Flussfahrt für Genießer

Werratal-RadwegFlussfahrt für Genießer

Sicher, man könnte diese Radtour ganz flott bewältigen. Aber macht das Sinn? Der Werratal-Radweg ist einer der schönsten Radwege Deutschlands – es lohnt sich also, hier und da einen Gang zurückzuschalten.

Keine leichte Entscheidung an der schönen alten Werrabrücke in der Nähe von Creuzburg© Foto: Joachim NegwerWeiterfahren oder noch verweilen?Keine leichte Entscheidung an der schönen alten Werrabrücke in der Nähe von Creuzburg

So lassen wir uns das Radeln gefallen: Kein Auto weit und breit, die Grillen zirpen und der Radweg führt mal durch den Wald, mal zwischen blühenden Wiesen und wogenden Feldern, mal durch kleine Orte und Städtchen. Die Werra, der Fluss, der den roten Faden für unsere Tour bildet, bleibt fast immer im Blick. An diesem sonnigen Sommer-Sonntag kommen wir gut voran, die Strecke ist fast eben und bestens ausgeschildert. Immer wieder begleiten wir eine Weile die Paddler auf dem Fluss, radeln nebenher, bleiben am Ufer stehen und schauen zu.

Es sind eher die Genießer und Lebenskünstler, die auf der Werra unterwegs sind

Zum Beispiel hier in Creuzburg an der Kanu-Station. Dort werden Familien mit den nötigen Dingen versorgt, Kinder bekommen leuchtend orange-rote Schwimmwesten, Paddel werden verteilt.

Oft sind es nicht die sportlichen Wasserwanderer, die hier auf der Werra unterwegs sind, sondern eher Genießer und Lebenskünstler. Manche haben Sonnenschirme auf dem Schlauchboot aufgespannt, Kinder lassen die Füße ins Wasser baumeln, dort drüben spielt einer Gitarre und die ganze Familie singt mit. Der Picknickkorb ist fast immer an Bord. Gemächlich treiben die Boote den Fluss hinunter. Eine sommerliche Szenerie voller Lebensfreude.

Der Verlauf der Rad-Strecke passt sich oft den Windungen des Flusses an
Wo Deutschland einst getrennt war, verläuft heute das Grüne Band© Foto: Joachim NegwerGrünes Mahnmal:Wo Deutschland einst getrennt war, verläuft heute das Grüne Band

Auch bei uns ist alles im Fluss, die Pausen sind das Schönste an der Radtour. Zum Beispiel in Creuzburg: Die Burg ist schon von Weitem sichtbar. Um 1170 erbaut, zählt sie zu den größeren romanischen Burganlagen Deutschlands und bildet den Mittelpunkt des Städtchens. Sie war Residenz der Thüringer Landgrafen und Aufenthaltsort der Heiligen Elisabeth. Heute ist sie ein beliebtes Ausflugsziel mit Res­taurant, Aussichtsterrasse, Burgmuseum, einem historischen Folterkeller, einer Töpferwerkstatt und einem kleinen Park. Jedes Jahr an Pfingsten findet der Mittelaltermarkt auf dem Burghof statt – mit viel Klamauk, Tanz und dem ganzen Mittelaltergedöns: Handlesen, verwegen gekleideten Handwerkern und Bäckern, die gefährlich aussehende Dinge backen.

Wir sind unterwegs auf dem Werratal-Radweg, einem der schönsten Radwege Deutschlands. Die Werra windet sich von den Höhen im Naturpark Thüringer Wald bis nach Hann. Münden in Niedersachsen, wo Werra und Fulda zur Weser zusammenfließen. Der Radweg startet in Neuhaus am Rennweg, ganz in der Nähe entspringt der Fluss mit zwei Quellen. Der Streckenverlauf passt sich oft den Flusswindungen an, insgesamt sind es mehr als 300 Kilometer, und etwa 200 davon führen durch Thüringen. Am Weg liegen zum Beispiel die schöne Theaterstadt Meiningen oder Bad Salzungen mit seinem Solebad und dem eindrucksvollen Gradierwerk, auch Eisenach ist nicht weit. Die wahren Entdeckungen aber sind die stillen Winkel und die kleinen Städtchen am Fluss, wie zum Beispiel Lauchröden, Mihla, Frankenroda, Treffurt oder eben Creuzburg.

© Foto: Joachim Negwer
das Stiftsgut Wilhelms­glücksbrunn vor den Toren Creuzburgs© Foto: Joachim NegwerStorchenglück und andere Idyllen:das Stiftsgut Wilhelms­glücksbrunn vor den Toren Creuzburgs
Storchenglück und andere Idyllen:das Stiftsgut Wilhelms­glücksbrunn vor den Toren Creuzburgs
Vom Heldrastein genießt man den herrlich weiten Blick übers Werratal

