdem hat sich auf dem French River nichts verändert“, sagt Toni. „Ihr habt das gleiche Wasser unter dem Kiel und seht die gleiche Wildnis wie sie.“ Die Karte des French River Provincial Park im Maßstab 1:50.000 zeigt einen extrem zerfaserten Fluss mit einem Einzugsgebiet, das an eine schwedische Schärenlandschaft erinnert. Gewaltige Kräfte haben hier die Granitplatte des Kanadischen Schilds gesenkt, gehoben und manchmal aufgerissen und dabei ein Wasserwegesystem mit Hunderten von Inseln, Buchten und Seitenarmen hinterlassen, das auf der Karte aussieht, als gäbe es mehr Wasser als Land.

Von 1600 bis 1820 war er jedoch eine der wichtigsten Wasserstraßen Nordamerikas. Wer nach Westen wollte, musste hier durch. Zum Sightseeing hatten die Voyageurs keine Zeit. Wir schon, deswegen sind wir schließlich hier. Heute ist der vier Autostunden nördlich von Toronto fließende French River ein Geheimtipp bei Kanu-Wanderern. Dies ist Kanada wie aus dem Bilderbuch. Geräuschlos gleiten wir an Commanda Island entlang, einer Felseninsel mit alten Kiefern, weltvergessen und bildschön.

Um die Big Pine Rapids etwas später tragen wir die Kanus lieber herum. Alles ausladen, die Boote, Rucksäcke, Zelte und Fässer mit Lebensmitteln geschultert und an dem tosenden Inferno vorbei gekraxelt. „Ihr seid nicht die Ersten“, sagt Toni und zeigt auf den glatten, merkwürdig blanken Granit. First Nations, Waldläufer, Missionare, Voyageurs, Entdecker, sie alle schleppten hier ihre Kanus vorbei. Schwitzten und fluchten genauso wie wir jetzt. An diesem Tag campieren wir bei den Double Rapids. „French River Hilton“ nennt Alex die Stelle hoch über dem River. Norman hievt acht Zander aus dem Wasser. Nachts scheint das Nordlicht.

Showtime. „This is it“, sagt Toni:
die Blue Chute Rapids. Wir haben das Rauschen schon von ferne gehört und peilen die Lage vom Ufer aus. Keine Felsbrocken dicht unter der Oberfläche, keine böse Überraschungen in unübersichtlichen Kurven. Eine gerade, zehn Meter breite Passage mit hohen Granitwänden erwartet uns. Anderthalb Meter Gefälle. Die dadurch vervielfachte Fließgeschwindigkeit und die stehenden Wellen haben ein etwa 50 Meter langes und sechs Meter breites Waschbrett mit anderthalb Meter hohen Rillen aus schäumendem Wasser erzeugt. Die Kanus über Land schleppen müssen wir trotzdem nicht. Wir gleiten auf einer tiefblauen, weit über das Waschbrett leckenden Zunge mitten durch das tosende Spektakel, ohne dass auch nur ein Spritzer über die Bordwände schlägt. Ein absolut tolles Feeling.

Die Big Parisian Rapids und Devil’s Chute etwas später sind komplizierter. Wir schleppen alles über Land, was nicht nass werden darf. Devil’s Chute ist tückisch, die S-förmige Schnelle zwingt zu Tricksereien im Wildwasser. Abends schlagen wir das Lager unweit von Cross Island auf. Die Geister der hier vor 350 Jahren ertrunkenen Jesuiten, die von den Ojibwa-First-Nations „Wemitigoozhi“ (in etwa: „Die mit Stöcken winken“) genannt wurden, weil sie immer mit ihren Kruzifixen herumfuchtelten, lassen uns in dieser Nacht in Ruhe.

Wir verbringen noch einen Tag und eine Nacht auf dem French River. Die Zivilisation ist weit weg. Wir durchfahren zwei Drittel des Flusses und sind verdammt stolz darauf. Am letzten Tag macht uns der vom Lake Superior herüberwehende Westwind zu schaffen. Die Voyageurs, so furchtlos wie abergläubisch, nannten ihn „La Vieille“ („Die Alte“) und brachten ihm vor der Abreise kleine Opfer dar. Wir kommen auf eine Schlagzahl von 45 pro Minute. Zwei Stunden lang, dann gehen wir mit langen Armen an Land. Immerhin, nicht schlecht für uns Pseudo-Voyageurs. Die Echten hätten wahrscheinlich nur müde gelächelt. Sie wären schon längst vor Manitoulin Island im Lake Huron gewesen, bei ihren Ojibwa-Freundinnen. Trotzdem, bei allem Muskelkater: Die Vorstellung, bis zu den Großen Seen und weiter zu paddeln, bleibt faszinierend.

Der erste Weiße, der den French River unter den Kiel nahm, war übrigens ein französischer Teenager namens Etienne Brulé. Das war 1610. Er sah als erster Europäer den Lake Superior. Wurde von den Huronen adoptiert und bei seiner Rückkehr Jahre später in Québec für einen First Nation gehalten. 1812 kehrte Nordamerikas fleißigster Landvermesser, David Thompson, über den French River nach Montréal zurück. Er hatte seit 1786 den Westen Kanadas quasi im Alleingang kartografiert. Die First Nations nannten ihn „Der Mann, der die Sterne schaut“. Auch Thompson sah, was wir auf diesem Trip gesehen haben. Und einen Sternhimmel, der noch immer bis auf den Fluss reicht.

Immer langsam voran:

Urlauber haben heute Zeit, das war bei den "Voyageurs" anders
Urlauber haben heute Zeit, das war bei den "Voyageurs" anders© Foto: Ontario TravelImmer langsam voran:Urlauber haben heute Zeit, das war bei den "Voyageurs" anders
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