Insel aus Feuer und Eis

IslandInsel aus Feuer und Eis

Es brodelt unter der Erdkruste, darüber thronen mächtige Gletscher, Wasserfälle donnern in die Tiefe – Island ist ein Land voller Extreme. Im Winter halten Eis und Schnee die Natur fest in ihrem Griff. Unser Autorenteam hat sich auf eine mutige Wohn

Drama, Baby! Island verwöhnt mit atemberaubenden Bildern, wie bei diesem Farbenspiel© Foto: Carolin ThierschDrama, Baby! Island verwöhnt mit atemberaubenden Bildern, wie bei diesem Farbenspiel
Hier leben gerade einmal rund 320.000 Menschen –  bis man unterwegs auf ein anderes Fahrzeug trifft, kann es schon mal eine Weile dauern ...© Foto: Carolin ThierschPiste frei:Hier leben gerade einmal rund 320.000 Menschen – bis man unterwegs auf ein anderes Fahrzeug trifft, kann es schon mal eine Weile dauern ...

Es ist früher Nachmittag und schon fast dunkel. Die dicken Regenwolken hängen wie ein schwerer Theatervorhang vor den kleinen Fenstern, während die Maschine zur Landung ansetzt. Ein erster Blick aufs ersehnte Winterwunderland entpuppt sich allerdings als Fehlanzeige.

Aus der Hitliste der unbeliebtesten Farbtöne bestimmen Matschbraun und Grau den ersten Eindruck von Island. Kein Schnee weit und breit. Die Euphorie erhält einen kleinen, aber doch empfindlichen Dämpfer.

Naturwunder satt – allein der Vatnajökull ist mit 8300 Quadratkilometern doppelt so groß wie alle Alpengletscher zusammen

Zugegeben, ganz sicher waren wir uns nicht, ob Dezember wirklich die beste Reisezeit für einen Camper-Trip über diese Insel aus Feuer und Eis ist. Andererseits erschien es reizvoll, nicht den klassischen Fährten der vielen Sommercamper zu folgen, sondern ein anderes, extremeres Island kennenzulernen. Entsprechend ist die Übernahme des Wohnmobils auch zeitaufwändiger als üblich. Ein großer Teil dabei ist die Wetterkunde – die Naturgewalten auf diesem, wie viele sagen, letzten Außenposten des zivilisierten Europa, nur 280 Kilometer südöstlich von Grönland gelegen, dürfen nicht unterschätzt werden. Entsprechend sind die Mietwohnmobile im Winter allesamt Kastenwagen ohne hohe Aufbauten, zudem sind sie mit Spikes-Reifen ausgestattet. Zusätzlich bekommen wir einen Internet-Stick, um jeden Morgen das Wetter checken zu können.

Rund um die Geysire brodelt und dampft es, es liegt ein Geruch von Schwefel in der Luft
Bild vom Schnorchelausflug in der Silfra-Spalte, die zwei Erdteile voneinander trennt© Foto: Carolin ThierschAbgetaucht zwischen den Kontinenten:Bild vom Schnorchelausflug in der Silfra-Spalte, die zwei Erdteile voneinander trennt

Langsam verstummt der Regen, Geschirr klappert, es wird gelacht und diskutiert. Wir sitzen an einem der langen Holztische des kleinen urigen Imbiss-Restaurants „Saegreifinn“ („Seebaron“). Die Wände und Regale scheinen unter der Last der maritimen Fundstücke schier zusammenzubrechen. Ein würziger Duft der sämigen, goldgelb schimmernden Hummersuppe liegt in der Luft – diese Speise ist Grund dafür, dass das kleine Fischrestaurant weit über die Grenzen Islands hinaus bekannt ist.

Obwohl der Seebaron hier zu den günstigsten Restaurants zählt, wird schnell klar, dass man in Island beim Ausgehen tief in die Tasche greifen muss. Unter 15 Euro ist ein einfaches Hauptgericht kaum zu haben, meist liegt die Untergrenze bei 20 Euro. Für ein Bier sind 5 bis 6 Euro fällig. Nur gut, dass wir im Wohnmobil unsere eigene Küche dabei haben.

