Flanderns grüner Garten

LimburgFlanderns grüner Garten

Ein Meer aus bunt blühenden Obstbäumen im Frühling, ein Paradies voll saftiger Früchte im Sommer – die Region Limburg ist berühmt für ihr süßes und saftiges Obst. Einblicke hinter die Kulissen eines Obstanbaubetriebs und der ältesten Sirupfabrik der Region

Heiße Sache: In diesen großen Kupferkesseln kocht Familie Bleus ihren karamellbraunen Sirup© Foto: Anne SchüßlerHeiße Sache: In diesen großen Kupferkesseln kocht Familie Bleus ihren karamellbraunen Sirup
Im Videoerklärt Fremdenführer Guy Vijgen, was mit den geernteten Früchten passiert und wohin sie gelangen

Weißer Rauch weht über den Hof. Er kommt aus dem unteren Stockwerk eines großen Backsteingebäudes, das schon reichlich Patina angesetzt hat und ziemlich mitgenommen aussieht. Vorne, an einer Rampe, stapeln sich große Kisten mit Birnen und Äpfeln.

Auf dem ganzen Hof riecht es wie bei Oma in der Küche, wenn sie Marmelade kocht: süß und intensiv nach Früchten. „Das ist der Duft von neuem Sirup“, schwärmt Fremdenführer Guy Vijgen und atmet tief ein.

Rund um Borgloon liegt das wichtigste Obstanbaugebiet ganz Belgiens

Wir sind zu Besuch in der ältesten Sirupfabrik Borgloons, dieser etwa 11.000 Einwohner großen Stadt im Süden der Provinz Limburg. Die Loonse Stroopfabrik wurde 1879 in Betrieb genommen. 100 Jahre lang produzierten die Mitarbeiter hier Sirup aus allen erdenklichen Früchten, vorwiegend aus Birnen und Äpfeln, aber auch aus Brombeeren, Erdbeeren, Quitten, Himbeeren und vielen anderen. Bis 1988 machte die Fabrik Borgloon zu einer bekannten und wohlhabenden Stadt.

„Die Gegend ist die wichtigste Obstregion Belgiens“, sagt Guide Guy Vijgen. Es gibt jede Menge Anbaubetriebe, und viele von ihnen liefern wie eh und je an die Loonse Stroopfabrik, die wohl pittoreskeste Sirupfabrik der Region – die Konkurrenzbetriebe sind denn doch um einiges moderner.

Familie Bleus kocht schon in sechster Generation den süßen Saft
Verpackt in kleine Dosen, kommt der Sirup in den Verkauf© Foto: Anne SchüßlerSüßer Inhalt:Verpackt in kleine Dosen, kommt der Sirup in den Verkauf

Im Erdgeschoss treffen wir auf Johnny Bleus, einen Mann mit grauen, lichten Haaren und blauer Arbeitshose. Er begrüßt uns herzlich, freut sich offensichtlich über Besuch. Heute arbeitet Johnny ganz alleine hier, normalerweise hilft einer seiner Söhne. Früher, so erzählt er, habe es natürlich viel mehr Mitarbeiter gegeben, doch 1999 sei ein Teil der Anlage unter Denkmalschutz gestellt und damit stillgelegt worden.

Anno 2005 hat dann die Gemeinde Borgloon die Sirupfabrik gekauft, um sie für die Zukunft zu erhalten, und die Produktion wurde wieder hochgefahren. Das Handwerk hat Johnny von seinem Vater Walter Bleus gelernt, genau wie der von seinem Vater und der von seinem Vater und so weiter. Seit 2005 sind nun auch Johnnys Söhne Raf, Gert, Tom und Kim mit dabei und führen die Familientradition in sechster Generation weiter. In den kommenden Jahren soll kräftig restauriert werden und auch ein Museum zur Geschichte der Sirupherstellung in der Region entstehen.

