Japan Alltags-Begegnungen

JapanJapan Alltags-Begegnungen

Treiben lassen im Neondschungel der Großstädte, Wandern auf verwunschenen Wegen, Essen am Imbiss mit Überraschungseffekt: Unser Autor hat Japan jenseits der üblichen Pfade für Reisende erkundet. Dabei war er vor allem mit der Eisenbahn unterwegs –

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Ichi, ni, san – spätestens nach einer halben Stunde kann man das perfekt und sogar noch mehr: ju san, ju yon, ju go, dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Wer auf Japanisch zählen lernen möchte, muss sich nur eine Zeitlang am Steingarten des Ry?an-ji in Kyoto aufhalten. Fünfzehn kleine und größere Felsbrocken liegen im Garten des Tempels scheinbar zufällig angeordnet in einem Kiesbeet, und weil offensichtlich jeder japanische Besucher überprüfen möchte, ob noch alle da sind, wird laut abgezählt. Es sind dann tatsächlich fünfzehn, man kann aber immer bloß vierzehn sehen, egal, wo man steht. Niemand weiß, warum die Steine so arrangiert sind.

Der Steingarten des Tempels gibt den Besuchern Rätsel auf

Ganz Schlaue behaupten gern, der Erbauer des Gartens habe demonstrieren wollen, dass der Mensch niemals alles sehen könne, sondern maximal eben nur beinah alles. Nur wer aus den Wolken herunterblicke, habe den vollen Durchblick. Wahrscheinlich ist deshalb der Einsatz von Drohnen auf dem Tempelgelände strengstens verboten.

Der Steingarten des Ry?an-ji („Tempel des ruhenden Drachen“) ist eine Besucherattraktion – und hat mit dem normalen Japan etwa so viel zu tun wie Neuschwanstein mit dem Alltag in Deutschland. Lehrer schleppen ihre Schulklassen hierher, Einheimische den Besuch aus Nagasaki.

Klischees werden in Japan überall und immer zuverlässig bedient
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Dazu kommen täglich mehrere tausend Touristen, denen der Steingarten von Reiseführern und Onlineseiten empfohlen wurde, „muss man gesehen haben“, „typisch Japan“, „absoluter Klassiker“. Und dann sitzen sie da und starren auf die Steine und wissen nicht so recht, was sie damit anfangen sollen.

So ist das mit Japan: Man rückt mit ganz bestimmten Vorstellungen und Erwartungen an, sieht sie auch alle erfüllt – und stellt doch im gleichen Moment fest, dass sie eben nur ein kleiner (und manchmal ziemlich unwichtiger) Ausschnitt des großen Ganzen sind. Natürlich sieht man hier Zen-Priester und bleich geschminkte Geishas und Bonsai-Gärtner und Blade-Runner-Häuserschluchten. Tatsächlich blinken an jeder Ecke Getränkeautomaten mit siebzehn Sorten grünem Tee und zwölf Sorten Kaffe in Dosen. Zehnstöckige Elektroniksupermärkte, Maserati-Läden, Frauen, die sich wie Renaissance-Gräfinnen aus Mangas kleiden? Alles da.

© Foto: Stefan Nink
Routenplan im Bus von Kyoto; Bahnhof in Nara© Foto: Stefan NinkAugenblicke unterwegs:Routenplan im Bus von Kyoto; Bahnhof in Nara
Augenblicke unterwegs: Routenplan im Bus von Kyoto; Bahnhof in Nara
Die Züge sausen mit Tempo 300 durch die Reisfelder oder fahren bis in den hintersten Winkel

Aber es gibt eben auch das andere Japan. Das normale. Das alltägliche. Um das zu entdecken, fährt man am besten Zug. Das machen täglich 400.000 Japaner allein in den Shinkansen-Schnellzügen, besser kann man den Alltag im Land also nicht erleben. Praktisch ist es auch: Japans Züge bringen einen bis in die hintersten Winkel des Inselreichs. Sie klammern sich an Steilküsten, gleiten Berge hinauf und zischen mit 300 Stundenkilometern durch die Reisfelder. Und entgegen aller Gerüchte gibt es sowohl Durchsagen als auch LED-Anzeigen in Englisch. Was es nicht gibt: geänderte Wagenreihungen, defekte Toiletten, unfreundliche Schaffner, verschwundene Sitzplatzreservierungen, defekte Klimaanlagen, Signalstörungen sowie „Folgende Anschlusszüge können leider nicht erreicht werden“-Durchsagen: In einem kompletten Fahrplanjahr beträgt die durchschnittliche Verspätung eines Shinkansen exakt sechs Sekunden. Manchmal ist Japan dann doch eine eigene Welt.

Und man glaubt gar nicht, was man in zwei Wochen in diesem Land auf Zugreisen alles erleben kann! Tokio, klar, die Übermetropole. Kyoto mit gefühlt 1017 Tempeln und Schreinen. Hiroshima, das mit seiner Vergangenheit für die Zukunft mahnt. Aber auch die vielen vielen kleineren Bahnhöfe, die man vor einer Reise gar nicht auf dem Schirm hatte. Himeji zum Beispiel, noch immer überragt von seiner Burg, und die ist immerhin schon über vierhundert Jahre alt. Naoshima, wo moderne Kunst am Strand herumliegt, einfach so. Ise mit seinem Schrein, dem bedeutendsten ganz Japans, dessen Haupttempel aussieht, als sei er vor zwei Jahren mit Material aus dem Baumarkt zusammengebastelt worden (was daran liegt, dass er vor zwei Jahren mit Material aus dem Baumarkt zusammengebastelt wurde – das Gebäude wird alle zwanzig Jahre abgebaut und anschließend neu errichtet). In Nara kann man sich von zahmen Rehen belagern lassen und auf Mikimoto zusehen, wie Austerntaucherinnen nach Perlen suchen. Koya-san hat einen Friedhof, auf dem man unter uralten Zedern zwischen tausenden Gräbern herumläuft. Und im Kiso-Tal kann man auf einer alten Poststraße aus der Zeit der Samurai wandern.