© Foto: Carolin Thiersch
Eiskristalle auf dem schwarzen Sand des Diamond Beach am Gletschersee Jökulsárlón; unten eine Truppe wetterfester Islandpferde© Foto: Carolin ThierschIsländische Ansichten:Eiskristalle auf dem schwarzen Sand des Diamond Beach am Gletschersee Jökulsárlón; unten eine Truppe wetterfester Islandpferde
Isländische Ansichten: Eiskristalle auf dem schwarzen Sand des Diamond Beach am Gletschersee Jökulsárlón; unten eine Truppe wetterfester Islandpferde
Luft minus sechs, Wasser plus zwei Grad Celsius – da geht man doch lieber ins Wasser

Die erste Nacht verbringen wir auf dem Campingplatz der Hauptstadt Reykjavík, der im Winter zwar nicht offiziell betrieben wird – stehen kann man hier aber dennoch. Waren es am späten Abend noch kleine Schneeflöckchen, die gierig von den großen Pfützen aufgesogen wurden, sind es am nächsten Morgen zu unserer Überraschung ganze 15 Zentimeter Neuschnee. Unser Winterwunderland läuft sich warm.

Die typischen Tagesausflüge ab Reykjavík führen entlang des „Golden Circle“. Hierzu gehören der 40 km östlich der Hauptstadt gelegene Thingvellir (Þingvellir) Nationalpark, der goldene Wasserfall „Gulfoss“ und das geothermale Gebiet rund um den Geysir. Der Nationalpark liegt in der aktiven Vulkanzone Islands. Die Fahrt dorthin führt vorbei an zahlreichen Weiden mit Islandpferden, die neugierig am Zaun stehen und ihre unglaublichen Ponyfrisuren samt perfekt gefärbter Strähnen präsentieren.

In meinem Trockentauchanzug, mit eiskalten Füßen, Händen und eisigen Wangen, bereue ich kurzfristig, dass ich mich zum Schnorchel-Ausflug habe überreden lassen. Luft minus sechs, Wasser plus zwei Grad Celsius – da gehe ich doch lieber ins Wasser. Wie die Teletubbies stapfen wir mit dem Rest der Gruppe zum Einstieg beim Thingvallavatn See. Ein ganz besonderes Schnorchelrevier, denn hier schwimmt man entlang der Silfra-Spalte, also buchstäblich zwischen zwei Kontinenten hindurch: hier die nordamerikanische, dort die eurasische Erdplatte. Und die Spalte wächst ständig, jährlich driften die beiden Erdteile um zwei Zentimeter weiter auseinander. Das von einem Gletscher stammende und durch das Lavagestein über die Jahre gefilterte Wasser ist glasklar und bietet eine Sicht von bis zu 100 Metern. Perfekt auch für Taucher, da der tiefste Punkt bei 63 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Ein eiskaltes, aber unvergessliches Abenteuer. Wie gut, dass ich mich danach in unserem beheizten Wohnmobil aufwärmen kann. Aber viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht, da es zu dieser Jahreszeit auf Island nur rund fünf Stunden hell ist. Die Zeit muss gut genutzt werden.

Große Busse und zahlreiche Mietwagen stehen bereits am Parkplatz bei den Geysiren. Aus der Ferne ist schon das markante Geräusch zu hören, mit dem der Geysir Strokkur alle paar Minuten seine bis zu 20 Meter hohe Wasserfontäne gen Himmel spritzt. Wer dabei falsch zum Wind steht, bekommt gleich eine kleine Dusche ab. Der Strokkur, „das Butterfass“, ist der kleine Bruder des Stóri Geysir, des „Großen Geysir“, nach dem weltweit alle Springquellen ihren Namen „Geysir“ bekamen. Dieser bricht allerdings, nachdem er für einige Jahrzehnte seine Aktivität sogar ganz eingestellt hatte, nur noch sehr selten aus. Auch rund um die Geysire brodelt und dampft es, der Geruch von Schwefel liegt in der Luft. Es ist unübersehbar, dass wir uns hier inmitten eines aktiven vulkanischen Gebiets befinden.

