Großer Auftritt

Weimar Großer Auftritt

Das Deutsche Nationaltheater in Weimar gehört zu den geschichtsträchtigsten Bühnen in Deutschland. Ein Blick hinter die Kulissen.?

gilt als eines der besten Sinfonie- und Opernorchester des Landes© Foto: Vincent LeiferDie Staatskapelle Weimargilt als eines der besten Sinfonie- und Opernorchester des Landes

Stockfinster ist es, als sich der schwere rote Vorhang im Theater hebt. Die Musik ist düster. Spot an. Wir sehen eine junge Frau, die sich der meterhohen grauen Kerkerwand entgegenstemmt, die sich unaufhaltsam immer weiter in Richtung Zuschauerraum schiebt. Man sieht und spürt: Jetzt wird es wirklich eng für Maria Stuart, die gefangene, gefallene Königin von Schottland. Zum Auftakt der Spielzeit 2015/16 hat das Deutsche Nationaltheater das Schillerdrama, das im Weimarer Hoftheater 1800 seine Uraufführung erlebte, neu auf die Bühne gebracht und dabei vor allem optisch ziemlich entstaubt. Die moderne Aufführung

„An diesem Theater springen einem die Stoffe geradezu entgegen.“

unter der Regie von Gastregisseur Markus Bothe bleibt dem Text dabei über weite Strecken treu – das schafft einen spannenden Gegensatz zur Inszenierung.

In der Pause kann man draußen vom Balkon im ersten Stock auf den Theaterplatz hinuntersehen – und auf Goethe und Schiller, die dem Publikum brüderlich vereint den Rücken zuwenden. Doch welche Rolle spielen die beiden Dichterfreunde drinnen im Theater? Und was bedeutet es für die hier angestellten Künstler, in einer Spielstätte zu arbeiten, die einst Johann Wolfgang von Goethe persönlich leitete, in dem auch Friedrich Schiller ein- und ausging? „Diese ganze historische Aura spielt eine große Rolle“, erzählt Operndirektor Hans-Georg Wegner.

Parsifal? Hamlet! Das DNT hat viel vor in den kommen-den Jahren
Kulissenmalerei  in der Werkstatt© Foto: Christiane WürtenbergerKulissenmalerei in der Werkstatt

„Aber hin und wieder muss man sich davon auch frei machen, um lebendig und gegenwärtig zu bleiben.“ Und die Chefdramaturgin Beate Seidel ergänzt: „Das Tolle ist, dass einem an diesem Theater die Stoffe geradezu entgegenspringen. Es ist ungeheuer spannend, Klassiker wie ,Faust‘, ,Wallenstein‘ oder ,Maria Stuart‘ hier auf ihre Gegenwarts-Tauglichkeit zu prüfen. Ich empfinde das Arbeiten in Weimar als ein Geschenk.“

Natürlich bringt das Deutsche Nationaltheater (DNT) nicht nur Goethe und Schiller auf die Bühne. Der Spielplan im Schauspiel und Musiktheater sowie die Konzertprogramme der Staatskapelle Weimar spannen den Bogen vom klassischen Kanon bis hin zu zeitgenössischen Werken. Weimar ist stolz darauf, ein so großes Drei-Spartentheater zu haben. Und vor zwei Jahren kam sogar noch das renommierte Kunstfest Weimar unter der künstler-ischen Leitung von Christian Holtz­hauer zum Deutschen Nationaltheater. „Das ist ein spannender Versuch, die künstlerischen Potenziale

© Foto: Kerstin Schomburg
Machtspiele oder Liebe? Szenen-Foto aus der aktuellen Inszenierung von „Maria Stuart“© Foto: Christiane WürtenbergerMit Schmäh und schmissigen Arien – Weimars „Fledermaus“ (oben).Machtspiele oder Liebe? Szenen-Foto aus der aktuellen Inszenierung von „Maria Stuart“
Mit Schmäh und schmissigen Arien – Weimars „Fledermaus“ (oben). Machtspiele oder Liebe? Szenen-Foto aus der aktuellen Inszenierung von „Maria Stuart“

des DNT und der Staatskapelle sowie des Kunstfestes Weimar zu verknüpfen“, sagt Intendant Hasko Weber. „Da ergeben sich sinnvolle Ergänzungen und die Möglichkeit zu kooperieren.“

Etwa 400 Mitarbeiter hat der Theaterbetrieb, darunter 20 Schauspieler, 15 Sängersolisten, 44 Opernchorsänger und 96 Musiker der Staatskapelle Weimar. Mehr als 200 Beschäftigte kümmern sich um reibungslose Abläufe und fertigen die Ausstattung, von den Bühnenbildern und Dekorationen bis zu Kostümen, Masken und Perücken. Es ist beeindruckend, einmal hinter die Kulissen zu schauen.