Wandern? In Japan? Aber klar. Der Pfad vom Bahnhof in Nagiso ist zweisprachig ausgeschildert, verlaufen kann man sich nicht, stattdessen hat man schon nach ein paar hundert Metern das Gefühl, das Land verschlucke einen. Man geht über flache, alte Steinplatten durch Bambushaine und Nadelwälder, die der Wind sanft hin und her schaukeln lässt. Anfangs bleibt man ständig stehen, aber irgendwann gehören all die alten Altäre, Steinbuddhas und Markierungssteine wie selbstverständlich dazu. Der erste Ort liegt morgens noch verlassen und verrammelt im Dunst wie die Siedlung in diesem Kurosawa-Film über die Sieben Samurai. Magobe am Ende der 14 Kilometer langen Strecke ist dann aber schon von anderen entdeckt worden: Vor der historischen Kulisse der alten Handelshäuser posieren Touristen aus China fürs Gruppenfoto. Sie lärmen ziemlich herum und verschwinden anschließend geschlossen zum Lunch.

Übers Essen müssen wir sowieso noch kurz reden: Das ist nämlich eine Herausforderung. Zumindest immer dann, wenn das gewählte Restaurant keine shokuhin sampuru im Fenster stehen hat. Das sind Plastiknachbauten der echten Gerichte und derart detailgetreu modelliert, dass man am liebsten in sie reinbeißen würde. Die shokuhin sampuru sind sehr hilfreich: Wenn man mit der Speisekarte nicht klar kommt, zieht man die Bedienung einfach nach draußen und zeigt auf die Nudelsuppe rechts oben oder die Sushi-Platte unten links, und kurz darauf bekommt man ein Gericht, dass exakt so aussieht wie sein Plastikgegenstück im Fenster.

Komplizierter wird es also dort, wo die shokuhin sampuru fehlen. Zum Beispiel beim Bäcker, wo man sich während der Wanderung schnell was für unterwegs besorgen möchte. Alles sieht unglaublich lecker aus, birgt allerdings Tücken – bei japanischen Backwaren kann man unmöglich ahnen, was drin ist und wonach sie schmecken. Es gibt zum Beispiel köstlich schmeckende Frühstücksbrötchen mit milder, feiner Kastaniencremefüllung. Die sehen aber von außen genauso aus wie die, in denen geschredderter Oktopus steckt oder eine kleine Bockwurst.

Doch, doch, das ist schon so: Vieles hier versteht man auch nach zwei oder drei Wochen noch immer nicht. Aber muss man das überhaupt? Ist es nicht viel schöner, sich bei den Brötchen überraschen zu lassen? Bis zur Abreise darüber nachzugrübeln, warum hier alle Frauen laufen, als gingen sie auf Götterspeise? Und was die einem wohl alles erzählen, wenn sie einem an der Kasse das Wechselgeld zurückgeben? Warum stecken fünfzigjährige Geschäftsleute ihr 800-Euro-Handy in eine „Hello, Kitty“-Hülle? Warum kommt aus den Lautsprechern an den Bahnsteigen Vogelgezwitscher? Und warum halten sich die Frauen verlegen kichernd die Hand vor den Mund, wenn man sie in der Bahn etwas fragt – und lassen Minuten später laut schnarchend den Kopf auf meine Schulter fallen?

Nein, ist schon viel spannender, wenn Japan seine Geheimnisse behalten darf. Wenn es diese gigantische Zwiebel bleibt, von der Besucher nur die äußersten Schichten lösen können und nie erfahren, was wirklich tief innen steckt. Wenn man höchstens vierzehn von fünfzehn Steinen sehen kann, einer aber immer verborgen bleibt, immer, so sehr man sich auch anstrengt.

INFORMATIONEN:

?Zugreisen durch Japan kann man u.a. mit dem Veranstalter Marco Polo unternehmen. Die elftägige „individuelle Reise ohne Gruppe“ mit dem Titel „Sumo, Sake und Shinkansen“ (www.marco-polo-reisen.com) ist zu vielen Terminen buchbar und kostet mit Übernachtungen, Bahnfahrten und Reiseleitung ab 3599 € p.P. im Standardhotel-DZ. Bei Studiosus kostete die neuntägige Studienreise „Japan – Impressionen“ inkl. Flug, Rundreise (auch mit Shinkansen-Fahrt), Hotel und Reiseleitung ab 2890 € p.P. im DZ.

Ganz schön geschäftig:

Bahnhof von Nagoya mit einem etwas groß geratenen Fahrgast
Bahnhof von Nagoya mit einem etwas groß geratenen Fahrgast© Foto: Stefan NinkGanz schön geschäftig:Bahnhof von Nagoya mit einem etwas groß geratenen Fahrgast
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