Genau elf Prozent der Landfläche Islands sind von Gletschern bedeckt, was knapp 12.000 Quadratkilometern entspricht. Der Vatnajökull ist mit 8300 Quadratkilometern nicht nur der größte Gletscher vor Ort, er ist damit auch mehr als doppelt so groß wie alle Alpengletscher zusammen. An seinem Fuß befindet sich der Gletschersee Jökulsárlón, der bereits Schauplatz von Filmproduktionen wie James Bonds „Stirb an einem anderen Tag“ war. Noch beeindruckender als die Gletscherlagune ist der vorgelagerte schwarze Strand – was für ein Anblick! Als perfekter Kontrast liegen die von Wellen an Land geworfenen, durchsichtig schimmernden Eisblöcke wie Diamanten im Sand. Zu Recht trägt der Strand daher den Spitznamen „Diamond Beach“.

Wenig später geht der Vollmond auf, Sterne überziehen das Firmament. Keine Wolke in Sicht. Zusammen mit der guten Vorhersage der Aurora-Borealis-App sind das die perfekten Voraussetzungen, um Nordlichter zu sehen. Um 19 Uhr macht das kleine Ausflugs-Café zu. Die nächsten Häuser und Ortschaften sind kilometerweit entfernt, das Hotel der Australier Emilia und Jamie gar ganze zwei Autostunden. Und trotzdem harren sie hier in ihrem Pkw aus, um die Nordlichter an diesem so magischen Ort zu beobachten.

Nach einem kurzen, gemeinsamen Aufwärmen in unserem Wohnmobil geht es plötzlich los. Langsam huschen die ersten grünen Streifen über den Nachthimmel. Klick, klick, klick – unsere Kameras sind im Dauerbetrieb. Wie aus dem Nichts kommen noch zwei weitere Pkw an. Zu acht staunen wir, wie die Lichter immer stärker werden. Plötzlich zieht sich ein langer, grüner Streifen vom Gletscher bis hoch in den Himmel, fast so, als käme gerade Aladins Geist aus der Wunderlampe. Die glatte Wasseroberfläche des Gletschersee spiegelt das Grün perfekt. Mit einem Mal ist alles wieder vorbei. Wir stehen da – staunend – und wollen mehr!

90 Minuten lang warten wir, machen immer wieder das Licht im Wohnmobil aus, um draußen etwas zu erkennen. Und dann geht es wieder los: Noch viel intensiver als zuvor überziehen die Lichter fast den ganzen Himmel. Unbeschreiblich. Als Zeichen der Götter und Geister deuteten die Isländer früher diese so plötzlich auftretenden Lichterscheinungen, die wie von Zauberhand am Firmament erscheinen. Heute weiß man, dass dieses Naturphänomen das Ergebnis einer Begegnung der Sonnenwinde mit den Gasen der Erdatmosphäre ist. Allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz glauben aber heute noch rund zwei Drittel der Isländer an die Existenz übernatürlicher Wesen, an Elfen zum Beispiel.

Gegen Mitternacht fahren die anderen Nordlicht-Jäger zu ihren Hotels. Für uns heißt es noch bis drei Uhr morgens warten, gucken, staunen. Um schließlich an diesem magischen Ort einzuschlafen. Das Schöne an einer Wohnmobil-Tour in Island ist nämlich, dass man außer in den Nationalparks praktisch überall übernachten darf. Da wir bisher überhaupt nur ein weiteres Wohnmobil gesehen haben, gibt es auch keine Streitigkeiten um den perfekten Stellplatz, der heute für uns genau hier an dieser Gletscherlagune ist.

Nach zehn Tagen ist unsere Reise durch das Land der Naturwunder schon wieder zu Ende. Gletscherwanderungen, beeindruckende Vulkane und donnernde Wasserfälle, speiende Geysire, Eisberge, Stein- und Geröllwüsten, schwarze Strände, Nordlichter und herzliche Begegnungen mit den Einwohnern beim gemeinsamen Bad in den heißen Quellen, all das macht eine Tour durch dieses Land der Extreme aus. Und wir wissen nun: Auch – und gerade – im Winter ist es per Wohnmobil besonders gut zu erkunden.

Perfekte Sicht:

ein Logenplatz für die Beobachtung des Nordlichts
ein Logenplatz für die Beobachtung des Nordlichts© Foto: Carolin ThierschPerfekte Sicht:ein Logenplatz für die Beobachtung des Nordlichts
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