Kleine Relativitätstheorie

Wein & Sein im TaubertalKleine Relativitätstheorie

Heiß, kalt, rot, blau – wenn sich die Umgebung ändert, dann schmeckt auch der Wein anders. Das erleben Gäste beim Vintasticum, der etwas anderen Weinverkostung der Familie Benz in Lauda-Königshofen. Ein Kurztrip durch die Weinwelten des Lieblichen Taubertals Text: Christiane Würtenberger

Beim Vintasticum dürfen die Gäste in dunklen Kisten angeln. Was drin ist, wird hier natürlich nicht verraten© Foto: Christiane WürtenbergerWie fühlt sich der Wein an?Beim Vintasticum dürfen die Gäste in dunklen Kisten angeln. Was drin ist, wird hier natürlich nicht verraten

Der Weg zum Wein ist immer kurz. Erst bewundert man die akkurat geschnittenen Reben im Weinberg, die rund um das Gut die Hänge hinaufwachsen. Dann steigt man eine kleine Kellertreppe hinab – und kann dem Wein zur Abwechslung einmal unterirdisch beim Wachsen zusehen, fast jedenfalls. Man hört ihn auch säuseln in den Stahltanks. Und kann den Wein fühlen – beim Vintasticum, der ungewöhnlichen Führung, die Corina Benz vom Weingut Benz bei Beckstein anbietet.


Im Taubertal kann man den Wein mit allen Sinnen erleben – beim Vintasticum des Weinguts Benz

Das Weingut Benz liegt in einem Seitental des Taubertals, eingebettet in eine üppige Kulturlandschaft mit kleinen Dörfern, Streuobstwiesen, Rebhängen. Etwas weiter nordwestlich schlängelt sich die Tauber wildromantisch durch ein grünes, urwüchsiges Tal. Die Straße ist im Atlas grün nachgezeichnet – also besonders sehenswert und landschaftlich schön. Direkt am Fluss führt der Radweg "Liebliches Taubertal – der Klassiker" entlang.

Hier, ganz im Norden Baden-Württembergs, philosophieren die Einheimischen selbstverständlich beim Weinfest über Rebsorten, Säuregehalt und die Renaissance der Roten. Das gehört hier einfach dazu, man lebt mit den Weinen der Region, man kennt sich mit ihnen auch aus.

Fachwerk, Obstwiesen, kleine Weingüter – es ist wirklich lieblich, das Taubertal
Wertheim liegt wildromantisch am Wasser, eingebettet in ganz viel Grün. Die Burgruine wacht über der Altstadt und ihren Gassen© Foto: Peter Frischmuth / argusIn bester Lage:Wertheim liegt wildromantisch am Wasser, eingebettet in ganz viel Grün. Die Burgruine wacht über der Altstadt und ihren Gassen

Im Weindorf Beckstein, einem Stadtteil von Lauda-Königshofen, landen wir zufällig bei einem Weinfest der Becksteiner Winzer – Glück gehabt. Und holen uns dort natürlich auch gleich eine Empfehlung fürs Abendessen: gut-badische Küche im urigen Restaurant "Zur alten Kelter". Der Zwiebelrostbraten mit Spätzle ist so gut wie das Schnitzel mit Spargel. Und wir beneiden die Menschen hier ein bisschen um ihre genussvolle Alltagskultur.

Am nächsten Morgen schlendern wir durch die Altstadtgassen im nahe gelegenen Bad Mergentheim, besuchen den Schlosspark und das Deutschordensschloss samt Museum. Anschließend geht's weiter, immer an der Tauber entlang, in Richtung Wertheim. Wie schön das hier ist im Frühsommer. Alles blüht, alles ist leuchtend grün. Inmitten großer Obstwiesen und Weinhänge liegen Fachwerkdörfer und kleine Weingüter.


© Foto: Peter Frischmuth/argus
Städte-Reichtum: Das Deutschordensschloss in Bad Mergentheim – die Stadt war lange der Hauptsitz des Ordens. Unten: Blick auf den Spitzen Turm in Wertheim.© Foto: Christiane WürtenbergerStädte-Reichtum: Das Deutschordensschloss in Bad Mergentheim – die Stadt war lange der Hauptsitz des Ordens. Unten: Blick auf den Spitzen Turm in Wertheim.
Städte-Reichtum: Das Deutschordensschloss in Bad Mergentheim – die Stadt war lange der Hauptsitz des Ordens. Unten: Blick auf den Spitzen Turm in Wertheim.
1400 Sonnen-stunden im Jahr – ein prima Klima für Wein-trauben

Besonders weit überblickt man die Region von der Burgruine in Wertheim aus. Tauber und Main fließen in dem Städtchen zusammen, vom Bergfried aus genießt man herrliche Aussichten, auch in Richtung Odenwald und Spessart. In der großen Stauferburg aus dem 12. Jahrhundert kann man einen wildromantischen Rundgang machen – oder im Burghof eine Kleinigkeit essen. Wir entscheiden uns für den Spaziergang, werfen eine Euromünze ins Drehkreuz und staunen über die Ausmaße der Anlage. Im Sommer kann man hier regelmäßig Open-Air-Events erleben, beeindruckend vor dieser uralten Kulisse.