Dabei spielt das Theater gar nicht nur im Haupthaus. Es hat mit dem E-Werk eine weitere Spielstätte in einem einzigartigen Indus­triedenkmal – der Kontrast zum altehrwürdigen Bau am Theaterplatz könnte größer nicht sein. Das ehemalige Elektrizitätswerk mit seinen Kesseln, Röhren und Gerätschaften, auf die man sich heute keinen rechten Reim mehr machen kann, bietet einen ungewöhnlichen Rahmen für eine kleine Bühne. Hier spielt zum Beispiel „Astoria“ – das Stück des jungen Autors Jura Soyfer, der 1939 im KZ Buchenwald ermordet wurde. Erstaunlich aktuell ist diese Geschichte um ein Sehnsuchtsland, das es nur in den Köpfen der Leute gibt. Man erlebt skurrile Einwanderungsszenen, sprachlose Politiker, Machtmenschen ebenso wie ewige Träumer. Die Bühne dreht sich im Kreis, eine Drei-Mann-Band spielt zum langsamen Auf- und zum schnellen Abstieg des geheimnisvollen Landes Astoria. Der Applaus ist groß.

„Ich mag am Weimarer Publikum
die sehr direkte Art der Reaktion“, sagt Intendant Weber. „Auch wenn ich mir manchmal mehr Neugier auf Neues wünschen würde. Denn nur durch das Ausprobieren unbekannter Kompositionen und Texte können wir ja an das anknüpfen, was wir in Weimar als Tradition definieren dürfen.“

Neugier auf Neues? In der zweiten Hälfte dieser Spielzeit wird es mit Sicherheit spannend – fürs Publikum und die Künstler. Dann wird der Orchestergraben des Deutschen Nationaltheaters von Grund auf saniert, das Theater für einige Monate geschlossen. Als Interims-Spielstätte dient dem DNT ab April die Redoute, ein ehemaliges russisches Offizierskasino. Das Team freut sich bei allen Schwierigkeiten auch auf diese Monate der Improvisation – etwa auf „My Fair Lady“ von Frederick Loewe mit Orchester auf der Bühne. „Das Stück bietet einen reizvollen Gegensatz zum morbiden Charme des Hauses“, meint Opernchef Wegner, der den Spielplan auch wieder mehr mit Operetten und Musicals bereichern möchte. Zum Saisonauftakt 2015/16 gab es „Die Fledermaus“ von Johann Strauß – ein buntes Spektakel mit wunderbaren Kostümen, einem spielfreudigen Sänger­ensemble und der erstklassigen Staatskapelle Weimar.

Orchesterdirektor Nils Kretschmer freut sich auf die Zeit nach der Sanierung, weil seine Staatskapelle dann bessere Bedingungen im Orchestergraben haben wird. „Im Moment ist die Akustik nicht perfekt“, erklärt Kretschmer. „Und der Schallpegel liegt weit über den erlaubten Werten.“ Die Sinfoniekonzerte der Staatskapelle hingegen finden in der Weimarhalle statt, die für die Konzerte mit international renommierten Solisten und Dirigenten ersten Ranges einen perfekten Rahmen bietet. Schließlich gilt die Staatskapelle Weimar als eines der besten Sinfonie- und Opernorchester Deutschlands.

Was bringen die kommenden Jahre? Chefdramaturgin Beate Seidel verspricht für die Saison 2016/17 eine „Hamlet“-Inszenierung. Hans-Georg Wegner wünscht sich „Parsifal“ oder „Aida“. Gemeinsam hoffen sie, dass es mit dem Theater weitergeht wie bisher, auch in Zeiten schwieriger Budgetgespräche. „Wir brauchen eher mehr Kunst als weniger“, findet der Operndirektor: „Wenn Sie sich alles wegdenken, was mit Kultur zu tun hat: ein Buch verschenken, ein Konzert hören, ins Theater gehen, was bleibt dann noch?“

Der fünfte Akt der Weimarer „Maria Stuart“ geht zu Ende. Das Todesurteil ist unterschrieben. Maria Stuart, barfuß, im weißen Kleid, erwartet ihr Ende. Die Kerkerwände kommen ihr entgegen. Kein Raum mehr, nirgends.

Mehr Infos und Tipps
kultur.thueringen-entdecken.de

Premierenfeier im E-Werk
Premierenfeier im E-Werk© Foto: Christiane WürtenbergerPremierenfeier im E-Werk
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