Kreuzfahrt nach Spitzbergen

NorwegenKreuzfahrt nach Spitzbergen

Mehr Eisbären als Menschen, nahezu verlassene Geisterstädte und launige Zwiegespräche zwischen Schiffspassagieren und Möwen – manchmal wirkt das Leben hier draußen im Eismeer nahezu unwirklich, so weit weg von der gewohnten Zivilisation. Bericht über eine abenteuerliche Kreuzfahrt mit einem Schiff der Hurtigruten durch den einsamen Spitzbergen-Archipel Text und Fotos: Stefan Nink

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Manchmal kreuzten Möwen vor den Fenstern des Schiffs, und manchmal gelang es ihnen, eine Zeitlang auf Augenhöhe mit den Passagieren zu segeln. Dann war es, als führten beide Seiten ein unhörbares Gespräch miteinander, die Vögel draußen im Wind und die Menschen an Bord der MS Fram, die durch die kalte See pflügte. Na, da staunt Ihr, schienen die Möwen zu sagen, was Ihr nur mit Hilfe Eures Schiffs hinbekommt, das schaffen wir, indem wir einfach unsere Flügel in den Wind halten.

Spitzbergen liegt rund 600 Kilometer vom Mutterland Norwegen entfernt

Und die Passagiere? Ihr habt es gut, entgegneten sie, könnt in pfeilgerader Linie zu Eurem Ziel fliegen und müsst nicht wie wir einen Bogen um jede Inselecke schlagen, die vorwitzig hinaus in den Atlantik lugt. Und seekrank werdet Ihr auch nicht! Ein paar Minuten dauerte dieser Gedankenaustausch. Bis die nächste heftige Böe die Möwen hinaufhob in höhere Gefilde. Oder die Passagiere ihre Fensterplätze verließen, um zum Abendessen zu gehen.

Es liegen nicht viele Orte Europas so weit ab vom Rest des Kontinents wie Spitzbergen (das nur bei uns so heißt und überall sonst: Svalbard). 600 Kilometer sind es von hier nach Grönland, etwa genauso viele bis hinüber zum Mutterland Norwegen, dazwischen ist weit und breit nichts als Wasser im Sommer und Packeis im Winter.

Die größte Stadt im Archipel hat rund 2000 Einwohner
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400 Inseln und Inselchen gehören zum Archipel und möglicherweise noch ein paar mehr, so genau weiß man das nicht, da etliche zusätzliche Eilande zwar angeblich existieren, aber niemals tatsächlich auch nachgewiesen wurden. Die größte Siedlung des Archipels und gleichzeitig dessen inoffizielle Hauptstadt ist Longyearbyen.

Hat jemand „Stadt“ gesagt? Ein Hafen, doch, das schon, und zwar ein richtiger. Tanker, Piers, Hallen, überall Lastwagen, überall Geschäftigkeit. Hinter dem Hafen dann Industriegebiete, und hinter denen, lang gezogen in einem Tal zwischen den Bergflanken: das, was man hier oben im Norden eben „die Stadt“ nennt. Holzhäuser wie planlos hingestellt, eine Handvoll asphaltierter Straßen dazwischen, alles andere: staubig, kahl, leer.

Laden in Longyearbyen, bemalte Hausfassade im kleinen Ort BarentsburgArchitektur à la Spitzbergen:Laden in Longyearbyen, bemalte Hausfassade im kleinen Ort Barentsburg
Architektur à la Spitzbergen: Laden in Longyearbyen, bemalte Hausfassade im kleinen Ort Barentsburg
Barentsburg erscheint teilweise wie eine Geisterstadt

Weil es zu aufwändig wäre, sie im Permafrostboden zu verbuddeln, liegt die Kanalisation auf der Straße, Rohre für Wasser und Abwasser führen bis an die Häuser. Vor und hinter und neben denen stehen Schneemobile, hunderte müssen es sein, sorgfältig abgedeckt in Erwartung des ersten Schnees. Es gibt ein paar hingewürfelte Hotels, drei Cafés, eine Post und am Ortsausgang große Warntafeln: „Ab dieser Stelle Vorsicht vor Eisbären“. Die Berge auf beiden Seiten der Stadt sehen aus, als habe man sie ursprünglich als Kulisse für einen Western gefertigt.

Etwa 2000 Menschen leben in Longyearbyen; auf dem kompletten Archipel verteilt sind es nur 700 mehr (dazu kommen, Achtung: 3500 Eisbären). Früher arbeitete hier so gut wie jeder für oder in den Kohleminen, mittlerweile aber gilt Spitzbergen als der Ort, von dem aus die Arktis erforscht wird – inklusive Klimawandel, Eisschmelze und Meeresspiegelanstieg, das ganze Programm also. Es ist eine junge Stadt, dieses Longyearbyen, dafür sorgen viele, viele Studenten und über vierhundert Kinder, die Nächte sind lang hier oben im Norden (beziehungsweise die eine Nacht, die ja von November bis März dauert).