© Foto: studio-vision.be
Egal ob Himbeeren,   Äpfel oder Birnen – alle Früchte reifen in dieser Region besonders gut© Foto: Obstanbaubetrieb Jansen-DrossinSaftiges Obst:Egal ob Himbeeren, Äpfel oder Birnen – alle Früchte reifen in dieser Region besonders gut
Saftiges Obst: Egal ob Himbeeren, Äpfel oder Birnen – alle Früchte reifen in dieser Region besonders gut
Der Boden und das warme Klima der Region sind ideal für den Anbau von Obst

Mit einem langen Holzlöffel rührt Johnny in einem großen Kupferkessel den karamellbraunen Sirup. Aus diesem und einem weiteren Kessel steigt weißer Rauch auf, und ab und an ertönt ein Blubb des kochenden Sirups. Zur Herstellung der süßen Leckerei werden die Früchte gewaschen und Stiele und Blätter entfernt. Danach kocht Johnny das Obst mit ein wenig Wasser ein und presst den Saft heraus. Den Saft kocht er dann ein (bei Bedarf mit etwas Zuckerrübensirup zum Süßen), bis der dickflüssige Sirup fertig ist. Der wird in Dosen und Gläser abgefüllt, die im eigenen Laden oder im Internet verkauft werden.

Die Früchte für den Sirup kommen zum Beispiel vom Obstanbaubetrieb der Familie Jansen. Eric und seine Frau Karine bewirtschaften hier, etwas außerhalb von Borgloon, rund 50 Hektar Land. Ihr Betrieb ist auf Beeren spezialisiert. In großen Gewächshäusern gedeihen Brombeeren, Himbeeren, Johannisbeeren und Heidelbeeren. Rund um den Hof gibt es Felder mit Erdbeeren, aber auch mit Äpfeln und Birnen. „Um Äpfel und Birnen kommt man hier nicht drumherum“, erzählt Besitzer Eric bei einer kleinen Führung durch seine Gewächshäuser.

Nahezu jeder Landwirt hier baut diese Früchte an– der Boden und das warme Klima der Region sind ideal für ihr Wachstum. Im April verwandeln sich die Plantage und die gesamte Region in ein großes rosa-weißes Blütenmeer. „Am besten erkundet man die Gegend dann mit dem Fahrrad“, erklärt Guy Vijgen, „und ab September trifft man unterwegs immer wieder auf kleine Verkaufsstände mit frischem Obst oder Sirup.“

Stolz präsentiert Eric Jansen sein größtes Gewächshaus. Tausende Pflanzen reihen sich hier nebeneinander. Die Beeren werden in Töpfen gezüchtet, zum Wachsen brauchen Sie eine bestimmte Erde. Die grünen Pflanzen ranken an Holzstielen und gespannten Schnüren empor, und zwischen den Blättern leuchten überall pinkfarbene und dunkelblaue Punkte: Himbeeren und Brombeeren. Im September und Oktober ist Erntezeit. Dann leben nicht nur Eric und seine Frau auf dem Betrieb, sondern auch 150 Erntehelfer, die meisten aus Rumänien oder Polen. Sie alle bekommen von den Jansens zur Bezahlung auch Verpflegung und eine Unterkunft direkt auf dem Hof.

Die geernteten Früchte werden dann nach Qualität sortiert. „Das beste Obst geht an die heimischen Supermärkte oder ins Ausland“, erzählt Eric. „Wir liefern nach ganz Europa, aber auch nach Russland und Kanada.“ Obst mit braunen Stellen oder unschöner Schale wird aber nicht weggeworfen. Es landet zum Beispiel bei Johnny Bleus und seinen Söhnen im Kupferkessel – und später als berühmter Loonse Stroop auf den Frühstückstischen der Europäer.

Eine Frage der Tradition:

Johnny Bleus lernte das Handwerk von seinem Vater
Johnny Bleus lernte das Handwerk von seinem Vater© Foto: Anne SchüßlerEine Frage der Tradition:Johnny Bleus lernte das Handwerk von seinem Vater
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