Heute ist der zweite Tag unserer Wochenendtour, die von Gerstungen nach Treffurt führen wird. Wir haben die Etappen bewusst kurz gehalten, nur 30 bis 40 Kilometer pro Tag. Wäre einfach zu schade, denn es gibt hier so viel zu entdecken. Auch wenn’s erst einmal unspektakulär angefangen hat: In Gerstungen, einem kleinen Städtchen mit nicht viel mehr als einem schönen Ortskern, der einen oder anderen Kneipe und dem Werra-Stadion direkt am Fluss, in dem die örtliche Jugend gegen die Konkurrenz aus dem Nachbarkreis kickt. Ländliches Samstagvormittagsvergnügen eben – zwischen Radweg und Werra. Gemütliches Radeln ohne große Ups and Downs, durch grün leuchtende Buchenwälder, durch Felder und Wiesen. In Hörschel, wo der Rennsteig beginnt, sind wir nach rechts ab vom Werratal-Radweg abgebogen und die 11 Kilometer auf dem Herkules-Wartburg-Radweg nach Eisenach gefahren, dem Ziel dieser ersten Etappe – ein kulturelles Highlight der Tour und eine gute Station für die Übernachtung. Wir waren früh genug da – sodass wir am späten Nachmittag noch einen Bummel durch die Wartburg machen konnten. Hotelmäßig hat man in Eisenach die große Auswahl – und auch bei den Restaurants. Wir waren uns am ersten Abend einig: Thüringer Klassiker sollten es werden: Roulade mit Klößen, dazu ein Glas kühler Thüringer Weißwein aus der Region Saale-Unstrut – Radlerherz, was willst du mehr?

Die DDR und die ehemalige deutsch-deutsche Grenze sind immer wieder ein Thema bei dieser Radtour. Dann zum Beispiel, wenn plötzlich auf der Straße eines der braunen Schilder steht mit der Aufschrift: „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 24. März 1990 um 9 Uhr geteilt.“ Oder wenn man auf der Radkarte nach dem richtigen Weg sucht und sieht, wie die hessisch-thüringerische Grenze verläuft. Oder wenn eines dieser Wachhäuschen am Weg steht, in dem früher die Kontrollposten für die Fünf-Kilometer-Sperrzone saßen und den Menschen im Grenzgebiet das Leben schwer machten. Orte tauchen auf, die Geschichte geschrieben haben, Großburschla zum Beispiel: Das Dorf wurde von seinem eigenen Bahnhof durch die Werra und die Grenze getrennt und lag nach 1945 in „der Zone“. Doch 1952 fiel der Eiserne Vorhang. Großburschla war wie ein Gefängnis eingeschlossen. Von drei Seiten von der Grenze mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Minenfeldern umschlossen, ragte der Ort nach Hessen hinein. Erst am 13. November 1989 war der Tag der Wiedervereinigung für diese Region – als sich der Schlagbaum zwischen Großburschla und Bahnhof Großburschla öffnete. Heute führen viele Wanderwege auf den ehemaligen Kolonnenwegen das Grüne Band entlang (siehe Info am Ende der Reportage).

Treffurt ist das Ziel unserer Tour. Das schöne Fachwerkstädtchen liegt im Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal und am Rand des Nationalparks Hainich. Über der Stadt erhebt sich die Burg Normannstein aus dem 12. Jahrhundert mit ihren drei Türmen. Sie wurde zum Schutz der drei Furten durch die Werra, die der Stadt auch ihren Namen gaben, erbaut. Umgeben ist die Stadt von ausgedehnten Laubwäldern und vom Heldrastein, dem mit 503 Meter höchsten Berg im Werratal. Von dort aus genießt man einen herrlichen Blick weit übers Werratal hinaus. Da wollen wir heute am späten Nachmittag hinauf. Jetzt aber erst noch mal radeln: Zwölf Kilometer sind’s noch bis Treffurt. Von Creuzburg, über Mihla und Frankenroda, wo wir – kurz vor dem Ziel – noch einmal eine Pause einlegen. Einfach sitzen und den Paddlern zuschauen. Schön ist das. An der Ecke zeigt ein Schild zum „Café Gisela“. Da gibt’s bestimmt einen Kaffee und Erdbeerkuchen – das wär’ doch auch noch was, oder?


GRENZENLOS SCHÖN

Fast 40 Jahre teilte der Eiserne Vorhang auf mehr als 12.500 Kilometern Länge Europa – eine unmenschliche Grenze, die Familien, Freunde und Kulturen voneinander trennte. Einziger Nutznießer war die Natur, denn im Grenzstreifen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein Vegetationsgürtel mit beeindruckender Pflanzen- und Artenvielfalt. In Deutschland waren es rund 1.400 Kilometer Grenze. 17 Naturparke haben sich daraus entwickelt, von der Ostsee bis zum sächsisch-bayerischen Vogtland. Aus dem Todesstreifen ist eine Lebenslinie geworden. In Thüringen gehören die Abschnitte im Thüringer Wald und im Schiefergebirge dazu. In dem 50 bis 200 Meter breiten Streifen entstand eine einzigartige Wildnis mit Brachflächen, Buschwerk, Wäldern, Flüssen, Feuchtgebieten und Mooren. Kraniche leben hier, Biber und Otter bevölkern die Flüsse, durch die Wälder streifen Luchse, seltene Pflanzen wie Trollblume und Küchenschelle gedeihen am Wegesrand, es gilt, Vögel wie Braunkehlchen und Schwarzstörche zu entdecken. Am besten kann man das lebendige Denkmal deutscher Geschichte und den einzigartigen Naturraum im Rahmen einer der Führungen erkunden, die mit vielen spannenden Schwerpunkten angeboten werden. www.erlebnisgruenesband.de

(Er-)fahrbare Kultur:

der Markt in Eisenach mit seinem denk­mal­geschützten Rathaus
der Markt in Eisenach mit seinem denk­mal­geschützten Rathaus© Foto: Joachim Negwer(Er-)fahrbare Kultur:der Markt in Eisenach mit seinem denk­mal­geschützten Rathaus
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