Auf dem Rückweg nach Beckstein legen wir noch einmal einen Stopp ein – beim ehemaligen Zisterzienserkloster Bronnbach, das heute ein Ort für stimmungsvolle Konzerte und Seminare ist. Man kann auch im Kloster übernachten oder die große Vinothek besuchen. Dort bieten 21 Winzer aus allen drei Anbaugebieten der Region ihre Weine an. Bislang haben wir den Radwanderern, zugegeben, sehnsüchtig hinterhergeschaut. Sie sind näher am Fluss und am Sommer, haben bestimmt mehr Muße, reisen gemächlich. Jetzt ist es aber doch wieder ganz praktisch, mit dem Auto das Taubertal zu erkunden. So kann man die probierten Schätze problemlos mit nach Hause nehmen. Weinshops und Vinotheken sehen hier übrigens meist nicht wie Tante-Emma-Läden oder kleine Kellerspelunken aus, sonder eher wie moderne, coole Kunst-Galerien.

Auch auf dem Weingut Benz, wo wir zum Abschluss unserer kleinen Taubertal-Runde das Vintasticum mitmachen: Neben den eigenen Weinen gibt es in dem mit viel Holz, aber ganz schnörkellos gestalteten Verkaufsraum auch Feinkost und lässige Weinsprüche, die auf Stofffahnen von den Decken hängen. "Wein ist die Nachtigall unter den Getränken" steht da zum Beispiel. Darauf kann man sich nüchtern gar nicht so recht einen Reim machen. Der Gesang des kleinen Vogels gilt als besonders liebreizend und auch als sehr komplex – singen die so, wie die Weine hier schmecken?

Önologin Corina Benz erzählt erst einmal draußen im Weinberg: vom Taubertal, vom Weinanbau und vom Weingut Benz, das zunehmend mehr rote Weine anbaut, mittlerweile schon zu fast 50 Prozent. 1400 Sonnenstunden im Jahr sorgen dafür, dass auch Rebsorten wie Tauberschwarz und Cabernet-Sauvignon im Norden Baden-Württembergs reifen können. Beim Vintasticum dürfen die Gäste das Gestein – und ein paar angedeutete Weinstöcke – auch einmal von unten sehen. Man staunt, denn allzu steinig und unwirtlich sieht dieser Muschelkalkboden aus. Aber: Der Boden steckt voller Nährstoffe, die den Taubertalweinen ihren unverwechselbaren mineralischen Charakter geben.

Auch dem Riesling, den die Gruppe im Gewölbekeller unter verschärften Bedingungen verkostet. Corina Benz erzählt von Liebe und Leidenschaft und knipst rotes Licht an. Sie berichtet von Kälte und Wind – alles wird blau. Dann kommt auch noch Grün ins Spiel, und die Sinne spielen endgültig verrückt. Man hat das Gefühl, der Wein im Glas wird mit dem Betätigen des Lichtschalters wie von Zauberhand ausgetauscht – eine kleine, aber eindrucksvolle Relativitätstheorie des Weins. Und wohl auch ein Plädoyer dafür, ihn stets in angenehmem Rahmen mit guten Gefühlen zu genießen.

Später erfahren wir im Angesicht der Stahltanks viel über Reifungsprozesse und den Barriqueausbau der Weine in Eichenfässern. Und die 28-Jährige Önologin unterhält sich sogar mit dem Wein in den Tanks. Kein Witz! Auch fühlen dürfen wir ihn, in Holzkisten sind Grundbestandteile von Wein und Reben versteckt. Man darf nicht gucken, nur reinfassen. Stachelig! Krümelig? Was mag das sein?

Das Vintasticum, das von Einheimischen wie Urlaubern gebucht wird, gibt es nun schon seit 2012. Der Rundgang entstand aus der wissenschaftlichen Arbeit, mit der Corinna Benz ihr Önologie-Studium abschloss. Für die Idee, Gästen das Thema mit allen Sinnen näher zu bringen, erhielt das Weingut 2012 den 1. Landwirtschaftspreis für unternehmerische Innovationen.

Und es stimmt schon. Man erlebt den Wein auf neue, spannende Weise. Man begreift, wie viel Leidenschaft nötig ist, um ein solches Familien-Weingut zu führen, weiterzuentwickeln und gut von ihm zu leben. Klar, dass hier gestern alle glückliche Gesichter gemacht haben, trotz, nein: wegen des ausgiebigen Regens …

Endlich hat man eine Ahnung davon, warum der Tauberwein so schmeckt wie er schmeckt. Nach Sonne, Mineralien und Steinboden – und manchmal halt auch ein bisschen lieblich. Und falls er zu Hause wieder andere Nuancen entwickelt, ist das auch okay. Dann freut man sich, weil man nun ein bisschen Weinweisheit gewonnen hat. Der Weg zum Wein ist kürzer geworden.

Treffpunkt am Brunnen:

Der liebevoll renovierte Markplatz ist das Herz von Bad Mergentheim
Der liebevoll renovierte Markplatz ist das Herz von Bad Mergentheim© Foto: Christiane WürtenbergerTreffpunkt am Brunnen:Der liebevoll renovierte Markplatz ist das Herz von Bad Mergentheim
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