Alte Leute sieht man keine,
offenbar wird man zum Festland ausgeflogen, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat. Oder man stirbt vorher. Und vielleicht stimmt es ja wirklich, dass einem der Tod hier oben im hohen Norden näher ist als weiter südlich. Und vielleicht kommt er ja tatsächlich häufiger völlig überraschend und auf ungewöhnliche Weise. Im Svalbard Museum kann man ein altes, verrostetes Gewehr sehen. Im Lauf klemmt eine Kugel, und wenn diese Kugel vorne hinausgeschossen und nicht stecken geblieben wäre, hätte der Gewehrbesitzer wahrscheinlich überlebt. Weil sie das nicht tat, holte ihn ein Eisbär. Die Arktis verzeiht keine Fehler. Auch keine mechanischen.

Vor allem aber macht die Arktis
den Kopf frei, das merkt man vom allerersten Tag an. Das hat mit der endlosen Wasserweite zu tun, durch die das Schiff nach dem Ablegen in Longyearbyen pflügt, und an den Breitwandpanoramen, die seitdem an seinen großen Fenstern vorbeiziehen. Das Wissen um die Abgeschiedenheit spielt natürlich eine Rolle, und das „Ganz-weit-weg-von-Allem“-Schaudern, das man verspürt, wenn man an Deck der MS Fram steht und den Blick schweifen lässt. Natürlich liegt es auch an der kristallinen Luft. Ganz bestimmt aber trägt das arktische Licht zum Gefühl bei, in einer Art Schwebezustand unterwegs zu sein. Es wird nicht dunkel im Sommer auf Spitzbergen, es dämmert noch nicht einmal. Es ist immer hell. Es ist immer Licht.

Später, zuhause, wird es einem vorkommen, als seien die Tage dort oben in der Barentssee wie im Zeitraffer vergangen, und man weiß nicht mehr so recht, in welcher Reihenfolge sich die Dinge ereignet haben. Was aber egal ist, weil in der ewigen Sommerhelle ja nicht nur Tag und Nacht miteinander verschmelzen, sondern auch Donnerstag und Freitag und alle anderen Wochentage gleich mit.

Gleich am ersten Tag aber, soviel steht fest, haben wir zwei Eisbären gesehen. Ein Weibchen mit Jungtier, vierhundert Meter eine Gletscherschneeplatte hinauf. Und obwohl da unter ihnen überall Leute an einem Geröllhang kletterten, rutschten und fluchten, fühlten sich die beiden Bären davon offensichtlich nicht gestört – sie balgten und spielten und tänzelten durch den Schnee, und als sie davon müde waren, fielen sie nebeneinander um und schliefen ein. Rentiere sahen wir. Kalbende Gletscher. Einen Polarfuchs, der am Ufer stand und zu uns hinübersah, als sinniere er darüber, woher wir kamen und was wir hier wollten.

Und dann, irgendwann: Häuser. Barentsburg ist eine alte russische Bergbausiedlung und ein Ort, der sich für das Finale eines James Bond-Films eignen würde. Verfallene und verlassene - oder halb verfallene und halb verlassene - Gebäude, zerbrochene Fensterscheiben und Betonbodenplatten, die der Permafrost nach oben gebuckelt hat. Bis in die 1980er-Jahre war Barentsburg ein wirtschaftlich (und geografisch) bedeutender Außenposten der UdSSR, jetzt leben und arbeiten hier nur noch drei- oder vierhundert Menschen.

Keiner von ihnen hat sich die Mühe gemacht, Lenin vom Sockel zu stoßen oder die Schilder mit den alten Sowjetparolen zu demontieren. Stattdessen haben sie Birkenwälder auf die Hauswände gepinselt. Birkenwälder, und die Silhouette einer Stadt, die wie St.Petersburg aussieht. Beim Spaziergang begegnet man vereinzelten Männern, die nicken, wenn man sie grüßt. Aus einem geöffneten Fenster quillt Musik. Irgendwo lachen unsichtbare Kinder.

Barentsburg ist so unwirklich,
dass man später, an Bord, fast schon den Eindruck hat, man habe das alles geträumt. Wie vieles andere auch, was man auf einer Reise durch die Inselwelt Spitzbergens erlebt und gesehen hat. Als sei das alles überhaupt nicht passiert, als habe man es nur erzählt bekommen von den Möwen, die vor den Fenstern des Schiffs im Wind kreuzten. Und denen es manchmal gelang, auf Augenhöhe mit den Passagieren zu segeln und ein unhörbares Gespräch mit ihnen zu führen.

Infos Spitzbergen:

Die MS Nordstjernen der Hurtigruten hat Spitzbergen 2017 an insgesamt 30 Terminen im Programm (für 2016 werden Jahreszeit-bedingt keine Touren mehr angeboten). Mitfahren kann man bei den sechstägigen Expeditionsreisen ab 1338 € p.P.

Die MS Fram ist im kommenden Jahr auf vier Expeditionsreisen rund um Spitzbergen unterwegs. Die Touren starten am 3., 11., 19. und 27.7.2017, Preise beginnen bei ca. 5900 € pro Person.

Das Archipel im hohen Norden wird auch bei etlichen weiteren Reisen mit den Schiffen der Hurtigruten angefahren. Ein Spitzbergen-Aufenthalt kann beispielsweise mit Grönland, Norwegen und/oder Island kombiniert werden. Alle Infos unter www.hurtigruten.de

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